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Kapitel 40
Wann kommen sie denn endlich? fragte ich ungeduldig. Seit zwei Stunden stand ich wie fest gewachsen an dem Fenster im Flur vor Lennys Zimmer. Von hier konnte ich die gesamte Straße überblicken, doch von Tammys Wagen war weit und breit nichts zu sehen. Lenny trat hinter mich und warf einen Blick über meine Schulter. Sie werden auch nicht schneller da sein, wenn Du hier stehst und die Straße nicht aus den Augen läßt, sagte er mitfühlend und legte von hinten einen Arm um mich. Du hast ja recht, aber dieses Warten macht mich noch ganz irre. Ich weiß Prinzessin, ich weiß. Mein Magen verwandelte sich sofort in einen harten, glühendheißen Stein, als ich daran dachte, was Tammy gleich bevorstand. A.J. hatte gesagt, er würde sie vom Krankenhaus abholen und dann mit ihr hier her fahren. Erst zu Hause wollte er ihr sagen, dass sie sich trennen mußten. In diesem Moment sah ich Tammys Wagen um die Ecke biegen und ich begann zu zittern. Komm, lass uns in mein Zimmer gehen. Vielleicht finden wir dort irgend etwas, das Dich ablenkt. Nein, gab ich bestimmt zurück ich will warten, bis sie im Haus sind. Das Auto bog in unsere Einfahrt ein und hielt vor dem Garagentor. Gleich darauf öffneten sich die Türen und ich beobachtete, wie A.J. um den Wagen herum ging um Tammy heraus zu helfen. Er reichte ihr ihre Krücken und gleich darauf stand sie neben ihm am Wagen gelehnt, während er die Autotür wieder schloß. Er warf einen schnellen Blick hinauf zu dem Fenster hinter dem ich stand und ich wünschte ihm in Gedanken viel Glück. Ich sah den beiden nach, Tammy, die an ihren Krücken voraus humpelte und A.J., der ihre Reisetasche trug und ihr gleich darauf die Haustür auf hielt. Wenig später waren sie im Inneren unseres Hauses verschwunden. Ich hatte nicht sehen können, wie die Stimmung zwischen den beiden war. Hatte Tammy schon einen Verdacht? Es mußte ihr doch aufgefallen sein, dass A.J. anders war als sonst. Hatte er es ihr vielleicht sogar schon gesagt? Ich hätte ihn sicherlich die ganze Heimfahrt gelöchert und nicht eher locker gelassen, bis er mir gesagt hätte, was in ihm vor ging. Doch bei Tammy war ich mir da nicht so sicher. Sie neigte dazu, nur das zu sehen, was sie sehen wollte. Jetzt komm schon Robin...Du kannst sowieso nichts tun, sagte Lenny hinter mir und widerstrebend lies ich mich von ihm in sein Zimmer buxieren. Ich setzte mich auf sein Bett, nur um sofort wieder auf zu springen und unruhig hin und her zu tiegern. Lenny gab es auf mich beruhigen zu wollen, sondern setzte sich mit untergeschlagenen Beinen auf sein Bett und blätterte uninteressiert in einem Comic, dabei schielte er immer wieder zu mir hinüber um notfalls schnell reagieren zu können, falls ich irgend eine Dummheit begehen sollte. Die Minuten zogen sich in die Länge. A.J. und ich hatten ausgemacht, dass er zu Lenny herüber kommen sollte, wenn er mit Tammy alles geregelt hatte. Erst dann würden wir entscheiden, was weiter zu tun war. Er wollte auf jeden Fall vermeiden, dass sich Tammys Zorn auf mich richtete. Nach einer halben Stunde stand ich das erste Mal an der Tür um zu den beiden hinüber zu gehen. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Lenny hielt mich davon ab und zog mich energisch zurück ins Zimmer. Du kannst den beiden jetzt nicht helfen Prinzessin, sieh es doch ein. Ich weiß....aber...vielleicht hat Tammy ihn schon umgebracht und ist gerade dabei seine zerstückelte Leiche im Garten zu vergraben. Lenny lachte ich glaube, da geht gerade die Schriftstellerin mit Dir durch. Warscheinlich schreit Tammy in gerade an oder...weint sich die Augen aus. Klingt irgendwie auch nicht besser. Das stimmt...aber es ist nicht zu ändern. Ihr habt den Weg gewählt, jetzt müßt ihr ihn auch bis zum Ende gehen. Es wundert mich, dass Du es so ruhig aufgenommen hast, entgegnete ich, gab meinen Widerstand auf und lies mich seufzend auf Lennys Bett fallen. Ich denke, ich war der Einzige der wußte, wie das Ganze hier ausgehen wird. Mir war klar, dass ihr es irgendwann schaffen würdet. Leider wußte ich auch, was auf Tammy zukommt. Ich wollte im Moment mit keinem von Euch tauschen. Danke, das baut wirklich auf, sagte ich sarkastisch und begann meine Wanderung durch das Zimmer wieder auf zu nehmen. Gerne geschehen, lächelte Lenny. Noch zwei Mal schaffte er es, mich davon ab zu halten zu Tammy und A.J. hinüber zu gehen. Doch nach über zwei Stunden war ich nur noch ein Nervenbündel und nichts und niemand konnte mich aufhalten. Ich hastete die Treppe hinunter und mit weit ausgreifenden Schritten lief ich zu unserem Haus hinüber. Lenny konnte nichts weiter tun, als mir auf den Fersen zu bleiben. Als ich die Haustür öffnete, hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommen würde. Eine leise Stimme in meinem Kopf flüsterte, dass sie vielleicht gerade dabei waren, sich zu versöhnen und ich diejenige sein würde, die weinend zurück blieb. Doch die Stimme sollte diesmal nicht Recht behalten. Als ich ins Wohnzimmer platzte, fand ich eine föllig aufgelöste Tammy vor, die auf der Couch saß und gotterbärmlich weinte. A.J. saß neben ihr und hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt. Erschrocken blickte er auf, als ich plötzlich mitten im Zimmer stand. Ich konnte sie nicht aufhalten, sagte Lenny entschuldigend und ich registrierte am Rande, wie er sich an der Wand entlang Richtung Tammy schob. Diese schien erst jetzt zu bemerken, dass sie mit A.J. nicht mehr alleine war. Mit rotgeweinten Augen sah sie auf. Zu erst entdeckte sie Lenny, dann wanderte ihr Blick weiter und blieb schließlich an mir hängen. Es tut mir leid, sagte ich leise in dem kläglichen Versuch ihr klar zu machen, dass ich das alles nicht gewollt hatte. So...es tut Dir also leid, entgegnete sie, ohne jede Gefühlsregung in der Stimme. Umständlich stand sie auf, stützte sich schwer auf ihre Krücken und humpelte mir ein Stück entgegen. Es tut Dir also leid, wiederholte sie dann, als sie nur noch zwei Armeslängen von mir entfernt stand hat es Dir auch leid getan, als Du mit meinem Freund gevögelt hast? presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und in ihren Augen konnte ich die pure Mordlust erkennen. Abwehrend hob ich die Hände. Wir haben das wirklich nicht gewollt Tam, das mußt Du mir glauben. Ja, ja, ich weiß...die unschuldige kleine Robin, die neidisch war auf das bißchen Glück ihrer großen Schwester. Tammy es reicht, meldete sich A.J. zu Wort und stand von der Couch auf. Oh nein McLean, das reicht noch lange nicht, entgegnete Tammy hart und lies mich dabei nicht aus den Augen. Du glaubst also, ihr konntet nichts dafür, ja? Heimlich hinter meinem Rücken rummachen und es nicht gewollt haben...wie würdest Du denn das sehen, hm? Ich konnte nicht antworten. Ihre Stimme war immer lauter geworden und sie richtete sich auf den Krücken zu ihrer vollen Größe auf. Du mieses, hinterhältiges Stück, schrie sie und holte unvermittelt mit der rechten Krücke zum Schlag aus. Nicht, brüllte A.J. während ich mich dukte und schützend die Arme über den Kopf hielt. Lenny war einen Sekundenbruchteil schneller als A.J.. Er packte die Krücke und riess sie Tammy aus der Hand. Sie schwankte und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, wenn A.J. sie nicht im selben Moment fest gehalten hätte. Miststück, kreischte Tammy und versuchte sich aus A.J.s Griff zu befreien Du mieses kleines Stück Dreck...ich habe Dir vertraut...Du warst meine Schwester, meine Familie. Bitte Tammy...bitte nicht, mittlerweile liefen mir die Tränen über das Gesicht. Wenn ich auch alles erwartet hatte, aber das nicht. Sie hörte mich garnicht. Sie spie mir ins Gesicht, was sie von mir hielt. Sie beschimpfte mich aufs übelste, machte mir klar, dass sie keine Schwester mehr hatte. Zwischendurch versuchte A.J. sie zu beruhigen und als das nichts nützte, begann er sie leicht zu schütteln. Tammy, hör auf. Sie kann nichts dafür...bitte...hör auf. Doch Tammy konnte oder wollte sich nicht beruhigen. Ich will Dich nie wieder sehen..hörst Du mich? Verschwinde aus meinem Leben...HAU! AB! Ihr Stimme überschlug sich und sie riß sich irgendwie von A.J. los. Lenny griff nach ihr, doch er bekam nur ein Stück ihres T-Shirts zu fassen, das ihm sofort wieder aus den Händen glitt. Mit zwei unsicheren Schritten hatte sie mich erreicht und ich konnte nichts anderes tun, als ihr wie hypnotisiert entgegen zu starren. Meine Füße schienen wie festgewachsen und bewegten sich nicht vom Fleck. Undeutlich hörte ich, wie Lenny und A.J. hinter ihr etwas schrien, dann holte Tammy aus und klatschend traf mich ihre Hand mitten im Gesicht. Mein Kopf wurde nach hinten katapultiert, ich strauchelte, verlor den Halt und schlug der Länge nach hin. Verschwindet...alle beide, brüllte Tammy, dann hörte ich einen erstickten Laut aus ihrer Richtung. Immer noch benommen hob ich den Kopf und sah, wie Lenny sie schnappte, sich über die Schulter warf und mit ihr aus dem Zimmer stapfte. Ich hörte ihn wütend etwas von genug ist genug sagen, dann war er mit der fluchenden Tammy aus dem Zimmer und die Treppe hinauf verschwunden. A.J. kniete neben mir und half mir vorsichtig, mich auf zu richten. Mein Gott, ist alles in Ordnung...tut Dir was weh..., vorsichtig betastete er meinen Kopf, strich mir behutsam das wirre Haar aus dem Gesicht und als ich nicht antwortete drückte er mich sanft an sich. Es tut mir so leid mein Schatz..., er wiegte mich sanft hin und her und endlich löste ich mich aus meiner Erstarrung. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und presste mich an ihn. Bring mich hier weg, flüsterte ich mit erstickter Stimme. A.J. hob mich auf und trug mich über die Straße zu Lennys Haus. Seine Mutter staunte wohl nicht schlecht, als sie uns so vor der Tür stehen sah, doch ausnahmsweise tat sie das Richtige und sagte keinen Ton. A.J. lies mich vorsichtig auf Lennys Bett sinken. Er fegte ohne Rücksicht alles vom Bett herunter, zog die Decke unter mir hervor und deckte mich damit zu. Ich zitterte am ganzen Leib, doch ich hätte nicht sagen könne, ob ich nun fror oder mir heiß war. In meinem Kopf drehten sich die Gedanken im Kreis. Was hatten wir nur getan? A.J. legte sich neben mich und zog mich fest an sich. So blieben wir eine ganze Weile liegen, bis sich meine Atmung etwas beruhigte, die Tränen aufhörten zu fließen und ich wieder einigermaßen klar im Kopf war. Wir haben ihr Leben zerstört, flüsterte ich. Sie wird sich auch wieder beruhigen, doch es klang nicht so, als glaubte er selbst daran. Sie hasst mich. Sie hasst uns beide. Das macht es nicht besser. Ich weiß....ich hab Dir doch gesagt, Du sollst hier warten. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, ich wollte bei Dir sein...und...ich weiß auch nicht...ich dachte tatsächlich, ich könnte irgend etwas tun. Das ging dann wohl nach hinten los. Wie war sie zu Dir? Erst wollte sie es nicht glauben, dann hat sie mich angeschrien und dann hat sie geweint. Ich dachte eigentlich, ich hätte das Schlimmste hinter mir. Tut mir leid. Ist schon gut...wir können jetzt sowieso nichts mehr ändern....glaubst Du Lenny kriegt das hin? Was hin? Gute Frage...ich weiß nicht...manchmal glaube ich, er hat ein Talent dafür Menschen zu beruhigen und das Richtige an der richtigen Stelle zu sagen. Ich weiß was Du meinst, aber ich befürchte in diesem Fall ist selbst er machtlos. Sie will mich nie wieder sehen...ich...habe...keine Schwester mehr. Ich began wieder verzweifelt zu weinen. Das hatte ich nicht gewollt! |