Kapitel 15
Larrys Anruf kam um kurz vor Fünf. Alex hatte bereits zusammen gepackt und das Studio verlassen, nachdem er nicht wirklich in der Lage gewesen war sich auf irgend etwas zu konzentrieren und sein Produzent ihm schließlich geraten hatte, es morgen noch einmal zu versuchen.
Er verstaute gerade seinen Rucksack auf dem Beifahrersitz seines Wagens, als das Handy in seiner Hosentasche vibrierte. Die Nummer war ihm unbekannt, also meldete er sich mit einem kurzen Hallo und lauschte dann gespannt.
Ist sie bei dir? schleuderte ihm eine dunkle, rauhe Stimme augenblicklich entgegen.
Mit wem spreche ich? fragte er mit gerunzelter Stirn zurück.
Gott McLean, hier ist Larry. Also sag schon, ist Amy bei dir?
Nein. Ich dachte, sie wäre bei dir im Studio, gab er zurück und fühlte, wie ein nervöses Flattern seine Magenwände erfasste.
Nun, das war sie bis um elf. Dann ist sie aufgesprungen, faselte etwas von einer Pause und ward nie wieder gesehen. Und bei ihrem Handy geht nur die Mailbox dran.
Das heißt, sie ist seit sechs Stunden verschwunden? fragte Alex entsetzt.
Amy ist ein großes Mädchen, falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte, und somit muß ich nicht wissen, wo sie jede Minute ihres Tages verbringt, gab Larry brüsk zurück.
Aber sechs Stunden Larry! Da kann alles mögliche passiert sein, entgegnete Alex aufgebracht, schob sich hinter das Steuer seines Wagens und klemmte sich den kleinen Mini-Hörer der Freisprechanlage hinter das Ohr.
Also ist sie nicht bei dir, stellte Larry noch einmal fest.
Nein, ist sie nicht, sagte er und fuhr bereits vom Parkplatz.
Am anderen Ende der Leitung blieb es einen Moment still. Er hörte, wie Larry sich eine Zigarette anzündete und dann den Rauch direkt in den Hörer blies.
Sie ist seltsam, oder? hörte er Amys Freundin plötzlich sagen und sein Unbehagen verstärkte sich.
Inwiefern?
Hast du den neuen Song schon gehört? gab Larry statt einer Antwort zurück.
Nur das, was sie unter der Dusche gesungen hat, gab Alex zu.
Und?
Er klingt selbst da großartig.
Eben. Und glaub mir, so gerne ich mir diesen Erfolg auf die Fahne schreiben mächte, ist das doch alleine Amys Verdienst.
Alex schwieg. Er wußte, was Larry ihm damit sagen wollte, doch er verspürte keine große Lust sich ausgerechnet mit dieser Frau, die er nicht wirklich ausstehen konnte, über Amys seltsames Verhalten zu unterhalten.
Klingt das für dich nach der Amy, die du kennst? setzte sie noch einmal nach.
Nein, gestand er.
Eben. Sie ist seltsam. Hast du irgend etwas damit zu tun?
Was soll denn das jetzt heißen? fragte er aufgebracht zurück.
Ich habe keine Ahnung verdammt. Ich weiß nur, dass sie heute morgen aussah, als lägen ihr die gesamten Rocky Mountains auf dem Herzen und dann haut sie einfach ab.
Alex seufzte. Sein morgendliches Gespräch mit Amy stand ihm wieder deutlich vor Augen, er hörte ihr verzweifeltes Weinen und sah ihr wutverzerrtes Gesicht vor sich. Vielleicht hatte er doch etwas mit ihrem seltsamen Verhalten zu tun.
Ich bin auf dem Weg nach Hause. Vielleicht ist sie bereits dort, sagte er und war sich dabei bewußt, dass er sich um eine Diskussion um Amys Verhalten herum drückte.
Ihr Wagen steht noch hier. Es würde mich also wundern, wenn sie schon da wäre, entgegnete Larry.
Das werden wir sehen.
Sag ihr, sie soll mich anrufen, klar?
Klar, nickte er und fragte sich zum wiederholten Mal, was Amy an dieser unmöglichen Frau mochte.
Gut. Und damit hatte sie bereits aufgelegt.
Den gesamten Weg nach Hause versuchte er sich einzureden, dass Amy ganz bestimmt dort auf ihn wartete, dass alles in Ordnung war und sie einfach keine große Lust verspürt hatte nach ihrem morgendlichen Streit an dem neuen Album zu basteln. Dazwischen flammte immer wieder der Gedanke auf, dass sie sich vielleicht auch einfach eine Auszeit genommen hatte um ihren neuen Lover zu treffen. Bilder flimmerten über seinen ganz eigenen Kopf-Bildschirm: Amy mit diesem Typen, wie sie sich küßten, wie sie sich zwischen weißen Seidenlaken liebten ...
Immer wieder schüttelte er den Kopf und versuchte sich auf die Straße zu konzentrieren. Er durfte sie nicht verurteilen, bevor er mit ihr gesprochen hatte.
Aber die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich bei diesem anderen Mann war ...
Nein, sagte er laut und lenkte den Geländewagen die Auffahrt zu seinem Haus hinauf. Sie ist zu Hause. Sie ist nicht bei ihm. Das würde sie nicht wagen.
Leider traute er ihr es trotz allem zu und leider erschien ihm die Version von einem netten Schäferstündchen wahrscheinlicher als die Möglichkeit, dass sie einfach so verschwunden war.
Als er vor dem Eingang vorfuhr, deutete nichts darauf hin, dass sie bereits da war. Kein Auto stand vor der Tür, die Fenster waren alle geschlossen und um ihn herum war es beinahe beunruhigend still, als er aus dem Wagen ausstieg und zur Haustür hastete.
Er brauchte keine zwei Minuten um festzustellen, dass Amy nicht da war und als er sich schließlich entmutigt auf einen Stuhl in der Küche sinken ließ wußte er nicht mehr, was ihm lieber war: Dass sie tatsächlich bei diesem anderen Kerl, damit aber unversehrt war oder sie tatsächlich vollkommen ausgetickt und ihr irgend etwas schlimmes zugestoßen war.
Es dauerte noch zwei endlose Stunden, bis er hörte, wie ein Schlüssel im Schloß gedreht wurde und die Haustür aufging. Er saß im Wohnzimmer auf der Couch und hatte versucht sich mit Musik und Surfen im Internet abzulenken. Allerdings mit mäßigem Erfolg wie er zugeben mußte.
Nun starrte er die Wohnzimmertür an und wartete darauf, dass Amy im Türrahmen erschien, ihm ein breites Lächeln schenkte und irgendeine lahme Entschuldigung hervorbrachte.
Doch statt dessen hörte er ihre Schritte, die am Wohnzimmer vorbei den langen Gang hinunterschlurften und gleich darauf die Schlafzimmertür, die sich hinter ihr schloß. Klar, wahrscheinlich mußte sie erst einmal duschen um den Geruch von dem anderen Kerl abzuwaschen.
Sein Herzschlag beschleunigte sich vor unterdrückter Wut, als er aufstand und ihr folgte. Es mußte endlich genug damit sein. Er wollte sich nicht mehr länger quälen lassen und wahrscheinlich tat er ihr damit auch noch einen Gefallen. Sie konnte ja wohl unmöglich noch glücklich mit ihm sein, wenn sie ihre Zeit mit einem anderen verbrachte.
Entsprechend heftig drückte er also die Schlafzimmertür auf und erwartete eigentlich das Rauschen der Dusche zu hören. Doch es war beinahe beunruhigend still im Zimmer. Amy saß mit dem Rücken zur Tür auf der Bettkante, hatte ihre gesunde Hand um ihr bandagiertes Handgelenk gekrampft und starrte bewegungslos vor sich hin. Sie sah nicht einmal auf, als er den Raum betrat und langsam zu ihr hinüber ging.
Wo bist du gewesen? fragte er, noch bevor er sie ganz erreicht hatte.
Spazieren, entgegnete sie leise.
Acht Stunden lang?
In diesem Moment hatte er das Bett umrundet und der Anblick ihres blassen Gesichts ließ sämtliche seiner Eingeweide in die Tiefe sacken. Ihre Lider waren gerötet, ihre Lippen beinahe blutleer und ihr Blick schien vollkommen apathisch und stumpf zu sein.
Seine Wut verrauchte genau so schnell wie sie gekommen war. Vorsichtig ließ er sich neben ihr auf der Bettkante nieder und traute sich nicht, sie zu berühren.
Was ist passiert? fragte er vorsichtig.
Sie schüttelte den Kopf, bevor sie mit einem kurzen Nichts antwortete.
Er seufzte. Dieses nichts hatte sie auf jeden Fall vollkommen aus der Bahn geworfen. Nun ja ... eigentlich war sie schon seit ... zwei Tagen? ... nicht mehr in der richtigen Spur.
Ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht sagst was los ist, versucht er es noch einmal.
Sie schwieg und er überlegte bereits, ob er sie lieber schütteln, anschreien oder weiter bohren sollte, als sie beinahe flüsternd fragte möchtest du eigentlich Kinder?
Vollkommen überrascht von dieser Frage starrte er sie eine Weile an bevor er antwortete. Sicher. Irgendwann.
Hm, nickte sie.
Wieso fragst du mich das?
Ich habe ... heute ... eine Freundin im Krankenhaus besucht, entgegnete sie kaum hörbar.
Kenne ich sie?
Nein, sie schüttelte den Kopf. Sie hatte ... einen Unfall und hat ... dabei ... ihr Baby verloren.
Er sah, wie sie sich auf die Lippen biß, so als konzentriere sie sich vollkommen darauf, nicht im nächsten Moment die Beherrschung zu verlieren.
Das tut mir leid, sagte er sanft, hob vorsichtig den Arm und legte seine Hand tröstend zwischen ihre Schulterblätter.
Es ist ... sie ... sie wollte es eigentlich gar nicht haben, sprach Amy weiter. Aber sie konnte sich ... auch nicht ... dieser Verantwortung entziehen. Sie denkt jetzt, dass es ihre Schuld ist und dass ... sie sich vielleicht tief im Inneren gewünscht hat, dass so etwas passiert.
Aber es war ein Unfall, widersprach Alex sanft. Sie konnte doch nichts dafür.
Aber es hat ihre Probleme mit einem Schlag gelöst, beharrte sie, hob nun endlich den Kopf und sah ihn an.
Ist sie denn jetzt glücklicher, weil sie in einem Krankenhaus liegt und ihr Baby nicht mehr hat? fragte er sanft, ließ seine Hand zu ihrem Nacken hinauf wandern und streichelte mit seinem Daumen die Sehnen, die angespannt wie Stahlseile hervorstanden.
Sie weiß es nicht so genau.
Wann ist denn der Unfall passiert?
Vor zwei Tagen, ihre Stimme wurde dabei immer leiser und in seinem Kopf begann ein kleines, rotes Alarmlämpchen zu leuchten, wenn er auch nicht sagen konnte, wodurch dies ausgelöst worden war.
Vielleicht braucht sie einfach noch ein bißchen Zeit, sagte er sanft. Sie ist im Moment bestimmt ganz schön verwirrt und traurig, aber vielleicht erkennt sie dadurch, was für sie wirklich wichtig im Leben ist.
Amy senkte den Blick wieder hinunter in ihren Schoß und nickte dann langsam. Da könntest du recht haben.
Sie schwiegen eine Weile, während Alex gespannt darauf wartete, was sie als nächstes sagen würde.
Ich möchte ... , setzte sie schließlich an, verstummte dann aber wieder und seufzte leise.
Ja?
Ich möchte ... dieses Leben, sagte sie schließlich, ihr Körper straffte sich, sie richtete sich auf und sah ihm direkt in die Augen. Ich möchte das Album machen, ich möchte ... mit dir zusammen sein und ich möchte ein besserer Mensch werden. Ich weiß nur nicht, ob ich das ... auch verdient habe.
Sein Arm legte sich nun um ihre Schulter und er zog sie näher zu sich heran. Ein sanftes Lächeln spielte um seine Mundwinkel und sein Herz schlug viel zu schnell in seiner Brust. Jeder hat eine zweite Chance verdient.
Aber ich vielleicht nicht, widersprach sie. Ich habe in der Vergangenheit Menschen weh getan, die mir wirklich viel bedeuten, ich habe ... niemanden in mein Herz gelassen und war der Meinung, dass ich alleine wesentlich besser dran bin. Warum sollte ausgerechnet mir eine zweite Chance zu stehen?
Weil es nie zu spät ist, sich zu ändern und weil die Menschen, denen du wirklich wichtig bist verzeihen können.
Da bin ich mir nicht so sicher, gestand sie.
Ich schon, lächelte er.
Du kennst mich nicht, widersprach sie, was ihm kurzfristig einen eisigen Schauer über den Rücken rieseln ließ.
Wie meinst du das? Immerhin leben wir seit zwei Jahren zusammen. Ich kenne deine Fehler und deine Schwächen, aber auch deine Stärken. Ich sehe ... manchmal ... das Gute und die Liebe in dir und ... ich meine ... es muß doch irgendeinen Grund haben, warum ich jetzt hier mit dir sitze und wir dieses Gespräch führen, meinst du nicht?
Einen Grund hat es ganz sicher, wenn ich ihn auch noch nicht kenne, gab sie zu. Aber ... die Amy, die du in der Vergangenheit kennen gelernt hast, existiert nicht mehr.
Er schüttelte den Kopf. Du kannst eine Persönlichkeit nicht über Nacht komplett ausradieren.
Glaub mir, das geht, gab sie bestimmt zurück und er hatte das unangenehme Gefühl, dass sie ihm nun wieder ganz langsam entglitt. Zumindest machte das was sie sagte für ihn keinen Sinn.
Wie auch immer ... , seufzte sie schließlich. Ich bin hier, wenn ich auch nicht verstehe warum. Ich bin gesund, meine Zukunft steht mir in allen Richtungen offen und ich habe die Chance erhalten, es diesmal besser zu machen. Ich werde mich also nicht mehr beschweren, ich möchte nicht mehr zweifeln und ich will auch nicht mehr ... , sie runzelte die Stirn, als suche sie nach den richtigen Worten. ... ich will mich nicht mehr wehren gegen etwas, das ich nicht einmal ansatzweise begreife.
Er holte bereits Luft um seiner Verwirrung Ausdruck zu verleihen, doch sie sprach einfach weiter. Glaubst du an Schicksal?
Er zögerte kurz, beschloß dann, ihre vorherigen Worte erst einmal so hinzunehmen und antwortete. Ich glaube an sehr vieles. Vor allen Dingen daran, das alles möglich ist, wenn man nur fest genug an sich glaubt, nickte er.
Glaubst du an mich? fragte sie weiter.
In welcher Hinsicht?
In jeder Hinsicht. Glaubst du, ich kann dieses Album machen? Glaubst du, ich kann mich ... neu in dich ... verlieben?
Ihre Worte trafen ihn direkt in die Magengrube, doch er schluckte und versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
Was das Album betrifft, bin ich mir ziemlich sicher, was uns betrifft ... nun ja ... das kann ich dir leider nicht sagen.
Sie nickte langsam, so als hätte sie nichts anderes erwartet. Du mußt Geduld mit mir haben, fuhr sie dann fort. Ich fühle mich nämlich, als ... wäre ich über Nacht in einem ... fremden Leben aufgewacht.
Warum ist das so? hakte er nach. Ich meine ... dass irgend etwas mit dir nicht stimmt ist offensichtlich. Ich frage mich nur, was der Grund dafür ist.
Das kann ich dir leider auch nicht sagen.
Er schwieg einen Moment, in dem er jedes Detail ihres so vertrauten und geliebten Gesichtes betrachtete und nach Anzeichen dafür suchte, dass sie sich hier einen mehr als schlechten Scherz mit ihm erlaubte oder, was ihn mehr als alles andere beunruhigte, sie nun komplett den Verstand verloren hatte.
Glaubst du ... , sagte er schließlich und leckte sich nervös über die Lippen. Glaubst du, du bist eine ... Andere? Ich meine ... ,
Ich glaube, unterbrach sie ihn dass ein Teil von mir und meinem Leben nach wie vor Amy ist. Ich glaube aber auch, dass ein großer Teil meiner Persönlichkeit ... einfach ... weggebrochen ist und ich mich wieder selbst finden muß. Und das hat nichts mit dir, diesem Leben oder mit dem was in der Vergangenheit passiert ist zu tun.
Was ist denn in der Vergangenheit passiert? hakte er nach und versuchte die Angst zu ignorieren, die bei ihren Worten in ihm hochgekrochen kam. Sie redete so seltsam, sie benahm sich seltsam und er hatte beinahe das Gefühl, als säße hier eine vollkommen fremde Person vor ihm, die zwar noch so aussah wie Amy, die aber nicht mehr Amy war.
Sie wandte sich von ihm ab und fixierte einen Punkt jenseits des großen Fensters, durch das nur noch wenig Licht fiel, da draußen die Dämmerung eingesetzt hatte. Mit klopfendem Herzen wartete er auf ihre Antwort.
Du weißt doch was passiert ist, hörte er sie sagen. Die Sache mit dem verkorksten Album, der andere Typ, der Umstand, dass ich zu allen meinen Mitmenschen unausstehlich bin ... es gibt ziemlich viel, was ich an Amy nicht mag. Und jeden Tag entdecke ich etwas Neues.
Du meinst, es gibt ziemlich viele Dinge, die du an dir nicht magst, verbesserte er unbehaglich.
Oder so, gab sie mit einem Schulterzucken zurück.
Und jetzt willst du das alles von heute auf morgen ändern? fragte er weiter, einfach um diese unangenehme, beinahe beängstigende Stille zwischen ihnen zu überbrücken.
Sie nickte. Ich habe bereits damit angefangen. Sie riß sich von dem Ausblick vor sich los und sah wieder zu ihm hinüber. Ich möchte dich einfach darum bitten, mich ... hm ... unvoreingenommen zu betrachten. Ich möchte, dass du ... beiseite läßt, wie Amy ... wie ich ... in der Vergangenheit gewesen bin.
Das kann ich nicht, gab er mit Bestimmtheit zurück. Dann müßte ich ja auch vergessen, warum ich mich in dich verliebt habe. Du bist kein durch und durch schlechter Mensch Amy, auch wenn du das zu denken scheinst. Du hast nur ... in letzter Zeit ... deinen Weg etwas aus den Augen verloren und scheinbar beschlossen, alles und jeden auszusperren.
Er versuchte seinen Worten ein wenig Nachdruck zu verleihen, in dem er nach ihrer unversehrten Hand in ihrem Schoß griff und sie zärtlich drückte. Weißt du noch, wie es am Anfang war? Nichts und niemand hätte sich zwischen uns drängen können. Wir liebten uns, wir hatten die gleichen Träume und Ziele und haben uns gegenseitig darin unterstützt. Und dann, irgendwann, hat sich dein Traum von der Musik in Luft aufgelöst. Und ab da ... , er verstummte, weil er plötzlich Skrupel hatte sie noch einmal an all das zu erinnern, was damals schief gelaufen war.
Ab da war mein Leben vorbei, flüsterte sie kaum hörbar.
Er nickte langsam. Ich befürchte, ich habe das zu spät erkannt. Das tut mir leid. Aber ... du hast niemanden an dich heran gelassen. Wirklich niemanden. Und jetzt ... , er stockte erneut, während sich ihre Hand in seinen drehte, sie diesmal seine Finger fest umschloss und ihm damit den Halt gaben, den er im Moment benötigte. Und jetzt ... , sprach er mit rauher Stimme weiter. scheinst du mit aller Macht und mit riesen Schritten wieder an diesen Punkt in deiner Vergangenheit zurück zu wollen. Aber das geht nicht. Du kannst sicherlich noch einmal neu anfangen, das ganz bestimmt, aber du kannst damit das Vergangene nicht ändern.
Das weiß ich, nickte sie.
Sie schwiegen eine Weile, in der sie sich stumm in die Augen sahen und in ihm ein Gefühl aufkeimte, das er schon lange nicht mehr auf diese Art und in dieser Intensität empfunden hatte. Er fühlte sich ihr nahe, ziemlich nahe sogar, und er meinte ganz langsam zu begreifen, was sie ihm mit ihren verwirrenden Worten sagen wollte.
Also ein Neuanfang? fragte er schließlich.
Ja, nickte sie und ein zaghaftes Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Ein Neuanfang. Für dich und für mich.
Er nickte ebenfalls zur Bestätigung, dann beugte er sich zu ihr hinüber und drückte seine Lippen unendlich zärtlich auf ihre.
Sie besiegelten ihr Abkommen mit einem Kuß, der ihm gleichzeitig vertraut und so unglaublich fremd vorkam. Er drückte somit all das aus, was er tief in seinem Inneren fühlte und im Gegensatz zu gestern Morgen, als er ihr nach ihrem Kuß vollkommen verstört nachgesehen hatte wie sie im Studio verschwand, machte es ihm diesmal keine Angst.
Vielmehr verhieß ihm das ungewohnte Gefühl ihrer weichen Lippen auf seinen, dass sie das mit dem Neuanfang wirklich ernst meinte und dass ihre Worte nicht nur hohle Phrasen waren. Sie bewies ihm zumindest gerade sehr deutlich, dass ihre Veränderung bereits eingesetzt hatte.