Kapitel 33

An einem sonnigen Morgen Mitte April klingelte es an der Haustür. Tammy und ich saßen gerade beim Frühstück. Für einen Moment hielten wir inne und sahen uns mit großen Augen an. Tammy hatte den Mund voll und vergaß zu Kauen, während meine Tasse Kaffee nur Zentimeter vor meinem Mund verharrte.
Als hätte jemand mit einer Pistole den Startschuß gegeben sprangen wir gleichzeitig auf und hasteten zur Tür. Ich erreichte sie als Erste und riss sie auf. Vor Schreck hätte Frank, der in seiner braunen UPS-Uniform dahinter stand, beinahe sein Klemmbrett fallen lassen. Theatralisch fasste er sich an die Brust und verdrehte in gespieltem Entsetzen die Augen.
„Meine Güte Robin, willst Du mich umbringen?“
„Nein Frank, ganz im Gegenteil. Wenn in diesem Riesenpaket das drin ist, was ich vermute, bekommst Du gleich einen dicken Kuß von mir,“ entgegnete ich aufgeregt. Seit Tagen wartete ich jetzt schon auf die Ankunft eben dieses Paketes. Olivia hatte es angekündigt und seit dem war mir jedes Mal das Herz in die Hose gerutscht, wenn es an der Tür klingelte.
Frank lächelte und hielt mir das Klemmbrett unter die Nase. Ich unterschrieb an der gekennzeichneten Stelle und griff dann nach dem großen, braunen Karton. Er war so schwer, dass ich Mühe hatte, ihn hoch zu heben. Schließlich schob ich ihn einfach mit dem Fuß über den glatten Holzfußboden vor mir her.
Ich hörte, wie Tammy Frank herein bat und wenig später standen wir zu dritt im Wohnzimmer um das Paket herum, das zwischen uns auf dem Tisch stand. Tammy reichte mir feierlich eine Schere, die sie aus der Küche geholt hatte und mit ernster Miene durchtrennte ich das Klebeband. Ich öffnete den Deckel des Kartons und da war es!
„Spurensuche“ prangte in geschwungenen Lettern auf dem Cover und darunter mein Name. Ein Mädchen blickte sich darauf mit schreckgeweiteten Augen nach ihren Verfolgern um. Diese waren allerdings auf dem Cover nicht zu sehen. Die Szene wirkte, wie einem Alptraum entsprungen.
„Oh Mann,“ flüsterte Tammy neben mir und Frank seufzte leise.
Mit zitternden Fingern griff ich nach dem Buch...meinem Buch. Zärtlich strich ich über den Schutzumschlag und drehte es dann vorsichtig in meinen Händen.
Von der Rückseite blickte mir mein eigenes Gesicht entgegen, es folgte die obligatorische Inhaltsangabe und ein kurzer Kommentar zur Autorin.
„Oh Mann,“ stammelte auch ich jetzt und konnte nicht aufhören, das Buch von allen Seiten zu betrachten, es zwischendurch liebevoll an meine Brust zu pressen um es dann wieder hin und her zu drehen.
„Schlag es auf,“ drängte Tammy, die ganz dicht neben mit stand und beinahe so aufgeregt war wie ich.
Vorsichtig öffnete ich also den Buchdeckel und blätterte die erste, unbeschriebene Seite um. Es war alles wie es bei einem richtigen Buch sein sollte: Die typischen Hinweise zur Erstausgabe, dem Copyright, den Angaben zum Herausgeber und der Hinweis, dass das Buch auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt war und doch beschlich mich dieses unwirkliche Gefühl.
Es handelte sich hier tatsächlich um meine Geschichte, meine Worte, die ich mit meinen eigenen Händen geschrieben hatte, die aus meinem Kopf kamen. Ich hatte monatelang mit den Figuren gelitten und ich alleine hatte über den Ausgang der Story entschieden. Ich hielt meine Gedanken schwarz auf weiß in den Händen und es würde wohl noch ein paar Tage dauern, bis ich das richtig begriffen hatte.
Bis jetzt befand sich diese Geschichte noch hier bei uns im Wohnzimmer und in einigen Händen verschiedener Verlagsleute, doch ab nächster Woche konnte es ganz Amerika mit nach Hause nehmen. Wer und wo würde wohl meine Worte lesen? Würde es den Menschen gefallen? Würden sie verstehen, wie viel Arbeit dahinter steckte, wie viel Mühe es manchmal gekostet hatte, die richtigen Worte zu finden? Ich dachte daran, wie oft ich schon ein Buch von anderen Schriftstellern in den Händen gehalten und manchmal regelrecht verschlungen hatte, ohne mir jemals darüber Gedanken gemacht zu haben, wie dieses Buch wohl entstanden war. Ich fühlte leise Gewissensbisse darüber und wandte mich wieder dem Hier und Jetzt zu.
Auf der zweiten Seite noch einmal der Titel und das kleine Robin Duncan darunter. Ich platze fast vor Stolz und als ich die Gesichter der anderen beiden aufblickte, sah ich in ihren Augen genau den selben Ausdruck.
Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ich hielt das Ergebnis von einem Jahr harter Arbeit in der Hand. Es war einfach unglaublich.
Ich widerstand dem Drang, mich in die nächstbeste Ecke zu kuscheln und sofort mit Lesen zu beginnen. Stattdessen holte ich zwei Exemplare aus dem Karton heraus und drückte sie Tammy und Frank in die Hand.
„Ich will eine Widmung,“ sagte Frank aufgekratzt und zog einen Kugelschreiber aus seiner Brusttasche. Er streckte mir beides entgegen und sein Gesichtsausdruck erinnerte mich an einen kleinen Jungen an Weihnachten.
In diesem Moment musste ich an A.J. denken, wie er am Weihnachtsmorgen vor meinem Bett gestanden hatte. Mein Herz machte einen Satz und mit einem Lächeln im Gesicht nahm ich Frank das Buch aus der Hand. Ich setzte mich auf die Couch und schlug es auf meinen Knien auf. Ich strich die erste Seite glatt und überlegte einen Moment, dann schrieb ich in meiner absoluten Sonntagsschrift:

Für Frank, meinem Freund und Nachbarn, dem ich ewig dankbar sein werde, dass er mir dieses Geschenk ins Haus gebracht hat.

In Liebe
Robin

Er wirkte schon fast ein wenig rührselig, als er das Buch wieder entgegen nahm. Tammy stand einfach nur da, presste mein Buch an ihre Brust und sah mich unverwandt und mit unverhohlenem Stolz an.
„Du hast es wirklich geschafft Kleines,“ sagte sie, dann drückte sie mich an sich „ich bin so stolz auf Dich. Die ganze Arbeit, die ganze Mühe...und jetzt schau Dir das an.“
Sie lies mich los und streckte mir das Buch entgegen.
„Danke Tammy, ich weiß wie es aussieht,“ lachte ich und sie gab mir lächelnd einen leichten Klaps auf den Arm.
„Das muß gefeiert werden,“ reif sie und machte sich auf den Weg zum Telefon. Sie lud die halbe Straße auf einen kleinen Umtrunk heute Abend ein und ich war so glücklich wie schon seit langer Zeit nicht mehr.

Kapitel 34