Kapitel 10
Keylies zitternde Knie trugen sie gerade noch bis in die Küche, dann quittierten sie endgültig ihren Dienst. Schwer ließ sie sich auf einen der Stühle fallen und versuchte irgendwie ihren inneren Aufruhr in den Griff zu bekommen. Ihr Herzschlag raste, ihre Hände zitterten so sehr, dass sie sie fest ineinander krampfte und in ihrem Schoß verschwinden ließ und ihr Gesicht fühlte sich kalt und dennoch fiebrig an.
Sie hatte nicht mit Alex gerechnet. Das war das eigentliche Problem.
Sie war unter die Dusche gestiegen und hatte dabei nur an ihren wundervollen Tag im Studio gedacht. Sie hatte noch einmal jede Note des neuen Songs ausgekostet, laut vor sich hin gesungen, dabei das stolze Gefühl genossen, sich mit Larry irgendwie geeinigt zu haben und an nichts anderes mehr gedacht.
Als sie dann vor dem Spiegel stand und den feinen Wasserdampf von der glatten Oberfläche wischte, hatte ihr allerdings immer noch das fremde Gesicht aus dem Spiegel entgegengeblickt und wie immer hatte sie diese gravierende Abweichung von der Realität in ihrem Kopf in eine Art Schockzustand versetzt.
Als Alex sie so urplötzlich und unerwartet aus ihren verwirrten, ängstlichen Gedanken riss, war sie im ersten Moment beinahe froh gewesen ihn zu sehen. Er war für sie wie ein Rettungsanker, der sie im Hier und Jetzt hielt und der sie immer wieder daran erinnerte, dass sie tatsächlich existierte. Allerdings hatte die Erleichterung über sein Auftauchen nur so lange angehalten, bis ihr seine begehrlichen Blicke bewußt geworden waren, die jeden freien Zentimeter ihrer Haut förmlich in sich aufsaugten.
Ab da war ihr irgendwie alles entglitten.
Und das Schlimmste daran war, dass ihr Körper ganz automatisch auf ihn reagiert hatte. Sie schloß die Augen, während sie noch einmal seine Hände auf ihren Hüften fühlte, ihre Halsbeuge begann zu kribbeln, als würden sie seine Lippen noch einmal liebkosen und sie konnte beinahe seinen herben, männlichen Duft riechen, der ihr in die Nase gestiegen war, als er sie gegen das Wachbecken drückte.
In diesem Moment war sie sich plötzlich nicht mehr sicher gewesen, welcher Teil von ihr gerade die Führung übernommen hatte. War sie es Keylie die sich nach der Berührung seiner Lippen sehnte, oder war der verschüttete Geist von Amy erwacht und hatte ganz automatisch auf seine Zärtlichkeiten reagiert?
Ihre heftige Gegenwehr kam dann von ganz alleine. Flucht! An etwas anderes konnte sie in diesem Moment nicht denken und sie fühlte sich erst wieder einigermaßen sicher, als Alex wutentbrannt davon gestürmt war.
Leider war ihr auch bewußt, wie sehr sie ihn erneut verletzt hatte. Sie hatte in seinem Gesicht lesen können wie in einem offenen Buch und selbst mit ihrem beschränkten Hintergrundwissen über die Beziehung zwischen ihm und Amy war ihr klar gewesen, wie nahe sie dran war ihr neues Leben und alles was damit zusammen hing zu verlieren.
Auf dem Weg den langen Flur hinunter und hinüber zum Musikzimmer hatte sich dann ein weiterer, verwirrender Gedanke zu ihrem Gefühlschaos hinzu gesellt: Sie wollte Alex nicht verlieren. Und wie kurz zuvor im Badezimmer fragte sie sich ängstlich, ob dies nun ihr eigener Gedanke war, oder ob Amy sich in ihrem Kopf zu Wort gemeldet hatte.
Wie durch Watte hörte sie in diesem Moment, wie die Tür des Musikzimmers geöffnet wurde. Sofort riß sie die Augen wieder auf, spannte sich auf ihrem Stuhl an und lauschte auf seine näher kommenden Schritte. Würde er ihr Gesellschaft leisten oder sie nun erst recht ignorieren? Sie konnte sich nicht entscheiden, was ihr lieber war, also stand sie hektisch auf und wandte sich dem Kühlschrank zu. Sie wollte wenigstens ansatzweise den Eindruck erwecken, als handle sie ganz normal, als sei sie nicht urplötzlich in einem fremden Leben aufgewacht und als wäre ihr Verstand vollkommen gesund und klar.
Das Quitschen von Stuhlbeinen auf den hellen Granitfliesen verkündete ihr, dass er sich zu ihr gesellt hatte und ohne sich zu ihm herum zu drehen stellte sie fest von Vitaminen haben wir in der Vergangenheit nicht sehr viel gehalten, kann das sein?
Nicht wirklich, entgegnete er, dann zerschnitt das Klicken eines Feuerzeugs die Stille und gleich darauf stach Keylie der bittere Rauch seiner Zigarette in die Nase.
Auch etwa, das wir ändern sollten, nickte sie, reihte Eier, Milch, Käse und ein Stück Schinken nebeneinander auf der Arbeitsplatte auf, schloß leise die Kühlschranktür und drehte sich dann endlich zu ihm herum.
Er saß an der Schmalseite des Tisches, hatte die Füße auf den Stuhl gelegt, auf dem sie bis eben noch gesessen hatte und musterte sie aus unergründlichen, dunklen Augen.
Omelett? fragte sie und versuchte dabei zu lächeln.
Er zuckte lediglich mit den Schultern und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.
Keylie wandte sich wieder ihren Zutaten zu und stellte dann mit eisigem Schrecken fest, dass sie keine Ahnung hatte, wo sich was in dieser riesigen Küche befand. Wie mußte es wohl auf ihn wirken, wenn sie vor seinen Augen den Inhalt der gesamten Schränke nach einer Pfanne, Geschirr, Besteck und was sie sonst noch brauchte durchsuchte?
Möchtest du mir helfen? fragte sie deshalb hoffnungsvoll in seine Richtung, doch er blieb ruhig sitzen und schüttelte den Kopf.
Seufzend wandte sie sich wieder der Arbeitsplatte zu. In Gedanken kreuzte sie die Finger und öffnete den erstbesten Unterschrank. Sie fand eine Fülle von Schüsseln, Nudelsieben und Gefrierboxen und mit einiger Erleichterung stellte sie eine große Glasschüssel auf die gesprenkelte Granitarbeitsplatte.
In der nächsten Schublade, die sie aufzog, fand sie Besteck, das locker für mindestens zwanzig Personen ausreichte. Als hätte sie genau dies geplant zog sie eine Gabel hervor und legte sie neben die Schüssel. So weit so gut.
Die Suche nach Gewürzen, einem Schneidbrett und einem scharfen Messer gestaltete sich dann schon etwas schwieriger.
Alex verfolgte ihre Suche schweigend, während er mit undurchdringlicher Miene seine Zigarette rauchte. Schließlich erhob er sich langsam, kam zu ihr herüber und stützte sich neben sie auf der Arbeitsplatte ab.
Was brauchst du? fragte er und ihm war dabei nicht anzusehen, ob er sich über ihre plötzliche Orientierungslosigkeit wunderte.
Salz, Pfeffer, ein scharfes Messer und ein Schneidbrett, antwortete sie wahrheitsgemäß.
Mit einigen schnellen Handgriffen hatte er das benötigte vor Keylie abgestellt, dann zog er sich wieder auf seinen Stuhl zurück.
Danke, sagte sie leise und machte sich dann an die Zubereitung des Omeletts.
Ich wundere mich, dass du überhaupt etwas gefunden hast, hörte sie ihn sagen.
Wieso?
Weil du die Küche bisher eigentlich nur zum Kaffeekochen genutzt hast, kam es zurück.
Keylie schwieg. Jedes Wort hätte sie sowieso nur noch tiefer in ihr Lügengebilde hinein getrieben.
Ich wußte bis heute noch nicht einmal, dass du überhaupt kochen kannst, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.
Ein Omelett zuzubereiten fällt nicht wirklich unter die Rubrik kochen, gab sie lächelnd zurück.
Ach ja? Was hättest du uns denn gezaubert, wenn der Kühlschrank voll gewesen wäre?
Ich weiß es nicht, gab sie ausweichend zurück. Erzähl mir lieber, wie dein Tag gelaufen ist, fügte sie hinzu, um ihn von sich abzulenken.
Gut. So wie immer würde ich sagen, entgegnete er.
Was bedeutet so wie immer ? Wie weit seid ihr mit euren Aufnahmen?
Ich denke, wir haben gut die Hälfte, gab er bereitwillig Auskunft und Keylie begann sich langsam zu entspannen.
Gibt es einen Song, der dir besonders am Herzen liegt? fragte sie weiter, während sie unbehaglich feststellte, dass sie immer noch keine Pfanne hatte.
Da gibt es ein paar.
Wie ist das? Schreibt ihr selbst oder habt ihr Songwriter? fragte sie weiter, während sie versuchte, möglichst unauffällig in einige Unterschränke hinein zu sehen.
Teils, Teils, entgegnete er.
Sie hörte wie er sich erhob, gleich darauf trat er so dicht neben sie, dass sie den Luftzug an ihrer Wange spüren konnte, als er an ihr vorbei eine der oberen Schranktüren öffnete und auf die Pfannen und Töpfe deutete ich schätze, du suchst das hier.
Danke, nickte sie und stellte gleich darauf eine der Aluminiumpfannen, die so aussah als wäre sie nagelneu, auf den Herd.
Jetzt noch eine Zwiebel und ich bin glücklich, lächelte sie verlegen.
Mir wäre neu, dass du so leicht zufrieden zu stellen bist, stichelte er, hob aber bereitwillig den Deckel einer Keramikschale in die Höhe, die neben dem Herd stand. Bitte sehr.
Danke, nickte sie erneut.
Keine Ursache, gab er zurück und schlurfte dann wieder zurück zu seinem Platz.
Wie geht es Larry? fragte er, während sie die Zwiebel häutete und sie in der Mitte durchschnitt.
Larry? bei diesem Namen lächelte sie in sich hinein. Sie ist irgendwie seltsam, kann das sein? Sie sah zu ihm hinüber. Seine Miene war immer noch ausdruckslos, aber sie meinte sich einzubilden, dass der harte Glanz aus seinen Augen verschwunden war.
Sag das nicht mir. Ich habe nie ganz verstanden, was euch beide verbindet.
Hm ... sie ist ehrlich, entgegnete sie nachdenklich. Das mag ich. Und sie hat ein Gespür für den richtigen Song, auch wenn sie ... uhm ... wie soll ich das sagen ... manchmal in ziemlich festgefahrenen Bahnen denkt.
Sie ist gemein, oberflächlich und hinterhältig, gab Alex bestimmt zurück.
Kennst du sie so gut? fragte Keylie und richtete ihren fragenden Blick wieder auf ihn.
Schwerer Fehler.
Noch bevor sie den Schmerz fühlte wußte sie, dass das Messer nicht wie geplant die Zwiebel geteilt hatte. Keylie schrie auf, mehr vor Schreck als vor echtem Schmerz, das Messer fiel klirrend zu Boden und sie zog ihre Hand automatisch zu sich heran um sich den bereits stark blutenden Finger in den Mund zu stecken.
Nicht, hörte sie Alex sagen, dann griff seine Hand bereits unnachgiebig nach ihrem Handgelenk und zog sie zum Spülbecken hinüber.
Bevor sie überhaupt reagieren konnte hatte er den Wasserhahn aufgedreht und ihre Hand unter das fließende Wasser gehalten. Und nun setzte auch der Schmerz ein. Ihre gesamte Hand brannte, als hätte sie sich nicht nur in den Finger geschnitten sondern ihn gleich komplett abgetrennt, das Wasser färbte sich augenblicklich beunruhigend kräftig rot und Übelkeit stieg in ihrem Magen auf.
Scheiße tut das weh, jaulte sie.
Laß mal sehen, murmelte er und zog ihre Hand kurz unter dem Wasserstrahl hervor, so dass sie beide die zwei rosa Hautlappen sehen konnten, die an ihrem Zeigefinger weit auseinander klafften.
Das sieht gar nicht gut aus, kommentierte er stirnrunzelnd, bevor er ihre Hand wieder unter den Wasserstrahl schob.
In Keylies Augen sammelten sich Tränen des Schmerzes, während sie leicht zu zittern anfing.
Komm her, hörte sie ihn sanft sagen, während er sie ein Stück zu sich heran zog und ein Handtuch um ihre Hand schlang. Blut tropft von ihrem Handgelenk hinunter auf den Boden, das Brennen in ihrer Hand weitete sich zu einem bestialischen Schmerz aus und ihr wurde schwindlig.
Setz dich, sagte er und drückte sie fürsorglich auf einen Stuhl. Ich befürchte, das Omelett muß noch ein bißchen warten. Jetzt ist erst einmal Notaufnahme angesagt.
Ich will nicht, stieß sie hervor.
Das ist mir, ehrlich gesagt, scheiß egal. Das muß sicherlich genäht werden, sagte er, dann drehte er sich herum und verließ die Küche. Gleich darauf kam er mit zwei Paar Schuhen in der Hand wieder zurück.
Kannst du sie selbst anziehen? fragte er, doch obwohl sie nickte ließ er sich vor ihr in die Hocke sinken und streifte ihr überraschend geschickt die Sneeker über die Füße.
Sie war ihm unendlich dankbar dafür, denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie das alleine geschafft hätte. Wahrscheinlich wäre sie vornüber vom Stuhl gekippt.
Sie registrierte eher am Rande, dass er durch die Wohnung hastete, sicherlich um Autoschlüssel und Papiere zusammen zu suchen, während ihr Blick wie festgefroren an dem Handtuch hing, das bereits an einigen Stellen durchgeblutet war. Eine eisige Faust des Schreckens legte sich um ihr Herz und nahm ihr für einen Moment die Luft zum Atmen. Was, wenn sie jetzt nicht mehr Klavierspielen konnte? Wenn sie irgendeinen Nerv oder eine Sehne so schwer getroffen hatte, dass sie ihre Finger nie wieder richtig bewegen konnte?
Die Tränen kullerten nun in Sturzbächen über ihre Wangen, während sich ihre unversehrte Hand um ihr Handgelenk krampfte weil sie meinte, den Schmerz so abstellen zu können. Abgehackt schnappte sie nach Luft und fühlte, wie sich die Welt um sie herum noch ein wenig schneller zu drehen begann.
Hey, hörte sie plötzlich wieder Alex Stimme und gleich darauf fühlte sie seine warme, weiche Hand auf ihrer Wange. Keine Sorge. Das wird schon wieder, hm?
K-Klar, schluchzte sie.
Na komm. Ich fahr dich erstmal ins Krankenhaus.
Ich will nicht, wiederholte sie, stand aber folgsam auf als er sie am Ellenbogen fasste und sie sanft in die Höhe zog.
Ich weiß, gab er mit überraschend sanfter Stimme zurück. Aber da mußt du jetzt wohl durch.
Mit einer Hand an ihrem Ellenbogen führte er sie durch den langen Flur, löschte im Vorbeigehen sämtliche Lichter und trat gleich darauf mit ihr hinaus in den Sonnenuntergang, der sich wie flüssiges Gold über Los Angeles ausbreitete.
Ich bin so was von dämlich, presste Keylie durch ihre zusammengebissenen Zähne hervor.
Dem werde ich nicht widersprechen, entgegnete Alex belustigt, dann öffnete er die Zentralverriegelung seines Geländewagens und schob Keylie vorsichtig auf den Beifahrersitz.
Sie schloß die Augen, als sich der Wagen in Bewegung setzte und versuchte an etwas schönes zu denken. Doch zu ihrem großen Entsetzen fiel ihr auf die Schnelle rein gar nichts ein.