Kapitel 2
Mit einem lautlosen Schrei auf den Lippen schoß Keylie in ihrem Bett in die Höhe. Farben und Gedankensplitter wirbelten in ihrem Kopf wild durcheinander und unbewußt legte sie ihre Hand beschützend auf ihren flachen Bauch. Keuchend stieß sie die Luft aus und ihre freien Finger krampften sich haltsuchend in das kühle Laken.
Nur ein Traum versuchte sie sich einzureden. Du bist zu Hause, in deinem Bett. Du bist nicht über eine Kreuzung gefahren. Du hast dich nicht mit Zack gestritten. Du hattest auch keinen Unfall. Alles im grünen Bereich.
Ihre Augen suchten das leuchtende Zifferblatt ihres Radioweckers, fanden es aber nicht. Warum war es hier verdammt noch mal so dunkel?
Baby? hörte sie plötzlich eine verschlafene, männliche Stimme direkt neben sich und mit einem erschrockenen Aufschrei zuckte sie zurück.
Eine warme, riesige Hand legte sich auf ihre Schulter und sie handelte instinktiv. Mit einem Ruck riß sie sich los und fuhr herum. Leider hatte sie die Breite des Bettes unterschätzt. Für einen Moment versuchte sie noch mit rudernden Armen das Gleichgewicht zu halten, dann kippte sie über den Bettrand und schlug gleich darauf mit einem lauten Poltern auf dem harten Holzfußboden auf.
Hey, hörte sie erneut diese fremde, dunkle Stimme und sämtliche ihrer Sinne schrieen laut und deutlich Gefahr!
Plötzlich tauchte das Licht einer Nachttischlampe den Raum in gleißende Helligkeit und schützend riß sie einen Arm vor die Augen, während sie hektisch rückwärts robbte. Die Wand in ihrem Rücken stoppte schließlich ihre Flucht.
Hey Baby. Es ist alles in Ordnung, hörte sie die sanfte Stimme erneut, während das Rascheln der Laken und seine tapsenden Schritte ihr verrieten, dass er sich ihr näherte. Du hast nur geträumt.
Lassen sie mich in Ruhe, schrie sie, während sie blinzelnd versuchte, irgend etwas um sich herum zu erkennen.
Das hier ist nicht mein Zimmer war das erste, das ihr durch den Kopf schoß.
Amy, hey. Ich bin es doch bloß. Alex. Siehst du?
Eine Hand schob sich in ihr Blickfeld und faßte vorsichtig nach ihrem Arm, den sie immer noch schützend erhoben hatte.
Nein. Gehen sie weg, rief sie erneut und versuchte vor ihm zurück zu weichen, doch er blockierte den einzigen Ausweg.
Sieh mich an, forderte er, während er ihren Arm unnachgiebig hinunter drückte.
Nein ... ich ... , stieß sie hervor, während ihr Blick hektisch von dem riesigen Bett zu dem dunklen Nachttisch und weiter zu der modernen Lampe darauf huschte. Das alles hatte sie noch nie zuvor gesehen. Wo war sie hier nur gelandet?
Amy, bitte.
Eine Hand umschloß ihr Kinn und sie hatte nicht mehr die Kraft, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Gleich darauf blickte sie ein paar dunkle, leicht verschlafen wirkende Augen und auch diese waren ihr vollkommen unbekannt.
Siehst du? lächelte der Fremde. Es ist alles in Ordnung.
Nein, ist es nicht, stieß sie hervor, riß ihren Kopf zur Seite, befreite sich damit aus seinem Griff und stemmte sich mühsam und mit zitternden Knien in die Höhe.
Sie mußte hier raus. Wo auch immer hier war.
Langsam und äußerst vorsichtig schob sie sich an der Wand entlang, dabei ließ sie den fremden Mann keine Sekunde aus den Augen, der sie nun seinerseits aufmerksam musterte, aber nicht versuchte sie aufzuhalten.
Er war nicht besonders groß, vielleicht knapp einsachtzig, seine muskulöse Gestalt steckte in einem weißen, zerknitterten T-Shirt und blauen Boxershorts, sein Haar war dunkel und stand ihm in alle Himmelsrichtungen wild vom Kopf ab und sein gesamter Körper schien tätowiert zu sein.
Kommen sie mir nicht zu nahe, warnte sie ihn, während sie sich endgültig zwischen ihm und der Wand hervor schob.
Ich glaube, du schläfst noch, hörte sie ihn sagen, während sie sich rückwärtsgehend immer weiter von ihm entfernte. Sieh mich doch an Amy. Ich bins. Erkennst du mich denn nicht?
Ich bin nicht Amy, schleuderte sie ihm entgegen, während sie aus den Augenwinkeln eine Tür wahr nahm.
Der rettende Ausgang. Gott sei Dank! Sie täuschte einen Schritt nach links an, dann warf sie sich herum und rannte auf die Tür zu. Hektisch riß sie sie auf, nur um gleich darauf in einem Badezimmer zu stehen. Seine näher kommenden Schritte veranlaßten sie dazu, die Tür hinter sich zu zu schlagen, allerdings suchte sie vergeblich nach einem Schlüssel.
Amy, komm schon. Das ist nicht witzig, hörte sie ihn gedämpft durch die Tür.
Sie sparte sich jeden Kommentar, während sie mit der einen Hand die Türklinke festhielt und mit der anderen hektisch über die Wand tasteten, bis sie den Lichtschalter gefunden hatte. Flackernd erwachten drei runde Glühbirnen über einem riesigen Spiegel zum Leben. Sie wollte sich nach einer möglichen Waffe umsehen, erstarrte aber mitten in der Bewegung, als sie ihr Spiegelbild erblickte. Vollkommen fassungslos starrte sie auf die Frau, die da so plötzlich aus der Dunkelheit aufgetaucht war.
Sie vergaß die Türklinke, sie vergaß sogar, dass ein Irrer vor der Tür stand, während sie mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen ein paar Schritte auf ihr Spiegelbild zu machte.
Ihr Herzschlag hämmerte laut und dröhnend in ihrem Brustkorb, ihre Beine fühlten sich so an, als würden sie sie keine Sekunde länger tragen und ihr gesamter Körper schien blitzartig zu Eis zu erstarren. Vorsichtig hob sie eine Hand und beobachtete, wie diese fremde Frau im Spiegel die selbe Bewegung vollführte. Als ihre zitternden Finger schließlich ihre Wange berührten, ging hinter ihr die Tür auf und ein weiteres, fremdes Gesicht gesellte sich zu der Spiegelfrau.
Amy wirklich. Kannst du mir mal erklären, was das soll? fragte er, klang dabei aber weniger aufgebracht als äußerst besorgt.
Sie beachtete ihn gar nicht, während ihre Augen über die glatte Oberfläche des Spiegels wanderten. Die Frau, die ihr gegenüber stand, hatte ein schmales, ovales Gesicht, das von glattem, dunklem Haar umrahmt wurde. Die hohen Wangenknochen betonten die mandelförmigen Augen, die beinahe etwas katzenhaftes an sich hatten und die gerade Linie ihres Halses verschwand in einem alten, weißen Männerhemd.
Vorsichtig löste Keylie die Hand von ihrer Wange und streckte sie statt dessen nach ihrem Spiegelbild aus. Beinahe erwartete sie, dass sich die Fingerspitzen dieser fremden Frau warm anfühlen müßten, doch sie waren natürlich kalt wie Glas.
Was ist passiert? flüsterte sie kaum hörbar zu sich selbst.
Amy? Bitte, was ist nur los mit dir? hörte sie die fremde Stimme wieder, während sich seine warme Hand erneut vorsichtig auf ihre Schulter legte.
Mit großen Augen starrte sie den Fremden im Spiegel an. Die Angst vor ihm hatte sich mittlerweile verflüchtigt und war durch eine ganze Reihe anderer, viel beunruhigender Emotionen ersetzt worden.
Am schlimmsten war die Orientierungslosigkeit, die sie bis in den letzten Winkel ihres Selbst auszufüllen schien. Sie wußte nicht WO sie war, sie hatte keine Ahnung WER sie war und WAS hier geschah.
Sie versuchte sich an das letzte, bewußte Bild in ihrem Kopf zu erinnern, bevor sie in diesem fremden Bett, mit diesem fremden Mann, an einem fremden Ort aufgewacht war. Sie sah noch einmal vor sich, wie sie in Zacks Wohnung zitternd vor Wut vor ihm stand, hörte noch einmal seine gehässigen und vollkommen emotionsfreien Kommentare, sah sich dann selbst, wie sie seine Wohnung verließ und in ihren Wagen stieg um nach Hause zu fahren und erschauerte dann bei dem Gedanken an den Unfall.
War das alles wirklich passiert?
Ihr Blick huschte automatisch hinüber zu dem fremden Mann, der immer noch neben ihr stand und sie keine Sekunde aus den Augen ließ.
War das hier real?
Oder verlor sie gerade den Verstand?
Komm schon Amy, hörte sie ihn leise sagen. Es ist alles in Ordnung. Laß uns wieder rüber gehen, ja?
Nein, ich ... , sie stockte und starrte wieder in das fremde Gesicht ihres Spiegelbildes.
Komm schon, wiederholte er, legte ihr einen Arm um die Taille und dirigierte sie mit sanftem Druck durch Tür und wieder hinüber ins Schlafzimmer.
Während er sie vorsichtig auf das Bett drückte, fühlte sie eine gewisse Erleichterung darüber, ihrem Spiegelbild entkommen zu sein, allerdings nur so lange, bis ihr Blick hinunter auf ihre Hände fiel. Vorsichtig hob sie sie vor ihr Gesicht, drehte und wendete sie vor ihren weit aufgerissenen Augen und hatte dabei das unwirkliche Gefühl, inzwischen komplett den Kontakt zur Realität verloren zu haben.
Das waren nicht ihre Hände. Sie hatte noch nie solche schmalen, langen Finger gehabt. Ihre waren immer schon kurz und etwas zu breit, dafür war sie immer besonders stolz auf ihre Nägel gewesen, die so gut wie unzerstörbar und immer ordentlich gefeilt waren. Diese hier waren allerdings bis zum Nagelbett abgekaut und unansehnlich. Und als Krönung prangte ein kleiner, tätowierter Stern zwischen Daumen und Zeigefinger dieser neuen, rechten Hand.
Amy? Ihre Hände wurden unvermittelt eingefangen und zurück in ihren Schoß gedrückt, während der Mann, der sich mittlerweile neben sie auf die Bettkante gesetzt hatte, versuchte ihre Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken.
Hm? antwortete sie ganz automatisch, riß sich unter größter Anstrengung von ihren Händen los und blickte unsicher zu ihm hinüber.
Was ist los mit dir? fragte er vorsichtig und sie konnte in seinen Augen totale Verwirrung und Besorgnis lesen.
Ich weiß es nicht, gab sie ehrlich zu und zuckte bei dem fremden Klang ihrer Stimme leicht zusammen.
Vielleicht sollten wir dich ... zu ... einem Arzt bringen, sagte er vorsichtig.
Arzt? fragte sie entsetzt, während sich die Vorstellung von zwei Pflegern in ihrem Kopf materialisierte, die mit einer Zwangsjacke langsam auf sie zu kamen. N-Nein, das ist bestimmt nicht nötig ... ich ... mir ... es geht schon wieder, stammelte sie und war sich dabei im Klaren, dass sie noch nie in ihrem Leben so schlecht gelogen hatte.
Das glaube ich dir nicht, entgegnete er auch sofort.
Wirklich, mir geht es schon wieder besser ... uhm ... , sie wollte seinen Namen aussprechen, merkte aber erschrocken, dass sie ihn nicht mehr wußte. Er hatte ihn doch vorhin erwähnt, oder? Doch sie erinnerte sich nicht mehr. Sie wußte nur, dass sie diesem Menschen noch nie zuvor begegnet war.
Amy ... weißt du ... wer ... ich bin? sagte er zögernd und sie fragte sich für einen kurzen Moment, ob er wohl Gedanken lesen konnte.
Klar ... ich ... du bist ... , sie stockte.
Alex? half er nach.
Ja, genau. Alex, nickte sie erleichtert.
Er schüttelte den Kopf und sie sah, wie er angestrengt schluckte.
Wirklich, es ... es geht schon wieder ..., versuchte sie ihn zu beruhigen, während sie die Bilder einer geschlossenen Anstalt nicht los ließen, in der sie in einer Gummizelle hockte und immer wieder rief aber ich bin Keylie ... Keylie Constance, so glauben sie mir doch!
Aber ..., setzte er noch einmal an, doch sie unterbrach ihn, diesmal mit etwas gefestigter Stimme.
Wirklich Alex, es ist alles in Ordnung. Ich hatte nur ... einen ... ziemlich abgefahrenen ... Traum und ..., sie schüttelte den Kopf und fuhr sich mit beiden Händen seufzend über das Gesicht.
Was tat sie hier eigentlich? Sie sollte schreiend davon laufen, sich von Alex zu einem Arzt bringen lassen, irgendwohin wo man ihr erklären konnte, was mit ihr passiert war, warum sie sich plötzlich in dieser Parallelwelt wieder gefunden hatte und wer, verdammt noch mal, diese fremde Frau im Badezimmerspiegel war.
Doch irgend etwas hielt sie davon ab. Vielleicht die leise Stimme in ihrem Kopf, die inzwischen unaufhörlich auf sie einredete und ihr zuflüsterte, dass sie gerade einen sehr eleganten Weg aus ihren Schwierigkeiten gefunden hatte, vielleicht auch die Gewißheit, dass ihr kein Mensch auf dieser Welt diese abgefahrene Geschichte glauben würde, zumal sie das ja selbst nicht konnte und vielleicht auch, weil dieser Typ da neben ihr auf dem Bett so ganz anders war als Zack oder ihre Freunde. Er machte sich ganz eindeutig sehr große Sorgen um sie und irgendwie fand sie diesen Gedanken sehr angenehm.
Flüchtig schoß ihr der Gedanke an ihr ungeborenes Kind durch den Kopf, doch ihr Verstand schien beschlossen zu haben, dass sie im Moment nicht noch mehr Gedankenchaos ertragen konnte, also verschwand das Bild sofort wieder aus ihrem Kopf.
Sie hörte Alex neben sich verhalten seufzen, dann strich eine Hand beruhigend und langsam über ihren Rücken.
Ist wirklich alles in Ordnung? fragte er erneut.
Ja, nickte sie sofort und sah ihn wieder an.
Er musterte sie noch eine Weile aufmerksam und suchte offensichtlich in ihrem Gesicht nach Anzeichen dafür, dass sie gleich wieder die Kontrolle verlieren und davon rennen würde, fand sie aber scheinbar nicht.
Sie spürte mit einiger Erleichterung, wie seine Anspannung langsam von ihm abfiel, sein Körper sackte etwas in sich zusammen, seine Atmung beruhigte sich und er zog seine Hand zurück und verstaute sie in seinem Schoß.
Sie hatte keine Ahnung was sie hier gerade tat, was sie nun tun sollte oder auch nur, was in der nächsten Sekunde passieren würde, doch anstatt in Panik zu verfallen oder sich ängstlich zurück zu ziehen, fühlte sie plötzlich ein eigentümliches Gefühl in ihrer Brust aufblühen.
Ihre Hände verkrampften sich augenblicklich ineinander und sie biß sich auf die Unterlippe. Sie fühlte sich plötzlich vollkommen frei und unglaublich erleichtert und sie erkannte erschrocken, dass sie genau dies schon eine ganze Weile nicht mehr gefühlt hatte und schon gar nicht in dieser Intensität.