Kapitel 4

Keylie fand in dieser Nacht keinen Schlaf mehr. Ihre Gedanken rasten und ihr Herzschlag verlangsamte sich immer nur für einen kurzen Moment, nur um dann erschrocken wieder in die Höhe zu schnellen wenn sie darüber nachdachte, dass sie nach ihrem Unfall urplötzlich in einem fremden Körper und in einem fremden Leben aufgewacht war. Zumindest ging sie im Moment davon aus, dass dies mit ihr passiert war.
Natürlich ... diese Erklärung war eigentlich zu fantastisch und an den Haaren herbei gezogen um wirklich wahr zu sein, aber sie konnte sich etwas anderes einfach nicht vorstellen. Sie hatte dieses fremde Spiegelbild gesehen, sie spürte es, wenn sie die Fäuste ballte und sich ihre Fingerspitzen ungehindert in ihre Handflächen bohrten und sie konnte inzwischen auch ihren Körper spüren, der sich so ganz anders als ihr eigener anfühlte. Sie brauchte also kein Licht um zu sehen, was sich verändert hatte und trotzdem zermürbte sie die Dunkelheit langsam aber sicher.
Die Frage war doch, ob sich tatsächlich ihr gesamtes Umfeld verändert hatte, oder etwa ihr Verstand komplett durchgedreht war, sie also eigentlich im richtigen Körper und im richtigen Haus wach geworden war und dies nur nicht mehr wußte. Je länger sie über diese Theorie nachdachte, desto weniger wußte sie am Ende, was und wer sie nun wirklich war und mit offenen Augen in die Dunkelheit zu starren vermittelte ihr schließlich das beunruhigende Gefühl, dass sie nur noch aus ihrem komplett verqueren, durchgedrehten Verstand bestand und alles andere um sie herum nicht mehr wirklich existierte.
Sie versuchte sich abzulenken, in dem sie für eine Weile einfach davon ausging, dass ihr Verstand noch halbwegs gesund war und sie tatsächlich im Körper einer Fremden steckte. Wenn man also davon ausging, dass durch den Unfall irgend etwas ausgelöst worden war, das sie aus ihrem eigenen Selbst hier her katapultiert hatte, blieb doch wohl die Frage, was mit ihrem eigentlichen Körper passiert war. Existierte er noch? Oder befand sie sich tatsächlich in einer Art Parallelwelt, die zwar genau so wirkte wie ihre bisherige, in der es Keylie Constance aber nicht mehr gab? War das hier vielleicht das, was man unter „Wiedergeburt“ verstand? Das bezweifelte sie dann aber doch stark.
Wie sie es auch drehte und wendete, sie fand keine einzige Antwort auf ihre tausend Fragen.
Das leise Schnarchen, das vom Bett zu ihr herüber drang, erinnerte sie schließlich wieder daran, dass sie nicht nur in einem fremden Körper und in einem fremden Haus aufgewacht war, sondern auch an der Seite eines fremden Mannes. Eines Mannes, der die Frau ziemlich gut kannte, deren Körper sie in Besitz genommen hatte und der augenscheinlich ziemlich wütend auf sie war. Sie hatte ihn betrogen ... also ... natürlich hatte Amy ihn betrogen und nicht Keylie selbst, aber sie hatte seine Wut trotzdem beinahe körperlich spüren können und sie hatte nicht gelogen als sie sagte, dass es ihr leid tat.
Er hatte am Anfang so nett und besorgt gewirkt, so dass sie sich einfach nicht vorstellen konnte, dass er Amy irgendeinen Grund für ihr Verhalten geliefert hatte. Andererseits hatte Keylie ja nun überhaupt keine Ahnung davon, was in dieser Beziehung bisher vorgefallen war.
Verzweifelt fragte sie sich, warum sie nicht im Körper einer Singlefrau hatte aufwachen können. Dann hätte sie zwar immer noch genug Probleme am Hals, aber sie hätte sich nicht auch noch mit einer Beziehung herum schlagen müssen, die nicht ihre war.
Während sie also in der Dunkelheit lag und sich ihren rasenden Gedanken hingab, drang die Angst vor dem folgenden Tag durch jede einzelne Pore ihres Körpers. Ihr wurde bewußt, dass sie keine Ahnung hatte, was sie außerhalb dieser vier Wände erwartete. Sie hatte ja noch nicht einmal eine Ahnung, in welchem Land sie sich befand! Klar, Alex hatte in ihrer Muttersprache mit ihr geredet, aber das bedeutete eigentlich noch gar nichts. Vielleicht waren sie Auswanderer, die sich in Europa, Australien, Neuseeland, Kuba oder Afrika nieder gelassen hatten.
Andererseits konnte sie sich das nicht wirklich vorstellen. Dafür wirkte die Einrichtung des Zimmers zu amerikanisch.
Was allerdings offensichtlich war, war das viele Geld, das ihr quasi aus jedem Möbelstück und jeder Tapetenbahn entgegen gelacht hatte. Die Möbel in diesem Raum sahen allesamt ziemlich teuer aus, der Raum war, für ihre bisherigen Keylie-Constance-Verhältnisse, so groß wie eine Bahnhofshalle und wenn sie versuchte sich an die Badezimmereinrichtung zu erinnern, meinte sie goldene Wasserhähne vor sich zu sehen.
Als schließlich ganz allmählich die Sonne aufging und das erste, schmutzige Grau des neuen Tages durch die schweren Vorhänge sickerte, fühlte sie sich gleichzeitig wie erschlagen und vollkommen aufgekratzt. Ihr war, aus welchem Grund auch immer, ein neues Leben geschenkt worden. Und heute würde sich herausstellen, ob sich dieser Wechsel tatsächlich gelohnt hatte, oder sie lediglich vom Regen in die Traufe gelangt war.
Vorsichtig, um ja keinen Laut zu verursachen der Alex hätte wecken können, schob sie sich schließlich vom Sofa, schlich auf Zehenspitzen zur Zimmertür und schlüpfte gleich darauf in einen dämmrigen Flur. Erst als sie die Tür lautlos hinter sich geschlossen hatte, wagte sie es wieder zu atmen.
Aufmerksam sah sie sich um. Sie stand in einem langen Gang, der ab der Hälfte von deckenhohen Fenstern erhellt wurde. Während sie auf nackten Füßen den mit hellen Steinplatten ausgelegten Flur hinunter schritt, betrachtete sie interessiert die Gemälde an der Wand.
„Düster,“ murmelte sie, während sie die zumeist in dunklen Farben gehaltenen Kunstwerke betrachtete, die zwar keine konkreten Formen zeigten, aber eine unmißverständliche, dunkle Ausstrahlung hatten. Eher fasziniert als abgeschreckt schlenderte sie langsam weiter, bis ihre Aufmerksamkeit durch den überwältigenden Ausblick, den die ausgedehnte Fensterfront bot, abgelenkt wurde.
Vor ihr erstreckte sich ein rechteckiger Pool, der von drei Seiten vom Haus umschlossen wurde. Mehrere Liegen aus robustem, dunklem Holz standen an der Schmalseite zwischen riesigen Oleanderbüschen in Terrakottaübertöpfen und eine breite Schiebetür führte auf der anderen Seite wieder ins Haus hinein. Doch das alles registrierte sie lediglich am Rande. Ihr Blick wurde von der Stadt angezogen, die sich wie ein grauer, pulsierender Teppich direkt hinter dem Pool anzuschließen schien. Sie konnte zwar immer noch nicht sagen, um welche Stadt es sich hier handelte, aber der Anblick wirkte zumindest vertraut und nicht abstoßend.
Das Haus thronte auf einem Hügel und scheinbar hatte man den Pool bis an dessen Rand heran gebaut. Sie stellte sich vor, wie sie ihre Bahnen in dem herrlichen Wasser zog und dabei das Gefühl hatte, dass sie sich auf dem Gipfel der Welt befand. Keine Frage, Alex hatte auf jeden Fall Geschmack.
Und das bewies sich in so ziemlich jedem Zimmer, das sie auf ihrer Erkundungstour entdeckte.
Die Küche war groß, hell und freundlich. Die Fenster gewährten auch hier einen atemberaubenden Ausblick auf den Talkessel zu ihren Füßen und die großen Schiebetüren, die sie bereits vom Flur aus gesehen hatte, gingen hier auf die Terrasse hinaus.
Sie streifte eine Weile durch das geräumige Wohnzimmer, das gegenüber der Küche lag, untersuchte den Inhalt des CD-Schrankes, betrachtete die gerahmten Fotografien in den Regalen und öffnete mit einem leichten Anflug von schlechtem Gewissen ein paar Schubladen und Schranktüren.
Danach lief sie weiter den Gang hinunter, bog um eine Ecke nach links ab und öffnete dann nacheinander die Türen zu einem Wäscheraum, einer Abstellkammer, zwei Schlafzimmern und einem weiteren Bad, das sie allerdings nicht betrat, weil sie Angst vor ihrem eigenen Spiegelbild hatte und sich diesem Anblick noch nicht gewachsen fühlte.
Schließlich kam sie vor der letzten Tür an. Sie hielt einen Moment die Luft an und lauschte aufmerksam in das Haus hinein um zu ergründen, ob Alex vielleicht inzwischen wach geworden war, doch da es immer noch totenstill blieb, ließ sie mit einem leisen Zischen die Luft entweichen und drückte die Klinke der Zimmertür hinunter.
Ihre Augen wurden groß, als sich der Raum vor ihr auftat. Die Wände waren in einem kräftigen, dunklen Rot gestrichen, zwei große Fenster gingen hinaus auf einen riesigen Garten und es befand sich kein einziges Möbelstück hier drin. Dafür stand ein elektrisches Piano an der Wand, mehrere Gitarren lehnten in Ständern daneben, Bücher, Zeitschriften und Magazine stapelten sich an der Schmalseite, dazwischen standen leere Wasserflaschen aus Plastik, auf dem Boden waren Notenblätter ausgebreitet und ein Bleistift lag daneben, als hätte ihn gerade jemand aus der Hand gelegt.
Vorsichtig trat sie ein, registrierte dabei das angenehm warme Gefühl von weichem Teppich unter ihren nackten Fußsohlen und das aufgeregte Kribbeln in ihrem Magen, als sie an der Wand hinter der Tür noch mehr Instrumente und ein Schlagzeug ausmachte.
„Oh Mann,“ flüsterte sie ehrfürchtig, während sie die Tür hinter sich schloß und ihre Füße sie von ganz alleine zum Piano hinüber führten.
Vorsichtig ließ sie sich auf dem Hocker davor nieder, streichelte sanft die weißen Tasten und fühlte ein seeliges Grinsen auf ihrem Gesicht erstrahlen. Mit leicht zitternden Fingern schaltete sie das Piano ein, suchte dann einen Moment nach dem Lautstärkeregler und fand statt dessen einen Kopfhörer, der noch an das Instrument angeschlossen war.
Sie setzte ihn sich auf, schlug vorsichtig zwei Töne an und hielt sich dabei eine der Ohrmuscheln vom Kopf um sicher zu gehen, dass man auch wirklich nichts von ihrem Spiel hören konnte.
Dann schloß sie die Augen, legte ihre Hände auf die Tasten und begann langsam und vorsichtig zu spielen. Erschrocken stellte sie fest, dass sie beinahe vergessen hatte, dass sie in einem fremden Körper steckte. Dieser Umstand wurde ihr allerdings schmerzhaft vor Augen geführt als sie feststellen mußte, dass durch die unterschiedliche Länge ihrer Finger auch ihr Klavierspiel in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Sie benötigte fast eine halbe Stunde, um sich einigermaßen an diese neuen Abmessungen zu gewöhnen, bis sie endlich eine kurze Klangfolge sicher und ohne daneben zu greifen oder gleichzeitig zwei Töne anzuschlagen, spielen konnte.
Kopfschüttelnd nahm sie die Hände von den Tasten und starrte einen Moment beinahe verzweifelt vor sich hin. An unterschiedlich lange Finger konnte sie sich vielleicht noch gewöhnen und ihr Spiel darauf abstimmen, aber es war leider unmöglich etwas gegen eine unausgebildete oder untalentierte Stimme zu tun.
Ihr Herz pochte heftig, als sie sich den Kopfhörer von den Ohren zog, ihn in ihren Schoß legte und ihre Finger darum krampfte.
Sie mußte es wissen.
Sie mußte wissen ob sie mit dieser fremden Stimme noch singen konnte.
Sie wußte nur nicht, ob sie sich jetzt schon diesem Aspekt stellen konnte.
„Jetzt sei kein Hasenfuß,“ schallt sie sich selbst und merkte, dass sie unbewußt geflüstert hatte.
„Du kannst das, verdammt noch mal. Irgendeinen Sinn muß das Ganze hier doch haben, oder?“ sagte sie also etwas lauter und lauschte auf die Klangfärbung ihrer neuen Stimme.
Sie wirkte ein wenig heller und ihr fehlte es irgendwie an Tiefe, aber das sagte eigentlich erst einmal recht wenig über die eigentliche Gesangsstimme aus. Sie mußte es ausprobieren, ihr blieb gar nichts anderes übrig.
Vorsichtig legte sie den Kopfhörer beiseite und zog den Anschluß aus der Buchse am Piano. Dann plazierte sie ihre Hände erneut auf den Tasten und holte noch einmal tief Luft.
Wie in Trance fanden ihre Finger die richtigen Töne. Sie spielten eine einfache, traurige Melodie, die sie schon seit ihrem siebzehnten Lebensjahr in und auswendig konnte, weil sie sie selbst geschrieben hatte.
Dann begann sie zu singen.
Erst zögerlich und leise, dann immer kräftiger, während sie versuchte ein Gefühl für ihre neuen Stimmbänder zu bekommen und damit auch auszuloten, wie viel sie ihnen am Anfang zumuten konnte.

Wild Horses I wanna be like you
Throwing caution to the wind
I’ll run free too
Wish I could recklessly love
Like I’m longing to ...
I wanna run with the wild horses ...
Run with the wild horses
(Natasha Bedingfield - Wild Horses
)

Und wie immer wenn sie sich der Musik hingab, verlor sie sich nach einer Weile vollkommen darin. Ihre Finger spielten ohne ihr Zutun die ihr so vertraute Melodie und nach und nach vereinigten sich die beiden unterschiedlichen Stimmen in ihr zu einer einzigen, neuen, bis sie ihr gesamtes Denken beherrschte und sie nichts mehr fühlte als die überwältigende Präsenz von jedem Ton, der jede einzelne Zelle ihres Körpers auszufüllen schien.

Kapitel 5