Kapitel 12

Alex lag neben Amy in dem großen Bett und starrte zu ihr hinüber. Die Schmerzmittel hatten sie Gott sei Dank schläfrig gemacht und kurz nachdem sie wieder nach Hause gekommen waren und er sie ins Bett verfrachtet hatte, war sie in einen unruhigen Schlaf gefallen.
Die kleine Nachtischlampe brannte noch und so konnte er ungehindert jeden Zentimeter ihres Gesichts betrachten, das im Schlaf wenigstens ansatzweise entspannt schien. Er konnte noch gar nicht richtig glauben, dass dieser endlose Tag tatsächlich zu Ende gegangen war. So viel war heute passiert. Angefangen bei seinem, in dem ganzen Chaos beinahe normal wirkenden Arbeitstag im Studio, über den Streit mit Amy, von dem er gar nicht mehr wirklich sagen konnte, um was es eigentlich gegangen war, bis hin zu dem mehr als seltsamen Abend im Krankenhaus, der Amy ganz offensichtlich vollkommen aus der Bahn geworfen hatte.
Je länger er mit ihr zusammen war, um so mehr Rätsel gab sie ihm auf. Er meinte sich erinnern zu können, dass es einmal eine Zeit gegeben hatte, in der er ganz genau wußte was in ihr vorging, doch jetzt war dies alles auf den Kopf gestellt. Sie reagierte nicht mehr so, wie er es erwartete, sie redete anders, als er es von ihr gewohnt war und sie schien tief in sich nur noch aus Verwirrung und Schmerz zu bestehen.
Diese ganzen Aspekte machten ihn eindeutig mehr als nervös und während er vor dem Behandlungszimmer darauf gewartet hatte, dass Amy wieder heraus kam, hatte er mehr als einmal darüber nachgedacht sich an einen der Ärzte zu wenden und ihn zu fragen, was mit seiner Freundin im Moment los war. Doch da auch ihm klar war wie verrückt es sich anhören mußte, wenn er davon berichtete, wie Amy in der vergangenen Nacht aufgewacht war und nicht mehr zu wissen schien, wer und wo sie eigentlich war, wie sich ihr Wesen seit diesem Moment um hundertachtzig Grad gedreht hatte und dass sie plötzlich wildfremden Menschen hinterher rannte und sie Mom und Dad nannte, hatte er lieber geschwiegen.
Seine Augen liebkosten ihr Gesicht, folgten der geschwungenen Linie ihres Nackens, der von ihrem dunklen, weichen Haar bedeckt wurde und streckte dann die Hand aus, um ihr eine feine Haarsträhne aus der Stirn zu streichen.
Sie war so schön und im Moment so verletzlich, dass sich sein Herz vor Liebe und Kummer schmerzhaft zusammen zog. Vorsichtig rutschte er ein Stück näher an sie heran und beugte sich über sie. Mit geschlossenen Augen sog er tief ihren Duft ein, seine Lippen strichen federleicht über ihre Wange und die ganze Zeit hoffte er dabei, dass sie nicht aufwachen würde und ihn so sah.
Eigentlich sollte er wütend auf sie sein.
Eigentlich war sie ihm doch egal.
Eigentlich hatte sie sein Herz in tausend Teile gebrochen und das mehr als einmal.
Eigentlich ...
Das Problem war, dass „eigentlich“ nicht mehr wirklich zählte. Er hatte heute im Laufe von wahrscheinlich nicht einmal sechs Stunden, die er an diesem Tag mit ihr verbracht hatte, so viel für sie empfunden, wie in den gesamten letzten drei Monaten nicht mehr. Plötzlich begehrte er sie wieder, plötzlich wollte er wieder in ihrer Nähe sein, plötzlich hatte er wieder das Bedürfnis sie zu berühren, in sie hinein zu sehen, an ihren Gedanken und Gefühlen teil zu haben, sie zu lieben.
Die Wut und Enttäuschung, die er bis gestern Abend noch für sie empfunden hatte und die trotz allem immer wieder in ihm aufflammte, verblasste ganz langsam und das machte ihn unbestreitbar nervös. Wenn er diese Schutzmauer aufgab, wenn er sich wieder auf sie einließ, wenn er tatsächlich wieder anfing daran zu glauben, dass sie die eine Frau für ihn war, bot er ihr damit so viel Angriffsfläche, dass sie ihn mühelos vernichten konnte. Sollte er das wirklich zulassen?
Er rückte wieder ein Stück von ihr ab, lehnte seine Schläfe an das Kopfteil des Bettes und sah sie weiterhin einfach nur an.
Gott sei Dank war mit ihrem Finger so weit alles in Ordnung. Sie hatte sich eine tiefe Schnittwunde zugezogen, aber das würde wieder heilen und ihrem Klavierspiel damit nicht schaden. Doch sie hatte keineswegs so erleichtert reagiert, wie er sich das gedacht hatte. Vielmehr wirkte sie wie versteinert, während er sie aus dem Krankenhaus hinaus zum Auto und nach Hause brachte.
Und die beiden fremden Menschen im Krankenhaus gingen ihm auch nicht mehr aus dem Kopf. Amy hatte die Frau mit „Mom“ angesprochen, bis ihr scheinbar die Verwechslung aufgefallen war. Das Problem war nur, dass ihre Eltern diesen beiden Personen nicht im entferntesten ähnlich sahen. Er hatte sie vor einem guten halben Jahr kennen gelernt, als sie sie in Florida besuchten.
Amys Mom war groß, schlank und dunkelhaarig, ihr Vater ebenfalls groß, mit breiten Schultern und einem athletischem Körperbau, den er endlosen Stunden im Fitneßstudio verdankte, wie er Alex erklärt hatte. Außerdem mochte Amy ihre Eltern noch nicht einmal sonderlich. Sie redete kaum von ihnen und hatte auch keine enge Beziehung zu ihnen.
Was war dann also da im Krankenhaus passiert? Wieder eine von tausend Fragen, auf die er keine Antwort wußte.
Er fühlte, wie Unruhe ihn erfaßte. So leise wie möglich und ganz vorsichtig schlug er die Bettdecke zurück, schob sich lautlos aus den warmen Kissen und kontrollierte dann noch einmal, ob Amy auch gut zugedeckt war und immer noch tief schlief. Dann verließ er das Schlafzimmer, schaltete gleich darauf im Wohnzimmer die Stehlampe in der Ecke ein und zündete sich eine Zigarette an.
Er mußte mit jemandem reden, so viel stand fest.
Er griff zum Telefon und verharrte einen Moment mit dem Hörer in der Hand. In Gedanken ging er seine möglichen Ansprechpartner durch, strich sofort die, die Amy nicht kannten, sortierte bei den anderen ebenfalls aus und wählte schließlich die Nummer seiner Mutter. Er hoffte, dass sie noch nicht schlief, wußte aber andererseits, dass ihm selbst das im Moment egal gewesen wäre.
Nach dem dritten Klingeln nahm sie ab und hörte sich Gott sei Dank noch wach und aufnahmefähig an.
„Hey Mom,“ begrüßte er sie und ließ sich auf das Sofa fallen.
„Alex? Schön dich zu hören. Alles in Ordnung?“ hörte er ihre vertraute Stimme aus dem Hörer und sofort wurde ihm etwas leichter ums Herz.
„Warum gehst du eigentlich immer davon aus, dass bei mir irgend etwas nicht stimmt, wenn ich dich anrufe?“ schmunzelte er.
„Erfahrung?“ gab sie lediglich zurück und er konnte ihr Lächeln dabei beinahe vor sich sehen.
„Hm. Ausnahmsweise geht es mal nicht um mich,“ entgegnete er.
„Sondern?“
„Um Amy.“
„Ich habe die Fotos gesehen,“ hörte er seine Mom sagen und er schloß gequält die Augen. „Wie kommst du damit klar?“
„Nicht wirklich gut,“ gab er zu.
„Das kann ich verstehen. Was sagt sie denn dazu?“
„Das übliche. Sie versucht sich heraus zu reden, es wäre alles ganz anderes gewesen und so weiter und so weiter.“
„Naja ... wir beide wissen doch am besten, wieviel man den Medien glauben darf, oder?“ gab sie zu bedenken.
„Aber Mom, sei doch mal ehrlich. An den Bildern ist nichts, das man falsch deuten könnte, oder? Sie hat ihn geküßt und das sah nicht nach einem flüchtigen Bussi aus. Sie hatte die Augen zu und ihre Hand an seiner Wange.“
Und da war sie wieder die Wut und Enttäuschung. Eigentlich hatte er seine Mutter gar nicht deswegen angerufen, doch jetzt war er ihr beinahe dankbar dafür, dass sie ihn ein wenig zurück auf den Boden der Tatsachen geholt hatte.
„Ich möchte mir darüber eigentlich kein Urteil erlauben,“ hörte er sie sagen. „Das ist eine Sache, die du mit ihr ganz alleine klären mußt.“
„Ich weiß,“ seufzte er.
„Hast du deshalb angerufen?“ fragte sie vorsichtig.
„Nein. Eigentlich nicht. Oder doch, irgendwie schon. Ach, ich weiß auch nicht.“
„Was ist los?“
Der mitfühlende Klang in ihrer Stimme wärmte ihn von innen und er dankte Gott und allen guten Geistern, dass er seine Mom hatte.
„Amy ist los,“ begann er also. „Gestern Nacht ist sie von einem Albtraum aufgewacht und seit dem ... ist sie ... total komisch.“
„Inwiefern komisch?“
„Kannst du dir vorstellen, dass sie eine ganze Weile nicht gewußt hat, wer und wo sie ist und wer ich bin?“
„Was?“ seine Mutter klang entsetzt.
„Ganz ehrlich Mom, das ist total unheimlich. Sie steht manchmal vor dem Spiegel und starrt sich an, als sehe sie eine komplett Fremde vor sich. Ich mache mir wirklich große Sorgen um sie.“
„Ihr solltet zu einem Arzt gehen,“ sagte seine Mutter.
„Ja, das dachte ich auch, aber sie weigert sich. Sie sagt, es sei alles in Ordnung und ihr gehe es gut. Sie war heute ja den ersten Tag im Studio und irgendwie ... sie kam total verändert zurück. So ... aufgekratzt und glücklich. So habe ich sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr erlebt.“
„Hm. Und sonst? Verhält sie sich normal?“
„Was heißt in Amys Fall schon normal?“ gab er zu bedenken.
„Du weißt was ich meine Alex. Glaubst du, sie nimmt irgendwelche Drogen?“
So unvermittelt an seine eigene Alkohol- und Drogenvergangenheit erinnert, schluckt er kurz, während er in Gedanken noch einmal Amys Verhalten von allen Seiten beleuchtete.
„Ich weiß nicht. Nein, ich glaube nicht. Und wenn ja, muß das ein ganz abgefahrenes Zeug sein. Im Übrigen hat sie sogar mit dem Rauchen aufgehört und wirkt dabei so, als mache ihr das überhaupt nichts aus. Sie ist einfach total seltsam.“
„Erst seit gestern Nacht oder schon davor?“ fragte seine Mutter weiter.
Er dachte noch einmal einen Moment darüber nach. „Ich glaube, tatsächlich erst seit sie gestern Nacht aufgewacht ist.“
„Was ist davor passiert?“
„Wir hatten einen riesigen Krach wegen der Fotos und unserer ganzen, verkorksten Beziehung. Du weißt schon, ich habe ihr vorgeworfen, dass sie mich nur benutzt, sie hat zurück geschossen, dass ich sie nicht mehr beachte ... der ganze, übliche Müll eben.“
„Und dann ist sie heute morgen ganz normal ins Studio gefahren?“
„Ich habe sie hingebracht, weil sie das so wollte.“
Für einen Moment blieb es still in der Leitung, dann fuhr er fort. „Sie war ... wie ausgewechselt irgendwie. Plötzlich hat sie eingelenkt, sich sogar entschuldigt. Sie hat wieder Klavier gespielt und gesungen und gesagt, sie würde eigene Songs schreiben, von denen ich bis dato aber noch nie etwas gehört habe. Und sie dachte, ihr beste Freundin wäre ein „Er“. Sie ist einfach total seltsam Mom und ich weiß nicht, was ich tun soll. Und das beste war ... ,“ fügte er noch hinzu, als ihm die seltsame Episode im Krankenhaus wieder einfiel „ ... ich mußte sie heute in die Notaufnahme bringen, weil sie sich in den Finger geschnitten hat.“
„Ach du meine Güte,“ kam es prompt vom anderen Ende der Leitung.
„Keine Panik, alles halb so schlimm. Aber das abgefahrenste war, als sie zwei wildfremden Menschen hinterher gerannt ist und gedacht hat, das wären ihre Eltern! Sie sahen denen noch nicht einmal ansatzweise ähnlich und trotzdem war sie total aus dem Häuschen.“
Je länger er sprach um so seltsamer fühlte es sich an. Das klang ja tatsächlich so, als erzähle er eine besonders gruselige Geschichte aus der Twilight Zone, nur mit dem Unterschied, dass dies hier durchaus real war. Und dabei hatte er die vielen seltsamen Kleinigkeiten wie die Sache mit seinen T-Shirts, die sie plötzlich trug, noch gar nicht erwähnt.
„Irgendwie klingt das alles, als hätte sie eine Art Nervenzusammenbruch erlitten,“ meinte seine Mutter schließlich nachdenklich. „Der Streit mit dir, die neuen Aufnahmen, die für sie ja auch sehr wichtig sind, dann verletzt sie sich auch noch ... ganz ehrlich Alex, du solltest noch einmal darauf drängen, dass sie zu einem Arzt geht.“
Er seufzte und fuhr sich mit der freien Hand müde über das Gesicht. „Du hast ja recht. Es ist nur ... ,“ er stockte und biß sich auf die Unterlippe. Vielleicht sollte er jetzt lieber nicht weiter reden.
„Ja?“ ermunterte ihn seine Mutter.
„Ich weiß, das hört sich jetzt vollkommen verrückt an, aber ... ,“ er verstummte erneut. Er konnte unmöglich aussprechen, was ihm gerade durch den Kopf ging. Wie hörte sich das denn an?
„Na komm schon Sohn. Du weißt doch, ich bin einiges gewohnt.“
„Ja, ich weiß. Aber trotzdem ... ,“
„Jetzt sag schon, oder muß ich mich in den nächsten Flieger setzen?“
„Nein, nein. Nicht, dass ich dich nicht gerne hier hätte, aber ... ,“
„Ja, ja. Also?“
Er seufzte und nahm dann seinen gesamten Mut zusammen. „Die neue Amy gefällt mir wesentlich besser als die alte,“ gab er beinahe flüsternd zu. „Ist das nicht schlimm?“
Seine Mutter schwieg und er fühlte so etwas wie Angst in seinen Eingeweiden aufblühen.
„Vielleicht ist das ja dein Problem,“ hörte er sie sagen und wußte im ersten Moment überhaupt nicht, was sie ihm damit mitteilen wollte.
„Wie meinst du das?“
„Mal ehrlich ... wenn du in der Vergangenheit von Amy gesprochen hast, war da schon so eine gewisse Resignation zu spüren gewesen. Vielleicht war dir das gar nicht bewußt, aber ich habe eigentlich nur noch darauf gewartet, dass dein Anruf kommt, in dem du sagst, dass du uns besuchen kommst, weil wieder mal eine deiner Beziehungen in die Brüche gegangen ist.“
„Kann schon sein,“ gab er zögernd zu.
„Und jetzt entdeckst du plötzlich wieder Dinge an ihr, die du liebst und die dich daran erinnern, warum du einmal mit ihr zusammen gekommen bist.“
„Ich weiß,“ nickte er unbehaglich.
„Das macht dir Angst,“ stellte sie fest.
„Ja.“
Sie schwiegen beide und ließen diese Erkenntnis einen Moment sacken.
„Aber das alleine kann es nicht sein Mom. Wirklich! Wenn du sie erleben könntest ... ,“
„Ich streite ja gar nicht ab, dass sie irgendwie seltsam ist. Und das ist sie, wenn das stimmt, was du mir da alles erzählt hast. Ich gebe nur zu bedenken, dass du die ganze Sache vielleicht einfach mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten solltest. Wenn du das Gefühl hast, dass sie glücklich ist und wenn ihr euch dadurch wieder annähert, bleibt doch die Frage, ob du wirklich wissen mußt, warum sie plötzlich so anders ist.“
Er seufzte erneut und rutschte etwas tiefer in die Polster. Hatte seine Mutter recht? Konnte es so einfach sein?
„Ich glaube, darüber muß ich erst einmal nachdenken,“ gestand er.
„Das ist in Ordnung. Aber wenn du dir weiterhin Sorgen um sie machst, dann bring sie zu einem Arzt. Etwas anderes kann ich dir leider nicht raten.“
„Ich verstehe,“ nickte er und wurde dabei das Gefühl der Beklemmung nicht los, das sich unvermittelt um sein Herz gelegt hatte.
War Amy tatsächlich krank? Und wenn ja, wollte er, dass sie geheilt wurde? Wollte sie es?
Und wieder neue Fragen, die sich vor ihm auftürmten. Es war zum Verrückt werden.

Kapitel 13