Kapitel 18

„Also mir kam sie eigentlich ganz normal vor,“ flüsterte Maria gerade, während Alex immer noch versuchte über diese freundliche, liebenswerte Amy hinweg zu kommen, die beim Anblick zweier fremder Frauen, die sich mit ihm zusammen in ihrem Wohnzimmer aufhielten, nicht sofort ausgeflippt war.
„Na ja ... normal für den allgemeinen Standard, aber eigentlich nicht normal für Amy Salinas,“ gab Romi zu bedenken.
„Romina ehrlich, ich bin der Meinung, du übertreibst ein bisschen,“ tadelte Maria sanft.
„Ist doch wahr. Erinnerst du dich an das letzte Mal? Dieser Auftritt? Sie kam hier rein gestakst als wäre die Welt eine Bühne und das Spotlight die ganze Zeit nur auf sie gerichtet. Und dabei hat sie AJ angefunkelt, als hätte er gerade ein Verbrechen begangen.“
„Wie wäre es, wenn ihr euch nicht weiter meinen Kopf zerbrecht?“ gab Alex schmunzelnd zu bedenken, während er sich ebenfalls wieder in seinen Sessel sinken ließ.
„Wir machen uns eben Sorgen um dich,“ entgegnete Romi mit einem zuckersüßen Lächeln in seine Richtung.
„Das wäre etwas ganz neues,“ gab er grinsend zurück.
Er kannte die beiden Frauen schon recht lange. Wobei „lang“ in seinem Universum ein knappes Jahr bedeutete. In seinem Leben kamen und gingen Menschen relativ schnell. An einem Tag waren sie noch da, riefen ihn täglich an und trafen sich mit ihm und am nächsten waren sie wie vom Erdboden verschluckt. Er hatte aufgegeben ergründen zu wollen, woran das lag, nachdem er festgestellt hatte, dass ihn das nur noch weiter runter zog.
Romina und Maria schienen jedoch eine hartnäckige Ausnahme darzustellen, wobei das bei Romi ganz sicher daran lag, dass sie ziemlich offensichtlich in ihn verknallt war und Maria irgendwie immer in ihrem Schlepptau auftauchte.
„Du hast jetzt ein Frauchen, das für dich kocht,“ stichelte Romina munter weiter. „Du kannst dich glücklich schätzen.“
„Er hat doch gesagt, dass nicht alle Veränderungen negativ sind,“ warf Maria ein.
Romi schüttelte lediglich leise lachend den Kopf und fixierte ihn dann wieder mit ihren bernsteinfarbenen Augen. Er musste zugeben, dass ihn diese, zusammen mit ihrer lockeren Lebenseinstellung und ihrem unverwechselbaren Rockabilly Stil durchaus reizten. Zu einer anderen Zeit in einem anderen Leben wäre er vielleicht sogar schwach geworden, aber er versuchte dies nicht zu offensichtlich zu zeigen. Romina traute er zu, dass sie ab diesem Zeitpunkt nichts unversucht lassen würde.
„Wie auch immer,“ meinte Maria schließlich. „Wir sollten dann wirklich gehen und den beiden ein bisschen Ruhe gönnen.“
„Schade eigentlich. Ich hätte zu gerne gesehen, wie Miss-ich-bin-ein-Star sich den restlichen Abend verhält.“
„Wir können ja demnächst mal etwas zusammen unternehmen,“ schlug Alex vor und konnte sich dabei eines leicht nervösen Kribbelns nicht erwehren. Irgendwie wurde er den Verdacht nicht los, dass so ein Abend durchaus komplett in die Hose gehen konnte.
„Gute Idee,“ sprang Romina auch sofort begeistert auf seinen Vorschlag an. „Ich ruf dich an, in Ordnung?“
„Tu das,“ nickte Alex und erhob sich dann gemeinsam mit den beiden Frauen.
Sie riefen noch ein kurzes „mach’s gut Amy“ in Richtung Küche, worauf ein kurzes „ihr auch“ zurück kam, dann begleitete er die beiden zur Haustür.
„Also bis bald Süßer,“ verabschiedete sich Romi, schlang ihm die Arme um den Hals und drückte ihm einen sanften Kuß auf die Wange.
„Ja bis bald,“ gab er lächelnd zurück.
Dann schloss er auch Maria in die Arme, wobei sich ihr runder Bauch gegen seinen drückte.
„Und du pass auf dich und das Baby auf Mami, klar?“
„Wird gemacht,“ grinste Maria, dann quetschten die beiden sich in Romis blauen Golf und brausten gleich darauf davon.
Immer noch leise lächelnd schloss er die Tür und schlenderte langsam zurück Richtung Küche.
Amy stand mit dem Rücken zu ihm, hatte das Radio eingeschaltet und summte leise einen alten Hit von den Black Eyed Peas mit, während sie irgendetwas vor sich in kleine Stücke schnitt. Eine Weile blieb er einfach im Türrahmen gelehnt stehen und betrachtete sie. Ihm war durchaus bewusst, dass er seine Gefühle für diese Frau, die ihm gleichzeitig so vertraut und fremd vorkam, vor seinen beiden Freundinnen herunter gespielt hatte. Warum konnte er noch nicht einmal wirklich sagen.
Vielleicht, weil er sich ein paar Erklärungen sparen wollte, wenn diese Beziehung tatsächlich in die Brüche ging, vielleicht auch, weil er nicht zugeben wollte, dass ihm dieses „Frauchen“, wie Romi sie genannt hatte, durchaus gefiel und ihn ihre immer wieder kehrenden Zurückweisungen schmerzten, vielleicht auch, weil manche Dinge mehr Substanz und Realitätsnähe bekamen, wenn man sie aussprach.
Da versteckte er sich doch lieber weiterhin hinter der Maske des betrogenen und dadurch immer noch wütenden Freundes und versuchte sich dabei einzureden, dass es zwar schmerzen würde, wenn er Amy verlor, er damit aber durchaus leben konnte, wenn es so weit sein sollte.
„Möchtest du dich nicht zu mir setzen?“ fragte Amy unvermittelt ohne sich herum zu drehen und augenblicklich fühlte er sich ertappt.
„Sicher,“ nickte er und machte ein paar Schritte in die Küche hinein.
„Du bist auch schon ziemlich früh zu Hause gewesen, was?“ bemerkte sie, während sie den Kühlschrank öffnete und eine Paprika und zwei Karotten hervor holte.
„Na ja ... meine Parts sind im Moment soweit eingesungen. Jetzt sind die anderen dran,“ erklärte er, während er sich einen Stuhl unter dem Tisch hervorzog und sich darauf nieder ließ.
„Und, wie zufrieden bist du bisher?“ fragte sie weiter, während sie sich immer noch, scheinbar hochkonzentriert, dem Gemüse widmete.
„Sehr zufrieden,“ gestand er und fühlte, wie sich ein dämliches Grinsen auf seine Lippen legte.
Nun endlich drehte sie sich zu ihm herum und er wusste im Bruchteil von einer Sekunde, dass ihr freundliches Lächeln nur Fassade war.
„Du hast nicht zufällig ein Hörbeispiel für mich mitgebracht,“ fragte sie, immer noch mit diesem seltsamen Lächeln auf den Lippen.
„Ist noch alles im Studio, aber wenn ich morgen dran denke ... ,“ gab er zurück.
„Sicher,“ nickte sie und wandte sich wieder von ihm ab.
Ohne sein Zutun erhob sich sein Körper vom Stuhl und seine Füße trugen ihn von ganz alleine zu ihr hinüber.
„Ich finde es toll, dass du für uns kochst. Woher kommt denn die Idee?“ hörte er sich sagen, obwohl ihm Millionen von anderen Fragen auf der Zunge lagen.
Sie zuckte mit den Schultern, während sie immer noch verbissen die Karotten klein schnippelte und dabei peinlich genau darauf achtete, dass keiner ihrer Finger in die Nähe des Messers kamen. Sie war sicherlich viel zu erleichtert, dass sie ihre Hand wieder voll gebrauchen konnte, als dass sie sich dieser Gefahr noch einmal aussetzte.
„Hey,“ sagte er sanft und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
Ihr Körper fühlte sich hart und kalt wie Stein an und er erschrak ein wenig, obwohl er ja eigentlich vorgewarnt gewesen war.
„Mir geht es gut,“ stieß sie sofort hervor.
„Ich habe doch noch gar nichts gesagt,“ gab er zu bedenken.
„Aber du wolltest,“ beharrte sie.
„Schon möglich.“
„Hm.“
Seine Hand legte sich auf ihre, auch wenn ihm dies ein wenig gefährlich erschien so lange sie noch das Messer in ihren verkrampften Finger hielt, aber er wollte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und das ohne, dass er dafür viele Worte machen musste.
„Was ist los?“ fragte er nun doch.
„Nichts,“ gab sie seufzend zurück und versuchte, ihm ihre Hand zu entziehen, allerdings mit wenig Erfolg.
„Ich bin nicht blöd, auch wenn du manchmal vielleicht etwas anderes vermutest,“ meinte er.
„Darum geht es nicht,“ sagte sie und weigerte sich weiterhin, ihn direkt anzusehen.
„Worum dann?“
„Darum, dass alle Welt denkt, ich wäre eine arrogante Versagerin und ich nicht weiß, was ich dagegen tun soll,“ stieß sie hervor, ließ endlich das Messer los und verschränkte stattdessen die Arme vor der Brust. Ihr Blick war aus dem Fenster hinaus gewandert und fixierte die pulsierende Stadt zu ihren Füßen.
Alex wurde es abwechselnd heiß und kalt. Hatte sie ihn und die beiden Frauen belauscht? Aber eigentlich konnte das nicht sein. Sie war doch erst später herein gekommen.
„Wie kommst du darauf, dass alle Welt das von dir denkt?“
„Ist es etwa nicht so?“ fragte sie zurück und wandte ihm nun endlich ihr Gesicht zu. Ihre dunklen Augen schienen ihn förmlich zu durchbohren und er fühlte sich augenblicklich mehr als unbehaglich.
„Tja ... ich befürchte, so ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht,“ gab er schweren Herzens zu.
„Und du?“
„Was ist mit mir?“
„Glaubst du das auch?“
„Wäre ich sonst mit dir zusammen?“
„Beantworte meine Frage. Denkst du auch, ich wäre arrogant und ich-bezogen?“
„Nein,“ er schüttelte den Kopf.
„Warum ... ,“ sie biss sich auf die Unterlippe und ließ ihren Blick wieder hinaus aus dem Fenster wandern.
„Warum was?“ hakte er nach.
„Nicht so wichtig,“ wehrte sie ab, entzog ihm ihre Hand und griff wieder nach dem Messer.
„Warum was Amy?“ fragte er noch einmal und fasste nach ihrem Arm.
„Du hast ... ,“ sie fuhr erneut zu ihm herum, doch statt ihrer wütenden, funkensprühenden Augen konnte er nur noch Schmerz in ihnen lesen.
„Ja?“
„Du magst mich im Moment nicht besonders, stimmt’s?“
„Wie kommst du darauf?“ So langsam wurde ihm die Sache dann doch unheimlich. Entweder hatte sie sein Gespräch mit Romi und Maria doch belauscht, oder sie hatte mittlerweile das zweite Gesicht.
„Ich bin nicht blöd, auch wenn du manchmal vielleicht etwas anderes vermutest,“ wiederholte sie seine Worte von vor nicht einmal zwei Minuten. „Ich habe gesehen, wie die beiden mich angesehen haben. Ich weiß nicht ... irgendetwas geht da vor sich und ... ich ... möchte eigentlich nur wissen, ob du auf meiner Seite stehst.“
„Ich werde immer hinter dir stehen, falls du das meinst,“ gab er unsicher zurück.
„Liebst du mich?“ fragte sie ihn unvermittelt und er schluckte hart.
„Was soll das Amy? Du weißt genau, dass ich dir das im Moment nicht so einfach beantworten kann.“
Ihr Blick ruhte lange auf seinem Gesicht, dann nickte sie langsam. „Du hast recht, tut mir leid. Ich bin nur ... ,“ sie stockte und schüttelte den Kopf. „Ich habe heute im Supermarkt zwei Frauen belauscht. Sie haben sich über mich ausgelassen, als würden sie mich kennen und als hätten sie irgendein Recht über mich zu urteilen. Das hat mich so ... wütend gemacht.“
Er seufzte, teilweise erleichtert, teilweise aber auch, weil er sehr gut verstehen konnte, was gerade in ihr vorging.
„Komm mal her,“ sagte er deshalb sanft, steuerte auf einen der Küchenstühle zu, setzte sich und zog sie gleich darauf auf seinen Schoß.
„Tut mir ehrlich leid,“ sagte sie noch einmal, während sie ihr Gesicht in seine Halsbeuge schmiegte und damit seinen Puls in die Höhe schnellen ließ. „Ich müsste doch mittlerweile wissen, wie das alles läuft, aber irgendwie ... ,“
„Ich weiß,“ murmelte er leise, während er sie noch etwas fester an sich drückte und die Augen schloss. „Wir hatten jetzt eine ganze Zeit Ruhe vor dem größten Presserummel. Aber du kannst dir sicher sein, dass sie dein neues Album mit Argusaugen begutachten werden und sämtliche Geschichten aus der Vergangenheit wieder ausgraben. Das ist nun mal so. Wir haben uns für diese Art von Leben entschieden und ... na ja ... du musst lernen mit dieser ungerechtfertigten Kritik umzugehen. Am besten beachtest du sie gar nicht.“
„Das ist leichter gesagt als getan,“ murmelte sie dicht an seinem Ohr, was ihm unvermittelt eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
„Hey, im Gegensatz zu früher geht es dir doch jetzt blendend. Weißt du noch, wie die Aasgeier sich auf dich gestürzt haben, als deine Platte am ersten Tag in den Läden stand?“
„Das habe ich verdrängt,“ entgegnete sie bestimmt.
„Und ich möchte dich ganz sicher nicht daran erinnern, aber wenn du dir diese Zeit vor Augen hältst, kannst du mit dem was jetzt um dich herum geschieht vielleicht besser umgehen.“
„Im Endeffekt ist mir doch nur wichtig, was du über mich denkst,“ sagte sie leise.
„Ich war damals an deiner Seite und ich bin es immer noch. Ist das nicht Aussage genug?“ lächelte er.
„Schon irgendwie. Ich frage mich nur, ob du mit der neuen Amy klar kommst oder du die alte vermisst.“
Er dachte einen Moment über ihre Worte nach. „Ich mag die neue Amy sogar sehr,“ gestand er schließlich leise. „Vielleicht habe ich einfach nur Angst, dass die alte irgendwann wieder zurückkommt. Ich möchte einfach nicht noch einmal ... so ... verletzt werden.“
„Das verstehe ich,“ nickte sie und eine ihrer Haarsträhnen streiften ihn dabei samtweich an der Wange.
„Kannst du mir versprechen, dass du dich nicht noch einmal komplett änderst?“ hakte er nach.
Sie zögerte eine gefühlte Ewigkeit, bevor sie leise antwortete „wenn es nur nach mir ginge, würde ich für immer so bleiben, wie ich bin. Aber ... ich befürchte ... das liegt nicht wirklich in meiner Macht.“
„Muß ich das verstehen?“ fragte er irritiert.
„Nein,“ gab sie schmunzelnd zurück, richtete sich in seinen Armen auf und blickte mit einem warmen Lächeln auf ihn hinunter. „Ich kann dir nur versprechen, dass ich alles dafür tun werde, dass wir glücklich werden. Aber wer weiß was in Zukunft noch so alles passiert? Vielleicht wird das neue Album auch ein Flop, vielleicht wirst du irgendwann feststellen, dass ich dir viel zu langweilig geworden bin, vielleicht möchtest du lieber so jemanden wie Romina an deiner Seite. Sie ist so stylisch.“
„Styl alleine ist für mich leider nicht ausreichend,“ antwortete er mit einem schiefen Grinsen.
„So?“ entgegnete sie mit fragend hochgezogenen Brauen.
„Hm ... ich möchte eine Frau, die ... ,“ er verdrehte die Augen gen Decke und tat, als würde er angestrengt nachdenken. „Die kochen kann, die Songs schreibt, die mein Herz flattern lassen, die meine T-Shirts lieber trägt, als ihre eigenen Klamotten und die ... manchmal ein bisschen verwirrt ist und damit meine Beschützerinstinkte weckt.“
„Klingt, als hätte ich ganz gute Chance, oder?“ stellte sie grinsend fest.
„Ja, ich denke das könnte hinkommen,“ nickte er.
Erneut schenkte sie ihm einen langen, intensiven Blick. „Danke,“ sagte sie dann leise.
„Dafür nicht,“ gab er zurück.
Mit einem warmen Lächeln senkten sich ihre Lippen auf seine hinunter und wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte er gerne das Gespräch mit Romi und Maria noch einmal geführt. Er hätte diesmal Marias Frage, ob er Amy liebte mit einem klaren und definitiven „Ja“ beantwortet und sämtliche seiner Bedenken zum Teufel gejagt. Wer brauchte schon Sicherheit, wenn das Leben dafür eindeutig zu kurz war?

Kapitel 19