Kapitel 32

Der Brief kam an einem Tag Mitte Februar, an dem ich ihn noch weniger als sonst gebrauchen konnte.
Die Sonne hatte beschlossen, sich für 24 Stunden zu verabschieden, was bedeutete, dass ich selbst am Mittag noch mehr oder wenig im Dunkeln saß. Vor dem Fenster tanzten die Schneeflocken, die Heizung lief auf vollen Touren und ich hatte mich direkt nach dem Aufstehen wieder in mein Bett verzogen.
Molly fehlte mir unglaublich. Wie gerne hätte ich sie jetzt angerufen und ihr von dem vielen Schnee erzählt und von Lenny, wie er, mit Pudelmütze und dickem Parker unablässig versuchte, die diversen Einfahrten in unserer Straße frei zu schaufeln.
Ich hatte also beschlossen, mir heute meinen Depritag zu gönnen, als es an meiner Tür klopfte und Tammy den Kopf herein steckte.
"Du hast Post bekommen," verkündete sie lächelnd, überreichte mir einen weißen Umschlag und setzte sich zu mir auf den Bettrand.
Ich drehte den Brief für einen Moment in den Händen und betrachtete ihn von allen Seiten. Einen Absender suchte ich vergeblich, dafür war meine Anschrift fein säuberlich mit Schreibmaschine darauf getippt worden.
Irgendwie fand ich das sehr merkwürdig. Tammy wohl auch, denn sie schaute erwartungsvoll zwischen meinem Gesicht und dem Umschlag hin und her.
"Vielen Dank Tammy...ich...währe jetzt gerne wieder alleine...wenn möglich."
Für einen Moment schaute sie mich mit gerunzelter Stirn misstrauisch an, doch dann erhob sie sich mit einem lauten Seufzen, verließ mein Zimmer und zog leise die Tür hinter sich zu. Mittlerweile hatte sie wohl gelernt, mir aus dem Weg zu gehen, wenn ich mich in dieser trüben Stimmung befand.
Kurz überlegte ich, ob ich den Brief einfach beiseite legen sollte um mich wieder in meine Kissen zu kuscheln. Die Verlockung war einfach groß, mich damit nicht näher zu befassen, sondern meine Augen zu schließen und wieder alleine in meine eigene Welt ab zu tauchen.
Außerdem hatte ich so eine Ahnung, dass mir der Inhalt dieses Schreibens nicht gefallen würde.
Doch schließlich siegte meine Neugier. Mit einem Kugelschreiber riss ich den Umschlag auf, warf ihn unbeachtet zu Boden und faltete die dicht beschriebenen Seiten auseinander.
Der Brief war handgeschrieben. Unregelmäßige Druckbuchstaben sprangen mir entgegen. Ich schaute am Ende des Briefes nach dem Verfasser und schluckte, als ich die zwei kleinen Buchstaben mit dem Punkt dazwischen erkannte. Warum nur schrieb mir A.J. einen Brief?
Nunja, ich würde es wohl nie erfahren, wenn ich mich nicht endlich überwandt und an den Anfang des Briefes zurück kehrte.
Ich laß die ersten Worte und hatte dabei seine raue Stimme im Ohr. Meine Finger zitterten ein wenig und mein Herzschlag hatte sich verdoppelt.

Liebe Robin,

Du wunderst Dich sicher, dass Du ausgerechnet von mir einen Brief bekommst. Ich kann Dir auch gar nicht genau sagen, warum ich Dir tatsächlich schreibe. Ich weiß nur, dass ich Dir bestimmte Dinge einfach sagen muß.

Aha, sehr interessant. Und warum rief er mich nicht einfach an?

Warum ich Dich nicht anrufe?

Verflixt, er kannte mich einfach zu gut.

Ich habe darüber nach gedacht. Ich befürchte einfach, dass Du irgendwann einfach auflegen würdest oder mir erst gar nicht zu hörst. Ich könnte es sogar verstehen.
Ich habe mir in der letzten Zeit sehr viele Gedanken darüber gemacht, was Du wohl über mich und diese ganze Situation denkst. Ich bin zu dem niederschmetternden Ergebnis gekommen, dass ich nicht gerade den besten Eindruck bei Dir hinterlassen haben muß. Wirklich entscheidungsfreudig habe ich mich ja nun nicht gerade gezeigt...im Gegenteil...ich habe Dich sicherlich mehr als einmal mit diesem ganzen Hin und Her verletzt.
Ich möchte Dir einfach nur sagen, wie wichtig Du mir bist und das alles, was bisher zwischen uns geschehen ist, nicht aus irgendeiner Laune heraus passiert ist.
Du bist eine einzigartige Frau und ständig in meinen Gedanken. Sobald wir zusammen in einem Raum sind, versagt einfach mein klares Denken...genau das ist es wohl, was uns schlussendlich kaputt machen wird.

Woher kannte ich das bloß? Ging es ihm tatsächlich ähnlich wie mir? Naja, wohl nicht wirklich...ich liebte ihn...sein Brief klang aber eher nach Abschied nehmen.

Ich habe keine Ahnung, wie sehr Du gefühlsmäßig in dieser Sache drin steckst. Ich weiß nur, dass es so nicht weiter gehen kann. Du hast an diesem furchtbaren Weihnachstmorgen gesagt, dass endlich Schluß mit diesen Spielchen sein muß. Ich stimme Dir in sofern zu, dass wir einen Weg aus dieser Sache heraus finden müssen...aber Spielchen habe ich nie gespielt und ich hoffe, dass Du mir das nach diesen Zeilen glaubst.

Auch wenn es für Dich höchstwahrscheinlich völlig uninteressant ist, möchte ich noch einmal klar stellen, dass ich mit dieser Weihnachts-/Silvesteridee nichts zu tun hatte. Es ist richtig, dass mich Tammy noch einmal anrief um mich erneut zu fragen, ob sie Dich für diese Zeit einladen kann. Ich habe zu diesem Zeitpunkt vielleicht nicht mehr die Gegenwehr gezeigt, die ich hätte zeigen sollen...das ist wohl das Einzige, was ich mir vorwerfen muß. Aber Du kennst doch Tammy, hat man da etwas entgegen zu setzen? Nachdem sie Dich überredet hat mit zu kommen, denke ich, Du weißt von was ich rede.

Ob er irgendwann damit aufhören würde? Trampel!

Auch wenn Du das jetzt sicherlich nicht hören willst...ich vermisse Dich.

Er hatte recht, ich wollte es nicht hören...oder vielleicht doch?

Dein Lächeln, Deinen Humor, Unsere Gespräche.
Ich weiß, dass wir keine Zukunft haben, zumindest versuche ich mir das ein zu reden. Ich liebe Tammy und ich könnte ihr nie weh tun. Doch irgend etwas in mir, will auch Dich und ich weiß nicht, wie ich mich dagegen wehren soll.
Ich habe es versucht, ich schwöre es! Aber es hat bisher leider nicht funktioniert.
Ich werde es in Zukunft weiter versuchen und damit Du nicht auf irgend welche dummen Gedanken kommst (ich spiele KEINE Spielchen!), schreibe ich Dir diesen Brief.

Spätestens hier wurde es verwirrend. Er wußte scheinbar wirklich nicht, was er wollte. Oder doch...er wußte, dass er Tammy nicht weh tun konnte. War das eine Basis für eine Beziehung? Was hatte er erlebt, dass es ihm so schwer fiel, Entscheidungen, die diese Situation eben nun mal erforderte, nicht mit dem Herzen sondern mit dem Kopf zu treffen?

Bevor das jetzt hier entgültig in sinnloses Gestammel ausartet, beende ich diesen Brief. Ich habe keine Ahnung, ob Dir diese Zeilen irgendetwas bringen. Ich wünsche es mir, aber wenn ich die Worte noch einmal lese, glaube ich nicht mehr daran. Sie klingen irgendwie falsch und doch richtig.

Was machst Du bloß mit mir?

A.J.

Ganz langsam lies ich die Hände sinken. Ich wußte nicht genau, ob mir diese Zeilen irgendwie weiter geholfen hatten.
Es war wie immer keine klare Aussage zu erkennen. Auf der einen Seite liebte er Tammy, auf der anderen konnte er mich nicht vergessen.
Wenn die Zeilen irgendetwas klar gestellt hatten, dann, dass ich ihm nicht einfach nur egal war und nicht nur ein Spielzeug für ihn gewesen war.
Doch das brachte mich wohl nicht wirklich weiter.
Ich laß den Brief noch zwei Mal und kam zu keinem neuen Ergebniss. Dann kam ich auf die glorreiche Idee, die letzte Seite herum zu drehen und meine Augen weiteten sich.
Auf der Rückseite war fein säuberlich ein Liedtext geschrieben worden. Er hätte sich alle Worte vorher sparen können. Dieses Lied sagte mehr, als tausend Worte es jemals gekonnt hätten.

I know all about, about your reputation
and how it’s bound to be a heartbreak situation
But I can’t help it if I’m helpless
everytime that I’m where you are
You walk in and my strength walks out the door
Say my name and I can’t fight anymore
Oh I know I should go
but I need your touch just too damn much

Loving you isn’t really something I should do
Shouldn’t wanna spend my time with you
I should try to be strong
But baby, you’re the right kind of wrong
Baby you’re the right kind of wrong

Might be a mistake, a mistake I’m making
but what you’re giving I am happy to be taking
’Cos no-one’s ever made me feel the way I feel
when I’m in your arms
They say you’re something I should do without
They don’t know what goes on when the lights go out
There’s no way to explain
all the pleasure is worth all the pain

Lovin you isn’t really something I should do
Shouldn’t wanna spend my time with you
I should try to be strong
But baby, you’re the right kind of wrong
Baby you’re the right kind of wrong

I should try to run
but I just can’t seem to
’coz every time I run you’re the one I run to
I can’t do without what you do to me
I don’t care if I’m in too deep

I know all about, ’bout your reputation
and how it’s bound to be a heartbreak situation
But I can’t help it if I’m helpless
everytime that I’m where you are
You walk in and my strength walks out the door
Say my name and I can’t fight anymore
Oh I know I should go
But I need your touch just too damn much

Loving you isn’t really something I should do
shouldn’t wanna spend my time with you
I should try to be strong
But baby, you’re the right kind of wrong
Baby you’re the right kind of wrong

Die letzten Worte verhallten in meinem Kopf und ich rollte mich auf meinem Bett zusammen. Die Seiten seines Briefes drückte ich fest an mich und kümmerte mich dabei nicht darum, dass sie in meinen Armen verknitterten.
Warum war das alles so ausweglos? Warum wußte er, dass er mich auf eine gewisse Art liebte und tat doch nichts dafür, dass sich an dieser Situation etwas änderte? Warum konnte er sich nicht ein für alle mal entscheiden, was er wollte?
Hätte er mir geschrieben, dass das alles ja ganz nett gewesen währe, aber es jetzt ein Ende finden müsste, währe ich sicherlich unsagbar traurig gewesen, aber ich hätte wenigstens irgendeinen Abschluß gefunden und irgendwann damit leben können. Doch er reichte mir hier sozusagen den kleinen Finger und wenn ich nach der ganzen Hand greifen wollte, zog er sie zurück.
Er bestätigte mir, dass ich für ihn mehr war, als nur etwas, mit dem man sich einfach mal zwischendruch die Zeit vertrieb. Mehr aber auch nicht.
Wenn das überhaupt noch möglich war, sehnte ich mich mehr als jemals zuvor nach ihm. Er gab mir Hoffnung, wo eigentlich keine war. Er signalisierte mir, dass er mich brauchte, aber wenn ich einen Schritt auf ihn zu machte, schob er Tammy zwischen uns und versteckte sich hinter ihr.
Ich hatte es so satt! Ich wollte nicht mehr an ihn denken müssen, ich wollte mich nicht mehr nach ihm sehnen und ich wollte nicht mehr hier sitzen und darauf warten, dass ein Wunder geschah.
Ich stand auf und kramte in einer der untersten Schubladen in meinem Schrank. Ich zog ein kleines, braunes Kästchen hervor. Darin befanden sich alle wichtigen Dinge in meinem Leben. Der Ehering meiner Mum, eine getrocknete Margarithe, die mir mein erster Freund im Alter von sechs Jahren geschenkt hatte, Fotos von meinen Eltern, Tammy und mir und der Kopf der Rose, die mir A.J. zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich vergrub seinen Brief ganz unten in der Schatulle, klappte den Deckel zu und verstaute sie wieder in den Tiefen der Schublade.
Danach legte ich mich wieder auf mein Bett und starrte an die Decke. Wenn er nicht in der Lage war, diesem ganzen Hin und Her ein Ende zu bereiten, dann würde ich das eben tun.
Ich würde mich hüten, auf diesen Brief zu antworten, ich würde ihn nicht anrufen und ihm zukünftig aus dem Weg gehen. Keine Zusammentreffen, die Tammy immer wieder unwissend organisierte, keine Gelegenheiten, ihm nahe zu kommen.
Ich würde mich aus seinem Leben raus halten und er somit auch aus meinem. Währe doch gelacht, wenn ich das nicht auf die Reihe bekam! Ich war eine erwachsene Frau und hoffentlich bald eine erfolgreiche Schriftstellerin. Wer brauchte schon einen A.J. McLean?

Kapitel 33