Kapitel 36
Irgendwie brachte ich auch noch die letzten vier Wochen meiner Lesereise einigermaßen glimpflich über die Bühne. Olivia fragte mich zwar des Öffteren, warum ich so still und in mich gekehrt sei und Lenny drohte mir damit, sich ins nächste Flugzeug zu setzen, wenn ich ihm nicht endlich sagte, was mit mir los sei, doch ich schob meine Stimmung immer wieder auf Müdigkeit und Erschöpfung.
Olivia kaufte es mir schließlich ab, Lenny hielten nur die Kosten für das Flugticket davon ab, persönlich bei mir vorbei zu schauen und die Antworten notfalls aus mir heraus zu schütteln..
Ende August war ich dann endlich wieder zu Hause. Tammy war mal wieder für irgendeinen Auftrag unterwegs und ich fand nur einen Zettel mit Glückwünschen vor.
Ich hatte meine Koffer noch nicht ganz ausgepackt, als ich hörte, wie unten die Haustür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Dann hörte ich Lenny nach mir rufen.
Ich bin hier oben, rief ich zurück und packte weiter in aller Ruhe meine Sachen aus.
Ich hörte seine schnellen Schritte auf der Treppe und gleich darauf betrat er mein Zimmer. Als ich ihn da so stehen sah, in seinen kurzen Hosen, dem weißen T-Shirt und dem leichten Sonnenbrand auf der Nase, stellte ich fest, wie sehr ich ihn eigentlich vermisst hatte.
Wortlos ging ich zu ihm hinüber und lies mich von ihm in die Arme schließen.
Ist lange her, was? fragte er leise und drückte mich noch etwas fester an sich.
Viel zu lange, wenn Du mich fragst.
Das nächste Mal komme ich als Dein persönlicher Berater mit. Ich bin hier fast vor Langeweile gestorben.
Dafür siehst Du aber noch ganz gut aus, kicherte ich und trat einen Schritt zurück.
Und Du siehst dafür gar nicht gut aus, sagte er, wobei er seine Stirn in missbilligende Falten legte.
Vielen Dank für das Kompliment, so nett war schon lange keiner mehr zu mir, scherzte ich und wandte mich wieder meinen geöffneten Koffern zu.
Hey Robin, im Ernst, er faßt nach meinen Händen und zog mich mit sich auf das Bett.
Du bist blass, unglaublich dünn und Deine Augen..., er sprach nicht weiter sondern biß sich auf die Lippen o.k., ich gebe zu, dass war jetzt kein diplomatischer Anfang.
Seit wann bist Du denn diplomatisch, lächelte ich.
Seit dem meine beste Freundin Dinge vor mir verschweigt, kam auch prompt zurück. Mein Lächeln erstarb und ich versuchte seinem bohrendem Blick aus zu weichen. Eigentlich war Gegenwehr zwecklos, ich würde ihm sowieso alles erzählen, aber im Moment dachte ich einfach noch, ich würde es schaffen.
Es ist gar nichts. So eine Reise ist eben ziemlich anstrengend.
Ah, ich verstehe, wahrscheinlich hat Dich Olivia zwischen den einzelnen Lesungen in einem Bergwerk schufften lassen und Du hast vier Monate lang nur von Wasser und Brot gelebt, sagte er sarkastisch, lies sich nach hinten auf mein Bett fallen und stützte den Kopf in seine Hand.
Das nicht gerade, aber viel Schlaf hatte ich nicht und es war recht stressig. Hier ein Termin und da noch ein Interview...ich bin es eben nicht gewohnt fast zwanzig Stunden am Tag auf den Beinen zu sein.
Das kannst Du vielleicht Olivia erzählen und Tammy würde es wahrscheinlich auch noch glauben, aber bei mir mußt Du Dir schon etwas besseres einfallen lassen.
Warum mußt Du nur so verdammt hartnäckig sein? Hättest Du nicht mit einem Hallo Robin, schön dass Du wieder hier bist anfangen und es auch dabei belassen können?
Muß ich dazu noch was sagen?
Nein, gab ich zerknirscht zu und legte mich seufzend neben ihn auf das Bett. Ich verschränkte die Hände im Nacken und starrte an die Decke.
Na komm Prinzessin, danach geht es Dir bestimmt besser.
Mir wird es nie wieder besser gehen, sagte ich und mußte im selben Moment über mich selbst lachen. Ich klang wirklich nach einem Modepüppchen, dem gerade ein Fingernagel abgebrochen war.
Tut mir leid, dass Du Dir das alles schon wieder anhören mußt, sagte ich und sah zu ihm hinüber.
Ich habe ja noch gar keine Ahnung um was es eigentlich geht. Wenn ich allerdins raten sollte, würde ich auf A.J. tippen.
Das war ja nun nicht wirklich schwer, grinste ich.
Was hat er denn nun wieder angestellt?
Er hat sich umgedreht und ist aus meinem Leben verschwunden.
Das ist mal eine neue Variante...was ist passiert?
Ich erzählte Lenny von dem Brief und A.J.s Auftreten bei der Lesung in Stranton.
....dann meinte er, wir hätten uns ja dann wohl nichts mehr zu sagen und ist einfach gegangen.
Meinst Du er hat das ernst gemeint...ich meine...war das wirklich das Ende?
Hatte es denn jemals einen Anfang? Weißt Du, auf der einen Seite denke ich, besser hätte es eigentlich nicht laufen können. Er hat endlich gemerkt, dass das zwischen uns nicht gut tut und hat aufgegeben. Auf der anderen Seite...es ist, als währe etwas beendet worden, das noch nicht mal richtig begonnen hatte. Er fehlt mir...ich meine...er hat mir schon vorher gefehlt, aber jetzt ist das alles irgendwie so endgültig...kein Weg zurück...finito...aus und vorbei.
Das Ende der Hoffnung.
Wäre ein toller Buchtitel.
Aber mit traurigem Inhalt.
Das mag sein...aber sind wir doch mal ehrlich...irgendwann mußte es so kommen. Das es im Streit enden mußte ist schlimm, aber nicht zu ändern.
Auch wenn Du mich jetzt wahrscheinlich hassen wirst, aber ich kann ihn sogar verstehen.
Wie meinst Du das?
Naja....dieser Brief...hättest Du nicht auch auf eine Antwort gewartet, wenn Du ihm Dein Herz so offensichtlich geöffnet hättest?
Wahrscheinlich schon...es ist nur...was hätte ich denn sagen oder schreiben sollen? Danke A.J. für Deinen Brief, mir geht es genau so, aber es hat eben keinen Sinn leb wohl? Noch dazu hat er weder geschrieben, dass er mich liebt, noch das er in Betracht zieht, Tammy zu verlassen. Ganz im Gegenteil, er hat ein paar Dinge klar gestellt, mir gesagt, dass er mich ganz nett findet, aber Tammy zwischen uns steht. Er hat alles gesagt, darauf brauchte er keine Antwort.
Trotzdem wird er auf ein Zeichen von Deiner Seite gewartet haben. Er weiß genau so wenig, wie es in Dir aussieht, wie Du es von ihm wußtest, bevor Du seinen Brief bekommen hast. Er ist bestimmt auch unsicher, was Du so denkst und fühlst. Genau so gut könnte er Dir unterstellen, dass Du nur mit ihm spielst.
Ich dachte einen Moment über Lennys Worte nach.
Er hat mit Dir geredet, stimmts?
Er hat mich angerufen, ja.
Vor oder nach der Sache in Stranton?
Beides.
Was denkt er jetzt?
Das darf ich Dir nicht sagen.
Na toll, aufgebracht richtete ich mich auf warum reden wir dann hier überhaupt? Warum fragst Du mich, wenn Du sowieso schon alles weißt?
Ich wollte Deine Version hören. Außerdem hätte ich A.J.s Anruf nicht erwähnt, wenn Du mich nicht danach gefragt hättest.
Mehr als ein undefinierbares Schnauben brachte ich auf diese Erklärung nicht zu stande. Nicht nur, dass A.J. nur noch Mist baute, wenn wir uns sahen, jetzt war er auch noch im Begriff mir Lenny aus zu spannen. Ich konnte es nicht fassen.
Was macht er sich eigentlich an Dich so ran? fragte ich also und schob beleidigt die Unterlippe vor. Lenny sah mich an und begann laut zu lachen.
Prinzessin, sagte er dann, als er merkte, dass er damit bei mir nicht gerade Punkte machte Du weißt doch genau, dass Du die Einzige für mich bist, oder?
Ich weiß nicht...ich meine...Männerfreundschaften und so...man hört da so einiges.
Oh, tatsächlich? Was erzählt man sich denn so? Er konnte sich gerade noch das Lachen verkneifen und ich wußte, dass ich im Moment wirklich nur noch Blödsinn redete, aber einmal angefangen, war ich nicht mehr zu stoppen.
Ich weiß auch nicht. Es gefällt mir einfach nicht wenn ihr dauernd zusammen gluckt.
Komm mal her, sagte Lenny sanft und ich rückte ein Stück näher an ihn heran. Er legte seine langen, muskolösen Arme um mich, zog mich zu sich hinunter und ich bettete meinen Kopf an seine Brust.
Du weißt doch genau, dass Du immer meine Nummer eins sein wirst, oder? Du bist meine beste Freundin, mein Rettungsanker in dieser verrückten Welt und das wird sich auch niemals ändern.
Danke, ich befürchte, genau das habe ich im Moment gebraucht, schnurrte ich und war schon wieder versöhnt. Dann fiel mir unser eigentliches Thema wieder ein.
Wenn ich es also richtig verstehe, hätte A.J. sich eine Antwort auf meinen Brief erhofft, hat in Stranton einen Streit vom Zaun gebrochen und bereut es jetzt. Und Du darfst mit mir darüber nicht reden.
So in etwa, wobei der Streit ganz sicher nicht beabsichtigt war und bereuen wäre wohl auch zu viel gesagt.
Was erwartet er von mir? fragte ich, setzte mich wieder auf und warf hilflos die Arme in die Luft.
Das mußt Du ihn schon selbst fragen.
Das werde ich auf keinen Fall. Es ist gut so wie es jetzt ist. Vielleicht bekommen wir so unsere absolut hirnrissige Beziehung in den Griff.
Es wird aber eventuell keine Beziehung mehr geben, die Du in den Griff bekommen mußt. Ihr seid beide verletzt und hockt jetzt jeder zu Hause und macht den anderen dafür verantwortlich. DAS ist hirnrissig.
Mir egal...wenn der feine Herr meint, er muß zu Hause sitzen und schmollen, ist das sein Problem.
Lenny schüttelte resigniert den Kopf. Ihr benehmt Euch wie zwei sechsjährige.
Können wir bitte das Thema wechseln?
Du hast wieder damit angefangen.
Ich weiß, aber jetzt habe ich eben meine Meinung geänder.
Nagut, um des lieben Friedens willen. Aber nur unter Protest! Ich will, dass das ins Protokoll aufgenommen wird.
Ist bereits erledigt, lachte ich.
Gut, nachdem das ja jetzt geklärt ist, dabei warf er mir noch einmal einen prüfenden Blick zu habe ich hier etwas für Dich.
Er setzte sich auf und zog einen weißen, dicken Umschlag aus der Gesäßtasche seiner Hose.
Der hier kam vor zwei Wochen. Tammy hat mich gebeten, ab und zu nach der Post zu sehen und als ich den Absender gelesen habe, wollte ich ihn Dir unbedingt persönlich übergeben, bei diesen Worten grinste er breit und erwartungsvoll.
Noch ein Brief? Ich weiß nicht, ob ich wissen will was da drin steht.
Hatten wir uns nicht auf einen Themawechsel geeinigt?
Ja...ja...ja...ich nehme alles zurück. Also, was ist das nun für ein ominöser Brief, der Dich so strahlen lässt?
Mach ihn auf und Du wirst es sehen, sagte er geheimnisvoll und hielt mir den Umschlag entgegen.
Mein erster Blick fiel auf den Absender National Book Association. Was wollten die denn von mir?
Gespannt riss ich den Umschlag auf und faltete den dicken Briefbogen auseinander.
Sehr geehrte Miss Duncan,
auch dieses Jahr wird von unserer Organisation am 20 Oktober in der Boston University der begehrte National Book Award - kurz NBA - vergeben.
Diese Verleihung kann mittlerweile auf eine 10 jährige Tradition zurück blicken.
Wir freuen uns ihnen mitteilen zu können, dass sie in der Kategorie Best Newcomer mit Spurensuche nominiert sind. Wir gratulieren ihnen hierzu recht herzlich und freuen uns auf ihr Erscheinen.
Anbei finden Sie ein Anmeldeformular, in dem Sie uns bitte mitteilen möchten, mit wieviel Personen sie an unserer Veranstaltung teilnehmen.
Mit freundlichen Grüßen
Randolph Morgan
Natinal Book Association
Oh mein Gott, flüsterte ich und las die Zeilen wieder und wieder.
Ich wußte doch, dass Dich das umhauen wird, lachte Lenny.
Ich bin nominiert, kannst Du Dir das vorstellen? Tatsächlich für einen NBA nominiert...mein Gott...davon träumt jeder Schriftsteller...oh mein Gott....
Also der alte Herr da oben hat damit wohl am wenigsten zu tun, sagte Lenny, der amüsiert meinen Freudentanz durch das Zimmer beobachtete.
Ich bin nominiiiiiiiiiiiiiert, rief ich lachend und stürzte mich auf Lenny, der immer noch auf dem Bett saß.
Nominiert, nominiert, nominiert, sang ich und begrub Lenny unter mir.
Langsam Prinzessin, lachte Lenny ich bekomme keine Luft mehr.
Nominiert...lalala....nominert...lalalalala, sang ich immer noch und kümmerte mich nicht um den strampelnden Lenny unter mir.
Schließlich packte er mich um die Taille, hob mich hoch und lies mich neben sich auf das Bett fallen.
Nominiert....N-O-M-I-N-I-E-R-T...., ich konnte es einfach nicht fassen Olivia wird ausflippen, kicherte ich, während ich mir meine Lektorin vorstellte, wie sie versuchte Haltung zu bewahren und doch mit zitternden Händen das Schreiben las, das ganz sicher bereits an den Verlag geschickt worden war.
Ich denke, inzwischen haben das selbst Deine Nachbarn begriffen, lachte Lenny, dann umarmte er mich ich bin soooo stolz auf Dich Prinzessin. Du hast es geschafft.
Ja, ich bin richtig gut, was?
Und ob!
Kommst Du mit?
Zur Verleihung?
Na klar, aufgeregt richtete ich mich auf das wäre toll. Wir lassen uns mit einer Limousine nach Boston kutschieren, trinken unterwegs schon Unmengen von Champanier und machen uns einen richtig tollen Abend.
Und wenn Du nicht gewinnst?
Oh, ich weiß, dass ich nicht gewinnen werde, aber das ist egal. Mein Gott, nominiert zu sein ist schon Auszeichnung genug. Wenn ich auch noch gewinne falle ich tod um.
Wann ist denn das große Ereigniss?
Ich schaute schnell in dem Brief nach, der mittlerweile unbeachtete zu Boden gesegelt war.
Am 20 Oktober.
Oh, oh...das klingt nicht gut...hast Du einen Kalender?
Ja, irgendwo muß hier einer sein, ich kramte in meinem Rucksack und förderte schließlich einen kleinen, recht ramponierten Taschenkalender zu Tage.
Bitte sag mir nicht, dass Du da schon was vor hast, bettelte ich und reichte ihm den Kalender.
Das werden wir gleich sehen. Er blätterte bis zum Okober und fuhr mit dem Finger die Tage ab.
Habe ich mir doch gedacht. Tut mir leid Prinzessin, aber einen Tag vorher fliege ich nach Japan...Du erinnerst Dich an die Manga-Convesion?
Ich wurde blass j-ja...ist die tatsächlich am selben Datum? Ich meine...könntest Du nicht zwei Tage später fliegen?
Nein, tut mir leid, aber am 21. muß ich meine Comics hoch halten und beweisen, dass auch wir Amerikander zeichnen können.
Och nee, ich lies mich geknickt neben ihn auf das Bett sinken.
Das ist wirklich dumm. Ich wäre so gerne mit gegangen. Ich hätte gerne Dein Gesicht gesehen, wenn sie Deinen Namen vorlesen.
Und jetzt?
Frag doch Tammy ob sie mit geht.
Hm...warum eigentlich nicht. Sie ist zwar nur ein schlechter Erzatz für Dich...aber da muß ich wohl durch.
Das hast Du schön gesagt.
Und außerdem...wer sagt denn, dass man zu so einer Veranstaltung immer in männlicher Begleitung erscheinen muß?
Genau...und so ein glamouröser Schwesternabend tut Euch bestimmt auch mal wieder ganz gut.
Da hast Du recht...hoffentlich hat sie nicht auch schon irgendeinen wichtigen Termin.
Ruf sie an und frag sie.
Bin schon unterwegs, lachte ich, sprang vom Bett auf und lief nach unten zum Telefon. Höchstwahrscheinlich würde sie mir bei diesen Neuigkeiten direkt vor Freude durch den Hörer entgegen springen.
Kapitel 37