Kapitel 37

Tammy wäre tatsächlich zu der Verleihung mit gekommen, wenn sie nicht eine Woche vorher das Skateboard von Toby Mitchel hätte ausprobieren müssen.
Lenny und ich sahen sie in Zeitlupe mit den Armen rudern, nach hinten kippen und hart auf der Straße aufschlagen.
Die Diagnose lautete schließlich Gehirnerschütterung und Haarriss im Außenband ihres linken Fußes.
Mit blassem Gesicht, den Fuß eingegipst und hochgelegt wünschte sie mir aus ihrem Krankenhausbett heraus viel Spaß für den Abend. Sie und Lenny hatten die ganze Woche auf mich eingeredet, dass ich wenigstens alleine auf die Veranstaltung fahren sollte.
Nach langem Hin und Her hatte ich schließlich nachgegeben. Eigentlich hatten sie ja recht. Tammy würde es auch nicht besser gehen, wenn ich bei ihr blieb und auf den Abend verzichtete.
„Diese Verleihung ist so unglaublich wichtig für Dich und Deine Karriere. Da kannst Du nicht einfach so fehlen,“ sagte Tammy und richtete sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf.
Ich beeilte mich, ihr ein Kissen in den Rücken zu stopfen und als sie wieder bequem saß sagte ich „aber ich kann Dich doch nicht so einfach alleine lassen. Das ist doch nur eine Veranstaltung, mehr nicht.“
„DAS will ich jetzt aber mal überhört haben. Du weißt hoffentlich, was für eine große Auszeichnung es ist, überhaupt nur eingeladen zu sein. Und Du bist nominiert, verstehst Du? Du stehst erst ganz am Anfang, Du kannst es Dir nicht erlauben dort nicht zu erscheinen. Abgesehen davon hast Du es Dir mehr als verdient. Basta.“
Also stand ich jetzt alleine zu Hause vor unserem Flurspiegel und betrachtete mich in dem langen, schwarzen Abendkleid.
Ich hatte das Gefühl, als betrachtete ich mein anderes Ich...die erwachsene Frau, die wußte, was sie vom Leben wollte und die Hälfte davon schon erreicht hatte.
In mir drin fühlte ich mich allerdings unsicher und verletzbar. Ich hatte keine rechte Vorstellung von dem, was heute Abend auf mich zukommen würde. Ich fühlte mich zeimlich einsam. Lenny war gestern nach Japan ab geflogen und Tammy lag immer noch im Krankenhaus.
Ich würde mich ganz alleine in die Höhle des Löwen trauen und mit mir fremden Leuten unterhalten müssen. Ich hatte niemanden mit dem ich Freude, Anspannung und die vielen neuen Eindrücke teilen konnte und überlegte gerade ernsthaft, mich einfach wieder um zu ziehen und doch zu Hause zu bleiben, als es an der Haustür klingelte. Das war dann wohl die Limousine, die mich nach Boston bringen sollte.
Ein letztes Mal überprüfte ich meine Frisur, die mir Carrie kunstvoll aufgesteckt hatte und strich noch einmal über A.J.s Sonnenkette, die mich wieder einmal schmerzlich daran erinnerte, das er nicht mehr zu meinem Leben gehörte.
Als es erneut ungeduldig klingelte, schnappte ich mir meine kleine, schwarze Handtasche und die Hausschlüssel und ging dann entschlossen zur Tür. Ich würde auch alleine Spaß haben!
Ich öffnete die Haustür und versuchte dabei, den richtigen Schlüssel heraus zu suchen, mit dem ich sie zusperren konnte.
„Guten Abend Ma’em, ich hörte sie benötigen eine Mitfahrgelegenheit in die Stadt?“
Vor Schreck glitt mir der Schlüssel aus den Händen und fiel klirrend zu Boden.
„W-Was machst...Du denn...hier,“ brachte ich heraus und starrte A.J. an, als sei er eine Fatamorgana. Er lächelte sanft.
„Tammy hat mir erzählt, dass Cinderella alleine zum Ball gehen muß und da habe ich mich als Begleitschutz angeboten.“
„D-Das ist l-lieb von D-Dir.“ Könnte bitte jemand dieses blöde Stottern abstellen? Ich benahm mich wie ein Teenager beim ersten Rendevouz und dabei sollte ich doch eigentlich wütend auf ihn sein. Wieder einmal war er unverhofft in mein Leben getreten. Hatte ich nicht eben noch gedacht, das sei vorbei?
„Ich weiß,“ entgegnete er schlicht und sein Lächeln wurde eine Spur breiter. „Darf ich Sie nun zu Ihrer Kutsche geleiten?“ Er bot mir galant seinen Arm und erst jetzt fiel mir auf, dass er eine Smoking trug. Wenn das überhaupt noch mögich war, sah er damit noch umwerfender aus, als er das sonst schon tat. Seine Augen leuchteten selbst im Halbdunkeln der Veranda und am liebsten hätte ich ihn auf der Stelle umarmt und nie wieder los gelassen.
„Ich muß noch die Haustür abschließen,“ sagte ich also und bückte mich um den Schlüssel auf zu heben. Er hatte wohl den selben Gedanken, denn während unsere Finger gleichzeitig nach dem Schlüsselbund griffen, schlugen unsere Köpfe dumpf aufeinander.
„Aua,“ sagten wir beide im Chor und brachen dann in Gelächter aus.
„Der perfekte Start in einen wundervollen Abend,“ witzelte A.J. und rieb sich die Stirn.
„Also wenn er so weiter geht, sollten wir wohl lieber hier bleiben,“ entgegnete ich immer noch kichernd und stand auf. Ich schloss die Haustür ab und hakte mich dann bei ihm unter. Gemeisam gingen wir zu der Limousine die am Straßenrand stand und auf uns wartete. Ein Chauffeur im schwarzen Anzug mit Chauffeurmütze auf dem Kopf öffnete uns galant die Wagentür und wenig später waren wir auf dem Weg nach Boston.
Ich hatte mich so weit wie möglich von A.J. weg gesetzt und klebte förmlich an der Autotür, bereit hinaus zu springen, wenn er irgend eine falsche Bewegung machen sollte.
Das erste Mal waren wir zusammen, ohne dass uns jemand sehen konnte. Kein Lenny und keine Tammy waren in der Nähe, die uns von irgendetwas abhalten würden und der Gedanke war gleichzeitig verführerisch und beängstigend. War es uns möglich, die Kontrolle zu behalten?
Ich versuchte daran zu denken, dass man gewisse Dinge nicht mehr rückgängig machen konnte und es deshalb für uns beide besser wäre, uns nicht zu nahe zu kommen. Doch in A.J.s Gegenwart war das mehr als schwierig.
Er lehnte mir gegenüber mit dem Rücken an der Tür und lies mich keine Sekunde aus den Augen, wirkte dabei aber äußerst entspannt. Seine Präsenz schien den ganzen Innenraum aus zu füllen und das Atmen fiel mir von Sekunde zu Sekunde schwerer. Mein Nacken prickelte und ich schluckte den Klos in meinem Hals hinunter. Ich wußte, ich brauchte nur meine Hand aus zu strecken und ich könnte sein Knie berühren, was mich nicht gerade ruhiger machte.
„Du siehst gut aus,“ sagte ich in dem Versuch, mich mit dem Klang meiner eigenen Stimme zu beruhigen.
„Danke, aber neben Dir wirke ich dann doch eher wie ein Mauerblümchen,“ gab er sanft zurück.
Unsere Blicke trafen sich und wie wir es schon so oft getan hatten, stellten wir unsere momentane Situation ohne Worte klar.
Es war, als würden wir uns sanft berühren, einen Vorhang lüften und ganz kurz einen Blick hinter die Fassade des Anderen werfen. Ich sah endlich seine Nervosität und die Angst, wieder etwas falsches zu tun oder zu sagen.
Er erkannte, dass die Wut, die mich in Stranton überkommen hatte, längst verraucht war und das ich, so sehr ich mich auch dagegen wehrte, glücklich war, dass er jetzt hier bei mir saß.
Als ich den Blick schließlich senkte, spielte ein Lächeln um meine Mundwinkel. Ich hatte ihn so sehr vermisst, ihn so lange in den hintersten Teil meines Herzens gedrängt, doch in diesem Moment gab ich die Anstrengungen auf, mich gegen ihn wehren zu wollen. Je mehr ich ihn verdrängte, desto mehr tat es weh und desto schwerer fiel es mir, ihm wirklich zu entkommen.
Ich dachte an Molly und was sie zu mir gesagt hatte „nimm Dir das, was Du ohne Probleme von ihm haben kannst...seine Freundschaft.“ So langsam erkannte ich den Sinn hinter ihren Worten. Ich mußte eine Grenze ziehen und diese, wenn es sein mußte, mit meinem Leben verteidigen. Doch ich durfte nicht versuchen, ihn komplett aus zu schließen. Er würde immer wieder mit doppelter Macht zurück in mein Leben treten, egal wie sehr ich mich anstrengte.
„An was denkst Du?“ fragte A.J. und riss mich so aus meiner Gedankenwelt.
„Ich habe über Dich und mich nach gedacht.“
„Das tue ich die ganze Zeit.“
„Und, hat es Dich irgendwie weiter gebracht?“
„Ich weiß es nicht...manchmal denke ich, ich komme damit klar, aber manchmal ist auch alles sehr verwirrend und schmerzhaft.“
„Ich weiß genau was Du meinst...je weiter man davor weg läuft, desto schneller holt einen die Realität wieder ein.“
„So ähnlich, ja.“
„Warum beenden wir das nicht alles hier und jetzt? Ich meine...einigen wir uns einfach darauf, dass wir gute Freunde sind. Wir gehen uns nicht mehr aus dem Weg und nehmen es einfach so wie es kommt.“
A.J. lächelte traurig „und Du bist tatsächlich der Meinung, dass das funktioniert?“
„Es ist doch ganz einfach. Je mehr wir versuchen uns dem Ganzen zu entziehen, desto mehr streiten wir uns und tuen Dinge, die wir normalerweise nicht machen würden.“
„Das ist allerdings wahr.“
„Einen Versuch ist es doch wert, oder?“
Er sah mich lange an und schien dabei ab zu wägen, ob er in mir tatsächlich nur einen guten Freund sehen konnte.
„Ich werde mich bemühen,“ sagte er schließlich. Es klang weder überzeugend, noch so, als meinte er es wirklich ehrlich, doch für den Anfang mußte mir das wohl genügen.

Kapitel 38