Kapitel 14

„Amy? Hey Amy.“
Larrys dunkle, rauchige Stimme riß sie aus ihren Gedanken und müde blickte sie zu ihrer Freundin hinüber. Sie saßen zur dritt in bequemen Drehstühlen vor dem Mischpult. Fishie hatte ihnen gerade zwei neue Songs vorgespielt, die er über Nacht und mit viel Hingabe gemixt hatte, doch Keylie hatte davon kaum etwas mitbekommen. Ihre Gedanken verweilten immer noch bei Alex und ihrem Gespräch von heute morgen.
„Was ist nur mit dir los, hm?“ hakte Larry nach. „Konzentrier dich gefälligst, sonst werden wir hier niemals fertig.“
„Klar, tut mir leid,“ entschuldigte Keylie sich lahm und rieb sich über das Gesicht.
„Also, was meinst du zu Fishies experimentellen Ergüssen?“
„Ich weiß nicht ... ,“ entgegnete Keylie zögernd. „Könnte ich sie ... noch einmal hören?“
„Oh Mann,“ stöhnte Larry. „Das ist ja nicht zum Aushalten. Willst du nun dieses verdammte Album machen oder nicht?“
„Ja, ich will es machen,“ gab Keylie heftiger als beabsichtigt zurück. „Aber ich brauche jetzt erstmal eine Pause.“
Und mit diesen Worten stemmte sie sich aus ihrem Stuhl in die Höhe, ignorierte dabei Larrys lautstarke Proteste, schnappte sich ihre Handtasche und war bereits aus der Tür, noch bevor sie irgend jemand aufhalten konnte.
Mit ausgreifenden Schritten durchquerte sie die dämmrige Empfangshalle und trat gleich darauf in einen strahlenden Sommertag hinaus. Sie wußte nicht, wo sie eigentlich hin wollte. Im Prinzip lief sie vor sich selbst davon und bekanntermaßen konnte man sich vor sich selbst schlecht verstecken.
Also marschierte sie ohne Sinn und Ziel einfach los. Sie streifte durch die Stadt, vorbei an Einkaufspassagen, Supermärkten, Wohnhäusern, Bars und Restaurants und versuchte dabei jeden bewußten Gedanken so weit wie möglich von sich zu schieben. Sie würde einfach so lange weiterlaufen, bis sie irgendwann irgendwo angekommen war.
Als sie diesen Punkt schließlich erreichte, war sie selbst überrascht, dass sie ihre Füße ausgerechnet hier her geführt hatten. Das Krankenhaus erhob sich majestätisch und beinahe bedrohlich vor ihr in den strahlend blauen Himmel. Patienten und Personal quollen aus dem gläsernen Eingangsportal wie Ameisen aus ihrem Bau, es herrschte ein ständiges Kommen und Gehen von Autos und Krankenwagen und alles in allem hätte sie nie gedacht, dass dies das selbe Gebäude war, das sie am vergangenen Abend an Alex’ Seite betreten hatte.
Alex! Beim Gedanken an ihn spürte sie, wie ihr Herz augenblicklich schneller zu schlagen begann. Sie hatte seine Zärtlichkeiten heute morgen so sehr genossen und hatte sich in seinen Armen tatsächlich ansatzweise sicher und beschützt gefühlt. Aber nachdem er mit dem Vorschlag gekommen war sie zu einem Therapeuten zu schicken, war irgendwo in ihr eine Sicherung durchgebrannt. Ja, sie hatte Angst vor sich selbst, vor ihrem Spiegelbild und dem neuen Leben, aber noch viel mehr Angst hatte sie vor der Vorstellung, dass ihr Leben zukünftig fremdbestimmt wurde und sie handlungsunfähig und ihrer Freiheit beraubt in irgendeinem dunklen Kämmerchen landete.
Also hatte sie das getan, was auch Tiere taten, wenn sie angegriffen wurden: Sie hatte zurück geschlagen und war dann so schnell sie konnte vor ihm geflüchtet.
Noch während sie nun langsam und bedächtig auf das Eingangsportal zuschritt fragte sie sich, ob sie wirklich wissen wollte, was hinter den dicken Mauern auf sie wartete. Vielleicht lagen tatsächlich einige Antworten im Inneren, vielleicht aber auch nur noch mehr Verwirrung und Schmerz. Andererseits würde sie dies wohl nie erfahren, wenn sie kniff und dieser unangenehmen Situation aus dem Weg ging.
Die kühle Luft der Klimaanlage empfing sie, als sie durch die automatischen Schiebetüren getreten war. Sie befand sich hier in einem anderen Teil des Gebäudes. Die Notaufnahme mußte irgendwo im rückwärtigen Teil der Klinik liegen und wirkte im Gegensatz zu der riesigen Empfangshalle winzig und heruntergekommen. Hier im Haupttrakt herrschten moderne Materialen vor: Glas, polierter Stahl, warmes, helles Holz und dunkelgraue Marmorfliesen. Zu ihrer Linken befand sich ein riesiger Empfang, der beinahe wie die Rezeption eines erste Klasse Hotels wirkte, zu ihrer Rechten reihten sich einige Geschäfte, kleinere Boutiquen, ein Blumenladen und eine Cafeteria aneinander. Direkt vor ihr führten mehrere Aufzüge hinauf zu den Krankenstationen und etwas unschlüssig blieb sie in der riesigen Halle stehen. Was jetzt? Sie konnte doch unmöglich durch dieses weitläufige Gebäude streifen und hoffen, dass ihr irgendwo Informationen über Keylie Constance über den Weg liefen.
Etwas zögerlich wandte sie sich dem Empfang zu. Sie mußte einen Moment warten, während eine zehnköpfige, pakistanische Familie in gebrochenem Englisch auf die junge Frau dahinter einredete, doch schließlich war sie an der Reihe und mit einem mehr als mulmigen Gefühl trat sie an den langen Tresen aus poliertem, dunklen Holz heran.
„Guten Tag,“ grüßte die junge Frau, die seltsamerweise keine Schwesterntracht sondern ein schwarzes Kostüm trug und Keylie antwortete mit einem aufgesetzten Lächeln und erstaunlich fester Stimme „Hallo.“
„Was kann ich für sie tun?“
„Können sie mir sagen, ob sie hier eine Keylie Constance aufgenommen haben?“
„Einen Moment bitte,“ entgegnete die junge Frau, tippte etwas in ihren Computer und nickte dann langsam. „Ja. Miss Constance ist vorgestern Nacht hier eingeliefert worden. Sie liegt auf der Intensivstation.“
Keylie fühlte, wie ihr sämtliches Blut aus dem Gesicht wich. Ihre Hände krampften sich um die Kante des Tresens und ihre Beine drohten unter ihr nachzugeben.
„Wo ... wo finde ich die Station?“ fragte sie trotzdem weiter.
„Sind sie eine Verwandte?“ fragte die junge Frau zurück.
Keylie schüttelte den Kopf. „Eine gute Freundin.“
„Tut mir leid, dann können sie im Moment leider nicht zu ihr. Nur Verwandten ist der Zutritt zur Intensivstation gestattet.“
„A-Aber ... ich möchte sie ... nur kurz sehen. Verstehen sie, wir stehen uns sehr nahe und ich mache mir große Sorgen und ... ,“
„Das kann ich verstehen,“ unterbrach sie die Frau sanft „aber ich kann da leider gar nichts für sie tun. Vielleicht möchten sie sich an Miss Constance Eltern wenden? Wenn die ihnen eine Genehmigung unterschreiben ist ein Besuch überhaupt kein Problem.“
„Wir ... wir verstehen uns nicht so ... gut,“ würgte Keylie hervor.
„Tut mir leid,“ lächelte die Frau mitfühlend, dann zuckte ihr Blick an Keylie vorbei und machte ihr damit deutlich, dass sie sich um den nächsten Besucher kümmern mußte.
Enttäuscht und gleichzeitig mehr als aufgewühlt trat Keylie ein paar Schritte zurück, schaute sich einen Moment um und steuerte dann zielstrebig auf eine Bank zu, die zwischen zwei riesigen Palmen mitten in der Halle stand. Mit zitternden Knien ließ sie sich darauf nieder und schlang die Arme beschützend um ihren Körper.
Sie lebte. Keylie lebte. Ihr Körper lebte. Was hatte das zu bedeuten?
Noch während sich ihre rasenden Gedanken überschlugen, nahm sie eine Bewegung aus den Augenwinkeln wahr und als sie aufblickte, sah sie gerade noch, wie ihr Vater die Cafeteria betrat.
Sie handelte nicht mehr bewußt, über dieses Stadium war sie lange hinaus. Ihre Augen hatten einen vertrauten Menschen erblickt und ihr Körper reagierte darauf, in dem er sich von der Bank erhob und ihm in die Cafeteria folgte. Ihr losgelöster Verstand zwang sie dazu, sich an der Essensausgabe einen Kaffee zu holen und ihre Beine führten sie danach ganz alleine in die ruhige Ecke, in der ihr Vater an einem kleinen Tisch saß, ebenfalls einen Kaffeebecher mit beiden Händen umklammerte und trübsinnig vor sich auf die Tischplatte starrte.
„Guten Tag,“ sagte Keylie leise, als sie ihn erreicht hatte
Ihr Vater blickte auf und wirkte einen Moment irritiert, doch dann flammte Erkennen in seinen Augen auf.
„Ah, die junge Frau von gestern Abend,“ sagte er „setzen sie sich doch. Wie geht es ihrer Hand?“
„Ist nicht ganz so schlimm wie erwartet, danke sehr. Mein Name ist übrigens ... ,“ sie stockte kurz bevor sie „Amy Salinas,“ hinzufügte und sich dabei auf den Stuhl ihm gegenüber nieder ließ.
„Angenehm. Bob Constance,“ erwiderte ihr Vater und streckte ihr die Hand entgegen, die sie mit einem befremdlichen Gefühl schüttelte.
„Ist ihre Frau heute nicht hier?“ fragte Keylie und nippte an ihrem Kaffee, der nach nichts zu schmecken schien.
„Sie ist oben bei unserer Tochter Keylie,“ antwortete Bob leise und sein Gesicht wirkte sofort wieder grau und eingefallen. Er sah in diesem Moment wesentlich älter aus als zweiundfünfzig und Keylie hätte ihn am liebsten in den Arm genommen und getröstet.
„Was ... hat sie denn?“ fragte sie vorsichtig weiter und vermied es dabei, ihren Vater anzusehen.
„Sie hatte einen Unfall,“ erklärte er. „Vorgestern Nacht. Ein Truck hat das Rotlicht übersehen und ihren Wagen gerammt.“
„Oh je. Das klingt nicht gut,“ bemerkte Keylie.
„Ist es auch nicht,“ nickte er. „Sie ... sie liegt ... im Koma, oben in ... in der Intensiv ... station. Sie wissen schon.“
„Hm.“
„Es ist furchtbar sie so zu sehen. Diese vielen Schläuche und das ewige Gepiepse der vielen Geräte. Ich brauchte mal ne Pause.“
„Das kann ich verstehen. Und Keylie sicherlich auch,“ fügte sie noch hinzu.
„Hm,“ nickte Bob dankbar. „Und wissen sie was?“ fuhr er dann nach einer kurzen Pause fort.
„Nein,“ sie schüttelte den Kopf.
„Sie war schwanger. Stellen sie sich das mal vor. Wir haben es nicht gewußt. Sie hat uns nichts davon gesagt. Was ... wieso ... ich meine ... wir sind doch ihre Eltern, oder?“
Ihre eigene Verzweiflung schien aus ihm zu sprechen und so schluckte Keylie ein paar Mal krampfhaft, bevor sie sich wieder in der Lage sah zu sprechen.
„War?“ hakte sie nach.
Ihr Vater nickte. „Sie hat das Baby bei dem Unfall verloren.“
Um Keylie begann sich plötzlich alles zu drehen, ihr Magen schien auf die Größe eines Reiskorns zusammen zu schrumpfen und ihre Körpertemperatur sank knapp unter Null. „Oh,“ war alles, was sie unter größter Anstrengung hervor brachte.
„Ist ihnen nicht gut?“ fragte ihr Vater plötzlich. „Sie sind ganz bleich.“
„Ich ... nein ... es ist nur ... ,“ stammelte sie und stand dann so hastig auf, dass ihr Kaffeebecher für einige Sekunden bedrohlich schwankte, bevor ihr Vater ihn einfing und wieder sicher auf die Tischplatte stellte.
„Tut mir leid. Ich muß los. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder,“ stieß sie hervor und ohne seine Antwort abzuwarten fuhr sie herum und rannte förmlich dem Ausgang entgegen.
Das Baby. Sie hatte das Baby komplett vergessen. Das tote Baby um genau zu sein. Ihr Baby war tot.
Dunkelheit senkte sich über ihre Gedanken, die Menschen, denen sie auf dem Weg die Krankenhauseinfahrt hinunter begegnete, wichen automatisch vor ihr zurück und ohne sich dessen bewußt zu sein, lief sie immer weiter. Nur nicht stehen bleiben. Nicht zurück sehen. Auf und davon und das so weit wie möglich.

Kapitel 15