Kapitel 11
Keylie hasste Krankenhäuser und manchmal war sie versucht zu glauben, dass es jedem Menschen auf diesem Planeten so erging. Alleine der Geruch nach Desinfektionsmitteln und Krankheit, der ihr entgegenschlug als sie neben Alex durch die großen Glasschiebetüren in die Notaufnahme des L.A. Hospitels trat, verursachte ihr Übelkeit.
Nun ja ... genau genommen war ihr bereits übel, seit sie sich mit dem verdammten Messer geschnitten hatte, aber jetzt kam noch ein Gefühl der Beklemmung hinzu, so dass sie am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht hätte. Doch Alex Hand in ihrem Rücken ließ ihr keine andere Wahl, also trat sie neben ihn an die Anmeldung heran und lehnte sich, immer noch leise zitternd, gegen den Empfangstresen.
Ihre Augen huschten über die Vielzahl an Patienten, die auf unbequem aussehenden Plastikstühlen saßen und darauf warteten, dass sie aufgerufen wurden. Es herrschte eine unübersehbare Hektik. Schwestern und Pfleger in weißen Uniformen und Ärzte mit Stethoskop um den Hals und müden Augen hasteten durch die Gänge und selbst die bunten Kunstdrucke an den Wänden konnten diesem Raum nicht die bedrückende Atmosphäre nehmen.
In ihrer Nähe weinte ein Baby, in einer der hinteren Ecken stritt sich ein offensichtlich schwer angetrunkenes Paar lautstark und das alles wurde von leiser Supermarktmusik aus kleinen Boxen in der Decke berieselt. Keine Frage: Sie wollte hier raus und das möglichst schnell.
Danke Mr. McLean, hörte sie die Schwester hinter der Anmeldung gerade sagen. Füllen Sie bitte dieses Formular aus. Eine Schwester wird sie gleich abholen.
Vielen Dank, nickte Alex, zog ein Klemmbrett zu sich heran, auf das ein weißer Fragebogen geheftet worden war und schob Keylie dann auf zwei der Plastikstühle in der Nähe zu.
Dankbar, dass sie sich setzen konnte, ließ Keylie sich gleich darauf auf einen der Sitze fallen, lehnte den Kopf gegen die Wand in ihrem Rücken und schloß die Augen. Ihre Hand pochte und brannte immer noch wie verrückt und sie fühlte sich unangenehm blutleer und schwach.
Wie geht es dir? drang Alex leise Stimme in ihr Bewußtsein.
Nicht gut, gab sie genau so leise zurück.
Seine Hand legte sich auf ihr Knie, was sie dazu veranlaßte, die Augen wieder zu öffnen und zu ihm hinüber zu sehen.
Hab keine Angst, sagte er mit einem angedeuteten Lächeln. Die flicken dich hier ganz schnell wieder zusammen und morgen sieht alles schon ganz anders aus.
Und wenn ich ... , sie schluckte und senkte den Blick hinunter auf das inzwischen blutgetränkte Handtuch. ... nicht mehr ... Spielen kann?
Sie hörte, wie er leise seufzte und sich der Druck seiner Finger auf ihrem Bein verstärkte.
Daran darfst du erst einmal gar nicht denken. Du hast dich geschnitten, das kann vorkommen. Bestimmt ist in ein paar Tagen alles wieder beim Alten.
Hm, nickte sie wenig überzeugt.
Na komm. Laß uns dieses blöde Formular ausfüllen, versuchte er sie abzulenken, zog seine Hand von ihrem Knie und nahm den Kugelschreiber zur Hand, der an einer dunklen Kordel an dem Klemmbrett befestigt war.
Keylie beobachtet, wie er in akkuraten Blockbuchstaben ihren Namen und Adresse eintrug, dann zog er ihre Versicherungskarte aus der Gesäßtasche seiner Jeans hervor und übertrug ihre Versicherungsnummer in das Formular.
Irgendwelche Allergien? fragte er.
Keylie wurde es mulmig. Sie hatte keine Ahnung, ob Amys Körper auf irgend etwas allergisch reagierte.
Nicht dass ich wüßte, oder? gab sie vorsichtig zurück.
Ich schätze mal, Allergie gegen Hausarbeit ist hiermit nicht gemeint, versuchte er zu scherzen, entlockte ihr damit allerdings nicht einmal den Ansatz eines Lächelns.
Schnell kreuzte er die Frage mit Nein an.
Kinderkrankheiten? fragte er dann weiter.
Nein, gab Keylie zurück, da sie auch hiervon keine Ahnung hatte.
Irgendwelche chronischen Erkrankungen in deiner Familie? Herzprobleme, Krebs, Geisteskrankheiten? fragte er weiter und kreuzte jeweils ein nein an, nachdem Keylie jedes Mal mit dem Kopf schüttelte.
Kannst du das unterschreiben? fragte er dann zum Abschluß und Keylie sah automatisch auf ihre unverletzte, rechte Hand hinunter.
Ich könnte es versuchen, nickte sie.
Als auch das geschafft war, erhob sich Alex mit der Bemerkung ich gebe das nur schnell ab, ja? Bin gleich wieder da, und trat auf die Anmeldung zu.
Erschöpft lehnte Keylie erneut ihren Kopf gegen die Wand. Sie fühlte sich unglaublich verloren und allein. Sie sehnte sich plötzlich und unerwartet nach ihrem alten Leben, in dem sie wußte, ob sie auf etwas allergisch reagierte, in dem sie ihre Mom angerufen hätte und die sofort zu ihr geeilt wäre, um ihr das Händchen zu halten und nach der Sicherheit ihres eigenen Körpers. Sie schluckte heftig. Sie hatte es noch nicht einmal einen ganzen Tag lang geschafft, eine andere zu sein. Warum klammerte sie sich weiterhin an ihr altes Leben, wo sie doch der Meinung war, dass es das nicht mehr wert war?
Doch bevor ihre Gedanken weiter in diese Richtung abschweifen konnten, erschien plötzlich ein Teil ihres alten Lebens so plötzlich und unerwartet auf der Bildfläche, dass sie für einen Moment komplett vergaß, dass sie nicht mehr Keylie Constance war.
Mom? Dad? stieß sie hervor und war bereits von ihrem Stuhl in die Höhe gesprungen.
Die kleine, runde Frau mit den rötlichen Locken wirkte unglaublich müde, während sie von ihrem Mann durch die Reihen der Patienten geschoben wurde. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet und sie klammerte sich wie eine Ertrinkende an den Arm von Keylies Dad, der groß und unerschütterlich wie ein Fels an ihrer Seite wirkte.
Mom! rief sie nun noch etwas lauter und schlängelte sich leicht schwankend durch die endlos erscheinenden Reihen von roten Plastikstühlen.
Amy? hörte sie Alex hinter sich rufen, doch sie beachtete ihn gar nicht.
Sie wollte zu ihrer Mom, sich in ihre Arme werfen und darauf vertrauen, dass jetzt endlich alles wieder gut werden würde.
Nicht einmal zwei Schritte trennte sie noch von ihren Eltern, als sie hinter ihnen durch die Schiebetür in die samtige Abendluft L.A.s hinaus trat.
Mom, warte! rief sie noch einmal und berührte die Frau gleich darauf an der Schulter.
Diese zuckte so heftig zusammen, dass Keylie für einen Moment Angst hatte, sie würde hier direkt vor ihren Füßen einen Herzinfarkt erleiden, während ihr Vater zu ihr herum fuhr und sie aus großen, fragenden Augen anstarrte. Keylie erschrak, als sie auch in seinem Gesicht Schmerz und Leid lesen konnte und ihr in diesem Moment bewußt wurde, dass sie nicht mehr wie Keylie aussah.
Für ein paar Sekunden standen sie sich wie erstarrt gegenüber, bevor Keylie ihre Sprache wieder fand und einen vorsichtigen Schritt zurück trat.
Tut mir leid, murmelte sie und hatte das Gefühl, dass sie das Gefühl der Sehnsucht innerlich zerriß. Ich habe sie wohl ... verwechselt.
Das ... macht ... doch nichts, schniefte ihre Mutter und Keylie hätte sie am liebsten in den Arm genommen.
Sie haben da aber eine ziemlich schwer Wunde, wie? fragte ihr Dad mitfühlend und in Keylies Augen sammelten sich Tränen.
Ihren Vater so verzweifelt zu sehen schnitt ihr mitten ins Herz. Normaler Weise war er der ruhige Pol in ihrem Leben. Immer beherrscht, manchmal auch unfreiwillig komisch und ganz sicher ein Ausbund an Verläßlichkeit und Kompetenz. Jetzt wirkte sein Gesicht grau, seine Augen hatten das Lächeln verloren und seine Mundwinkel zeigten nach unten.
Ach, das heilt schon, hörte sie sich sagen, dann berührte sie jemand am Arm.
Amy? Was machst du denn hier? hörte sie Alex besorgte Stimme.
Ich ... nichts ... ich ... habe wohl nur ... , stotterte sie und konnte dabei den Blick nicht von ihrer Mutter abwenden, die sich offensichtlich bemühte, ihre Fassung wieder zu erlangen.
Nur eine Verwechslung, sprang ihr Vater in die Bresche.
Entschuldigen sie bitte nochmals, beeilte Keylie sich zu sagen.
Keine Ursache, nickte ihr Dad, dann faßte er nach der Hand ihrer Mutter und mit einem letzten, kurzen Gruß drehten sie sich herum und gingen einfach davon.
Alles in Ordnung? fragte Alex, während er sich in ihr Blickfeld schob und ihr somit die Sicht auf ihre Eltern versperrte.
Nein, gab sie zu und versuchte die Tränen zurück zu halten.
Sie fühlte sich plötzlich wieder wie ein kleines Kind, das sich nichts sehnlicher wünschte, als von ihrem Dad in den Arm genommen zu werden, weil dort Sicherheit und Geborgenheit auf sie warteten.
Sie hörte Alex mitfühlend seufzen, dann schoben sich seine Arme vorsichtig um ihre Taille.
Das wird schon wieder, wirst sehen, sagte er leise.
Sicher, nickte sie, während ihre Augen überquollen und sie leise weinte.
Hey, murmelte er leise, zog sie noch etwas näher zu sich heran und achtete dabei darauf, dass er ihre verletzte Hand nicht berührte. Gleich darauf schmiegte sich ihre Wange an seinen breiten Brustkorb.
Sie fühlte, wie er ihr über das Haar streichelte und sie sanft auf den Kopf küßte.
Komm wieder mit rein. Wir sind gleich dran, du kriegst nen Verband und dann fahren wir wieder nach Hause, ja?
Hm, nickte sie und fühlte sich nicht in der Lage, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
Für einen Moment hatte sie das Gefühl, sich in einem luftleeren Raum zu befinden. Sie fühlte überdeutlich Alex Körper an ihrem, spürte die Wärme, die von ihm ausging und damit ein kleines Stückchen Geborgenheit in ihr Herz pflanzte, die sie eben noch so schmerzlich vemisst hatte.
Schließlich löste er sich von ihr, drehte sie herum und schob sie auf den Eingang der Notaufnahme zu. Das Bild hatte sich nicht verändert und trotzdem kam Keylie der Raum plötzlich noch kälter und abweisender vor.
Nur widerwillig ließ sie sich wieder auf ihren Stuhl nieder, während sich Alex neben sie setzte und einen Arm um ihre Schulter legte.
Ganz langsam klärten sich die undurchdringlichen Nebelwolken in Keylies Hirn. Die Geräusche um sie herum drangen wieder zu ihr durch, ihr wurde wieder bewußt, warum sie hier war, dass sie sich in die Hand geschnitten hatte und vielleicht damit ihre Karriere als Pianistin ruiniert hatte und dann durchflutete sie plötzlich eine Erkenntnis mit solcher Macht, dass ihr für einen Moment die Luft zum Atmen fehlte.
Ihre Eltern waren hier gewesen. Warum? Bedeutete das, dass der Körper von Keylie Constance auch in diesem Krankenhaus war? Lag sie vielleicht irgendwo in diesem Gebäude in einem Bett? Oder war sie ... vielleicht ... bereits ... tot?
Miss Salinas?
Eine junge Krankenschwester war plötzlich vor ihr aufgetaucht und schenkte ihr ein warmes, freundliches Lächeln.
Keylie konnte nur bewegungsunfähig zu ihr aufstarren. Was tat sie hier? Wer war sie? Was zum Teufel hatte das alles zu bedeuten?
Na komm schon Amy, hörte sie Alex sagen und mit weichen Knien und verwirrtem Geist stand sie auf und folgte der Schwester wie ein Roboter durch einen hellen, langen Flur.
Ich bin Keylie. Keylie Constance sagte sie sich immer wieder, während ihre Augen an den weißen Turnschuhen der Schwester vor ihr festklebten, die leise auf dem Linoliumboden quitschen.
Ich bin Keylie Constance. Ich bin Keylie Constance.
Doch als sie hinter der Schwester einen Behandlungsraum betrat, fiel ihr Blick als erstes auf einen Spiegel, der über einem kleinen, weißen Waschbecken gegenüber an der Wand hing. Ihr Gesicht war unnatürlich blass, ihre Augen lagen tief in den Höhlen und wirkten unnatürlich groß und sämtliches Leben schien aus ihnen gewichen zu sein.
Die Wahrheit sprang ihr also förmlich entgegen.
Sie war nicht mehr Keylie Constance.
Sie war auch nicht Amy Salinas.
Sie war verrückt. Komplett durchgedreht.
Und allein.