Kapitel 24
Alex wusste vor lauter Wut nicht, wie er schlussendlich mit Amy zu seinem Wagen gekommen war. Immer wieder sah er diesen Mistkerl vor sich, wie er seine Freundin in der Dunkelheit befummelte. Zwischen ihre Körper hätte kaum noch eine Seite Zeitungspapier gepasst und die Sorgen, die er sich bis dahin wegen Amys langem Ausbleiben gemacht hatte, lösten sich augenblicklich in blindem Zorn auf.
Einem kleinen Teil von ihm war durchaus ihr ängstliches Gesicht aufgefallen, doch der weit größere Teil der wütende, eifersüchtige, verletzte hatte sich diesen Wichser augenblicklich vorgenommen. Es hatte gut getan einen Anflug von Angst in den Augen dieses Arschlochs aufblitzen zu sehen und es hatte sich noch viel besser angefühlt, ihm die Faust in den Magen zu rammen.
Und jetzt saß er hier neben Amy im Wagen und wusste nicht was er denken oder fühlen sollte. Es herrschte ein eisiges Schweigen zwischen ihnen, das nur ab und an von ihrem leisen Schluchzen unterbrochen wurde und langsam aber sicher weichte dies seinen Widerstand gegen sie auf. Um sich abzulenken klemmte er sich den Hörer der Freisprechanlage ans Ohr und wählte Rominas Nummer. Es dauerte eine kleine Ewigkeit bevor sie am anderen Ende abnahm. Lautes Gelächter und Gesprächsfetzen drangen an sein Ohr und er konnte kaum glauben, dass er sich noch vor Kurzem genau dort befunden hatte.
Hey Romi, ich bins, meldete er sich und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Amy zusammenzuckte und dann die Lippen fest aufeinander presste.
AJ? Wo bist du? fragte Romina irritiert.
Auf dem Weg nach Hause, informierte er sie.
Was? Moment ... hey Leute, seid mal einen Moment still, ja? Ich verstehe ja kein Wort ... also noch mal ... ich habe verstanden, du wärst auf dem Weg nach Hause?
So ist es.
Wieso? Was ist passiert?
Das erkläre ich dir ein anderes Mal. Hör zu, kannst du dich um unsere Rechnung kümmern? Ich gebe es dir die nächsten Tage wieder.
Ja, ja. Mach dir deshalb mal keinen Kopf. Sag mir lieber was passiert ist. Ist Amy bei dir?
Ja ist sie. Hör zu, es ist im Moment ein blöder Zeitpunkt. Ich melde mich morgen und ... ,
Im Hintergrund hörte er eine Stimme rufen ihr werdet nicht glauben, was gerade eben passiert ist. Alex hat nen Typen vermöbelt!
Aufgeregtes Rufen setzte ein und Alex schloss für einen Moment gequält die Augen. Morgen wusste das sicherlich bereits die halbe Stadt.
AJ? hörte er Romina gegen das laute Durcheinander in den Hörer rufen.
Ich melde mich bei dir, entgegnete er, dann legte er auf.
Die nächsten Meter schaffte er es noch, seinen Mund zu halten, dann stürzte er sich auf Amy. Wie konntest du das nur tun? Verdammt, die halbe Welt wird morgen wissen, was du getan hast.
Was habe ich denn getan? fragte sie müde und mit tränenerstickter Stimme.
Jetzt tu doch nicht so. Kaum setzt du einen Fuß vor die Tür, klebt dieser Wichser an dir dran.
Ich kann nichts dafür, murmelte sie. Er war plötzlich einfach da, hat mich geschnappt und in die Ecke gedrängt. Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen?
Dich ein bisschen heftiger wehren? schlug er sarkastisch vor.
Am Anfang dachte ich noch, er lässt mich einfach so gehen. Ich wollte ein Aufsehen vermeiden.
Aufsehen, pfh, schnaubte Alex.
Ganz ehrlich Alex. Glaub es mir, oder glaub es mir nicht, aber ich habe ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass er mich jetzt und in Zukunft in Ruhe lassen soll. Ich habe ihn seit ... keine Ahnung ... seit Wochen nicht mehr gesehen und auch nichts von ihm gehört. Die Sache ist vorbei, das habe ich dir doch erklärt, oder?
Ja. Aber was du sagst und was du tust, sind immer noch zwei Paar Stiefel, entgegnete er grimmig.
Sie schüttelte neben ihm den Kopf und starrte dann aus der Seitenscheibe hinaus. Was sollte er davon jetzt wieder halten? Sagte sie die Wahrheit? Log sie ihn an? Oder lag die Erleuchtung wie immer irgendwo in der Mitte?
Er biss die Zähne zusammen, bis sie in die Auffahrt ihres zu Hauses einbogen.
Eigentlich sollte das ein schöner Abend werden, sagte er und wusste selbst, dass er sich wie ein fünfjähriger anhörte, der seinen Lutscher nicht bekommen hatte.
Schöner Abend, ja? fragte Amy sarkastisch, während er den Wagen vor der Eingangstür abstellte. Super Abend. Meine Freunde tuscheln hinter meinem Rücken über mich, auf dem Klo tauschen sie sich darüber aus, was für eine Schlampe und Versagerin ich doch bin und damit nicht genug, bildet sich irgend so ein durch geknallter Freak ein, er könne mir an die Wäsche, wenn er mich nur fest genug gegen eine Wand drückt. Wirklich ein toller Abend.
Alex starrte zu ihr hinüber und wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er hatte bereits vermutet, dass sie das Gespräch zwischen ihm und seinen Freunden belauscht hatte, aber es jetzt von ihr in solch einer geballten Form vorgesetzt zu bekommen, ließ beinahe so etwas wie Mitleid in ihm aufkeimen.
Bevor er allerdings irgendetwas sagen konnte hatte sie bereits die Wagentür geöffnet und war hinaus in die Nacht getreten. Mit Nachdruck knallte sie die Tür wieder zu und er beeilte sich, ihr hinterher zu kommen.
Amy, rief er und hatte sie schließlich an der Tür eingeholt. Hey, er fasste sie am Arm und drehte sie zu sich herum.
Ihre Augen schwammen schon wieder in Tränen und sie wirkte, als ginge es ihr im Moment hundeelend. Tat er ihr vielleicht Unrecht? Er war sich nicht ganz sicher.
Was ist da passiert? fragte er und schämte sich ein bisschen, dass er diese Frage erst jetzt stellte.
Was passiert ist? fragte sie und ihre Augen quollen über. Ich bin Amy Salinas. Das ist passiert. Die gesamte Welt trampelt auf mir herum und um das ganze Chaos komplett zu machen, habe ich den größten Fehler meines Lebens begangen, als ich mich mit diesem ... diesem ... Arschloch eingelassen habe. Und damit meine ich nicht dich.
Er seufzte und ohne dass er etwas dagegen hätte tun können zuckte seine Hand zu ihrer Wange hinauf. Mit dem Daumen wischte er ihr sanft die Tränen fort und schüttelte dann den Kopf, weil ihm ganz eindeutig die Worte ausgegangen waren.
Alex, es tut mir wirklich leid. Ich hätte niemals etwas mit ihm anfangen dürfen, aber das ist vorbei. Zumindest für mich. Leider hat er das wohl noch nicht ganz kapiert. Und ich habe mir wirklich Mühe gegeben, das kannst du mir glauben. Und ... und ... ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Ich will dich nicht verlieren, verstehst du?
Er konnte es beinahe selbst nicht fassen, aber er glaubte ihr. Jedes einzelne Wort.
Wortlos schloss er die Haustür auf und schob sie in die Dunkelheit dahinter. Als er nach dem Lichtschalter tastete, legte sich ihre kalte Hand auf seine.
Lass es aus, flüsterte sie.
Okay, gab er mit rauer Stimme zurück.
Mach die Augen zu, hörte er sie dann sagen und nach kurzem Zögern schloss er sie tatsächlich.
Er fühlte, wie sich ihr zierlicher Körper an seinen schmiegte, wie sie ihm die Arme um die Taille schlang und ihren Kopf an seine Brust bettet. Vorsichtig zog er sie an sich, registrierte dabei einige Strähnen ihres langen Haares, die sich aus dem Knoten gelöst hatten und nun seidig über ihren nackten Rücken fielen und schluckte schwer.
Wenn du mich nicht sehen könntest, hörte er sie flüstern. Wenn du nicht mit eigenen Augen sehen könntest, dass ich Amy bin. Würdest du dann denken, dass ich es bin?
Was ... wie meinst du das? fragte er verwirrt.
Stell dir vor, du könntest mich nicht sehen. Mein Gesicht, mein Körper ... das alles würde keine Rolle spielen. Würdest du mich trotzdem lieben?
Amy, ich ... ,
Nein, unterbrach sie ihn und schmiegte sich noch enger an seine Brust. Versuch zu vergessen, wer ich einmal war. Die Vergangenheit zählt im Moment nicht. Wir sind jetzt hier, in der Gegenwart. Du weißt, dass ich mich verändert habe. Ziemlich radikal verändert habe.
Jetzt stell dir die Szene von heute Abend noch einmal vor ... ,
Augenblicklich sah er wieder diesen Mistkerl vor sich und Amys Kleid, das er in dem Dämmerlicht sofort hinter ihm erkannt hatte. Dann sah er ihr Haar über die Schulter des Typen hinweg ...
Versuch dich zu erinnern. Habe ich ihn geküsst? Hätte die neue Amy das wirklich getan?
Er presste die Augen noch etwas fester zusammen und ohne darüber nachzudenken antwortete er flüsternd nein, hätte sie nicht.
Sie seufzte leise in seinen Armen, dann spürte er, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellte und gleich darauf ihre weichen Lippen, die unendlich sanft über seine strichen.
Ich liebe dich, murmelte sie und streifte dabei immer wieder zärtlich über seine Lippen. Ich weiß nicht, wie du das angestellt hast und warum und wieso und weshalb. Das ist alles ... vollkommen verrückt, aber ... , sie küsste ihn erneut, diesmal etwas fester, bevor sie fort fuhr. Aber das ist die volle Wahrheit. Zack bedeutet mir rein gar nichts. Wenn ich könnte, würde ich ihn einfach von deiner und meiner Festplatte löschen, aber das kannst nur du allein.
Das ist nicht so einfach, murmelte er, während seine Zähne ohne sein Zutun damit begannen, an ihrer Unterlippe zu knabbern.
Das weiß ich. Es ist nur ... , sie stockte und er spürte, wie sie sich in seinen Armen anspannte. Er hat ... , sie verstummte erneut, mittlerweile fühlte sich ihr Körper in seine Armen wie ein steifes Brett an. Er hat Fotos. Sagt er zumindest.
Von?
Von mir. Und vielleicht auch von ihm. Ohne ... uhm ... Klamotten.
Fuck.
Er will damit zur Presse gehen. Morgen wird jeder in ganz L.A. darüber lesen können, was ... wie ... also ich meine ... ,
Fuck.
Könntest du bitte auch noch etwas anderes sagen? hörte er sie sagen und meinte, dass ein leises Schmunzeln darin mitschwang.
Scheiße, stieß er hervor und musste so unvermittelt kichern, dass es ihn selbst vollkommen verblüffte.
Alex! tadelte sie, mittlerweile leise lachend. Das ist nicht komisch.
Nein, ist es nicht, gestand er, spürte aber, wie das Gelächter brodelnd in ihm aufstieg. Jetzt waren sie wohl beide vollkommen durchgedreht.
Und so standen sie gemeinsam im dunklen Hausflur, dicht aneinander gedrängt und lachten, bis ihnen die Tränen über die Wangen liefen.
Eine ganze Weile später lagen sie eng aneinander geschmiegt in ihrem Bett. Amys Kopf ruhte auf seiner Schulter, eines ihrer langen Beine lag über seiner Hüfte und ihre Finger fuhren zärtlich durch sein Brusthaar. Er fühlte sich seltsam leicht und erschöpft, aber auch unendlich glücklich und zufrieden. Er hatte keine Ahnung, wie aus diesem mehr als grauenvollen Abend tatsächlich noch so etwas Gutes hatte werden können, aber er hatte das Gefühl, dass sie sich noch nie auf diese intensive Art geliebt hatten. Es hatte sich angefühlt, als wären ihre beiden Körper und Seelen tatsächlich miteinander verschmolzen. Jeden Millimeter ihrer Haut hatte er neu erkundet, jede noch so verborgene Stelle mit seinen Händen und seinem Mund liebkost und schließlich waren sie auf einer Welle aus Glückseligkeit davon gedriftet.
Und auch wenn er sich vehement dagegen werte, so holte ihn nun doch nach und nach die Realität wieder ein.
Amy?
Hm?
Können wir noch einmal auf die Sache mit den Fotos zurückkommen?
Jetzt? murmelte sie und klang dabei, als versuche sie richtig wach zu werden.
Ich muss wissen, was da morgen auf uns zukommt. Ich muss ... mit ein paar Leuten reden ... Pressefuzzis, Management, all so was.
Musst du wirklich? Wir könnten uns doch einfach für ne Woche hier einschließen und warten, bis sich der Sturm gelegt hat.
Er musste über ihre Naivität lächeln und küsste sie zärtlich auf den Kopf. Das geht nicht und das weißt du auch.
Jaaaa, maulte sie, richtete sich dann neben ihm auf, rieb sich müde die Augen und sah dann auf ihn hinunter.
Ihr Haar stand ihr wild vom Kopf ab, die weiche Haut um ihre Lippen und am Hals war leicht gerötet von dem sanften Druck seiner Bartstoppeln und sie sah in diesem Moment einfach unglaublich schön aus.
Küss mich, forderte er mit rauer Stimme und zog bereits ihren Kopf zu sich hinunter.
Ich dachte, du wolltest mit mir über Fotos und Pressefuzzis reden, neckte sie ihn, erwiderte dann aber seinen Kuß leidenschaftlich.
Als er schließlich wieder zu Atem gekommen und klar denken konnte, fuhr er fort. Wenn er wirklich seine Geschichte an die Presse verkauft und dazu noch mit ein paar Nacktaufnahmen von dir glänzen kann, kannst du dich schon mal warm anziehen. Sie werden sämtliche alten Storys ausgraben und noch eine ganze Menge neuer dazu dichten.
Können sie das denn so einfach? fragte sie mit gerunzelter Stirn.
Du kannst natürlich gerichtlich gegen sie vorgehen, aber ich befürchte ... , er seufzte leise. Stell es dir so vor ... solche Rechtsstreits kosten Unmengen von Geld, das du nicht hast. Also springt normaler Weise dein Label ein. Allerdings werden die sich wahrscheinlich noch über die Publicity freuen, weil das eventuell deine Verkaufszahlen für das neue Album in die Höhe treibt. Und auch wenn ich nichts mehr gegen Larry sagen wollte ... sie hat zu wenig Erfahrung in Presse- und Managementarbeit. Du solltest dir von daher wirklich überlegen, ob du dir zumindest ein neues Management suchen willst. Ich könnte Mike mal fragen, vielleicht nehmen sie dich.
Ich möchte kein neues Management, widersprach Amy. Ich mag Larry, auch wenn du das nicht verstehst, und ich vertraue ihr. Das ist mir wichtiger als alle Erfahrungen dieser Welt. Wenn es ernst wird, steht sie wie ein Fels in der Brandung vor mir, da bin ich mir absolut sicher.
Hm, machte er unbestimmt und wusste, dass er in diese Richtung keinerlei Erfolg bei Amy haben würde. Nun gut. Ich möchte nur, dass du dir darüber im Klaren bist, dass das, was da heute Abend vor sich gegangen ist, nur die Spitze des Eisbergs war. Sie werden buchstäblich über dich herfallen.
Sie zog die Lippen zwischen die Zähne und wirkte dabei so was von unglücklich, dass sich sein Herz schmerzhaft zusammen zog.
Und du? fragte sie vorsichtig.
Was ist mit mir?
Wirst du da sein? Hinter mir stehen?
Hey, das ist ja wohl keine Frage oder? lächelte er und zog sie wieder auf seine Brust hinunter. Sie kuschelte sich halt suchend an ihn und küsste ihn dann sanft auf die Brust.
Dann ist mir alles andere egal, sagte sie leise.
Ich glaube, du machst dir da wirklich falsche ... , setzte er an, doch sie unterbrach ihn.
Wir können es doch jetzt sowieso nicht mehr ändern. Wenn er seine Story an die Presse verkaufen will, kann ihn nichts und niemand davon abhalten. Also ... soll er doch. Es wird eine Woche lang die Hölle sein und dann werden sie irgendeine andere, tolle, große Story finden und ich bin vergessen.
Er wollte ihr sagen, dass es so einfach nicht war, dass man sich sehr wohl an diese Geschichte erinnern würde, aber er schwieg. Im Grunde hatte sie Recht. Es war nun nicht mehr zu ändern und alles was sie tun konnten war abzuwarten und zu sehen, wie der Sturm sich entwickelte.
Danke, dass du das für mich tust, hörte er sie leise sagen.
Du würdest das selbe für mich tun, oder? entgegnete er genau so leise.
Ja, das würde ich. Das und noch viel mehr.
Er umschlang sie ganz fest und drückte sie an sich. Flüchtig schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass er sich selbst in ihrer Anfangszeit nicht so wohl mit ihr gefühlt hatte und wie es jetzt eigentlich genau zu all dem hier gekommen war, doch er verschwand genau so schnell wieder, wie er gekommen war. Manchmal sollte man vielleicht einfach nicht weiter nachbohren sondern gute Dinge einfach so annehmen, wie sie kamen.