Kapitel 34
In der nächsten Zeit kam ich kaum zur Ruhe. Wie Olivia prophezeit hatte, gab es einen ungeheuren Rummel um Spurensuche. Niemand konnte mir so recht erklären, wo dieses Interesse an meiner Person und dem Buch auf einmal her kam, doch die Verkaufszahlen sprachen eindeutig für sich. Hinzu kam, dass, bis auf ein, zwei Ausnahmen, die Kritiken in der Fachpresse durchweg positiv waren.
Manchmal erinnerten mich die Beurteilung an A.J.s Worte, als wir das erste Mal zusammen in der Poolhall gesessen hatten: Nicht wirklich poetisch aber ein unglaubliches Spannungspotential. Ich wurde tatsächlich mit Autoren wie Martha Grimes oder Henning Mankel verglichen, alles europäische Starschriftsteller, die ihre Krimihelden unsterblich gemacht hatten.
Olivia organisierte eine Lesereise durch das ganze Land und als ich das erste Mal meinen Terminplan in Händen hielt, wurde mir dann doch ganz mulmig. Ich hielt die Planung der nächsten Monate meines Lebens in den Händen und ich konnte mich einfach nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass ich hier keinerlei Mitspracherecht hatte. Vor Urzeiten hatte ich einen Vertrag unterschrieben, der mich zu dieser Reise verpflichtete und doch hatte ich damals nicht einmal ansatzweise begriffen, worauf ich mich da eigentlich einließ. Ich hatte richtig gehend Angst davor, dass mir mein Leben aus den Händen genommen wurde und weder Tammy noch Lenny konnten mir das ausreden.
Ich würde vier Monate unterwegs sein, von einer Stadt zur anderen ziehen, in Buchläden, Gemeinde- und Einkaufszentren Lesungen und Signierstunden halten und ab und an einen freien Tag zum Luftholen bekommen.
Ein, zwei Mal war ich kurz davor A.J. an zu rufen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er mich am ehesten verstehen und beruhigen konnte. Immerhin war er der Einzige der beurteilen konnte, was da auf mich zu kam.
Doch ich tat es natürlich nicht. Immer noch hielt ich mich an meine eigene Abmachung, mich von ihm fern zu halten, ihn nicht noch mehr in diese Sache hinein zu ziehen.
Schließlich war der große Tag meiner ersten Lesung gekommen. Olivia (oder irgend ein anderer Mensch aus dem Verlag) hatte beschlossen, dass dieses erste Mal in meiner Heimatstadt statt finden sollte. Da sich nichts anderes finden lies, saß ich schließlich tatsächlich in der Poolhall an einem eigens hierfür aufgebauten Podium, mit einer kleinen Leselampe und einem Krug Wasser neben mir. Meine Hände waren feucht, mein Mund dafür knochentrocken und am liebsten währe ich ganz schnell wieder nach Hause gerannt. Noch dazu war die Poolhall brechend voll. Von überall her waren die Leute gekommen, um mich aus meinem Buch lesen zu hören. Ich konnte es immer noch nicht so ganz begreifen, nahm es im Moment aber erst einmal so hin. Schließlich räusperte ich mich laut und deutlich zum Zeichen, dass es jetzt los ging und sofort wurde es ruhig im Raum.
Ich begann mit dem Prolog. Am Anfang war meine Stimme noch leise und etwas zittrig, doch je länger ich las um so sicherer wurde ich. Ab und zu blickte ich auf, um die Reaktionen meines Publikums zu studieren. Einige hatten tatsächlich die Augen geschlossen, sich auf ihrem Stuhl zurück gelehnt und lauschten mir hingebungsvoll. Andere hatten sich gespannt auf ihrem Stuhl nach vorne gelehnt und je länger ich vorlas, um so näher kamen sie dem Podium,
Als ich nach dem zweiten Kapitel endete, klatschten die Besucher laut und anhaltend Beifall. Olivia strahlte wie ein Honigkuchenpferd, Lenny und Tammy hatten die Köpfe zusammen gesteckt und flüsterten miteinander und Freddy stand hinter der Theke und hob den Daumen in meine Richtung.
Ich hatte tatsächlich die erste Lesung meines Lebens erfolgreich hinter mich gebracht. Ich hätte vor Stolz und Glück platzen können.
Als sich der Beifall und das Stimmengemurmel wieder etwas gelegt hatte, konnte das Publikum Fragen an mich stellen. Abgesehen von den üblichen Anfragen nach der Idee und meiner Inspiration für die Story, wurde auch nach meinem Privatleben gefragt. Ob ich einen Freund hätte, was ich außer dem Schreiben noch so machte usw.
Irgendwann stand ein junges Mädchen von vielleicht 14 Jahren in einer der hinteren Reihen auf. Sie wirkte äußerst nervös und hatte scheinbar eine Weile gebraucht um sich tatsächlich ins Rampenlicht zu begeben und mir die Fragen der Fragen zu stellen.
Ich...wollte...wissen...also..., stammelte sie und kam dann nicht mehr weiter.
Nur raus damit, ermunterte ich sie ich beiße nicht.
Das Publikum kicherte nachsichtig und einige Leute aus den vorderen Reihen drehten sich neugierig zu dem Mädchen um. Diese schien sich wohl ein Herz zu fassen, denn sie setzte erneut an.
Ja...also....ich wollte wissen, wie Ihre Beziehung zu A.J. McLean ist...also...naja, wie gut sie ihn kennen.
Für einen Moment blieb ich überrumpelt stocksteif auf meinem Stuhl sitzen. Als ich zur Seite blickte, sah ich Tammy verärgert die Stirn runzeln. Scheinbar schien auch sie der Meinung zu sein, dass dieses Thema hier nichts zu suchen hatte. Höchstwahrscheinlich aber aus vollkommen anderen Gründen. Ich wurde sofort wieder an ihn erinnert, an seine Augen, an sein Lächeln und an seinen Brief, der immer noch verborgen in der kleinen Schatulle schlummerte.
Nun..., ich versuchte meine Fassung wieder zu gewinnen und goß mir erst einmal ein Glas Wasser ein A.J. ist der Freund meiner Schwester. Ich kenne ihn also ganz gut, würde ich sagen. Gut gemacht Robin, das war die perfekte Antwort.
Sehen sie sich oft? Die Kleine schien jetzt richtig in Fahrt zu kommen. Selbst auf die Entfernung konnte ich das Leuchten in ihren Augen sehen.
Eher selten würde ich sagen...er ist ein viel beschäftigter Mann entgegnete ich ruhig und fand, dass ich mich gar nicht schlecht machte.
Das Mädchen nickte, als wüsste sie genau, was A.J. so alles um die Ohren hatte. Ich betete innerlich, dass sie keine weitere Fragen mehr stellen würde. Ich wusste nicht, wie lange ich noch so tun konnte, als sei das hier die normalste Sache von der Welt - auf einem Podium zu sitzen und mich mit einem wildfremden Mädchen über A.J. zu unterhalten.
Gibt es noch weitere Fragen? schaltete sich Olivia in diesem Moment Gott sei Dank ein und das Mädchen beeilte sich, sich wieder hin zu setzen. Man merkte ihr an, dass sie nicht ganz zufrieden mit dem war, was sie aus mir heraus bekommen hatte. Höchstwahrscheinlich hätte sie mich am liebsten noch stundenlang über ihn ausgefragt.
Es gab keine weiteren Fragen, so dass Olivia die Lesung für beendet erklärte und ankündigte, dass ich gleich im Nebenraum für Autogramme zur Verfügung stand.
Während ich mich für einen Moment an die Theke zurück zog um mir von Freddy ein Glas Cola einschenken zu lassen, das den schalen Geschmack von meiner Zunge vertreiben sollte, gesellte sich Lenny zu mir.
Das hast Du wundervoll gemacht Prinzessin, gratulierte er mir und stützte sich neben mich auf die Theke.
Ja, irgendwie hat es sogar Spaß gemacht, lächelte ich und nahm einen großen Schluck von meiner Cola.
Die Fragen über A.J. haben Dich etwas aus dem Konzept gebracht, stimmts?
Naja, es war schon irgendwie merkwürdig...so...als sei sie nicht an mir als Person interessiert sondern nur an dem Teil, der mit A.J. befreundet ist.
Du kannst ihr keine Vorwurf machen...sie steht auf ihn...genau so wie eine gewisse Junge Dame, die ich im Übrigen sehr gut kenne.
Erschrocken blickte ich mich schnell nach allen Seiten um, aber Gott sei Dank waren wir in diesem Moment unbeobachtet.
Lenny, zischte ich nicht hier und jetzt. Wenn Dich irgendjemand hört...,
...dann denkt er, ich rede über Tammy, vollendete Lenny meinen Satz.
Ich seufzte gequält. Mein schlechtes Gewissen kam mir wohl aus allen Knopflöchern. Ich musste aufpassen, dass ich mich nicht selbst eines Tages verriet.
Jetzt mach Dich nicht verrückt...es wird ein Geheimnis bleiben....sofern Du einen klaren Kopf behälst.
Leichter gesagt als getan.
Ich weiß...aber bevor wir uns hier noch um Kopf und Kragen reden, solltest Du lieber die unglaublich nervöse Olivia beruhigen und zu Deiner Autogrammstunde gehen, lächelte Lenny und deutete dabei Richtung Billardzimmer, wo Olivia stand und hektisch versuchte, auf sich aufmerksam zu machen.
Ich musste grinsen ich frage mich, wer heute wohl aufgeregter war, sie oder ich.
Ich denke, da habt ihr Euch nicht viel geschenkt. Ich musste ihr tatsächlich einen Whisky einschenken, bevor die ganzen Leute kamen, so durch den Wind war sie.
Ich lachte, klopfte ihm noch einmal kurz auf die Schulter und machte mich dann auf den Weg zu Olivia und der ersten Signierstunde meines Lebens.
Kapitel 35