Kapitel 29
Am nächsten Morgen wurde ich durch ein ungeduldiges Klopfen an meiner Tür geweckt. Verschlafen richtete ich mich in meinem Bett auf und murmelte ein undeutliches Herein.
Im gleichen Moment wurde die Tür schwungvoll aufgerissen und A.J. stand in Shorts und T-Shirt, mit verstrubbelten Haaren und dem Blick eines kleinen Kindes in meinem Zimmer.
Ich fasse es nicht. Du liegst immer noch im Bett?
Was?
Hallo-ho...es ist der Weihnachtsmorgen. Das bedeutet Geschenke auspacken...na, klingelt es?
Ich musste über seinen ungläubigen Gesichtsausdruck breit grinsen und seine Aufregung steckte mich an. Bevor ich irgend etwas tun konnte, hatte er mir schon die Decke weg gezogen und mich an der Hand aus dem Bett gezerrt.
Jetzt komm schon. Mum sagt, bevor nicht alle da sind, dürfen wir nicht anfangen.
Ho Brauner, ho, lachte ich. Darf ich mir wenigstens noch die Zähne putzen?
Aber ganz schnell, gestand er mir Zähne knirschend zu und wartete dann ungeduldig, mit vor der Brust verschränkten Armen an der Badezimmertür auf mich.
Als ich schließlich fertig war, durfte ich mir noch nicht einmal mehr die Haare kämmen. Er packte mich einfach wieder an der Hand und zog mich, immer noch in meinem Nachthemd, hinter sich her nach unten.
Als ich das Wohnzimmer betrat, saßen Tammy und Denise bereits auf der Couch und ich bemerkte neidvoll, dass sie wesentlich frischer aus sahen als ich.
So, jetzt sind wir alle da, verkündete A.J. seiner Mutter und ich konnte mir ein kleines Lachen nicht verkneifen. Er wirkte wie ein vier jähriges Kind und nicht wie ein 24 jähriger Erwachsener, als er jetzt seine Mutter flehend an sah.
Na dann mal los, entgegnete Denise lachend und sofort verschwand A.J. halb unter den ausladenden Ästen des Weihnachtsbaumes.
Es folgte eine Papierschlacht, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt hatte. Irgendwann saßen wir alle vier mehr unter dem Baum als davor, packten ein Geschenk nach dem anderen aus, bewarfen uns mit dem zusammenknüllten Geschenkpapier und stießen freudige Ahs und Ohs aus.
Als ich schließlich auch das letzte Geschenk aus gepackt hatte, saß ich in mitten von Keksen, Handschuhen, einem wundervollen Schreibset von Denise, und einer unglaublich hässlichen Zipfelmütze, die mir A.J. geschenkt hatte. Als ich sie aufsetzte, fielen wir gemeinsam vor Lachen hinten über. Ich wußte genau, dass ich es niemals wagen würde, sie in der Öffentlichkeit zu tragen, doch der Gedanke zählte, oder etwa nicht? In dem ganzen Papierwust währe sein zweites Geschenk beinahe untergegangen.
Ich merkte erst, dass da noch etwas war, als ich mich darauf setzte und mit schmerzhaft verzerrtem Gesicht eine kleine Schachtel unter meinem Allerwertesten hervor zog.
Als ich sie öffnete, funkelten mich zwei kleine, schwarze Sonnen an. Die Ohrringe passten wundervoll zu der Sonnenkette, die er mir zum Geburtstag geschenkt hatte und ich fiel ihm vor lauter Begeisterung direkt um den Hals.
Ich versuchte, das wundervolle Gefühl, dass mich zusammen mit seinen Armen umfing, nicht all zu nahe an mich heran kommen zu lassen. Immerhin saß Tammy neben uns. Doch sie lächelte einfach zufrieden, so als sei sie glücklich darüber, dass A.J. und ich uns inzwischen so gut verstanden.
Mein Geschenk für ihn schien daneben einfallslos, doch er freute sich sichtlich über das silberne Armband, das ich für ihn gekauft hatte. Die Kurzgeschichte über den kleinen Jungen, der unbedingt Popstar werden wollte, legte er vorsichtig beiseite und sagte, dass er sie später in aller Ruhe lesen würde.
Ich muss unbedingt Molly anrufen, sagte ich dann aufgeregt, nachdem wir noch eine Weile zusammen gesessen und unsere Geschenke gegenseitig mit dem gebührenden Interesse bewundert hatten. Ich wollte ihr unbedingt von unserer Papierschlacht erzählen und sie fragen, ob mein kleines Päckchen angekommen war. Ich hatte bei einem kleinen Stadtbummel eine wundervoll warme und weiche Strickjacke gesehen und sofort gewusst, dass das das ideale Geschenk für sie war. Ich erinnerte mich an ihre alte, abgenutzte Jacke, die sie fast Tag und Nacht trug und die an den Ellbogen schon fast durchgescheuert war. Sie brauchte dringend etwas Neues.
Denise beugte sich über den Tisch und fischte den Hörer unter einem Stapel Papier hervor. Ich wählte Mollys Nummer und wartete.
Verwirrt runzelte ich die Stirn, als sie nach dem zehnten Klingeln immer noch nicht abgenommen hatte. Das war so gar nicht ihre Art. Ich war mir außerdem sicher, dass sie selbst am Weihnachtstag hinter der Rezeption sitzen würde, in einem Buch las und darauf wartete, dass einer ihrer wenigen Gäste einen Wunsch äußerte.
Jetzt komm schon, flüsterte ich und rutschte unruhig auf der Couch hin und her.
Vielleicht ist sie gerade unterwegs, meinte Tammy leichthin und begann, gemeinsam mit Denise das Papier zusammen zu räumen.
Ich zuckte nur mit den Schultern, als endlich am anderen Ende der Leitung der Hörer abgehoben wurde.
Hallo Molly, meine Güte, wo habe ich Dich denn jetzt her geholt, rief ich freudig und sah Tammy und Denise nach, die gerade, jede mit den Armen voller Papier, das Wohnzimmer verliesen.
Hier ist nicht Molly, hörte ich eine vertraute Stimme, konnte sie aber nicht gleich zu ordnen wer ist denn da?
Hier ist Robin Duncan, sagte ich, stand beunruhigt von der Couch auf und begann im Zimmer auf und ab zu wandern.
A.J. saß auf dem Boden und beobachtete jeden meiner Schritte.
Oh Robin...ich habe Deine Stimme gar nicht erkannt...hier ist Hilda. Irrte ich mich, oder klang sie so, als hätte sie geweint?
Hilda...ist...irgendetwas nicht...in Ordnung? fragte ich vorsichtig und spürte, wie sich mein Herzschlag vor Sorge verdoppelte.
Ach Kind...es ist...furchtbar, ich hörte sie schluchzen und mein Magen krampfte sich zusammen.
Hilda...bitte...was ist denn um Gottes Willen passiert? Ich sah zu A.J. hinüber, der mittlerweile aufgestanden war und mich fragend an blickte.
Molly...sie ist...sie ist..., den Rest verstand ich nicht, da Hilda mittlerweile haltlos in den Hörer schluchzte.
Hilda, sag mir auf der Stelle was los ist, vor lauter Angst wurde meine Stimme grob, aber ich merkte es nicht einmal. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken. Vielleicht war Molly im Schnee ausgerutscht und hin gefallen. Vielleicht lag sie mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus. Bei älteren Leuten wußte man ja nie...
Sie ist heute Nacht von uns gegangen, hörte ich Hilda schließlich leise sagen und dann war da nur noch ein lautes, monotones Rauschen in meinem Kopf. Wie festgewachsen stand ich mitten im Wohnzimmer, meine Hand war wie von selbst zu meinem Mund gewandert und ich bekam nur noch am Rande mit, dass Hilda wohl noch etwas sagte, aber die Worte drangen nicht bis zu mir durch.
Molly war tod? Das konnte doch nicht sein. Nicht diese starke, lebenslustige Frau. Nicht Molly, die ich im Sommer besuchen würde um mit ihr im Meer zu baden. Nicht Molly mit den wundervoll warmen Augen und einem Herzen, in dem die ganze Menschheit platz hatte. Nicht.Molly.
Nach und nach drangen die Worte von meinem Ohr in mein Gehirn. Sie sickerten langsam und stetig in meinen Kopf hinein, bis sie mich voll und ganz aus zu füllen schienen. Molly war nicht mehr bei mir. Ich würde nie wieder ihre Stimme, nie wieder ihr warmes Lachen hören und sie würde mich nie wieder in den Arm nehmen und mir sagen können, das alles wieder gut wurde.
An diesem Punkt angekommen spürte ich, wie mir jemand sanft aber bestimmt den Hörer aus meinen verkrampften Fingern wand. Ich hörte A.J.s dunkle Stimme irgend etwas sagen und dann waren da Arme, die mich fest hielten, während ich schwankend versuchte mich aufrecht zu halten.
Schließlich gaben meine Beine nach und ich sank, gemeinsam mit A.J., auf den Boden. Er drückte mich sanft an sich und strich mir zärtlich über das Haar.
Immer noch starrte ich blicklos vor mich hin. Ich konnte es einfach nicht begreifen.
Es tut mir so leid, flüsterte A.J. und diese Worte schienen irgendwo etwas in mir aus zu lösen. Ich spürte eine Flutwelle der Verzweiflung anrollen und ich kniff ganz fest die Augen zusammen. Die ersten Tränen suchten sich erst langsam und dann mit aller Macht ihre Bahn. Ich begann zu schluchzen und schließlich schüttelte mich ein Weinkrampf nach dem anderen. Ich zitterte am ganzen Körper und A.J. drückte mich noch fester an sich. Er wiegte mich sanft hin und her und flüsterte unablässig in mein Ohr, doch ich hörte nicht, was er sagte.
Undeutlich nahm ich wahr, wie mir jemand über den Rücken strich. Dann hörte ich Tammys besorgte Stimme und A.J., der genau so leise antwortete.
Ich klammerte mich an ihn. In meiner Verwirrung dachte ich, er würde mich alleine lassen. Einfach aufstehen und gehen und nie wieder kommen. So wie Molly...
Immer noch liefen mir Tränen über das Gesicht, aber ich spürte, wie sich ganz langsam eine Art Taubheit in mir ausbreitete. Ich schluchzte noch eine Weile, doch so langsam entspannte sich mein verkrampfter Körper und ich nahm die Geräusche um mich herum wieder war.
Ich hörte ein Schniefen, das nicht von mir kam und als ich ganz langsam und vorsichtig den Kopf hob, blickte ich direkt in A.J.s tränenüberströmtes Gesicht. Neben ihm hockte Tammy auf dem Boden. Sie hatte den Arm um mich gelegt und ihr Kopf ruhte auf A.J.s Schulter. Auch sie weinte.
Der Anblick der beiden, wie sie da so vertraut beisammen saßen, versetzte mir einen weiteren Stich. Es war, als sehe ich ein Bild meines restlichen Lebens vor mir. Die arme kleine Robin, gebeutelt vom Leben, mit dem vor Augen, was sie niemals würde haben können und dem Menschen daneben, der dafür verantwortlich war.
Ungelenk entwand ich mich aus A.J.s Umarmung und stand schwankend auf. Tammy und A.J. erhoben sich ebenfalls.
Gott Kleine, es tut mir so wahnsinnig leid. Sie war so eine wundervolle Frau, sagte Tammy und streichelte mir mitfühlend über den Arm.
Ich komme schon zurecht, sagte ich schwach, drehte mich dann einfach um und stürmte die Treppen nach oben. Ich warf die Tür hinter mir zu, stellte fest, dass sich ein Schlüssel im Schloss befand und drehte ihn einfach herum. Dann warf ich mich aufs Bett und begann erneut zu weinen. Das. Leben. War. Nicht. Fair!
Kapitel 30