Kapitel 31

Den Heimweg legte ich wie eine Schlafwandlerin zurück. Ich bekam nicht viel von meiner Umwelt, dem Flug oder Lenny mit, der mich zutiefst beunruhigt am Flughafen abholte.
In meiner Abwesenheit hatte sich eine etwa zehn Zentimeter dicke Schneeschicht über die Welt gelegt, normaler Weise ein Grund, mich wie ein kleines Kind darüber zu freuen. Doch heute nahm ich es kaum war.
Die nächsten Tage verbrachte ich einfach mit nichts tun. Ich lag zusammengerollt in meinem Bett oder starrte gedankenverloren von meinem Sessel im Wintergarten hinaus in die Winterlandschaft.
Lenny lies mich weitgehend in Ruhe. Er war immer da, achtete darauf, dass ich meinen Tee trank, ab und zu etwas ass und nicht den ganzen Tag in meinem Pyjama herum lief.
Ansonsten saß er in meiner Nähe, zeichnete an seinen Comics, nahm Anrufe entgegen und nahm mich ein ums andere Mal in seine Arme, wenn ich weinte.
Eines Morgens stand er dann mit Schal und Handschuhen vor meinem Bett und starrte mich entschlossen an.
„Aufstehen Prinzessin, wir machen einen Spaziergang,“ verkündete er.
„Ich will nicht. Verschwinde,“ entgegnete ich und zog mir die Decke über den Kopf.
„Nichts da,“ sagte er und zog mir die Decke weg.
„Gib her,“ fuhr ich auf, doch als ich nach der Decke greifen wollte, knüllte er sie zusammen, öffnete meine Zimmertür und warf sie in den Flur hinaus.
„Du wirst jetzt gefälligst aufstehen, Dich an ziehen und mit mir einen Spaziergang machen. Wir werden zu Freddy gehen und richtig lecker frühstücken und danach wirst Du Dein Leben wieder aufnehmen.“
„Ich werde gar nichts machen,“ antwortete ich bockig. Inzwischen fror ich entsetzlich. „Gib mir bitte, bitte meine Decke wieder,“ bettelte ich, doch Lenny blieb unnachgiebig vor meinem Bett stehen.
„Keine Chance. Es wird Zeit, dass Du aus Deinem Loch wieder auftauchst. Sich eine Weile zu verkriechen ist ja gut und schön, aber das geht jetzt seit über einer Woche so. Damit ist jetzt Schluss.“
„Ich wüßte nicht, was Dich das angeht,“ sagte ich wütend und stand auf. Zitternd schlang ich meine Arme um den Körper und wollte an Lenny vorbei meine Bettdecke wieder holen.
„Was mich das angeht? Das wagst Du wirklich mich zu fragen?“
Irritiert blickte ich zu ihm auf. War er etwa wütend?
„Schau mich nicht so an Robin...ja, ich bin wütend und weißt Du warum?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Weil Du so sehr in Deinem Selbstmitleid versunken bist, dass Du um Dich herum nichts mehr mit bekommst. Tammy ruft jeden Tag hier an und macht sich Vorwürfe, dass sie nicht bei Dir ist. A.J. ruft mich an und macht sich ebenfalls Sorgen um Dich. Olivia hat auch schon ein paar Mal nach Dir gefragt und so langsam wird sie ungeduldig. Es sind wohl noch ein paar Dinge für Dein Buch zu klären. Mal ganz abgesehen von mir, der ich tagelang zusehen muss, wie Du immer mehr in Dich zusammenschrumpfst. Es reicht...es reicht wirklich.“
„Darf ich jetzt noch nicht einmal mehr traurig sein oder was?“ schleuderte ich ihm entgegen und fühlte mich dabei tatsächlich langsam wieder lebendig.
„Klar darfst Du traurig sein...mein Gott, natürlich...aber komm langsam wieder zurück zu uns, o.k.? Wir brauchen Dich, ob Du es glaubst oder nicht. Nicht nur Du hast jemanden verloren, verstehst Du? Wir vermissen Dich....Du fehlst mir,“ zum ersten Mal fiel mir auf, wie müde er aussah. Er war blass, unter seinen Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab und seine Haare waren um einiges länger als sonst. Er presste den Schal und die Handschuhe an sich, als währen sie das Einzige, was ihm im Moment noch Halt gab und sah mich mit flehendem Blick an.
„Bitte...nur eine Stunde oder so. Einfach ein bisschen frische Luft, ein bisschen reden...ein bisschen Normalität...ein bisschen von meiner alten Robin. Mehr verlange ich ja gar nicht.“
„Bin ich so schlimm?“ flüsterte ich und Lenny schüttelte den Kopf.
„Schlimmer...aber damit kann ich leben,“ ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Freunde?“ fragte er.
„Freunde.“ erwiderte ich und schlang meine Arme um seinen Hals.
„Mir ist fürchterlich kalt,“ sagte ich schließlich.
„Ich glaube, ich habe hier was Passendes,“ sagte er grinsend und schlang mir den Schal ein paar mal um den Hals.
„Jetzt noch die Handschuhe....,“ er nahm meine Hände und stülpte die Handschuhe nachlässig darüber, so dass die Finger schlaff von meinen Händen baumelten „und jetzt lass uns losgehen, ich habe Hunger,“ sagte er, nahm meine Hand und versuchte mich hinter sich her aus dem Zimmer zu ziehen.
„LENNY!“ lachte ich „darf ich mir wenigstens noch etwas anderes anziehen?“
„Aber nur wenn es schnell geht...ich habe wiiiiiiirklich Hunger.“

Natürlich war nicht sofort alles wieder bestens. Ich hatte nach wie vor meine Durchhänger und zweifelte an mir, meinem Leben und den Menschen, mit denen ich mich umgab.
Doch im Großen und Ganzen hatte es Lenny, wie immer, richtig gemacht. Ich brauchte wohl jemanden, der mir ab und zu in den Hintern trat und mir zeigte, worauf es im Leben wirklich ankam. Tammy kam wieder nach Hause und so langsam gewöhnte ich mich daran, dass es eben sie war, die mit A.J. glücklich war.
Allerdings erzählte sie nicht viel über ihn, was mich ein wenig stutzig machte, da wir sonst alles mit einander geteilt hatten.
Eines Tages fasste ich mir also ein Herz und sprach sie darauf an. Ich musste einfach wissen, woran es lag. Hatte sie einen Verdacht? Aber dafür war sie eigentlich viel zu nett zu mir.
Wir saßen gerade im Wintergarten, hatten unser Frühstück verdrückt und Tammy hatte sich hinter der Zeitung verschanzt.
„Tammy? Darf ich Dich etwas fragen?“
„Sicher,“ entgegnete sie, ohne von ihrer Lektüre auf zu blicken.
„Ist mit Dir und A.J. alles in Ordnung?“ Raschelnd senkte sich die Zeitung und sie sah mich verständnislos an.
„Natürlich...warum fragst Du?“
„Ich dachte nur...Du erzählst so wenig von ihm.“
Jetzt faltete sie endgültig die Zeitung zusammen, legte sie neben ihren Teller und beugte sich in ihrem Stuhl nach vorne.
„Was möchtest Du denn wissen?“
„Es geht weniger darum, was ich wissen will als darum, warum Du mir nichts mehr erzählst,“ antwortete ich und nahm einen Schluck von meinem Tee. Ich beobachtete sie dabei über den Rand meiner Tasse hinweg und versuchte in ihrem Gesicht zu lesen, was sie gerade dachte. Ich machte sie ganz eindeutig nervös.
„Es ist Nichts...also...nichts was ich erzählen könnte...meine ich.“
Ich runzelte die Stirn „was bedeutet „nichts was ich erzählen könnte“?“
„Ich will Dich damit nicht langweilen,“ sagte sie schlicht und griff wieder zu ihrer Zeitung.
„Raus mit der Sprach Tammy, was ist los?“ Mit einem Seufzer lies sie die Zeitung wieder sinken und ohne mich an zu sehen sagte sie „ich habe keine Ahnung, was wirklich los ist. Wir streiten uns recht häufig...was aber wohl bei unserem Temperament normal ist. Ich...habe einfach manchmal das Gefühl, dass ich ihm nicht wichtig genug bin. Und irgendetwas beschäftigt ihn...er spricht nicht darüber, aber manchmal ist er in Gedanken ganz weit weg.“ Sie zuckte mit den Schultern, so als wüßte sie nicht, was sie eigentlich davon halten und wie sie es erklären sollte.
„Was sagt er denn, wenn Du ihn darauf ansprichst?“ Innerlich kniff ich die Augen zusammen und wartete mit pochendem Herzen, was sie jetzt wohl antworten würde.
„Das ich mir das nur einbilde, das ich der wichtigste Mensch in seinem Leben bin...solche Sachen eben.“ Erneut zuckte sie mit den Schultern.
„Du glaubst ihm nicht.“ stellte ich fest und bemerkte erleichtert, dass sich mein Herzschlag wieder etwas beruhigt hatte. Ich war noch nie auf den Gedanken gekommen, dass A.J. Tammy vielleicht in einer schwachen Minute von uns erzählen könnte. Doch gerade eben hatte ich fest damit gerechnet, dass er ihr gegenüber zumindest Andeutungen gemacht hatte. Wie weit konnte ihn sein schlechtes Gewissen treiben?
Doch scheinbar war meine Angst unbegründet. Natürlich hatte Tammy ein schlechtes Gefühl bei der Sache, immerhin verschwieg er ihr wirklich etwas. Doch es war wohl ausgeschlossen, dass sie von selbst auf unser Geheimnis stoßen würde.
„Ich weiß nicht mehr so recht, was ich glauben soll. Das Schlimme ist, dass ich immer öfter denke, dass er Recht hat. Ich meine...ich bin eben der eifersüchtige Typ...das weiß ich selbst. Ich komme einfach noch nicht so ganz damit klar, dass er von so vielen Frauen geliebt und angebetet wird. Ich komme mir dann immer so unwichtig vor. Und dann sein Blick...manchmal sitzt er minutenlang nur da und starrt vor sich hin. In diesem Moment wirkt er, als währe er gedanklich nicht mehr anwesend...irgendwohin entschwebt. Keine Ahnung.“
„Er ist Künstler, haben die den Kopf nicht immer irgendwo in den Wolken?“
Tammy seufzte „ich kann es Dir nicht sagen. Ich habe nur das Gefühl, dass es in letzter Zeit schlimmer wird. Manchmal glaube ich, dass er mich gar nicht mehr wahr nimmt. Ich sitze neben ihm, aber er ist nicht bei mir.“ Jetzt klang sie ehrlich verzweifelt und erschrocken musste ich feststellen, dass ich wohl nicht ganz unschuldig an ihrer Situation war.
Oder nahm ich mich mal wieder viel zu wichtig? Wieso glaubte ich, dass er an mich dachte? Es gab bestimmt tausende von Dingen, die ihm zur Zeit durch den Kopf gingen. Soweit ich informiert war, sollten die Jungs bald aus ihrem Urlaub zurück ins Plattenstudio gehen. Vielleicht schwirrten ihm schon neue Musikstücke durch den Kopf, vielleicht kämpfte er mit Textzeilen, die sich einfach nicht harmonisch zusammenfügten, wer wußte das schon?
Aber hätte er das nicht Tammy erzählt? flüsterte eine Stimme in meinem Kopf und ich konnte nicht wirklich darauf eine Antwort geben.
„Vielleicht hat er einfach viel Arbeit im Kopf...und was das andere angeht. Die Fans sind wohl eine Sache, bei der ich Dir nicht wirklich helfen kann. Er liebt Dich , soviel ist klar. Wenn er es immer noch mit Dir aushält...,“ ich grinste Tammy über den Tisch hinweg an und ich bekam tatsächlich so etwas ähnliches wie ein Lächeln zurück.
„Du hast ja Recht...manchmal ist es einfach...schwierig.“
„Und deshalb erzählst Du es mir nicht?“
„Naja...ich kann es ja selbst nicht erklären...wieso sollte ich Dich dann auch noch damit belasten?“
„Belasten...pfh...wozu sind Schwestern denn bitte schön da?“
Ich stand auf, ging zu ihr hinüber, nahm sie in die Arme und fühlte mich so mies, wie schon lange nicht mehr. Wir taten ihr weh...das durfte nicht sein.
Erneut gratulierte ich mir dazu, die Sache mit A.J. ein für alle Mal klar gestellt zu haben. Es hätte so einfach nicht weiter gehen können. Er war und blieb eben unerreichbar. Ich sollte mich einfach freuen, dass es ihm mit Tammy gut ging. Andererseits...war er wirklich glücklich? Bestimmt beantwortete ich mir die Frage gleich selbst, sonst währe er ja wohl nicht mehr bei ihr, oder?

Kapitel 32