Kapitel 21
Alex stand vor dem Spiegel in seinem Schlafzimmer um sein Outfit für den heutigen Abend mit Romi und Maria noch einmal zu begutachten und sich innerlich auf die kommenden Stunden einzustellen. Umständlich nestelte er am Kragen seines dunklen Hemdes, das er über einem schwarz weiß gestreiften T-Shirt trug. Er war schrecklich nervös und das gleich aus mehreren Gründen.
Seit der Nacht, in der er Amy hektisch in den Badzimmerschränken wühlend vorgefunden hatte, war eine Woche vergangen und auch wenn sie sich seit dem wieder normal benahm, hatte ihr kurzes Gespräch danach doch seine Spuren in ihm hinterlassen. Sie hatte nie Kinder gewollt, zumindest hatte sie sich bei diesem Thema immer sehr bedeckt und eher ausweichend verhalten, und er hatte irgendwie gelernt damit zu leben. Sicherlich hatte er die Hoffnung nie ganz aufgegeben doch noch Vater zu werden, dafür bedeutete ihm dieses Thema einfach viel zu viel, aber er hatte sie auch nicht weiter bedrängt. Er war immer der Meinung gewesen, dass sie irgendwann sicherlich reif genug sein und erkennen würde, dass ein Baby ihr Leben nur bereichern konnte.
Und jetzt behauptete sie plötzlich felsenfest, dass ihr Kinderwunsch für sie unumstößlich feststand und so ganz nahm er ihr nicht ab, dass sich ihre Meinung einfach so über Nacht geändert hatte. Sie hatte geklungen, als wüsste sie schon ihr ganzes Leben lang, dass sie irgendwann eine Familie gründen wollte und ihre offensichtliche Verwirrung, was die Verhütung betraf, hatte ihn zusätzlich nervös gemacht.
Beinahe unbemerkt hatte er angefangen die neue Amy zu akzeptieren. Immer wieder hatte es kurze Momente gegeben, in denen ihn ihr verändertes Wesen in Verwirrung gestürzt hatte, doch so offensichtlich neben sich stehend wie in dieser Nacht, hatte er sie seit einiger Zeit nicht mehr erlebt.
Erneut fragte er sich, ob sie vielleicht doch irgendwie krank war, ihm wichtige Dinge verschwieg und nicht wirklich sie selbst war. Nahm er ihre Veränderung zu sehr auf die leichte Schulter? Wenn er sie genauer betrachtete hatte er manchmal das Gefühl, das so gut wie nichts mehr von seiner alten Freundin übriggeblieben war und so sehr ihn diese Entdeckung auch ängstigte, so angenehm fand er es doch, sich der veränderten, sanften, umgänglichen und interessierten Version von Amy gegenüber zu sehen.
War er also einfach zu bequem, zu egoistisch, zu ängstlich um sich ihrer offensichtlichen Verwandlung voll und ganz zu stellen? Oder war es gut, dass er ihre Veränderungen einfach so hinnahm und sich darüber freute anstatt sie zu hinterfragen? War es überhaupt möglich, sich buchstäblich über Nacht so vollkommen und radikal zu ändern?
Aber diese Gedanken waren nicht die einzigen, die ihn an diesem Abend beunruhigten, wenn sie auch alle anderen Aspekte dieses Treffens überschatteten.
Die Vorstellung von einer misstrauischen und bis zu einem gewissen Grad ganz sicher auch neidischen Romina und der veränderten Amy in einem Raum, machte ihn unbestreitbar nervös. Die alte Amy wäre nie im Leben mit ihm und zwei weiteren Frauen ausgegangen. Sie brauchte das Gefühl im Mittelpunkt zu stehen und seine gesamte Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Romi war in ihren Augen immer eine Konkurrentin gewesen und das, obwohl sie sie kaum kannte.
Die neue Amy hatte diesem Abend allerdings ohne zu zögern zugestimmt, als hätte sie alles, was in der Vergangenheit geschehen war beiseite geschoben und beschlossen, noch einmal von vorne anzufangen. Was, wenn sie es sich auf der Hälfte der Strecke plötzlich anders überlegte? Wenn Romina etwas sagte oder tat, mit dem sie nicht einverstanden war? Würde sie in aller Öffentlichkeit eine Szene machen und sie beide damit wieder in einen Strudel aus schlechter Presse, ungeliebter Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und endlosen Diskussionen ziehen?
Und dann war da auch noch das Problem, dass er mit Amy schon ewig nicht mehr ausgegangen war. Zum Einen lag das sicherlich daran, dass sie beide viel Arbeit und demnach wenig Zeit hatten und zum Anderen, dass sich Amy nach dem Debakel ihres letzten Albums eigentlich kaum noch aus dem Haus getraut hatte. Die Gehässigkeiten und abfälligen Kommentare, die jeden ihrer wenigen Ausflüge in die Öffentlichkeit begleitet hatten, hatten sie jedes Mal nur noch weiter in ihr Schweigen, ihre Abwehrhaltung ihm und der ganzen Welt gegenüber und hinter ihre Schutzmauern gedrängt.
Und wenn er auch froh war, dass ihre erste Feuerprobe bei einem inoffiziellen Anlass wie dem eines Clubbesuchs stattfand und nicht vor allen Augen wie bei den beiden anderen, noch anstehenden Events, so machte ihn diese ganze Ungewissheit mehr als kribblig.
Er versuchte sich einzureden, dass schon nichts schlimmes passieren und sie sich bestimmt hervorragend amüsieren würden, doch so ganz konnte er damit seine vehement protestierende, innere Stimme nicht beruhigen.
Wow, du siehst toll aus, riss ihn Amys Stimme unvermittelt zurück in die Wirklichkeit und schenkte ihm dabei ein strahlendes Lächeln aus dem Spiegel heraus.
Er versuchte ebenfalls zu lächeln, während er sich zu ihr herum drehte und sie für einen Moment mit stetig steigendem Herzklopfen ansah.
Er hatte schon fast vergessen wie umwerfend sie aussah, wenn sie etwas anderes als ausgewaschene Jeans und seine T-Shirts trug. Heute Abend steckte ihr schlanker Körper in einem schwarzen, engen Kleid, das mit goldenen, chinesischen Schriftzeichen bedruckt war. Ein Stehkragen schmiegte sich an ihren schlanken Hals und die beiden seitlichen Schlitze in dem kurzen Rock, zeigte ihm so viel ihrer langen Beine, die zudem von den hohen, schwarzen Schuhen betont wurden, das er sich aufgeregt über die Lippen leckte.
Ihr dunkles Haar hatte sie nachlässig aufgesteckt, ihre Augen waren aufregend groß und dunkel geschminkt und ihre vollen Lippen leuchteten korallenrot.
Das Kompliment kann ich nur zurückgeben, entgegnete er, trat ein paar Schritte auf sie zu und zog sie an sich. Meine kleine Geisha, grinste er.
Das ist auf jeden Fall besser als Frosch, gestand sie leise kichernd, während seine Lippen zärtlich über ihren Hals wanderten und ihn dabei der aufregende Duft ihres Parfums ganz schwindlig machte.
Wenn du tatsächlich heute noch in diesen Club möchtest, solltest du damit aufhören, gestand sie schnurrend wie eine Katze, während sich ihre Fingernägel aufreizend in seinen Rücken bohrten.
Hm ... gerade im Moment bin ich mir nicht ganz sicher was ich will ... , gestand er und küsste die empfindliche Stelle hinter ihrem Ohr.
Ich schätze, speziell Romina wird sich nicht gerade freuen das zu hören, kommentierte sie.
Romina wer? gab er schmunzelnd zurück, während seine Hände ihren Rücken liebkosten und er dabei feststellte, dass dort kein Stoff vorhanden war und sie somit keinen BH zu tragen schien. Seine Leidenschaft stieg augenblicklich sprunghaft in die Höhe und er zog sie noch ein Stückchen näher zu sich heran.
Wenn du mir jetzt noch sagst, dass du auch kein Höschen trägst, ist es das für heute gewesen, gestand er mit rauer Stimme.
Hey, lachte sie und versetzte ihm einen kurzen Klaps auf die Schulter. Ich bin ein anständiges Mädchen.
Hm, schon klar, kicherte er. Das habe ich aber etwas ganz anders in Erinnerung. Ich sage nur Frosch!
Okay, Fummeln ist für heute gestrichen, stieß sie in gespielter Entrüstung hervor und entwand sich mit einiger Mühe aus seiner Umarmung.
Schaaade, gestand er mit vorgeschobener Unterlippe und Hundeblick.
Tja, selbst schuld, entgegnete sie mit einem breiten Grinsen und hochgerecktem Kinn, drehte sich dann herum und stolzierte mit aufreizend wiegenden Hüften aus dem Schlafzimmer.
Du wirst mich noch anbetteln heute Abend mit dir zu fummeln, rief er ihr lachend nach und beeilte sich, ihr hinaus in den Flur zu folgen.
Nur in deinen Träumen McLean, hörte er sie, während sie bereits die Haustür aufzog.
Schnell schnappte er sich die Autoschlüssel und seine Zigaretten und folgte ihr dann hinaus in eine warme, samtige Nacht. Plötzlich freute er sich darauf, mit ihr diesen Abend zu verbringen, dabei ein bisschen mit seinen Freunden abzuhängen und sich mal wieder unter Leute zu begeben. Vielleicht sollte er sich keinen Kopf mehr über die neue Amy machen. Sie schien sich wohl zufühlen und er erstaunlicher Weise auch. War dann nicht alles andere egal?