Kapitel 3
Alexander McLean starrte zu Amy hinüber und fragte sich dabei unablässig, was jetzt wieder in seine Freundin gefahren war. Auch wenn sie noch so oft beteuerte, dass mit ihr alles in Ordnung sei, so war doch für ihn ganz offensichtlich, dass dem nicht so war. Er mußte sich doch nur ansehen wie sie verstohlen ihre Hände, Beine und Füße musterte, so, als sehe sie diese zum ersten Mal.
Irgend etwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Andererseits wirkte sie inzwischen wesentlich gefasster. Ihre Atmung, die bisher hektisch und abgehakt gegangen war, hatte sich beruhigt, ihre Wangen hatten wieder etwas Farbe bekommen und ihr Blick huschte nicht mehr wie ein verschreckter Schmetterling hin und her.
Als er aus dem Schlaf geschreckt war und Amys hektische Atemzüge hörte, war er noch davon ausgegangen, dass sie lediglich schlecht geträumt hatte. Er wollte sie trösten, trotz allem was an diesem Abend vorgefallen war, doch sie war vor ihm zurückgeschreckt, hatte ihn angesehen, als sei er eine Art Monster und hatte ihn ganz eindeutig in diesem Moment nicht erkannt.
Als er ihr dann ins Badezimmer gefolgt war, verschwendete er keinen Gedanken mehr an den vergangenen Abend. Alles was er fühlte war Angst und Verwirrung. Es schien ihm, als hätte Amy komplett den Verstand verloren und der Blick, mit dem sie ihrem Spiegelbild begegnet war, hatte diese Gefühle in ihm nur noch verstärkt. Das konnte sie doch unmöglich gespielt haben. Ihre Panik und Verwirrung waren echt gewesen, so real, wie ihr bebender Körper unter seiner Handfläche, als er sie an der Schulter berührte.
Jetzt, nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte und sie schweigend nebeneinander auf dem Bettrand saßen, schoben sich nach und nach wieder die Gedanken und Bilder vom vergangenen Abend in sein Bewußtsein. Sie hatten sich gestritten - wie so oft in letzter Zeit - allerdings mit dem Unterschied, dass es diesmal nicht um eine Lappalie gegangen war.
Er wandte den Blick von Amy ab und fixierte die untere Kante des wuchtigen Kleiderschrankes, der gegenüber des Bettes thronte. Was hatte er mit ihr kämpfen müssen, um dieses Möbelstück tatsächlich in diesen Raum stellen zu dürfen. Aber das war nichts im Vergleich zu dem Gefühlssturm, der durch seinen Körper gerast war, als er am Nachmittag die Fotos gesehen hatte.
Sie konnte noch so oft behaupten, dass mit diesem Typen nichts gelaufen war, er glaubte ihr kein Wort. Ihre Lippen hatten sich berührt. Das war eindeutig und nicht zu leugnen.
Sie hatte einen wildfremden Typen geküßt.
Mit geschlossenen Augen.
Eine Hand an seiner Wange.
Ob sie mit ihm auch ins Bett gestiegen war, war ihm dabei eigentlich egal. Nun ja ... vielleicht nicht wirklich egal, aber es machte kaum noch einen Unterschied. Zumindest nicht für ihn.
Es tut mir leid, hörte er Amy plötzlich leise sagen, was ihn dazu veranlaßte, seinen Blick vom Schrank zu lösen und zu ihr hinüber zu sehen.
Hm, gab er unbestimmt zurück,
Ich habe geträumt ich hätte einen Unfall, fuhr sie fort und knetete dabei die Hände nervös in ihrem Schoß. Es war ... ziemlich ... plastisch. Da kam ein Truck auf mich zu und da war ein helles Licht und der Lärm und ... , sie verstummte und zog die Lippen zwischen die Zähne, als wolle sie die nächsten Worte daran hindern, ihren Mund zu verlassen.
Ungefragt keimte Mitleid in ihm auf. Der Traum schien sie tatsächlich sehr mitgenommen zu haben, was zwar immer noch nicht ihr seltsames Verhalten erklärte, ihm aber zeigte, dass auch sie noch zu echten Gefühlen fähig war.
Klingt ziemlich unheimlich, nickte er also.
Davon kannst du ausgehen.
Und dann? fragte er weiter, weil er hoffte, dass sie vielleicht eine Erklärung für das Alles hier hatte.
Ich weiß nicht ... , sagte sie und schlang die Arme um sich. Ich bin aufgewacht und dachte, ich wäre zu Hause.
Aber ... du ... bist zu Hause, sagte er vorsichtig.
Sie zuckte augenblicklich zusammen. Ja. Klar. Natürlich. Ich meinte auch nur ... ich dachte ... , sie verstummte erneut und schüttelte seufzend den Kopf. Tut mir leid, ich glaube, ich bin im Moment nicht fähig zu denken.
Ja, so wie vor drei Tagen, was? gab er bissig zurück und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass er schon wieder gedanklich bei den Fotos angekommen war. Doch er konnte sich einfach nicht gegen die Wut und Enttäuschung wehren, die jetzt seine kurzzeitige Besorgnis über ihr Verhalten vollkommen verschluckte.
Vor drei Tagen? fragte sie verständnislos und er hätte ihr ihre ahnungslose Miene am liebsten direkt aus dem Gesicht geprügelt.
Was glaubte sie eigentlich, wen sie hier vor sich hatte? Glaubte sie wirklich er wäre so dämlich ihre Masche nicht zu durchschauen? Dass er ihr abnahm, dass sie sich nicht mehr daran erinnerte wie sie diesen Typen geküßt hatte und ihr Gespräch vor einigen Stunden auch gleich mitvergessen hatte?
Du weißt genau was ich meine, entgegnete er kalt, rückte ein Stück von ihr ab und brachte so einen beruhigenden halben Meter Abstand zwischen sich und ihre wunderschönen, braunen Augen.
Ich ... weiß nicht ... so genau ... , gab sie unsicher zurück.
Du hast diesen Wichser geküßt, half er ihr aufgebracht auf die Sprünge und sag mir nicht noch einmal, dass das alles nicht so gewesen ist und die Kameraperspektive wohl etwas unglücklich gewählt war. Du hast ihn geküßt und wer weiß was sonst noch alles.
Sie starrte ihn geschockt aus großen Augen an und sagte keinen Ton. Gut, dann kam er vielleicht auch endlich mal zu Wort.
Weißt du, es wäre vielleicht nur halb so schlimm gewesen, wenn du es mir erzählt hättest oder wenigstens ein bißchen so getan hättest, als täte es dir leid. Aber nein, Miss Ich-bin-die-Größte-und-habe-immer-Recht läßt ja wieder ihre Überheblichkeit raus hängen. Das ist so billig Amy. Wirklich. Und jetzt hier zu sitzen und so zu tun, als könntest du dich an nichts mehr erinnern setzt dem ganzen die Krone auf!
Er atmete heftig ein und aus und stellte sich innerlich auf ihre bösartige Erwiderung ein. Doch nichts passierte. Immer noch saß sie ihm gegenüber und sah so aus, als hätte sie keine Ahnung, was er von ihr wollte. Meine Güte, ihm war noch nie aufgefallen, wie gut sie schauspielern konnte.
Du darfst gerne etwas sagen, wenn dir danach ist, giftete er. Komm schon, das kannst du doch sonst so gut.
Ich ... , sie schien vor seinen Augen noch etwas weiter in sich zusammen zu schrumpfen und in ihrem Blick erschien ein fiebriger Glanz, den er noch nie zuvor dort gesehen hatte. Vielleicht war er doch einen Schritt zu weit gegangen. Vielleicht ...
Es tut mir leid, hörte er sie plötzlich kaum hörbar flüstern.
Wie bitte? Er mußte sich verhört haben. Ganz bestimmt. Amy hatte sich noch nie für irgend etwas entschuldigt. Weder bei ihm noch bei sonst irgendeinem Menschen auf diesem Planten. Im Gegenteil. Normaler Weise war er immer derjenige, der zu Kreuze kroch um ihre Beziehung, die eigentlich nur noch eine Farce war, wieder zu kitten.
Es tut mir leid, wiederholte sie. Mehr kann ich dazu nicht sagen.
Er schnaubte freudlos, zu mehr war er im Moment einfach nicht fähig.
Sie senkte den Blick hinunter auf ihre Hände und er bemerkte, wie sie immer wieder über den Stern neben ihrem Daumen rieb, als könne sie die schwarze Farbe unter ihrer Haut einfach so wegwischen.
Ich leg mich jetzt jedenfalls wieder hin, verkündete er, während er aufstand, um das Bett herum ging und sich gleich darauf unter die Laken schob. Und du solltest das auch tun, fügte er hinzu, nachdem sie reglos und mit dem Rücken zu ihm auf dem Bettrand sitzen blieb. Wir haben beide einen anstrengenden Tag vor uns.
Sie nickte langsam, dann stand sie auf, sah sich einen Moment suchend um und steuerte dann auf das Sofa zu, das neben der Tür an der Wand stand.
Was tust du da? fragte er gereizt.
Du hast recht, entgegnete sie mit einem verlegenen Lächeln, kam zurück zum Bett und zog ihre Bettdecke zu sich heran. So ganz ohne wird es ein bißchen kalt, kommentierte sie, dann durchquerte sie mit ihrer Decke im Arm das Zimmer und ließ sich gleich darauf auf der Couch nieder.
Verständnislos sah er ihr dabei zu, wie sie es sich in den Polster gemütlich machte, die Decke über sich ausbreitete und ihm gleich darauf den Rücken zukehrte.
Er hatte bereits den Mund geöffnet um irgend etwas zu sagen, wenn er auch nicht genau wußte was, doch am Ende schloß er ihn wieder, ohne dass ein Laut über seine Lippen gekommen wäre. Sollte sie ihm doch die kalte Schulter zeigen. Das änderte auch nichts mehr.
Seufzend rutschte er tiefer in die Kissen, löschte das Licht und versuchte dann eine bequeme Position zu finden. Schließlich lag er auf dem Rücken, starrte in die Dunkelheit und lauschte auf jeden Laut, der aus der Zimmerecke kam, in der Amy lag. Ab und an drang ein leises Rascheln ihrer Decke an sein Ohr und er fragte sich dabei mutlos, ob er sich schon jemals so allein gefühlte hatte.