Kapitel 20
Keylie erwachte früh am Morgen mit rasendem Herzschlag und dem nachdrücklichen Gefühl, dass sie etwas sehr wichtiges vergessen hatte. Sie versuchte die Lautstärke ihrer hektischen Atemzüge zu dämpfen, damit sie Alex nicht weckte, und starrte mit weit aufgerissenen Augen an die Decke.
Vergessen. Irgendetwas. Was konnte das nur sein?
Sie dachte noch einmal an den vergangenen Tag im Studio: Die Aufnahmen, ihre Gespräche mit Fishie und Larry, die Ideen, die sie gemeinsam gewälzt und die kurzen Songstücke, die sie bereits aufgeschrieben hatten. Hatte sie dabei irgendetwas übersehen? Vielleicht zu schnell gehandelt, ohne genauer darüber nachzudenken?
Nein, das konnte es nicht sein. Da war sie sich ziemlich sicher.
Dann das Einkaufen, die beiden Frauen im Supermarkt, ihre Begegnung mit Romi und Maria und dann ... Alex.
Sie drehte den Kopf und sah zu ihm hinüber. Sein Gesicht war halb in den Kissen verborgen, die bunten Tatoos auf seinen Schultern stachen aus den weißen Laken hervor und sie meinte seine ruhigen Atemzüge zu hören. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie noch einmal an den vergangenen Abend zurück dachte.
Die Sicherheit, die sie bei ihm gefühlt hatte, seine Zärtlichkeiten, die sie eingehüllt hatten wie in eine wärmende Decke und dann der Sex, der unglaublich aufregend und erfüllend gewesen war.
Vielleicht, so überlegte sie, hatte sie schon bei ihrem ersten Blick auf den Pool gewusst, worauf sie zusteuerte. Sie hatte die Entscheidung, ihre Zurückhaltung aufzugeben, zwar nicht bewusst getroffen, aber wahrscheinlich hatte irgendein unbewusster Drang in ihr die Führung übernommen, ohne dass sie es merkte.
Flüchtig streiften ihre Gedanken das letzte Mal, als sie Sex gehabt hatte. Das mit Zack war so ganz anders gewesen. Vielleicht, weil sie sich noch nicht wirklich kannten, vielleicht, weil sie damals schon gespürt hatte, dass er nicht der Richtige für sie gewesen war, vielleicht auch, weil sie damals noch ein ganz anderes Leben führte.
Und dann fiel es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen. Ihr Magen krampfte sich augenblicklich schmerzhaft zusammen, sie schnappte erschrocken nach Luft und im letzten Moment unterdrückte sie einen entsetzten Aufschrei. Hektisch schlug sie die Bettdecke zurück und hastete so schnell sie ihre Füße tragen konnten ins Badezimmer.
Noch ehe die Beleuchtung über dem Spiegel richtig aufgeflammt war, hatte sie bereits die Türen des ersten Schrankes aufgerissen und kramte ziellos darin herum. Irgendwo mussten doch ... aber vielleicht hatte Amy ja gar nicht ... wie hatte sie aber auch nicht daran denken können ...
Ihre Verzweiflung wuchs mit jedem Schrankfach, in dem sie nicht vorfand, wonach sie so verzweifelt suchte. Mittlerweile hatte sich ein buntes Sammelsurium an Kosmetika, Toilettenartikeln und jeder Menge Krimskrams zu ihren Füßen auf dem Badezimmerteppich angesammelt und jeder Gedanke daran, möglichst leise zu sein oder sich irgendwie unauffällig zu benehmen war von ihrer Panik davon gespült worden.
Als sie schließlich bei der letzten Schranktür ankam, ging hinter ihr die Badezimmertür auf und ein offensichtlich verschlafener Alex trat herein. Er blinzelte eine ganze Weile gegen das helle Licht an, rieb sich müde die Augen und nuschelte Amy, was tust du da?
Nichts ... ich versuche nur ... , stammelte sie und hatte mittlerweile auch das letzte Fach bis in den hintersten Winkel durchsucht.
Du versuchst nur was? fragte er nach, lehnte sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen und versuchte seufzend richtig wach zu werden.
Ich dachte nur ... also ... , ihre Hände krampften sich haltsuchend um den Waschbeckenrand, während ihre Gedanken rasten.
Bitte Amy. Sprich in kurzen, prägnanten Sätzen mit mir, damit ich verstehe, was hier gerade abgeht.
Wir haben nicht verhütet, stellte sie panisch fest und blickte ihn dabei mit hektischem Herzklopfen an.
Er starrte zurück, als versuche er krampfhaft, den Sinn ihrer Worte zu begreifen, dann legte sich seine Stirn in verwirrte Falten.
So weit ich informiert bin, bekommst du doch alle paar Monate diese Spritzen von deinem Arzt, oder?
Oh, entfuhr es Amy. Nachdem sie weder die Anti-Baby-Pille noch Kondome gefunden hatte, hätte sie sich das ja auch fast denken können.
Ich meine ... nicht, dass wir darüber in der Vergangenheit endlose Diskussionen geführt hätten, weil durch diese Behandlung die Möglichkeit einer Unfruchtbarkeit besteht, stellte er grimmig fest.
Oh, stieß sie erneut hervor.
Ja, oh. Das war auch mein erster Gedanke. Was soll das hier Amy? Eigentlich dachte ich, du wärst soweit ... wieder ... in Ordnung.
Bin ich doch auch. Ich war mir nur ... nicht mehr ... ganz sicher ... also ... ,
Nicht mehr ganz sicher, schnaubte Alex und schüttelte in offensichtlichem Unverständnis den Kopf.
Ich weiß, das klingt verrückt. Ich bin nur vorhin aufgewacht und dachte, was wohl passieren würde, wenn ich jetzt schwanger bin und irgendwie ... hat mich das etwas panisch gemacht, gestand sie kleinlaut.
Alex musterte sie aus dunklen, immer noch verschlafenen Augen.
Es wäre nicht der Weltuntergang, solltest du schwanger geworden sein, sagte er. Auch wenn ich weiß, dass du das etwas anders siehst. Wie war das noch? Er legte in einer theatralischen Geste einen Finger an das Kinn und schien einen Moment nachzudenken. Kinder sind doch nur eine Bürde, der ich mich noch nicht gewachsen fühle und von der ich auch nicht weiß, ob ich mich dem jemals gewachsen fühlen werde.
Das ist doch Schwachsinn. Kinder sind etwas tolles, protestierte Keylie sofort. Es kommt nur auf den richtigen Zeitpunkt an.
Hm, genau das habe ich dir auch damals gesagt, nickte Alex und durchbohrte sie nun förmlich mit seinen Blicken.
Meinungen können sich ändern, murmelte Keylie und machte sich daran, die Unordnung, die sie verursacht hatte wieder aufzuräumen. Natürlich wollte sie damit nur seinem Blick entkommen, doch sie hatte die Rechnung wie immer ohne Alex gemacht.
Sie hatte noch nicht einmal den ersten Schwung wieder in den Schrank geräumt, da hatte er sich bereits neben sie in die Hocke begeben und hielt ihre Hände fest, die eine ganze Fülle von Lippenstiften umklammerten.
Lass das bitte und komm wieder mit ins Bett, sagte er.
Ach, ich mach das schnell und dann ... , wehrte sie ab, doch er gab nicht auf.
Keine Widerrede. Fallen lassen, befahl er und schüttelte ihre Hände so lange, bis tatsächlich alles wieder bunt verstreut auf dem Boden lag. So, und jetzt mitkommen, fuhr er fort, zog sie in die Höhe und hinter sich her wieder hinüber ins Schlafzimmer.
Keylie hatte noch Zeit das Licht im Bad auszuschalten, dann krabbelte Alex bereits wieder unter die Laken und zog sie dabei unaufhaltsam mit sich. Wenig später lag sie in seinen Armen und wartete angespannt und atemlos darauf, was jetzt wohl kam.
Doch eine ganze Weile sagte er gar nichts und sie wagte bereits zu hoffen, dass er einfach wieder eingeschlafen war, als er sich wieder zu Wort meldete.
Du möchtest also tatsächlich Kinder haben? fragte er leise.
Ja, das möchte ich, nickte sie und dachte an ihren Körper, der in irgendeinem Krankenhaus lag und ihr Baby verloren hatte.
Wann?
Ich weiß nicht. Irgendwann.
Gibt es keinen Plan in deinem Kopf? So nach dem Motto: Noch dieses Album und dann ... oder ... Noch einmal nach Vegas und dann ... oder ... Wenn ich dreißig werde dann ... ?
Nicht so direkt, gestand sie. Ich möchte auf jeden Fall noch dieses Album machen und Vegas interessiert mich nicht sonderlich und eigentlich wollte ich vor meinem dreißigsten Geburtstag schwanger sein, vorausgesetzt, ich habe den richtigen Mann dazu.
Das mit dem Album verstehe ich, Vegas war für dich bisher immer das Größte und das mit deinem Geburtstag und dem richtigen Mann sollten wir hinbekommen.
Keylie schwieg. Abgesehen davon, dass sie nicht so genau wusste, warum sie überhaupt jetzt darüber sprechen mussten, fand sie die Vorstellung, tatsächlich mit Alex ein Kind großzuziehen ziemlich seltsam. Sie kannte ihn doch kaum. Sie hatte keine Ahnung, ob er ein guter Vater sein würde und der Gedanke, ihr Kind als Amy, mit ihren Problemen und in ihrem Leben aufwachsen zu sehen, machte es nicht wirklich leichter. Abgesehen davon hatte sie ja wohl schon das letzte Mal zu spüren bekommen wie es sich anfühlte, sich plötzlich dieser Verantwortung gegenüber zu sehen. Nein, eine Schwangerschaft war wirklich das Letzte, das sie jetzt gebrauchen konnte.
Du bist wirklich seltsam Amy, hörte sie Alex leise murmeln. Mal willst du auf keinen Fall Kinder, dann wieder unbedingt. Mal möchtest du mindestens zwei Mal im Jahr nach Vegas und im nächsten Moment ist dir das total egal.
Nenn mich sprunghaft, wenn es dir dann besser geht, gab sie genau so leise zurück, was ihn schmunzeln ließ.
Nein. ich nenne dich nur noch Frosch, weil mir dein Bikini so gut gefällt.
Untersteh dich, kicherte sie.
Unvermittelt stemmter er sich in die Höhe und rollte sich mit ihr auf die Seite. Als sie schließlich unter ihm lag und in der ersten Morgendämmerung in seine dunklen Augen aufsah, fühlte sie ein eigentümliches Gefühl in ihrer Brust aufsteigen. Ihr Herz schlug schneller als sonst und ihr war, als hätte sie Brausepulver verschluckt, das sich nun kribbelnd in ihrem gesamten Körper verteilte.
Ich fände es schön, wenn wir gemeinsam ein Baby machen würden, sagte er leise.
Können wir uns darauf einigen, dass das nicht gleich morgen passieren wird?
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich denke, das ist in Ordnung.
Na Gott sei Dank, seufzte sie.
Aber mit dem Üben könnten wir doch schon mal anfange, oder? grinste er, während sie fühlte, wie sich seine Hand streichelnd über ihre Hüfte immer weiter nach unten schob.
Darauf kann ich mich einigen, lächelte sie, dann schloss sie genüsslich die Augen und bog sich seinen tastenden Fingern entgegen.
Nein, gegen diese Art von Übung hatte sie rein gar nichts einzuwenden.