Kapitel 39

Wir saßen zusammen auf meinem Lieblingssessel im Wintergarten, ich hatte mich in A.J.s Schoß gekuschelt, einige Kerzen spendeten warmes Licht und über uns leuchteten die Sterne.
Wir hatten eine Weile einfach ganz ruhig da gesessen. A.J. spielte mit meinen Fingern und rieb immer wieder seine Wange an meinem Haar, so als bräuchte er die Bestätigung, dass ich tatsächlich noch da war und er nicht nur einen Geist in seinen Armen hielt.
„Darf ich Dich etwas fragen?“ brach ich schließlich das Schweigen und meine Stimme klang unnatürlich laut in diesem kleinen Raum aus Glas.
„Alles was Du möchtest,“ entgegnete A.J.
„Wann hat es bei Dir angefangen...ich meine...naja, Du weißt schon.“
Er lachte leise „Du meinst, wann ich mich in Dich verliebt habe?“
Ich nickte.
„Ich wußte es, als Du zu Molly abgefahren warst, aber im Nachhinein glaube ich, dass es mich in dem Moment erwischt hatte, als ich Dich mit diesem Besen zu Linkin Park habe tanzen sehen. Das war pure Energie.“
„Pure Energie...aha.“
„He, glaubst Du mir nicht?“
„Doch, doch...es ist nur...ich würde mich wohl nie mit dem Wort „Energie“ in Verbindung bringen.“
A.J. rückte ein Stück von mir ab und sah mich ungläubig an.
„Also wenn Du nicht voller Energie steckst, dann weiß ich aber auch nicht. Eine Weile habe ich mich gefragt, wie Du das mit der Schriftstellerei vereinbaren kannst...immer ruhig vor der Tastatur hocken...das passte irgendwie nicht. Heute weiß ich, dass das die einzige Möglichkeit ist, Deine Unruhe in geregelte Bahnen zu lenken.“
„Interessante Theorie,“ gab ich, immer noch skeptisch, zurück.
„Denk darüber nach, Du wirst sehen, dass ich recht habe.“
„Also hast Du mich bei Molly auf meinem Handy angerufen, weil Du Sehnsucht hattest?“ fragte ich, um von diesem Thema ab zu lenken.
„Ja und nein. Ich wollte Deine Stimme hören, das gebe ich zu...aber irgendwie lief es auch mit Tammy in diesem Moment nicht so gut. Sie hat sich tierisch darüber aufgeregt, dass Du einfach so gefahren bist, ohne ihr zu sagen wohin. Das hat mich ein wenig genervt. Du bist ihr keine Rechenschaft schuldig. Wenn Du meinst, Du mußt weg, dann ist das eben so. Sie sollte nicht ein so riesen großes Drama daraus machen. Ich glaube, ich wollte Dir einfach sagen, dass ich auf Deiner Seite bin.“
„Wahrscheinlich hat sie damals schon gespürt, dass irgendetwas nicht stimmt.“
Stille senkte sich über uns. Mir schien es, als sei Tammy auf einmal mit uns im Raum. Vorwurfsvoll blickte sie zu uns hinunter und ich fühlte mich auf der Stelle unwohl. Was wir hier taten war zwar irgendwie richtige, aber deshalb nicht weniger gemein.
Für einen Moment überlegte ich auf zu stehen und mich auf einen anderen Platz zu setzten. A.J. schien das zu spüren, denn er umfasste mich fester und legte sein Kinn auf meine Schulter.
„Denk’ nicht mal daran weg zu laufen,“ schmunzelte er „ich werde Dich nicht noch einmal aus meinem Leben gehen lassen.“
„Es ist nur...ich mußte gerade an Tammy denken. Wir müssen es ihr sagen und ich habe keine Ahnung, wie wir das machen sollen.“
„ICH werde es ihr sagen, das bin ich schuldig.“
„Aber ich habe genau so Schuld daran wie Du. Es ist nicht fair wenn Du alles ab bekommst.“
„Also erstens denke ich, dass hier niemand „Schuld“ hat. Es ist eben einfach so passiert und wir haben uns lange genug dagegen gewehrt. Das hier ist nicht einfach so eine Laune. Wir lieben uns und so leid es mir tut, Tanmy wird damit leben müssen.“
„Harte Worte dafür, dass Du so lange gebraucht hast, Dich zu entscheiden“
„So einen Entschluss fasst man auch nicht einfach über Nacht. Weißt Du, ich habe, was Frauen betrifft schon einiges mit gemacht. Es ist in meiner Position schwer jemanden zu finden, dem ich vertrauen kann. Ich bin oft genug auf Frauen herein gefallen, die nur das wollten, was ich darstelle und nicht den Menschen, der dahinter steckt. Sie gaben mein Geld aus und trampelten auf meinen Gefühlen herum. Eine Zeit lang habe ich den Spies umgedreht und meine Skrupel und vieles mehr in Alkohol ertränkt. In Tammy hatte ich jemanden gefunden, der zu mir hält, dem ich bedingungslos vertrauen konnte. So etwas gibt man nicht einfach auf.“
„Hast Du denn von mir geglaubt, ich würde Dich ausnutzen?“
„Ja und nein. Du bist eine aufstrebende Schriftstellerin, der ein paar gute Kontakte zu einer medienwirksamen Person durchaus nützlich sein können.“
„Na, das nenne ich doch einmal ein Kompliment,“ sagte ich sarkastisch und versuchte ein Stück von ihm ab zu rücken, doch er hielt mich fest.
„Doch ich wußte sofort, dass Du nicht dieser Typ Mensch bist. Es war eben einfacher, an dem fest zu halten, was ich bereits hatte. Ich wußte, dass es mit Tammy, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten vielleicht, ganz gut lief. Ich vertraue ihr, ich liebte sie...ich hatte Angst das auf zu geben. Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht wußte, was Du dachtest. Ich gebe zu, dass das wohl ziemlich feige war...aber ich bin eben vorsichtig.“
„Ich weiß nicht so genau, ob ich das verstehe. Was hat sich denn jetzt verändert?“
„Ich habe erkannt, dass es nicht immer von Vorteil ist, auf der sicheren Seite stehen zu wollen. Was ich vorher zu viel riskiert habe, habe ich in Deinem Fall zu wenig. Ich meine....,“ er seufzte tief, lehnte sich zurück und lockerte seinen Griff um meine Taille. Ich sah ihn an. Sein Blick war in die Ferne gerichtet und ich versuchte vergeblich in seinen Augen zu lesen.
„Du hättest mich mit einem einzigen Satz zerstören könne,“ sagte er dann leise.
„Wie meinst Du das?“
„Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn Du zu mir gesagt hättest, dass Du mich nicht willst.“
Nun verstand ich endlich, was er mir sagen wollte und begriff auch, was Lenny mir versucht hatte zu sagen. Was wäre passiert, wenn ich auf A.J.s Brief geantwortet, wenn ich ihm schon viel eher gesagt hätte, was ich für ihn empfand? Hätte er Tammy schon früher verlassen?
„Ich hätte wohl doch auf Deinen Brief antworten sollen,“ seufzte ich und A.J. schüttelte den Kopf. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch ich verschloss ihn schnell mit einem sanften Kuß. Die Schmetterlinge in meinem Bauch nahmen ihren Flug wieder auf und aus einem kleinen Kuß wurde eine halbe Ewigkeit, in der wir uns ineinander verloren. Als ich schließlich meinen Kopf wieder auf seine Schulter legte und das beruhigende Gefühl seiner Arme um meinen Körper genoss, flüsterte ich „Ich liebe Dich Alexander James McLean...das tue ich schon immer. Doch auch ich war wohl zu feige, das zu zu geben. Nicht nur Du hattest Angst davor, verletzt zu werden.“
„Ich weiß,“ flüsterte er mit rauer Stimme und zog mich wieder fest an sich.
„Wir sind schon zwei Angsthasen,“ kicherte ich und rieb meine Stirn an seinem Kinn.
„Kann man so sagen...ein Wunder, dass wir es überhaupt bis hier her geschafft haben,“ schmunzelte A.J..
„Was ist eigentlich mit zweitens?“ fragte ich unvermittelt.
„Was?“
„Du sagtest erstens hätte keiner Schuld und zweitens...?“
„Zweitens ist es schlicht und einfach meine Pflicht, es Tammy bei zu bringen. ICH beende eine Beziehung und hoffe dass die Eure damit nicht zerstört wird.“
„Das wirst Du nicht schaffen,“ provezeite ich.
„Lass mich wenigstens so lange in dem Glauben, bis ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Es besteht eine winzig kleine Chance und die will ich nutzen.“
„Ich drücke Dir auf jeden Fall die Daumen.“
„Danke, ich werde es gebrauchen können.“
Wir saßen noch den Rest der Nacht auf dem Sessel im Wintergarten. Wir redeten leise über dies und das, küssten uns, wenn uns danach war, berührten uns, wenn wir das Bedürfniss danach hatten und schließlich trug mich A.J. hinauf in mein Zimmer. Er half mir dabei, aus meinem Abendkleid zu steigen, das mittlerweile etwas zerknittert war und schließlich kuschelte ich mich unter meine Decke. Irritiert sah ich zu ihm auf, als er mir nicht folgte.
„Was...ist los?“ fragte ich vorsichtig.
„Ich habe nur gerade daran gedacht, was für ein Glück ich habe. Es tut fast weh Dich an zu sehen. Du bist so wunderschön und ich liebe Dich so sehr. Ich glaube, ich habe Angst, dass ich gleich aus einem Traum aufwache und Du nicht mehr da bist.“
„Komm her,“ flüsterte ich und hob die Decke an. Ich hatte noch nie jemanden gesehen, der sich so schnell ausgezogen hatte wie er. Gleich darauf krabbelte er zu mir ins Bett. Ich deckte uns beide zu und nahm ihn fest in meine Arme. Sein Kopf ruhte auf meiner Brust und ich spürte, wie er sanft mit der Hand über meinen Bauch strich, bevor er seinen Arm um mich schlang und sich wohlig seufzend eine bequeme Position suchte. Dann lagen wir beide ganz still.
„Wenn dies ein Traum ist,“ flüsterte ich „dann will ich niemals daraus aufwachen. Ich liebe Dich und wenn ich das irgendwie beweisen könnte, würde ich es auf der Stelle tun. Versprichst Du mir, dass Du für immer bei mir bleibst?“
„Ich schwöre es bei allem, das mir heilig ist,“ und dann murmelte er schläfrig „ich liebe Dich, mehr als mein Leben, mehr als ich jemals einen anderen Menschen geliebt habe. Ich gebe Dich nie wieder her.“
Dann vernahm ich nur noch seine gleichmäßigen Atemzüge. Unbeweglich lag ich mit offenen Augen in der Dunkelheit und hielt mein Glück in den Armen, bis auch mir die Augen zu vielen und ich zu ihm hinüber in die Taumwelt glitt

Kapitel 40