Kapitel 13

Es war früh am Morgen und Keylie fühlte unbändige Erleichterung darüber, dass sich diese endlose Nacht dem Ende zuneigte. Sie war irgendwann mit rasendem Herzklopfen aus einem Albtraum aufgeschreckt, in dem sie durch dunkle Straßenzüge gerannt war, ohne sich dabei wirklich vom Fleck zu bewegen und in dem sie immer wieder verzweifelt ihren Namen rief.
Im ersten Moment nach dem Aufwachen hatte sie sich wie in einem schlechten Film gefühlt. Wie in „Täglich grüßt das Murmeltier“ hatte sie geglaubt, sie erlebe den vergangenen Tag noch einmal, als sie orientierungslos und in kompakter Dunkelheit in die Höhe geschreckt war. Doch nachdem Alex weiterhin friedlich neben ihr schlief und sie das schmerzhafte Pochen in ihrer verletzten Hand daran erinnert, was am vergangenen Tag passiert war, schüttelte sie diesen Gedanken ab und stahl sich lautlos aus dem Bett.
Ihr erster Weg hatte sie ins Musikzimmer geführt, doch nachdem sie mit ihrer verletzten Hand keines der Instrumente spielen konnte, hatte sie schließlich frustriert die Tür wieder hinter sich zu gezogen und hatte sich ins Wohnzimmer begeben.
Hier saß sie nun auf dem Boden vor der Stereoanlage und lauschte mit einem Gefühl, das beinahe an Entsetzen grenzte, dem letzten Album von Amy Salinas. Immer wieder schüttelte sie den Kopf, wenn sie die platten Beats und die ausgelutschten Melodien hörte. Selbst Amys Stimme klang nicht wirklich überzeugend. Von den Texten ganz zu schweigen. Wie war es überhaupt möglich, dass so etwas auf den Markt gelangte? Es gab genug Künstler da draußen, die wesentlich mehr Talent aufwiesen und diese schafften es nie, dass auch nur eine Zeile ihrer Songs auf eine CD gepresst wurde. Die Welt war einfach ungerecht.
Umständlich zog sie die Knie an und zog das große Männerhemd darüber, da sie leicht zu frösteln begann. Ihr war, als spräche durch die Musik eine Stimme aus der Vergangenheit zu ihr, die sie nicht wiedererkannte. Sie fühlte beinahe so etwas wie Mitleid mit dieser Amy, die nach dem Flopp dieses grottenschlechten Albums ganz sicher alles andere als glücklich gewesen war und die ganz offensichtlich jede Menge Probleme auch in ihrem restlichen Leben gehabt hatte.
Ihr kam der Gedanke, ob dieser Zustand, in dem sie sich jetzt gerade befand, eigentlich eher ihr – Keylie – nützen sollte, oder ob vielleicht Amy die eigentliche Hauptperson in diesem verwirrenden Spiel war und damit auch eher Amy ein Ausweg aus ihrer verfahrenen Lebenssituation geboten worden war.
Leise stöhnend presste sie ihre unversehrte Hand gegen die Stirn. Sie mußte aufhören immer und immer wieder darüber nachzudenken. Sie kam damit doch sowieso keinen Schritt weiter. Alles was ihr das einbrachte waren rasende Kopfschmerzen und eine Verwirrung, die ihren gesamten Körper zu erfassen schien.
Plötzlich stand ihr das Bild ihrer Eltern vom gestrigen Abend wieder so lebhaft vor Augen, dass sie heftig schlucken mußte. Auch so ein Aspekt, der mehr Fragen und Gefühlschaos aufwarf, als gut für sie war. Waren das wirklich ihre Eltern gewesen oder bildete sie sich das nur ein? Warum waren sie dort gewesen? Existierte Keylie Constance noch?
„Aufhören,“ murmelte sie und schüttelte den Kopf. „Sofort aufhören,“ wiederholte sie, nachdem sie die Bilder immer noch nicht losließen.
Schließlich begab sie sich auf die Knie, schaltete mit einem nachdrücklichen Druck auf die Stop-Taste die Musik ab und wandte sich wieder dem CD Regal zu. Sie brauchte Ablenkung. Neue Musik. Freiraum in ihrem Kopf.
Ihr Finger glitt über ein Regal im unteren Teil der CD-Sammlung. Sämtliche Hüllen waren unbeschriftet und enthielten keine Cover. Sie zog eine davon hervor und laß, was auf dem CD-Rohling mit schwarzem Filzschrift geschrieben stand: Session 5 LdifL, Li, CmW, FoN.
Die Abkürzungen sagten ihr gar nichts und unglaublich neugierig schob sie die CD in den Player.

I love you with everything that’s in me.
Did know that?
You be the first that ever be so close.
You should know that.
(Let’s do it for Love – Backstreet Boys)

Das war unverkennbar Alex’ Stimme, die ihr da aus den Lautsprechern entgegen schallte und augenblicklich schnürte sich ihre Kehle so eng zu, dass sie kaum noch atmen konnte. Und da waren noch mehr Stimmen, die ihr vage bekannt vorkamen.
Mit zitterndem Finger sprang sie zum nächsten Lied und lauschte fasziniert.

Once there was a time, love was just a myth
It just wasn’t for real, it didn’t exist.
Untill the day you came into my life
You forced me to think twice.

Als der Refrain einsetzte standen ihr endgültig die Tränen in den Augen. Ihr war, als hätte jemand ihre gesamten Sehnsüchte in ein paar wenige Worte gepackt, eine Gitarre dazu gemixt und diese Kombination auf ihr Herz abgefeuert.

Love is,
kisses in a bean bag chair
the two of us with no one there
Love is,
the moment that I climb the stairs
to hold you in my arms after we made love.
Love is,
waking up to see your face,
or kissing in the morning rain.
The only thing that keeps me sane,
at the end of the day is that I've got you.
(Love is – Backstreet Boys)

Und Alex Stimme der plötzlich mit unglaublicher Intensität Girl it all makes sence when you’re around sang, tat sein Übriges.
Sie weinte beinahe lautlos, während ihre Schultern bebten und die Musik sie immer noch in ihrem festen Klammergriff hielt. Sie wünschte sich in diesem Moment so verzweifelt, dass sie ihre Gefühle und Denken abschalten könnte, das ihr gesamter Körper zu schmerzen schien. Sie wollte das alles nicht mehr. Sie wollte nicht mehr fühlen, nicht mehr denken, nicht mehr leiden, nicht mehr entscheiden, nicht mehr kämpfen, nicht mehr sein.
Sie merkte erst, dass sie nicht mehr alleine war, als sich lange Arme und Beine von hinten um ihren Körper schlangen und sie zärtlich und äußerst vorsichtig an eine breite Brust gedrückt wurde.
Ihr Schluchzen verstärkte sich augenblicklich und sie war der Meinung, noch nie in ihrem Leben so viel Schmerz gefühlt zu haben.
„Schhhhh,“ hörte sie es nahe an ihrem Ohr. „Es ist alles in Ordnung. Ich bin hier. Siehst du?“
„I-Ich ... ,“ versuchte sie es, doch die Worte wollten einfach nicht aus ihrer zugeschnürten Kehle entweichen.
„Ich weiß,“ flüsterte er, auch wenn sie sich ziemlich sicher war, dass er keine Ahnung von dem Sturm hatte, der von diesen wundervollen Stimmen und der harmonischen, wie goldener Honig wirkenden Musik in ihr ausgelöst worden war. Sie verstand es ja noch nicht einmal wirklich selbst.
Sie weinte und weinte und hatte zwischendurch Angst, dass sie vielleicht nie wieder damit würde aufhören können. Doch nach und nach verebbte das Schluchzen, ihr Körper entspannte sich und lag irgendwann ganz ruhig und erschöpft in Alex’ Armen.
„Weißt du,“ drang seine sanfte Stimme irgendwann an ihr Ohr. „Manchmal hat man solche Momente, in denen alles in sich zusammen zu stürzen scheint. Man weiß nicht mehr so genau, wer man eigentlich ist, wo man hin will und an welchem Punkt in seinem Leben man sich gerade befindet.“
Ein leichtes Zittern erfaßte ihren Körper und wie gebannt lauschte sie seinen Worten.
„Aber ich verspreche dir, dass das irgendwann vorbei geht. Du wirst deinen Weg wieder finden, da bin ich mir ganz sicher. Du mußt nur ... ,“ er stockte kurz und drückte sie noch etwas fester an sich. „Du mußt nur zulassen, dass dir die Menschen in deiner unmittelbaren Umgebung dabei helfen und ab und an auch auf ihr Urteil vertrauen.“
„Ich weiß nicht, ob ich das kann,“ flüsterte sie. „Ich ... ich bin nicht mehr ich. Ich fühle mich so verloren in diesem Körper und in diesem Leben und ... und ... will trotzdem nicht zurück in mein altes.“
Sie hörte ihn seufzen. Er konnte natürlich nicht wissen, von was sie da eigentlich sprach, aber sie vertraute darauf, dass er die Botschaft dahinter trotzdem verstand.
„Vielleicht solltest du mit jemandem darüber reden, der etwas mehr Ahnung davon hat als ich,“ sagte er schließlich.
„Zum Beispiel?“
„Mit einem Therapeuten?“
Wie von der Tarantel gestochen fuhr sie in die Höhe und rückte von ihm ab. Ihre verletzte Hand begann sofort gegen diese ungewohnte und schnelle Bewegung zu protestieren, doch sie ignorierte sie so gut sie konnte.
„Du denkst ich bin verrückt?“ fragte sie mit bebender Stimme.
„Nein ... so habe ich das doch nicht gemeint. Ich denke nur ... ,“
„Doch, doch. Du denkst, dass ich nicht mehr alle Sinne beisammen habe und in eine Klapsmühle gehöre.“
„Nein Amy. Ich glaube nur, dass du ein bißchen Hilfe gebrauchen könntest und dass ich vielleicht nicht in der Lage bin, dir diese zu geben.“
„Danke. Ich komme sehr gut alleine klar,“ sagte sie schroff und erhob sich auf wackligen Beinen.
„Ja, das sehe ich,“ gab er ironisch zurück und stand ebenfalls auf. „Amy ...,“ sagte er eindringlich und berührte sie leicht am Arm.
Ihr lag bereits auf der Zunge, dass er sie gefälligst nicht so nennen sollte, doch da er dann höchstwahrscheinlich sofort die Männer in Weiß gerufen hätte, ließ sie dies lieber bleiben.
„Du kannst doch nicht abstreiten, dass hier irgend etwas vor sich geht, das nicht normal ist, oder?“
Sie starrte ihn aus großen Augen an und wußte nicht, was sie sagen sollte. Wenn sie leugnete, dass hier irgend etwas ganz und gar nicht stimmte, würde er sie für verrückt erklären und wenn sie ihm zustimmte erst recht.
„Oder?“ hakte er noch einmal nach.
„Ich weiß nicht, was du meinst,“ presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Du weißt nicht was ich meine? Gut, dann laß mich dir ein wenig auf die Sprünge helfen ... ,“ Er zählte die nun folgenden Punkte an seinen Fingern ab und Keylie wurde es augenblicklich speiübel. „Du wachst mitten in der Nacht auf und weißt nicht wer du bist. Wenn ich mich richtig erinnere, hast du mir sogar entgegen geschleudert, dass du nicht Amy wärst.
Du stehst regelmäßig vor irgendwelchen Spiegeln und starrst dich an, als würdest du darin etwas ganz unglaubliches sehen.
Du redest wildfremde Menschen mit Mom und Dad an.
Du hast dein Äußeres komplett verändert.
Du machst plötzlich wieder Musik.
Du bist auf einmal so ... anders ... beinahe umgänglich, offen ... liebenswert.
Ich ... ,“
„Und darüber beschwerst du dich?“ fragte sie ihn fassungslos. „Dass ich plötzlich „liebenswert“ bin? Wenn es dir dann besser geht kann ich gerne ekelhaft und gemein sein.“
„Darum geht es doch nicht Amy,“ fuhr er auf, mittlerweile ganz offensichtlich kurz vor einem Wutanfall. „Ich erkenne dich überhaupt nicht wieder und das macht mir Angst. Und dir auch!“
Sie öffnete den Mund um ihm entgegen zu schleudern, dass er im Unrecht sei und merkte im selben Moment, dass das eine Lüge war. Also schloß sie ihren Mund wieder und starrte statt dessen hinunter auf ihre bandagierte Hand. Sie wollte seinem stechenden Blick entkommen. Sie wollte in ihm nicht mehr ihre eigenen Zweifel und Ängste lesen. Sie wollte von hier fort.
„Ich muß ins Studio,“ murmelte sie schließlich und wollte sich bereits an ihm vorbei drücken, doch er hielt sie am Arm zurück.
„Baby, wirklich. Denk doch wenigstens einmal über meinen Vorschlag nach.“
„Und dann?“ fragte sie und sah wieder zu ihm auf. „Stell dir vor sie stellen fest, dass ich tatsächlich den Verstand verloren habe. Dass irgend etwas mit mir ganz und gar nicht stimmt. Was dann? Wie lange wirst du mich in meiner Gummizelle besuchen kommen, hm? Bis dir etwas besseres über den Weg läuft?“
Er schüttelte den Kopf, ließ ihren Arm los und legte seine Hand statt dessen an ihre Wange. Sofort begann ihre Haut unter seiner Berührung aufgeregt zu kribbeln und ohne dass sie es gewollt hätte, schloß sie die Augen.
„Ich werde immer für dich da sein. Das ist ein Versprechen. Egal was passiert.“
„Gut. Dann sei für mich da, aber schlag dir das mit dem Therapeuten aus dem Kopf,“ gab sie schärfer zurück als beabsichtigt, entzog sich seiner sanften Berührung und stürmte an ihm vorbei aus dem Wohnzimmer und den langen Gang hinunter ins Schlafzimmer. Sie mußte hier raus. Sofort!

Kapitel 14