Kapitel 35

Die folgenden Termine liefen fast alle nach dem gleichen Schema ab. Ich laß ein paar Kapitel vor und kümmerte mich dann um die Armada, die regelmäßig an meinem Tisch, hinter dem ich saß und Autogramme gab, vorbei zog.
Das Ganz machte mir wiedererwartend einen unglaublichen Spaß. Mal ganz abgesehen von dem vielen Lob und den Begeisterungsstürmen für meine Arbeit, hinderte mich das Alles auch weitgehend daran, zu viel an A.J. zu denken. Meist sah ich sein Gesicht erst vor mir, wenn ich abends völlig erledigt in das Bett irgendeines Hotelzimmers krabbelte. Ich war dann auch tatsächlich zu erledigt, um über einen liebevollen Gedanken an ihn hinaus zu kommen.
Ich weiß nicht wie, aber Olivia schaffte es tatsächlich, in meinen vollgestopften Terminplan noch weitere Auftritte in diversen Talkshows ein zu schieben. So hetzte ich also Tag für Tag von einem Termin zum anderen. Immer wieder beantwortete ich die gleichen Fragen, träumte teilweise von meiner eigenen Unterschrift und merkte, wie es mir jeden Morgen schwerer fiel, aus dem Bett zu kommen.
Am Ende des dritten Monats lies mein Hochgefühl langsam aber sicher nach. Ich war nur noch müde, brachte einen Termin nach dem anderen hinter mich und freute mich unglaublich auf zu Hause.
Ich brauchte dringend Zeit, um meine ganzen Eindrücke irgendwie zu verarbeiten. Ich wollte erst einmal drei Tage schlafen und mich dann mit Lenny in eine ruhige Ecke zurückziehen um ihm alles haarklein zu erzählen.
In dieser Stimmung erreichte ich Florida.
Meine erste Lesung in diesem Bundesstaat fand in dem beschaulichen Örtchen Stranton statt. Mittlerweile war es Hochsommer geworden und ich genoß das Gefühl der Sonne auf meinem Gesicht und der kühlen Brise, die vom Meer herüber geweht wurde.
Ich hatte mich gegenüber Olivia durch gesetzt und mir einen freien Vormittag verschafft. Sie hatte natürlich versucht, mir weitere Termine aufs Auge zu drücken. Radiostationen, Fernsehsender, alle wollte ein Interview und Olivia war der Meinung, dass es unumgänglich war, mein Buch in die Kamera zu halten und dabei zu lächeln. Doch mir reichte es. Ich brauchte dringend eine Pause und schließlich willigte sie unter lautem Protest ein.
So schlenderte ich also entspannt durch die kleinen Geschäfte, machte einen kurzen Spaziergang am Strand entlang und freute mich darüber, dass ich keine Fragen beantworten musste und niemandem Rechenschaft schuldig war.
Am späten Nachmittag fand die Lesung in einer kleinen, heimeligen Buchhandlung statt.
So etwas hatte ich schon lange nicht mehr erlebt. Irgendwie waren die Örtlichkeiten im Laufe der Zeit immer größer geworden. Teilweise war mein Publikum so groß, dass ich von meinem Podium nicht mehr bis in die hinteren Reihen hatte sehen können.
Der kleine Buchladen war mit hellen Holzregalen, kleinen, gemütlichen Sitzecken und einem Tresen, der sicherlich noch aus dem vergangenen Jahrhundert stammte, eingerichtet. Zwischen all den Büchern, Holzspielzeugen für Kinder und den Stuhlreihen, die für die Gäste aufgestellt waren, fühlte ich mich richtig wohl und zu Hause und ich hätte am liebsten die nächsten Stunden mit stöbern und lesen verbracht.
Die Inhaberin des kleinen Geschäftes war eine freundliche, ältere Dame, sicherlich schon über sechszig doch mit erstaunlich dunklen Haaren, durch die sich die ersten grauen Strähnen zogen. Sie hatte ein warmes, offenes Lächeln und ihr Händedruck war angenehm fest. Eine Lesebrille baumelte an einem dünnen, goldenen Kettchen um ihren Hals, die leise klirrte, als sie mir die Hand schüttelte.
„Miss Duncan, es ist mir eine große Freude sie endlich persönlich kennen zu lernen,“ begrüßte sie mich und ich lächelte ihr freundlich entgegen.
„Ganz meinerseits...Miss...Roberts, richtig?“ Sie nickte.
„Sie haben hier einen wundervollen Laden,“ fuhr ich fort, während ich mich neugierig umsah.
„Vielen Dank,“ ihr Wangen begannen dabei vor Freude zu glühen „ich habe ihn vor 30 Jahren aufgebaut und bin sehr stolz darauf.“
„Das können sie auch sein. Man fühlt sich irgendwie gleich wie zu Hause. Am liebsten würde ich mir jetzt ein Buch schnappen und mich damit in eine Ecke verziehen,“ gestand ich ihr und sie lachte.
„Das ist kein Problem, sie können bleiben so lange sie möchten.“
„Seien sie vorsichtig, am Ende nimmt sie ihren Vorschlag noch an,“ hörte ich eine freundliche Männerstimme hinter mir und ich erstarrte.
„Das währe schon in Ordnung, wenn Miss Duncan möchte, stelle ich ihr auch ein Bett hier herein,“ grinste Miss Roberts und fixierte einen Punkt irgendwo hinter mir.
„Das ist die richtige Einstellung,“ lachte die Stimme „mein Name ist übrigens A.J. McLean,“ eine Hand erschien zu meiner Linken und schüttelte die von Miss Roberts.
„Carla Roberts. Sind sie ein Fan unserer Künstlerin hier?“ fragte sie interessiert mit einem Nicken in meine Richtung.
Erst jetzt traute ich mich, mich um zu drehen.
Er sah wie immer unverschämt gut aus. Seine Haut war leicht gebräunt und die unvermeidliche Sonnenbrille saß auf seiner Nase. Er trug weite Khakihosen, ein rotes Micky Maus T-Shirt und eine ebenfalls rote Baseballkappe. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er auf Miss Roberts Frage antwortete, ohne mich dabei aus den Augen zu lassen „ich bin wohl der größte Bewunderer von Miss Duncan.“
„Das freut mich zu hören,“ entgegnete Miss Roberts. Irgendjemand rief aus dem hinteren Teil des Ladens nach ihr. Sie entschuldigte sich bei uns und verschwand dann in Richtung Tresen.
Noch immer stand ich ihm gegenüber, ohne einen Ton gesagt zu haben. Sein plötzliches Auftauchen hatte mich vollkommen aus der Bahn geworfen.
„Es ist schön Dich zu sehen,“ sagte er und immer noch ruhte sein Blick auf meinem Gesicht.
„Was machst Du hier?“ fragte ich statt einer Begrüßung und ich sah, wie er amüsiert eine Augenbraue hob.
„Wir sind sozusagen verabredet, weißt Du das nicht mehr?“
Ich schüttelte den Kopf. Hatte ich da was verpaßt?
„Weihnachten? Die Verabredung zu Deiner ersten Lesung in Florida?“
Da klingelte irgendetwas in meinem Kopf. Natürlich, darüber war gesprochen worden, aber das er trotzdem hier aufgetaucht war....? Ich hatte damals eigentlich nicht geglaubt, dass dieses Treffen tatsächlich statt finden würde.
„Meine Familie macht es sich gerade auf den besten Plätzen gemütlich und sie sind schon ganz gespannt auf Deinen Vortrag,“ sagte A.J. schließlich, nachdem ich nicht weiter sprach.
„Dann solltest Du wohl schnell mal nachsehen, ob Du auch noch einen Platz bekommst. Ich bin sehr gefragt mußt Du wissen.“
Ich wußte, dass ich mich mehr als unhöflich benahm, aber er hatte hier einfach nichts zu suchen. Er hatte mir gefälligst aus dem Weg zu gehen und mich in Ruhe zu lassen!
„Nett und freundlich wie immer,‘“ entgegnete A.J., doch sein Lächeln war nun schon nicht mehr ganz so breit.
„A.J., was soll das? Warum können wir uns nicht weiterhin aus dem Weg gehen?“
„Weil das sowieso nicht auf ewig funktionieren wird.“
Er hatte ja recht, aber das machte es auch nicht besser. Ich seufzte anstatt einer Antwort und lies ihn einfach stehen. Sollte er doch jemand anderen mit diesen großen, braunen Augen anstarren. Ich hatte definitiev genug davon.
Ich sah ihn erst wieder, als ich mich hinter den Tisch setzte, auf dem „Spurensuche“ bereits aufgeschlagen lag und auf mich wartete. Olivia wanderte im Hintergrund auf und ab, sammelte die letzten verirrten Zuhörer ein und dirigierte sie auf ihre Plätze.
A.J. saß ausgerechnet in der ersten Reihe, hatte sich gemütlich in seinem Stuhl zurück gelehnt, die Beine weit von sich gestreckt, die Arme vor der Brust verschränkt und seine Sonnenbrille war auch verschwunden. Der Rest seiner Verwandschaft saß neben ihm und seine Mum nickte mir freundlich lächelnd zu.
Also gut Robin Duncan, Du bist ein Profi! Lass Dir von diesem mickrigen Etwas nicht die Show stehlen. Du kannst das!
Ich konnte es kaum glauben, aber ich las ganze drei Kapitel, ohne das meine Stimme zitterte oder sich überschlug. Ich schaffte es sogar, nicht andauernd zu ihm hinüber zu blicken und mich nicht durch ihn aus dem Konzept bringen zu lassen.
Ich beantwortete die anschließenden Fragen fast so sicher wie immer und glaubte schon, ich könnte einem weiteren Gespräch mit ihm entgehen, als er aufstand und das Wort an mich richtete.
„Haben sie in letzter Zeit Post bekommen?“ fragte er ohne Umschweife und mir blieb für mindestens fünf Sekunden das Herz stehen. Was sollte denn das jetzt? Hinter ihm entstand bereits überraschtes Gemurmel und Olivia sah aus, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen.
„Ich bekomme viel Post....außerdem war ich die letzten drei Monate nicht zu Hause.“ Würde das reichen?
„Haben sie einen Brief ohne Absender bekommen, bevor sie auf diese Lesereise gefahren sind?“
Anscheinend würde er sich nicht zufrieden geben, bevor ich ihm nicht sagte, dass ich seinen Brief erhalten hatte. War er jetzt ganz durch gedreht? Doch sein Gesichtsausdruck zeigte mir, dass er es durchaus ernst meinte.
„Falls sie den Brief meinen, den sie mir geschickt haben...ja, den habe ich erhalten.“ Sagte ich also und betete im Stillen, dass hier niemand war, der Tammy auf irgendeine Weise von dieser Geschichte erzählen könnte.
„Vielen Dank, das ist alles was ich wissen wollte,“ und mit diesen Worten setzte er sich wieder. Am liebsten hätte ich ihn auf der Stelle erwürgt.
Olivia schien sich endlich wieder gefangen zu haben, denn sie beendete die Fragerunde und machte mir ein Zeichen, dass sie mich dringend sprechen müsste.
Wir verschanzten uns hinter Büchern von Mark Twain und Mark Spencer und Olivia stellte sich ganz dicht neben mich.
„Was will dieser Irre von Dir?“ zischte sie mir zu und sah sich dabei vorsichtig nach allen Seiten um.
„Mach Dir keine Gedanken, er wollte einfach nur wissen, ob ich seinen Brief bekommen habe...das ist alles.“
„Aber er hat sich schwer nach einem Wahnsinnigen angehört, der fragt, ob Du seine Morddrohung erhalten hast.“
„Ich weiß, das ist typisch A.J.....er nutz eben jede Gelegenheit um einen möglichst wirkungsvollen Auftritt zu erzielen.“
„Ich sollte Deiner Schwester mal einen kleinen Tip geben. Das kann ihr doch auch nicht recht sein.“
„NEIN...,“ fuhr ich auf und merkte, dass ich viel zu laut gesprochen hatte „nein Olivia...lassen wir es einfach dabei, o.k.? Tammy würde sich nur noch mehr Sorgen machen.“
„Was heißt „noch mehr Sorgen machen“?“ jetzt musterte sie mich eindeutig mißtrauisch.
„A.J. und sie hatten in letzter Zeit ein paar Probleme und da er anscheinend niemanden hat, mit dem er richtig reden kann, hat er mir diesen Brief geschickt. Tammy braucht davon nichts zu wissen, verstehst Du?“ bis zu diesem Punkt hatte ich nicht gewußt, wie gut ich lügen konnte.
Olivia schaute noch für einen Moment skeptisch, doch dann schien sie meine Antwort zu schlucken und nickte.
„In Ordnung.....aber sag ihm, er soll sich gefälligst in Zukunft etwas zurück halten.“
„Mach ich...versprochen.“
Sie nickte noch einmal und verschwand dann um das Regal herum in Richtung Signierpodest.
Für einen Moment lehnte ich mich mit weichen Knien an das Regal und schloß die Augen. Das war gerade noch einmal gut gegangen. Was hatte er sich nur dabei gedacht?
„Und wieder muß ich mich bei Dir entschuldigen,“ hörte ich seine Stimme.
„Lass es einfach, verschwinde und komm nie mehr wieder,“ entgegnete ich immer noch mit geschlossenen Augen.
Er antwortete mit einem leisen Lachen und ich bekam eine Gänsehaut. Jetzt erst öffnete ich meine Augen. Er stand ganz dicht vor mir und stützte sich rechts und links von meinem Kopf mit den Händen am Regal ab.
„Was hast Du Dir nur bei dieser Aktion gedacht? Du liebst das Spiel mit dem Feuer, was? Nervenkitzel, nur darum geht es Dir.“
„Nein, und das weißt Du. Es geht mir um Dich...wenn Du nicht freiwillig mit mir redest, muß ich eben zu anderen Mittel greifen.“
„Andere Mittel? Nicht mit Dir reden? Auf welchem Trip bist Du denn?“ fragte ich aufgebracht und tauchte unter seinen Armen hindurch.
„Das mit dem Brief ist jetzt drei Monate her und ich habe keine Pieps von Dir gehört. DAS verstehe ich unter „nicht mit mir reden“.“
„Es stand nicht dabei, dass Du irgendeine Antwort darauf erwartest.“
Für einen Moment sah er mich einfach entgeistert an. Er schien in meinem Gesicht nach einer Antwort zu suchen, fand sie aber nicht.
„Ich habe Dir sozusagen mein Herz und meine Seele zu Füßen gelegt und Du hast nichts anderes dazu zu sagen, als „es stand nicht dabei, dass Du eine Antwort erwartest“ ?“ er schien ehrlich geschockt.
„Merkst Du nicht, dass das alles hier zu nichts führt? Es ist egal ob ich oder ob ich nicht geantwortet habe. Das Ergebniss bleibt das Gleiche.“
Er sah zu Boden, dann holte er seine Sonnenbrille aus der Gesäßtasche seiner Jeans hervor. Er setzte sie auf und sah mich dann wieder an.
„Dann haben wir uns ja wohl nichts mehr zu sagen,“ sprachs, drehte sich um stürmte aus dem Buchladen.
Mein Herz schrie gequält auf und rannte ihm hinterher. Eine halbe Ewigkeit starrte ich auf die Glastür, die sich klirrend hinter ihm geschlossen hatte. Ich hatte ihn erfolgreich aus meinem Leben gejagt....ich wußte nur nicht mehr, warum ich das eigentlich getan hatte.
Mein Magen krampfte sich zusammen und für einen Moment wurde mir schwindlig. Ich tastete nach dem Regal und hielt mich daran fest, bis die Welt aufhörte, vor meinen Augen Walzer zu tanzen.
Ein Teil von mir zerbrach in diesem Moment, der andere begab sich wie ein Roboter zu einer der schwersten Signierstunden seines Lebens.

Kapitel 36