Kapitel 1
Als Keylie Constance aus der Haustür trat, fielen die ersten Regentropfen lautlos vom Himmel und verursachten ein leises Platschen auf den Blättern der Rhododendronbüsche. Weiße Blütenblätter lösten sich und segelten majestätisch zu Boden, doch sie hatte keinen Blick dafür. In ihr stritten sich gerade maßlose Wut und riesengroße Enttäuschung um die Vorherrschaft ihrer Gefühlswelt und während sie mit festem Schritt zu ihrem Wagen stapfte, gewann die Enttäuschung schließlich die Oberhand.
Als sie sich hinter das Steuer setzte, den Zündschlüssel mit leicht zitternden Fingern ins Schloß steckte und den Wagen startete, bahnten sich die ersten, heißen Tränen ihren Weg über ihre Wangen und leise schluchzend hielt sie einen Moment inne.
Wie hatte sie auch nur so dumm sein können? Warum war sie überhaupt hier her gekommen? Ihr hätte doch klar sein müssen, dass es Zack egal war, mit welchen Problemen sie sich im Moment konfrontiert sah.
Tut mir leid Keylie, aber ein Baby paßt gerade so gar nicht in mein Lebenskonzept, hatte er gesagt und dabei diesen entschuldigenden Blick aufgesetzt, als ginge es hier lediglich um die Planung eines Urlaubes.
Sein Lebenskonzept! Fragte sie vielleicht jemand, was sie sich für ihr Leben gewünscht hatte? Nein. Sie rollten nur mit den Augen und sagten so Sachen wie also Keylie, du bist doch inzwischen erwachsen genug um zu wissen, wie man verhütet wenn man mit einem Mann schläft oder ich kenne einen guten Arzt, das ist überhaupt kein Problem.
Aber es war ein Problem. Ein Problem, mit dem sie mittlerweile ganz alleine da stand. Zack hatte ihr klar und deutlich gesagt, dass die Beziehung mit ihm, die lediglich aus zwei Abendessen und einer heißen Nacht bestanden hatte, für ihn erledigt war und dass er sie gerne finanziell unterstützen würde, falls sie sich entscheiden sollte das Baby nicht zu bekommen.
Von ihren Freunden bekam sie zwar gut gemeinte Ratschläge und eine hatte sich tatsächlich für sie gefreut, aber damit konnte sie auch nichts anfangen. Sie brauchte jemanden, der ihr zuhörte, jemand, der ihr versicherte, dass er jetzt an ihrer Seite war und sie dabei unterstützte eine Entscheidung zu treffen, die ihr restliches Leben komplett auf den Kopf stellen würde.
Kopfschüttelnd drückte sie die Einschalttaste ihres CD-Players und fuhr vorsichtig aus der Parklücke. Der Regen fiel nun immer dichter und verursachte ein anhaltendes Trommeln auf dem Wagendach, so dass sie die Musik so laut wie möglich aufdrehte.
This is a song for the unloved
This is the music for one last cry
This is a prayer that tomorrow will
Help me leave the past behind
It's a song for the unloved
(Backstreet Boys Song for the unloved)
Warum fühlte sie sich eigentlich von der Musik immer wieder besser verstanden, als von den Menschen, mit denen sie sich umgab? Was sagte das denn über ihr Leben aus?
Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte bereits genug Probleme am Hals, da mußte sie sich ja wohl nicht gerade jetzt mit den existenziellen Befindlichkeiten ihres Lebens beschäftigen.
Während sie durch die dunklen Straßen fuhr und dabei die Scheibenwischer kaum noch hinterher kamen den Regen wegzuwischen, überlegte sie fieberhaft, was sie nun tun sollte. Sie brauchte Hilfe, so viel stand fest und so wie es aussah, mußte sie wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und zu ihren Eltern fahren. Der Gedanke behagte ihr ganz und gar nicht. Mal abgesehen davon, dass sie nicht gerade begeistert sein würden, wenn ihre Tochter mit einem Hallo Mom und Dad, wir haben uns zwar seit Wochen nicht mehr gesehen, aber ich bin schwanger, bei ihnen aufkreuzte, bezweifelte sie stark, dass die beiden ihr wirklich eine große Hilfe sein konnten.
Ihrem Dad wäre das Ganze wahrscheinlich unsagbar peinlich und ihre Mutter würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ihr erst einmal eine Gardinenpredigt halten, die sich gewaschen hatte. Aber das alles würde an ihrer Situation natürlich nichts ändern. Wenigstens könnte sie sich hinterher in ihrem alten Kinderzimmer vergraben, sich von ihrer Mom ein bißchen betüddeln lassen und damit vielleicht irgendeinen Ausweg aus dieser verfahrenden Situation finden.
Einen Ausweg, murmelte sie und schüttelte dann den Kopf.
Es gab keinen Ausweg, das war ja das Schlimme. Sie hatte lediglich die Wahl zwischen Pest und Cholera: Behielt sie das Kind, konnte sie ihre sorgsam geplante Zukunft und ihre Karriere vergessen. Ließ sie eine Abtreibung vornehmen, würde sie sich davon wahrscheinlich nie wieder ganz erholen.
In ihren Augen war dieser, nur millimetergroße Punkt in ihrem Bauch bereits ein Lebewesen und es zu zerstören war gleichbedeutend mit einem Mord. Man sollte ihr mal einen Menschen zeigen, der noch alle fünf Sinne beisammen hatte und kaltblütig mit einer Waffe auf einen anderen Menschen zielte und abdrückte. Das würde keiner tun. Aber wenn es um das Leben eines ungeborenen Kindes ging, hatten sie keine solche Skrupel.
An einer roten Ampel stoppte sie und blickte hinauf zu dem hellerleuchteten Straßenschild. Wenn sie jetzt nach rechts auf den Highway abbog, wäre sie in zwei Stunden bei ihren Eltern, wandte sie sich nach links, hätte sie in zehn Minuten ihre Wohnung erreicht.
Noch während sie versuchte sich darüber klar zu werden, wohin sie nun eigentlich wirklich fahren wollte, klingte ihr Handy in der Manteltasche. Umständlich zog sie es hervor, warf einen kurzen Blick auf das Display und ihr Magen drehte augenblicklich eine schmerzhafte Pirouette, als sie Zacks Namen las. Ob er es sich doch noch anders überlegt hatte?
Mit einer Hand klappte sie das Telefon auf, klemmte es sich zwischen Schulter und Ohr und stellte den Hebel der Automatik auf Drive. Die Ampel sprang in dem Moment auf Grün, als sie seine Stimme hörte.
Hey Keylie, du hast deinen Pullover bei mir vergessen, dröhnte es in ihrem Ohr.
Der Wagen schoß augenblicklich durch ihre wütende Fußbewegung vorwärts und bog nach rechts ab.
Ist das alles, was dich interessiert? giftete sie in den Hörer.
Nun ja, ich ... , war das letzte, was sie hörte, dann zerriß ein dröhnendes Hupen ihr Trommelfell.
Das gleißende Licht von Scheinwerfern blendete sie, das Handy rutschte von ihrer Schulter und fiel zu Boden, sie hob schützend eine Hand vor die Augen und versuchte sich zu orientieren und im nächsten Moment hörte sie nur noch einen ohrenbetäubenden Knall.
Der Wagen wirbelte plötzlich wie ein wild gewordenes Karussell herum, sie selbst wurde in den Sicherheitsgurt gepresst und der Airbag löste mit einem Schlag aus. Für einen Moment nahm er ihr die Sicht, während ein erneuter Schlag das Heck des Wagens traf und ihn diesmal in die andere Richtung wirbelte. Metall verbog sich kreischend, Glas splitterte und ergoß sich in den Innenraum des Wagens, die Motorhaube schoß in die Höhe und schlug mit einem dumpfen Laut gegen den Rahmen der Windschutzscheibe und etwas bohrte sich mit gleißendem Schmerz in Keylies Schulter.
Sie schrie immer noch, während sie versuchte, irgendwie die Arme schützend über ihren Kopf zu schlagen, doch sie konnte sich nicht bewegen. Eingeklemmt zwischen Airbag und Sitz, vom Sicherheitsgurt fest an die Rückenlehne gepresst schoß sie über die Kreuzung.
Als ein weiterer Wagen angerast kam und ungebremst in die Fahrerseite krachte, wurde ihr Kopf so heftig herum geschleudert, dass er hart gegen den Seitenholm der Tür schlug. Augenblicklich begann sie Sterne zu sehen und die Geräusche um sie herum verblaßten zu einem hohen, leisen Summen.
Mit einem letzten Rumpeln hüpfte das Auto über die Bordsteinkante und gleich darauf bohrte sich der Mast einer Laterne unnachgiebig in den Kühlergrill.
Dann kam der Wagen endlich zum Stillstand.
Rauch stieg aus dem demolierten Motorblock, die ursprüngliche Form des Kleinwagens war kaum noch zu erkennen und lediglich das hintere, rechte Seitenfenster war heil geblieben.
Die Welt verschwamm immer wieder vor Keylies Augen, während sie Rufe und sich nähernde Schritte von draußen hörte. Ein letztes Mal blinzelte sie, bevor ein unglaublicher Schmerz in ihren Eingeweiden explodierte und ihr damit endgültig die Sinne raubte. Ihr Körper sackte über dem Lenkrad zusammen, Blut tropfte von ihren offenen Schnitt- und Platzwunden hinunter in den Fußraum und in ihrem Inneren starb das kleine Leben, das sie gerade noch gedanklich so vehement verteidigt hatte.