Kapitel 23
Sie hatte eine ganze Weile gebraucht, um sich wieder einigermaßen zu beruhigen. In der Zwischenzeit war immer wieder die Tür zu den Toilettenräumen auf gegangen. Frauen strömten herein und gingen gleich darauf wieder und Gott sei Dank war der Name Amy Salinas nicht wieder gefallen.
Mit leicht steifen Glieder vom langen Sitzen auf dem Toilettendeckel trat Keylie schließlich hinaus in den Waschraum, hielt sich für eine Weile ihre Handgelenke unter den kalten Wasserstrahl und versuchte irgendwo in sich die Stärke zu finden, um diesen Abend irgendwie heil zu überstehen. Sie wollte Alex nicht beunruhigen, in dem sie ihn um einen vorzeitigen Aufbruch bat und sie wollte ihren so genannten Freunden nicht die Genugtuung geben, dass sie nach nicht einmal einem halben Drink wieder das Weite suchte.
Also warf sie noch einen langen Blick in den Spiegel, zwang ihr Amy-Gesicht zu einem verkrampften Lächeln, straffte die Schultern und schritt dann erhobenen Hauptes aus der Toilette. Die Luft, die sie augenblicklich umfing, war zum Schneiden dick, die Musik dröhnte sofort wieder ohrenbetäubend laut und ließ ihre Magenwände vibrieren und die schummrige Dunkelheit umfing sie wie eine willkommene Tarnkappe.
Mit festem Schritt ging sie den kurzen Gang hinunter um zurück in die Discothek zu gelangen, doch sie erreichte sie nicht. Hinter einem Pfeiler schoss plötzlich eine Hand hervor und zog sie unvermittelt in eine schmale, dunkle Nische.
Halt still, zischte eine aufgebrachte, männliche Stimme und eine nie gekannte Angst durchflutete Keylie augenblicklich.
Lassen sie mich sofort los, stieß sie hervor, während sie bereits versuchte, den festen Griff um ihr Handgelenk zu lösen, ohne dabei zu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Sie wollte sich lieber gar nicht vorstellen, was die Presse und ihre Freunde sagen würden, wenn sie sie hier kämpfend mit irgendeinem durchgeknallten Typen vorfanden.
Doch statt von ihm loszukommen drängte sie der Fremde noch weiter in die Nische hinein, bis sie mit dem Rücken gegen die raue Betonwand stieß.
Seit Tagen versuche ich dich zu erreichen, redete er einfach weiter, ohne ihre Proteste zu beachten. Was ist los? Hat dein Typ irgendwelche Schwierigkeiten gemacht?
Ich weiß nicht wovon ... , setzte sie an, dann heftete sich ihr Blick auf das Gesicht des Fremden und sie schnappte erschrocken nach Luft. Zack? entfuhr es ihr und ihre Gegenwehr erstarb vor lauter Verblüffung.
Ja. Verdammt was hast du denn gedacht?
Ich ... du ... , stammelte sie. Du ... , sie senkte die Stimme zu einem Flüstern. Du weißt wer ich bin?
Wer du bist? Scheiße Amy was soll das? Natürlich weiß ich wer du bist.
Amy. Er hatte sie mit Amy angesprochen. Bedeutete das etwa ...
Die Fotos haben uns ganz schön geschmeichelt, was? grinste er in diesem Moment, was die kleinen Grübchen in seinen Wangen sichtbar werden ließ, die sie am Anfang so sehr zu ihm hingezogen hatten. Diese und sein Kleinjungenlächeln hatten sie damals sämtliche Vorsicht vergessen lassen und scheinbar war es Amy ähnlich ergangen.
Seit du hier mit dieser Pfeife eingelaufen bist warte ich auf die Gelegenheit mit dir zu reden. Gott, du fehlst mir Baby. Er drängte sich noch näher an sie heran und das Gefühl seines harten Männerkörpers an ihrem ließ heiße Übelkeit in ihr aufstiegen.
Hör zu, stieß sie also hervor und versuchte ihre Hände gegen seine Brust zu stemmen. Was auch immer damals passiert ist, es ist vorbei. Hast du mich verstanden?
Vorbei? Sag mal, gehts dir noch gut? fragte er sichtlich irritiert.
Mir geht es bestens. Ich will einfach, dass du mich in Ruhe lässt.
Und was wird aus unserem Plan? Ich dachte ... , er stutzte kurz. Komm schon Amy. Du verarschst mich, oder? Ja, ganz bestimmt, lachte er und beugte sich dann herunter in dem Versuch, sie zu küssen.
Das ist mein voller Ernst, bekräftigte Keylie noch einmal, während sie den Kopf zur Seite drehte. Ich will dich nicht mehr sehen. Ich habe von diesem Mädchen erfahren. Keylie Constance, du erinnerst dich vielleicht? Sie wusste nicht, wo diese Worte auf einmal herkamen, aber sie kamen flüssig und wie von selbst über ihre Lippen. Und sie brachten Zack dazu, erst einmal von ihr abzulassen.
Keylie? Meine Güte, diese Fregatte? Da ist nichts gelaufen Amy.
Nichts gelaufen, ja? fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und musste sich beherrschen um ihm nicht mitten in sein hübsches Gesicht zu schlagen. So weit ich informiert bin, war sie schwanger und zwar von dir!
Selbst in diesem Zwielicht konnte sie erkennen, wie er blass wurde.
Woher weißt du davon? fragte er vollkommen entsetzt.
Das ist egal. Ich will dich auf jeden Fall nie wieder sehen, habe ich mich klar genug ausgedrückt?
Du machst mir jetzt nicht wirklich Vorwürfe wegen der Kleinen, oder? Wer ist denn hier mit nem Popstar zusammen, hä? Wie oft hast du mich wegen ihm versetzt? Wie oft musste ich zurückstecken und durfte niemandem von unsere Affäre erzählen, hm? Du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich mich anderweitig nach ein bisschen Spaß umgesehen habe.
Und sie dann mit einem Kind hängen zu lassen ist für dich Spaß, ja?
Sag mal, was regst du dich denn so auf? Hat bei dir plötzlich irgendein Moralapostel zugeschlagen oder was? Das war ne billige Affäre und nichts weiter. Wenn sie das Balg unbedingt bekommen will, dann muß sie damit eben alleine klar kommen.
Keylie schüttelte fassungslos den Kopf. Wie hatte sie sich nur auf ihn einlassen können? Warum hatte sie nicht gleich erkannt, was für ein mieser Kerl er war?
Wie auch immer Zack. Ich will dich nicht mehr sehen. Ist das klar?
Moment, bremste er sie, bevor sie sich an ihm vorbei schieben konnte. Und was ist aus deinem großartigen Plan geworden?
Welcher Plan? giftete sie zurück und spürte, wie ihre Geduldsreserven langsam aber sicher schwanden. Sie wollte nur noch weg von diesem ekelhaften Typen, der gleich zwei Frauen auf so unterschiedliche Weise zerstört hatte.
Na ... erst das Album und so lange noch mit dem Typen still halten, weil er die Kohle hat, abräumen und dann nichts wie ab nach Hawaii.
Keylie konnte es nicht fassen. Die ganze Zeit hatte sie Amy immer irgendwie in Schutz genommen, aber das hier war eindeutig eine Nummer zu viel.
Schlag dir das aus dem Kopf. Es wird keine Kohle und kein Hawaii geben, hast du mich verstanden? Ich liebe Alex und nichts und niemand wird sich zwischen uns stellen.
Ohooo, lachte Zack gehässig, packte sie an den Armen, drückte sie erneut mit dem Rücken gegen die Wand und beugte sich wieder so tief zu ihr hinunter, dass sie seinen heißen Atem im Gesicht spüren konnte. Du verlässt mich nicht Amy. Du nicht! Ich werde zur Presse gehen. Ich werde ihnen jedes pikante Detail unserer Beziehung auf einem Silbertablett servieren, zusammen mit den Fotos. Du erinnerst dich doch noch an die Fotos, oder?
Sie konnte mittlerweile nur noch mit dem Kopf schütteln, da ihre Kehle wie zugeschnürt war. Ihre Knie zitterten und ihr Magen fühlte sich wie ein harter, schwerer Felsbrocken an. Was wollte dieser Irre von ihr?
Dein Schmetterlingstatoo in Großaufnahme, half er ihr auf die Sprünge. Dein superscharfer Körper in jedem Detail. Erzähl mir nicht, dass du dich daran nicht erinnerst.
Es ist mir scheißegal was du mit diesen Fotos tust oder nicht tust, aber du wirst mich jetzt gefälligst loslassen, sonst schreie ich hier den gesamten Laden zusammen.
Noch besser, lachte Zack und ihr wurde eiskalt. Amy Salinas prügelt sich im berühmten Riders Club mit ihrem ehemaligen Geliebten und ich werde auch noch die passenden Fotos dazu liefern.
Lass mich endlich los, presste sie erneut hervor und versuchte sich irgendwie gegen seinen schweren, riesigen Körper zu stemmen, der sie unnachgiebig in die Ecke der Nische drückte.
Ich glaube kaum ... ,
In diesem Moment wurde Zack unvermittelt nach hinten gerissen. Er strauchelte einen Moment und knallte dann mit ungeheurer Wucht gegen die gegenüberliegende Wand.
Alex Augen funkelten vollkommen außer sich in dem dämmrigen Licht, während sie hektisch zwischen ihr und Zack hin und her sprangen.
Alex ich ... , setzte sie an, doch er schien sie gar nicht zu hören. In einer einzigen, fließenden Bewegung fuhr er herum, packte Zack am Kragen und rammte ihn erneut mit Nachdruck gegen die Wand.
So Arschloch, hörte sie ihn zischen. Nun zu uns beiden. Du wirst sie in Ruhe lassen. Du rufst sie nicht an, du wirst sie nicht mehr treffen, du wirst nicht mit ihr sprechen, du wirst noch nicht einmal mehr an sie denken. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?
Du kannst mir gar ... , setzte Zack an, doch da traf ihn Alex Faust so heftig in den Magen, dass er stöhnend zusammen klappte.
Habe ich mich klar genug ausgedrückt? wiederholte er grimmig und nun um einiges lauter.
Das wirst du ... noch ... bereuen, presste Zack zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
Es gibt so einiges was ich bereue, aber das hier gehört garantiert nicht dazu, knurrte Alex, zog Zack in die Höhe und rammte ihn erneut gegen die Wand.
Mittlerweile hatte sich der schmale Korridor mit schaulustigen Menschen gefüllt, die sensationsgierig, teilweise noch mit ihren Getränken in der Hand, beisammen standen und das Schauspiel amüsiert verfolgten.
Ich gebe dir einen letzten, gut gemeinten Rat, fuhr Alex fort. Verpiss dich auf Nimmerwidersehen. Und wehe, mir kommt deine Visage noch einmal unter die Augen, dann wirst du mich von meiner ungemütlichen Seite kennen lernen. Haben wir uns verstanden?
Zack zögerte noch einen Moment, während er seinen Widersacher mit unverhohlenem Hass anfunkelte, dann riss er sich schließlich los, warf Alex noch einen vernichtenden Blick zu und taumelte dann an ihm vorbei auf die schaulustige Menge zu. Kurz bevor er darin verschwand, drehte er sich noch einmal zu Keylie herum.
Denk daran: Schon morgen wird die ganze Welt erfahren, was für ein Flittchen du bist.
Und bevor ihn Alex erneut packen konnte war er bereits in der Menschentraube verschwunden. Applaus brandete auf, während Keylies Beine endgültig unter ihr nachgaben und sie mit dem Rücken an der Wand hinunter glitt. Alex trat auf sie zu und ging vor ihr in die Hocke. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie nicht deuten, dazu verschwamm ihre Umwelt einfach viel zu sehr in einem Schleier aus Angst und Tränen.
Es tut mir leid, stieß sie hervor. Ich habe ihm gesagt, er soll mich in Ruhe lassen, aber er wollte nicht hören. Und ... und ... ,
Das klären wir besser zu Hause, unterbrach sie Alex, fasste dann nach ihren Händen und zog sie in die Höhe.
Die Menge bildete eine Gasse, während Alex sie, einen Arm um ihre Taille gelegt, durch den Club führte. Er holte ihre Mäntel, während Keylie an die Wand gelehnt stehen blieb und ihr Herz vor Angst wie wild in ihrer Brust hämmerte. Doch seltsamer Weise tat es das nicht wegen Zack, sondern wegen Alex, der sie jetzt ganz sicher endgültig verlassen würde.