Kapitel 30
Ich wußte nicht genau, wie lange ich auf dem Bett lag. Minuten, Stunden oder sogar Tage? Irgendwann hatte ich keine Tränen mehr, die ich weinen konnte und so starrte ich mit pochenden Kopfschmerzen an die Decke.
Mein Gehirn war wie leer gefegt. Ich dachte nichts, ich fühlte nichts. Ich war einfach ganz allein auf meiner Bettinsel und wußte vor Trauer nicht was ich tun sollte.
Ich ignorierte das Klopfen an der Tür, das mit der Zeit immer lauter und eindringlicher wurde. Mal hörte ich Tammys Stimme, dann versuchte es A.J., aber ich dachte gar nicht daran, die Tür zu öffnen. Sie sollten mich einfach alle in Ruhe lassen!
Ab und an klingelte es an der Haustür. Ich hatte keine Ahnung wer da kam und dann bald darauf wieder ging, es war mir auch egal.
So verging die Zeit, ohne dass ich wirklich etwas davon mit bekam.
Manchmal wünschte ich mir, dass Lenny jetzt hier währe, dann war ich wieder froh, dass er nicht auch noch für der Tür stand und mich mit seinem Geklopfe nervte.
Schließlich hörte ich A.J.s aufgebrachte Stimme vor der Tür.
Robin, wenn Du nicht sofort diese Tür auf machst, schlage ich sie höchstpersönlich ein, das schwöre ich Dir. Pah...sollte er doch. Was wollte er eigentlich? Er hatte doch seine Herzdame bei sich, auf der anderen Seite meiner Welt und ich wollte ihn auch gar nicht hier haben. Sollte ich mich jetzt noch zusätzlich von ihm quälen lassen? Nein, ich hatte im Moment einfach nicht die Kraft noch länger irgendwelche Spielchen zu spielen.
Entschlossen stand ich auf und kramte meinen Koffer unter dem Bett hervor. Achtlos warf ich meine Kleider hinein, griff mir wahllos irgend etwas aus dem Stapel, der sich mittlerweile in dem Koffer türmte und zog es an. Ich räumte meine Sachen aus dem Bad zusammen und als ich mich auf den Koffer setzte und mit zittrigen Händen versuchte, die Schnappschlösser zu schließen, hörte ich A.J. mit einer ungeheuren Wucht gegen die Tür rennen.
Ich komme ja schon, murmelte ich und bevor er noch ein zweites Mal dagegen rennen konnte, drehte ich den Schlüssel im Schloss und öffnete die Tür. A.J. und Tammy standen davor. Er rieb sich die Schulter und sie versuchte vorwurfsvoll aus zu sehen.
Wo willst Du hin? fragte sie erschrocken, als sie den Koffer in meiner Hand bemerkte.
Nach Hause...ich will einfach meine Ruhe, o.k.?
Die kannst Du hier auch haben..., sagte A.J. doch ich unterbrach ihn.
Schon klar, mit einem Irren vor der Tür, der sie einrennt wenn man ihm nicht gleich aufmacht. Nein danke.
Hey...wir machen uns einfach Sorgen, ist das so schwer zu verstehen?
Nein, aber ist es so schwer zu verstehen, wenn ich einfach mal für ein paar Stunden alleine sein will?
Du warst aber ganz schön aufgelöst und ziemlich lange da drin...wir wussten nicht...wie es Dir geht und..., Tränen rollten über Tammys Wangen.
Vergiss es einfach Schwesterchen, o.k.? Mir geht es gut. Ich will einfach nur nach Hause.
Dann komme ich mit, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete und verschwand in ihrem Zimmer.
Bleib doch bitte hier, sagte A.J. und sah mich durchdringend an ich verspreche auch, Dich in Ruhe zu lassen.
Nein A.J., tut mir leid. Ich halte das hier nicht länger aus, verstehst Du das?
Ich sah in seinen Augen, dass er sofort wußte, dass es mir nicht nur um Molly ging. Zögernd nickte er. Ich verstehe es, was nicht heißen soll, dass ich es auch richtig finden muss, sagte er geknickt.
Rufst Du mir ein Taxi? Und dann sorge bitte dafür, dass Tammy nicht mit mir kommt. Ich ertrage das im Moment nicht. Wieder nickte er.
Ich folgte ihm hinunter in den Flur und hörte gleich darauf, wie er im Wohnzimmer ein Taxi bestellt. Denise kam aus der Küche, trocknete sich ihre Hände an einem Geschirrhandtuch ab und zog mich dann in ihre Arme.
Es tut mir sehr leid um Deine Freundin, sagte sie mitfühlend.
Danke.
Ich schluckte die aufkommenden Tränen hinunter. Wenn ich hier wieder zusammenbrach, würden mich Tammy und A.J. niemals gehen lassen. Ich musste mich wenigstens so lange beherrschen, bis ich im Taxi saß.
Taxi ist unterwegs, hörte ich A.J. sagen als er sich wieder zu uns gesellte.
Mum, kannst Du bitte dafür sorgen, dass Tammy aufhört, ihre Koffer zu packen? Ich befürchte, auf mich wird sie nicht hören.
Ich kann es versuchen, sagte sie und fuhr ihrem Sohn mitfühlend durch das Haar. Dann stieg sie die Treppen zu Tammys Zimmer hinauf.
Ich wünschte, Du würdest nicht gehen, sagte er, als Denise außer Hörweite war.
Und ich wünschte, Molly würde noch leben...aber beides ist leider nicht möglich.
Robin, es tut mir leid...das Ganze ist..., er breitete hilflos die Arme aus und lies seinen Satz unvollendet.
Geschenkt. Werde mit Tammy glücklich...aber lass mich in Zukunft in Ruhe, o.k.? Ich habe keine Lust mehr auf diese Spielchen.
Das sind keine Spielchen, sagte er und auf seiner Stirn erschien eine steile Falte ich kann Dir leider nicht sagen, was es ist...wenn ich das wüßte, währe alles sehr viel einfacher. Aber ich spiele keine Spielchen...ich...muß immer zu an Dich denken und...
Hör auf, ich hob die Hand um ihn am Weiterreden zu hindern hör endlich auf damit. Ich will das nicht hören. Du bist mit Tammy zusammen und basta. Du liebst sie, da habe ich keinen Platz, in welcher Form auch immer. Lassen wir es einfach dabei. Ich habe im Moment einfach keinen Kopf dafür.
Bevor er noch etwas sagen konnte, klingelte es Gott sei Dank an der Haustür. Das Taxi war da.
Machs gut, sagte ich zu ihm und küsste ihn sanft auf die Wange. Ich hörte ihn seufzen und spürte seine Arme, die sich um mich legen wollten.
Schnell trat ich einen Schritt zurück und hob meinen Koffer auf. Ich warf eine kurzen Blick die Treppe hinauf und hörte, wie sich schnelle Schritte näherten. Ich hoffte, dass Denise Tammy überzeugt hatte, hier zu bleiben.
Scheinbar hatte sie ihre Arbeit gut gemacht, denn Tammy kam ohne Koffer die Treppe herunter.
Versprich mir, dass Du mich anrufst, sagte sie. Ihre Augen waren gerötet und sie schniefte leise.
Ich kann Dir nichts versprechen. Lenny wird sich aber auf jeden Fall melden, o.k.?
Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl dabei, Dich alleine zurück fliegen zu lassen.
Das brauchst Du nicht. Ich komme schon zurecht. Falls Du es noch nicht bemerkt haben solltest, ich bin erwachsen. Ich schaffe das schon.
Sie nickte, wirkte aber nicht so, als würde sie mir das tatsächlich glauben. Wir umarmten uns noch einmal, dann trug mir A.J. den Koffer hinaus zum Taxi.
Für einen kurzen Moment dachte ich daran, wie ich mir gewünscht hatte, eine gute Ausrede zu haben, von hier weg zu kommen. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir das sicherlich nicht gewünscht.
Immerhin hatte ich das Gefühl, die Sache mit A.J. ein für alle mal klar gestellt zu haben. Nicht nur ihm gegenüber, sondern auch für mich. Ich wußte jetzt wieder, wie mein Weg aussah und den würde ich ganz sicher ohne ihn gehen. Vielleicht war es ganz gut, dass ich ihm die Entscheidung abgenommen hatte. So brauchte er sich keine Vorwürfe machen und ich konnte das tun, was ich schon immer am Besten gekonnt hatte. Mich auf mich und mein Leben konzentrieren und mit meiner Einsamkeit zufrieden sein.
Kapitel 31