Kapitel 28

Den Rest des Tages verbrachte ich in meinem Zimmer. Meine Gedanken drehten sich unaufhörlich im Kreis und immer wieder spulte ich die Szene auf dem Balkon wie einen Film vor meinem inneren Auge ab.
Ich wußte langsam nicht mehr, was ich denken sollte. War ich ihm egal, oder hatte er doch Gefühle für mich? Spielte er nur mit mir, oder brauchte er einfach eine Weile, um sich endgültig für mich zu entscheiden? War es ihm recht, dass ich hier war, oder nutzte er einfach nur die Gelegenheit, wenn er mich schon nicht los werden konnte?
Und was wollte ich eigentlich? Hatte ich nicht immer gesagt, ich würde Tammy auf keine Fall weh tun? Über diesen Punkt war ich wohl eindeutig hinaus. Wenn sie sich schon über irgendwelche Fans beschwerte, die noch nicht einmal in seine unmittelbare Nähe kamen, wie würde sie dann erst über A.J. und mich und unsere heimlichen Küsse denken? Ich konnte mir ihren Schmerz leider nur all zu gut vorstellen und mein Herz krampfte sich bei dem Gedanken daran schmerzhaft zusammen. Doch so furchtbar es war, mir das selbst ein zu gestehen, ich wollte ihn, koste es was es wolle.
In diesem Moment hasste ich mich abgrundtief. Ich dachte für einen Augenblick daran, dass die Welt sicherlich besser dran währe, wenn es mich nicht gäbe. Wen störte es schon, wenn ich nicht mehr da war, um alle Menschen die ich liebte ins Unglück zu stürzen? A.J. und Tammy währen glücklich und Lenny könnte sich endlich wieder auf seine Umwelt und seine Comics konzentrieren, anstatt sich mit meinen Problemen zu beschäftigen.
Als ich bei diesem Gedanken schließlich angekommen war, stand ich auf und stellte mich unter die kalte Dusche. Vielleicht würde mich das ja davon abhalten solch einen Unsinn zu denken.

Als ich angezogen war, verließ ich mein Zimmer und ging langsam nach unten. Als wir heute mittag angekommen waren, war ich gar nicht richtig dazu gekommen, mir dieses Haus näher an zu sehen. Zu sehr war ich damit beschäftigt gewesen meine wahren Gedanken und Gefühle vor meiner Umwelt zu verbergen.
Dieses Haus war einfach riesig. Alleine im oberen Stockwerk gab es unzählige Türen und insgeheim war ich froh, dass ich das letzte Zimmer bekommen hatte. So würde ich wenigstens nicht irgendwann in irgendeinem Zimmer stehen und mich fragen, wo meines eigentlich lag.
Ich stieg die breite, geschwungene Holztreppe hinunter und stand gleich darauf in der riesigen Küche, in der im Moment Denise stand und mir freundlich entgegen lächelte.
„Und, hast Du Dich von dem ersten Florida Schock erholt?“ meinte sie und öffnete den überdimensionalen Kühlschrank.
„Ich glaube schon. Es ist schon komisch aus der Kälte in den Sommer zu kommen. Es verwirrt mich irgendwie. Und dann gleich die vielen Leute...,“ hier hielt ich etwas erschrocken inne. Ob sie jetzt dachte ich wolle mich beschweren? Das war eigentlich nicht meine Absicht. Ich wollte damit einfach nur ausdrücken, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich gleich mit so vielen Menschen zu beschäftigen.
Doch sie lächelte mich verständnisvoll an „ich weiß, wir McLeans können manchmal schon recht anstrengend sein. Wenn A.J. schon mal hier ist, will es sich einfach keiner nehmen lassen ihm Hallo zu sagen. Mach Dir also keine Gedanken. Ich verstehe das sehr gut.“
„Das beruhigt mich,“ lächelte ich. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“ fragte ich dann um das Thema zu wechseln.
„Oh nein, ich komme schon klar, danke. Geh doch einfach ins Wohnzimmer. Tammy und A.J. müssten dort sein.“
Davon war ich nun nicht wirklich begeistert, aber ich lies mir nichts anmerken.
„In Ordnung...aber wenn ich vielleicht doch...,“
„Dann rufe ich Dich sofort,“ lachte Denise und scheuchte mich dann freundlich aber bestimmt aus der Küche.
Also ging ich den Flur entlang, bestaunte für einen Moment die Gemälde, die dort in teuer aussehenden Rahmen an der Wand hingen und betrat dann mit einem flauen Gefühl im Magen das Wohnzimmer.
Scheinbar hatten sich die unzähligen Gäste für heute verabschiedet, denn es saßen lediglich noch A.J. und Tammy auf der Couch. Sie hatten sich aneinander gekuschelt und sahen sich irgendeinen Film im Fernsehen an.
„Hey Schwesterchen, wie geht es Dir?“ fragte Tammy und richtete sich auf.
„Ganz gut soweit, ich war nur ein bisschen erschöpf,“ entgegnete ich und lies mich auf die Couch, die am weitesten von ihnen entfernt stand, sinken.
Ich richtete meine gesamte Aufmerksamkeit auf den Fernsehbildschirm und versuchte so interessiert wie möglich auf die Mattscheibe zu schauen. Ich würde hinterher nicht mehr genau sagen können, um was es eigentlich in dem Film ging, aber so musste ich wenigstens die beiden nicht die ganze Zeit anstarren.
„Tröste Dich,“ wandte sich A.J. an mich „heute Abend sind wir unter uns. Morgen Abend wird dann auch nur die Verwandtschaft zum Weihnachtsessen da sein. Es wird also hoffentlich nicht ganz so hektisch.“
„Nicht ganz so hektisch bedeutet in Deinem Wortschatz wie viele Personen?“ fragte ich und er grinste.
„Ich schätze so 15 Leute. Geht also noch.“
„Das geht wirklich,“ entgegnete ich und sah wieder konzentriert zum Fernseher hinüber. Wenn ich doch nur diese zehn Tage schon hinter mir hätte.

Der Weihnachtsabend verlief widererwartend unglaublich harmonisch und lustig. Wir saßen alle gemeinsam um einen riesigen Esstisch herum und ich aß soviel wie schon lange nicht mehr. Lenny währe sicherlich stolz auf mich gewesen.
Die Luft war erfüllt von Tannenduft und Essensgerüchen. Die Lichterkette tauchte den riesigen Weihnachtsbaum im Wohnzimmer in strahlendes Licht und in mir kam dann doch so etwas ähnliches wie Weihnachtsstimmung auf. Einmal davon abgesehen, dass ich in einem Spaghettiträger T-Shirt am Tisch saß.
Das Erstaunlichste war wohl, das ich mich tatsächlich wohl in dieser Umgebung mit den vielen fremden Menschen fühlte, die mir am Ende des Abends nicht mehr fremd waren.
Es wurde viel gescherzt, Anekdoten erzählt und ich fühlte mich tatsächlich als ein Teil dieses Ganzen. Tammy und A.J. saßen sich an dem langen Tisch gegenüber und so blieben mir ihre Zärtlichkeiten und Vertrautheiten auch weitgehend erspart.
Ich bewunderte Tammy. Sie schien sich hier genau so wohl zu fühlen, wie zu Hause an unserem Esstisch, wenn wir morgens noch im Pyjama zusammen frühstückten. Sie unterhielt die ganze Gesellschaft mit Geschichten aus ihrem Arbeitsleben, berichtete von den Macken der Stars und Sternchen und ihrem letzten Aufenthalt in Afrika mit Eminem.
Wieder einmal musste ich erkennen, dass ich diesem weltgewandten, hübschen Wesen nichts entgegen zu setzen hatte und so saß ich die meiste Zeit schweigsam auf meinem Platz und beobachtete aufmerksam, was sich um mich herum so tat.
Natürlich wurde ich über meine Schreiberei ausgefragt. Doch was gab es da schon groß zu erzählen? Ich erläuterte kurz den Ablauf von der Idee zum fertigen Buch und bemerkte beiläufig, dass ich mit meinen Korrekturen soweit fertig war und im Frühjahr mein neues Werk auf dem Markt erscheinen würde.
Die komplette Gesellschaft verabredete sich daraufhin lautstark zu meiner ersten Lesung in Florida, wo auch immer das dann sein würde. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich mich darüber wirklich freuen sollte. Auf jeden Fall währe dann wohl Stimmung angesagt und der Gedanke daran lies mich lächeln. Ich fing A.J.s Blick über den Tisch hinweg auf und er erwiderte mein Lächeln. Wie immer hatte ich das Gefühl, mit ihm ganz alleine im Raum zu sein. Es machte einfach jedes Mal klick wenn wir uns ansahen und es kam mir so vor, als würden wir uns ganz sanft berühren.
Als sich schließlich die ersten verabschiedeten und sich der Rest mit einer Tasse Kaffe in das Wohnzimmer verzog, entschuldigte ich mich und machte mich auf den Weg in mein Bett.
Ich telefonierte noch ungefähr eine Stunde mit Lenny und selbst er war erstaunt, wie gut ich hier zurecht kam.
Von dem Kuss erzählte ich Lenny auch diesmal nichts und im Nachhinein fühlte ich mich ein wenig schuldig. Wir hatten uns immer alles anvertraut, aber in diesem Fall.... Ich wollte zum einen das stille Abkommen mit A.J. nicht brechen und zum anderen hatte ich ein unglaublich schlechtes Gewissen gegenüber Tammy. Ich hatte einfach keine Lust, mir das von Lenny auch noch bestätigen zu lassen.
Ein paar Jahre später würde er mir beichten, dass er von den Küssen gewusst hatte. A.J. hatte es ihm in einer schwachen Stunde erzählt, als er nicht wußte, an wen er sich wenden sollte.
Doch in diesem Moment glaubte ich noch, dass es einfach ein Geheimnis zwischen A.J. und mir war und auch bleiben sollte.

Kapitel 29