Kapitel 5
Alex lag hellwach in seinem Bett und starrte zur Couch mit der zerwühlten Decke hinüber. Noch im Halbschlaf hatte er gehört wie Amy sich aus ihrem provisorischen Nachtlager stahl und gleich darauf die Tür lautlos hinter sich zu zog. Danach war für ihn an Schlaf nicht mehr zu denken gewesen.
In Gedanken war er noch einmal die Ereignisse der vergangenen Nacht durchgegangen und auch jetzt, im Licht des neuen Tages, verstand er nicht wirklich, was mit Amy geschehen war. Er sah sie wieder vor ihrem Spiegelbild stehen, konnte den vollkommen entsetzten und verwirrten Ausdruck in ihren Augen nicht vergessen und schwankte dabei sekündlich zwischen der Angst, dass sie tatsächlich nicht gewußt hatte wer und wo sie war und der Wut darüber, dass sie ihn vielleicht doch mit einer derartigen Dreistigkeit zum Narren gehalten hatte.
Entnervt schlug er schließlich die Decke zurück und stand auf. Eigentlich war ihm überhaupt nicht danach sie jetzt zur Rede zu stellen, aber die rasenden Gedanken in seinem Kopf machten ihn beinahe wahnsinnig. Also würde er sie noch einmal auf gestern Nacht ansprechen und wenn sie wieder mit diesen fadenscheinigen Ausreden kam, war es für ihn wenigstens einfacher wütend auf sie zu sein, als sich weiterhin Sorgen zu machen.
Das Haus war beinahe beunruhigend still als er hinaus in den Flur trat. Keine Geräusche drangen aus der Küche und es lief auch keine Musik im Wohnzimmer, was normaler Weise ein untrügliches Zeichen dafür war, dass Amy wach und zu Hause war.
Mit einem kurzen Blick stellte er fest, dass sie sich in keinem der beiden Räume aufhielt und da es ansonsten in diesem Haus nicht mehr viele Möglichkeiten gab, wandte er sich schließlich der Tür zum Musikzimmer zu. Konnte es wirklich sein, dass sie diesen Raum wieder betreten hatte? Wenn dem so war, dann ...
Er hörte bereits ganz leise das Piano durch die schallgeschützte Tür, als er eine Hand auf die Türklinke legte und sein Magen zog sich augenblicklich schmerzhaft zusammen. Ob vor Aufregung, Freude, Wut oder Traurigkeit konnte er dabei noch nicht einmal wirklich sagen. Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem, die seine Knie weich werden ließ, als er die Tür lautlos und unendlich langsam aufschob.
Sie saß mit dem Rücken zu ihm am Piano, das strahlende Sonnenlicht, das durch die Fenster herein fiel, ließ ihr weißes Hemd aufleuchten und zauberte einen hellen Glorienschein um ihr dunkles Haar und ihre langen, nackten Beine bildeten ein beinahe kindlich wirkendes X unter dem Hocker.
Alex schluckte trocken und blieb wie vom Donner gerührt in der Türöffnung stehen. Seine Augen saugten jedes Detail an ihr in sich auf, seine Ohren waren wie verzaubert von ihrem feinen Klavierspiel und ihrer Stimme, die den gesamten Raum auszufüllen schien und sein Herz schlug schnell und beinahe schmerzhaft fest in seiner Brust.
Hätte ihm noch gestern Abend jemand gesagt, dass Amy sich freiwillig wieder an ein Klavier setzen würde, hätte er ihn für verrückt erklärt. Seit damals, als von ihrem so groß angekündigten Album nicht mehr als zwanzigtausend Kopien verkauft worden waren, hatte sie diesen Raum nicht mehr betreten. Sie hatte sich in sich selbst zurück gezogen, sämtliche Enttäuschung, Wut und Selbstzweifel in sich eingesperrt und einfach so weiter gemacht, als hätte es diesen kurzen Ausflug ins Musikbusiness nie gegeben.
Er hatte sich lange um sie bemüht, ihr versucht klar zu machen, dass jeder mal klein anfing und sie jetzt einfach am Ball bleiben mußte, doch sie hatte nicht auf ihn gehört. Im Grunde hatte sie ab da auf niemanden mehr gehört. Natürlich war ihm auch klar, dass genau dieser Tiefschlag der Auslöser für all ihre Probleme war, doch mit der Zeit hatte er nicht mehr die Kraft aufgebracht für sie beide Mut und Zuversicht zu verströmen.
Nach und nach war sie zu einer harten, kalten Mauer aus festem Granit geworden und sie jetzt hier, vor einem Klavier sitzen zu sehen, ihrem Spiel zu lauschen und das Echo ihrer Stimme in jeder Faser seines Körpers zu spüren, ließ ihn beinahe hoffen, dass es für sie beide vielleicht doch noch einen Ausweg gab.
Er konnte nicht sagen, was sie schlußendlich auf ihn aufmerksam gemacht hatte, doch ihr Spiel brach plötzlich abrupt ab und in einer ruckartigen Bewegung fuhr sie auf dem Hocker zu ihm herum. Ihre Augen waren unglaublich groß, rund und glasig, ihre Nasenflügel bebten und ihre Hände krampften sich in ihrem Schoß zusammen. Sie wirkte, als hätte sie Angst vor ihm und so rührte er sich erst einmal nicht vom Fleck, während er feststellen mußte, dass sie selten schöner ausgesehen hatte.
Guten Morgen, durchbrach ihre leise Stimme schließlich die angespannte Stille.
Ebenfalls guten Morgen, nickte er und versuchte zu lächeln, was sich allerdings ziemlich verkrampft anfühlte.
Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt, fuhr sie fort, immer noch mit diesem gehetzten Ausdruck im Gesicht.
Er schüttelte den Kopf. Es hat schon seinen Sinn, dass das Schlafzimmer und dieser Raum an entgegengesetzten Enden des Flurs liegen.
Hm, gab sie unbestimmt zurück und wußte scheinbar nicht wohin mit ihrem Blick.
Ich ... finde es großartig, dass du ... na ja ... wieder spielst, sagte er vorsichtig und wagte sich nun doch zwei Schritte vor.
Augenblicklich spannte sie sich an als mache sie sich gerade bereit zur Flucht und zögerlich blieb er mitten im Raum stehen.
Sie schwieg, also fuhr er fort. Den Song fand ich ziemlich gut. Ich habe ihn noch nie vorher von dir gehört, kann das sein?
Sie nickte zaghaft.
Wild Horses ... das gefällt mir, nickte er lächelnd.
Es ist lange her, dass ich ihn geschrieben habe, entgegnete sie leise.
Du solltest wieder damit anfangen.
Mit dem Schreiben?
Er nickte. Eigentlich hatte er gar nicht gewußt, dass sie überhaupt schon jemals einen eigenen Song geschrieben hatte, aber das was er da eben gerade gehört hatte klang unglaublich gut. Warum ihr letztes Album also von Armleuchtern geschrieben und produziert worden war, wollte ihm nicht so ganz in den Kopf.
Im Grunde habe ich nie mit dem Scheiben aufgehört, gestand sie. Es ist ..., sie zuckte mit den Schultern und richtete den Blick hinunter auf ihre Füße, die nervös zuckten. ... meine Art mich auszudrücken.
Er war zu verblüfft um irgend etwas darauf zu erwidern. Wenn sie tatsächlich in den letzten zwei Jahren, die sie hier nun schon zusammen wohnten, etwas eigenes geschrieben hatte, hatte er jedenfalls nichts davon mitgekriegt.
Jedenfalls ist es großartig, dass du gerade rechtzeitig deine Abneigung gegen Musikinstrumente abgelegt hast, sagte er schließlich mit einem schwachen Lächeln.
Wieso? fragte sie mit gerunzelter Stirn und er konnte im ersten Moment gar nicht glauben, dass sie ihn das wirklich fragte.
Weil heute dein erster Studiotag ist, gab er also mit einem Anflug von Ungeduld zurück.
St-Studio-t-tag? stotterte sie verständnislos.
Jetzt sag bloß nicht, du hast den Termin vergessen. So wie du dich darüber aufgeregt hast, dass das Label dich nach dem letzten Album nicht aus deinem Vertrag heraus gelassen hat ... Wie war das noch? Ich zitiere dann gehe ich eben am Montag da hin und liefere ihnen das größte Stück Scheiße der Musikgeschichte ab.
Sie sah ihn an, als hätte er vollkommen den Verstand verloren. Nun gut, dann waren sie wenigstens schon zu zweit.
Oh, sagte sie schließlich und er konnte nur den Kopf schütteln.
Amy. Bist du dir wirklich sicher, dass mit dir alles in Ordnung ist? Mal ehrlich ... wenn es hier nur darum geht, mir eine besonders gute Vorstellung zu liefern, damit ich das mit den Fotos vergesse, hast du die komplett falsche Strategie. Das ist ... ,
Nein, unterbrach sie ihn und das erste Mal klang ihre Stimme dabei fest und beinahe normal. Das ist es nicht. Ich ... tut mir leid. Ich glaube, ich bin einfach ziemlich nervös und ... ich weiß auch nicht ... das alles ... es macht mir Angst und ... und ... ich fühle mich irgendwie ... so ... hilflos und weiß nicht, was ich tun oder sagen soll oder ... , sie brach unvermittelt ab, schüttelte den Kopf und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Das ist ein Albtraum, hörte er sie murmeln.
Er seufzte leise und überwand nun auch noch die restliche Distanz zwischen ihnen. Vorsichtig ließ er sich vor ihr in die Hocke sinken, umfasste ihre eiskalten Hände und zog sie von ihrem Gesicht.
Du schaffst das schon, sagte er eindringlich. Du kannst das doch. Ich habe es eben mit eigenen Ohren gehört. Du hast eine wundervolle Stimme und du wirst heute da hin gehen und ihnen allen zeigen, dass du es drauf hast. Sieh es als Neuanfang.
Bestürzt stellte er fest, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.
Neuanfang? fragte sie leise.
Ja, nickte er. Du läßt heute einfach alles hinter dir und fängst noch einmal von vorne an.
Ein schwaches Lächeln legte sich auf ihre Lippen, während sie ihre Tränen erfolgreich hinunter schluckte und dann langsam nickte. Vielleicht hast du recht.
Und dass du das noch einmal sagen würdest, hätte ich auch nicht für möglich gehalten, entgegnete er nur halb im Scherz.
Verwundert stellte er fest, dass längst verschollen geglaubte Gefühle für sie in seinem Herzen aufflammten und ruckartig fuhr er in die Höhe.
Wir sollten uns langsam fertig machen, bevor wir noch zu spät kommen, sagte er und war dabei bereits auf dem Weg zur Tür.
Alex?
Ja? widerwillig drehte er sich an der Tür noch einmal zu ihr herum.
Danke, sagte sie leise.
Er brachte ein kurzes Nicken zustande, dann stand er wieder im Flur und verharrte für einen Moment regungslos vor der geschlossenen Tür in seinem Rücken. Was war nur in Amy gefahren? Konnte es sein, dass sie sich buchstäblich über Nacht wieder zu dem Menschen gewandelt hatte, den er einmal geliebt hatte? Wo war die kalte, kratzbürstige, chaotische, nervenaufreibende Frau hin gekommen, die ihm seit Wochen das Leben zur Hölle machte?
Es war unglaublich erschreckend, wie sie mühelos und nur mit einem einzigen Song, gepaart mit diesem Augenaufschlag, sämtliche seiner Schutzmechanismen durchbrochen hatte. Wo vorher Gleichgültigkeit und Resignation vorgeherrscht hatten, fühlte er plötzlich das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, sie zu küssen ... sie wieder zu lieben.
Wenn er ehrlich war hatte er die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet. Nur die Hoffnung, dass Amy sich vielleicht irgendwann wieder einkriegen und alles so wie früher werden könnte war der Grund, warum sie überhaupt noch zusammen waren. Doch jetzt, da dieser Moment da war, fühlte er unter den ganzen, verwirrenden Emotionen, die plötzlich wiederkehrten, wie Angst durch seine Adern zu pulsieren begann.
Denn eines stand für ihn felsenfest: Amy konnte man nicht trauen. Nicht mehr.