Kapitel 27
Schließlich war der Tag der Abreise da und Lenny trug unsere Koffer zu seinem Auto, um uns dann zum Flughafen zu fahren. Tammy machte noch einen letzten Rundgang durch das Haus, so dass ich mit ihm noch ein paar Minuten alleine hatte. Im Prinzip war eigentlich schon alles gesagt. Die letzten Wochen hatte es für mich kaum ein anderes Thema gegeben und ich konnte mir gut vorstellen, dass Lenny gar nicht so unglücklich darüber war, mich eine Zeit lang nicht zu sehen.
Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich mit Tammy nach Florida fliege, sagte ich, während ich mich fröstelnd an seinen Kombi lehnte.
Wenigstens bekommst Du da keine Frostbeulen.
Wir sahen beide gleichzeitig zum Himmel hinauf. Er war grau und verhangen und wenn Lenny viel Glück hatte, musste er sich auf dem Heimweg durch die ersten Schneeflocken kämpfen.
Du wirst mir wahnsinnig fehlen, sagte ich und tätschelte ihm die Schulter.
Du mir auch, erwiderte er.
Ach komm, Du bist doch bestimmt froh, wenn Du Dir nicht mehr jeden Tag mein Gejammer anhören musst.
Ob Du es glaubst oder nicht, ich liebe Dein Gejammer.
Du bist ein schlechter Lügner.
Ich lüge nie, wenigstens DAS solltest Du doch inzwischen verstanden haben, lachte Lenny und legte mir einen Arm um die Schulter.
Das wird ein totaler Horrortrip, ich weiß es ganz genau, sagte ich und legte meinen Kopf auf seine Schulter.
Jetzt hör doch auf alles so schwarz zu sehen. Vielleicht wird es das schönste Weihnachten, dass Du jemals gehabt hast.
Und in der Hölle schneit es, antwortete ich und blickte dann auf, als Tammy auf die Veranda hinaus trat.
So, ich wäre dann soweit, sagte sie und schloss die Haustür ab.
Na dann mal los, Lenny warf mir noch einen mitfühlenden Blick zu und ging dann um den Wagen herum.
Ein letztes Mal blickte ich zu unserem Haus hinauf und fragte mich bestimmt zum tausendsten Mal, welcher Teufel mich geritten hatte, tatsächlich mit Tammy nach Florida zu fliegen. Ich musste echt nicht mehr alle Tassen im Schrank haben. Mir das auch noch freiwillig an tun...Dauergeschmuse rund um die Uhr und dann auch noch in dieser feierlichen Festtagsstimmung.
Für den Flug benötigten wir drei Stunden und jede Minute wurde ich ein Stückchen nervöser. Alleine bei dem Gedanken, ihn wieder zu sehen, mit ihm zu reden und dabei dem Blick seiner wundervollen Augen ausgesetzt zu sein, wurde es mir abwechselnd heiß und kalt.
Ich hatte mich des öfteren in den letzten Tagen gefragt, was der Streit zwischen Tammy und A.J. zu bedeuten hatte. Tammy hatte nichts gesagt und ich hatte mich auch nicht getraut zu fragen. Ich schämte mich dafür, dass ich mich über diese Szene nach meinem Geburtstag freute. Doch alles, was ihn von Tammy entfernte, brachte mich näher an ihn heran. Zumindest glaubte ich das. Sicher konnte ich mir dessen wohl nicht sein. War es denn unausweichlich, dass er bei mir landen würde, wenn er sich von Tammy trennte?
Bisher hatte ich mir darüber keine Gedanken gemacht, da er ja auch nie erkennen lies, das er irgendwelche Gefühle für mich hegte. Doch inzwischen.... Ich konnte es einfach nicht einschätzen.
Das Flugzeug setzte im sonnigen Florida auf und am liebsten währe ich erst gar nicht ausgestiegen, sondern einfach wieder mit ihm zurück geflogen. Doch Tammy zerrte mich strahlend von meinem Sitz und mir blieb nichts anderes übrig, als ihr in die Ankunftshalle zu folgen.
Er holte uns nicht selbst ab. Seine Cousine Kathy stand am Flugsteig und winkte uns lächelnd zu. Tammy stellte uns einander vor und ich bestaunte die Ähnlichkeit zwischen A.J. und seiner Cousine. Sie war vielleicht 20 Jahre alt, hatte dunkle, kurz geschnittene Haare und ihre zierliche Figur steckte in einem kurzen Rock und einem knallengen T-Shirt. Das unglaublichste waren wohl ihre dunklen, sanften Augen. Ich fühlte mich so sehr an A.J. erinnert, dass es schon fast weh tat.
Auf dem Weg zu seinem Haus saß ich auf der Rückbank von Kathys Jeep und kümmerte mich nicht weiter um die beiden Frauen, die sich vor mir aufgeregt unterhielten. Mir war warm in meinen Jeans und obwohl ich meinen Pullover ausgezogen hatte, half das recht wenig. Ich konnte kaum glauben, dass wir tatsächlich Dezember hatten. Die Weihnachtsbeleuchtung in den Palmen und die vereinzelt aufgestellten Weihnachtsmänner mit Schlitten und Rentieren konnten mich auch nicht so recht davon überzeugen, dass der Heilige Abend so kurz vor der Tür stand.
Schließlich bogen wir in die Auffahrt eines großen, weißen Hauses ein. Ängstlich behielt ich die Haustür im Auge, während ich ausstieg. Tammy hastete schon in Richtung Eingangstür, während Kathy und ich das Gepäck aus dem Auto hievten. Gleich darauf hörten wir Tammys glückliches Lachen und ich versuchte so unbeteiligt wie möglich zu wirken. Scheinbar hatte der Traumprinz persönlich die Tür aufgemacht und ich wollte mir die Begrüßungsszene eigentlich ersparen. Doch Kathy ging mit unserer Reisetasche um den Wagen herum und so blieb mir nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
Das Bild das sich mir bot, hätte ich mir wohl in meinen dunkelsten Fantasien nicht schlimmer ausmahlen können. A.J. hatte Tammy hoch gehoben und sie hing nun an ihm wie ein kleines Äffchen. Sie lachten und küssten sich gleichzeitig, so, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen. Trotz der Hitze wurde mir eiskalt, mein Herz schlug mir bis zum Hals und am liebsten hätte ich mich einfach herum gedreht und währe davon gelaufen. Egal wohin, einfach weg von diesem glücklichen Paar, in deren Mitte ich keinen Platz hatte und weg von diesem Mann, den ich liebte und der doch so unerreichbar war.
Als er mich kommen sah, setzte er Tammy sanft auf dem Boden ab. Sie verschwand im Haus und ich hörte sie gleich darauf jemanden lautstark begrüßen. Kathy verschwand gleich nach ihr und so standen A.J. und ich uns wenig später alleine vor dem Haus gegenüber.
Hallo Robin, es ist schön Dich wieder zu sehen, sagte er und sein sanfter Tonfall lies mich dahin schmelzen. Ich hatte ihn so sehr vermisst.
Geht mir ähnlich, erwiderte ich und schaffte es dabei nicht, ihm in die Augen zu sehen.
Man merkt Deine Wiedersehensfreude ganz deutlich, lachte er und nahm mir den Koffer ab. Seine Finger berührten für einen kurzen Moment die meinen und als hätte ich mich verbrannt, zog ich meine Hand zurück.
Alles in Ordnung? fragte er besorgt.
Nein, nichts ist in Ordnung, sagte ich und wollte an ihm vorbei ins innere des Hauses. Nur weg von ihm und seiner Liebenswürdigkeit, doch er hielt mich am Arm fest.
Hey...es tut mir leid...ich...,
Hör bitte auf, Dich immer zu entschuldigen, sagte ich brüsk und riss mich von ihm los es war Deine tolle Idee, mich hier her zu schleifen, ich will also nichts hören.
Was heißt hier meine Idee? Wenn dann wohl Tammys, oder?
Ich funkelte ihn an ich kann mich da an jemanden erinnern, der sagte, dass es nicht gut währe, wenn wir uns zwischen Tannengrün und Plätzchenduft wieder sehen. Tja, und dann ruft mich Tammy an und erzählt mir, dass genau dieser Jemand sich freuen würde mich zu sehen. So etwas nenne ich Sinneswandel. Hut ab.
Er öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch da stand plötzlich eine rothaarige, zierliche Frau in der Haustür und rief nach uns hey ihr zwei, wollt ihr nicht langsam herein kommen?
Aber sicher doch Mum, wir sind schon auf dem Weg, und damit schob mich A.J. vor sich her die Verandastufen hinauf.
Robin, darf ich vorstellen, meine Mum Denise...Mum, das ist Tammys Schwester Robin.
Freut mich sie kennen zu lernen, sagte ich, schüttelte ihre ausgestreckte Hand und hoffte dabei, dass mein aufgesetztes Lächeln einigermaßen echt wirkte.
Hallo Robin, also das mit dem Sie streichen wir gleich mal aus unserem Wortschatz, lachte sie und zog mich dann hinter sich her ins Haus hinein.
Sie hatte die selbe Energie wie A.J.. Diese warme und freundliche Art, hinter der man eindeutig den Schalk blitzen sah. Ich mochte sie auf Anhieb, was wohl bei der Ähnlichkeit auch nicht weiter verwunderlich war.
Das Haus war voller Leute. Ich wurde jedem Einzelnen vorgestellt, vergas aber sofort wieder ihre Namen. Es hätte richtig gemütlich hier sein können, doch die Hektik, die die Menschen um mich herum verbreiteten, das laute Geplapper und die Scherze, die von lautem Lachen begleitet wurden, raubten mir ziemlich bald den letzten Nerv.
Ich saß eingeklemmt auf dem Sofa zwischen einem Mann Ende sechszig, mit einem riesigen Bauch und unglaublichen vielen Brusthaaren, die am Ansatz seines Hemdes herausschauten und einer jungen Frau, die ein unmöglich süßes Parfum aufgelegt hatte und das nicht wirklich dazu beitrug, mich hier wohl zu fühlen.
Ab und zu trafen sich A.J.s und meine Blicke und ich bemühte mich, so entspannt wie möglich zu wirken. Ich war mir allerdings durchaus bewusst, dass nicht viel dazu gehörte um mich zu durchschauen.
Tammy saß neben A.J. und hielt die ganze Zeit seine Hand. Wie magisch wurde mein Blick immer wieder von diesen ineinander verschlungenen Fingern angezogen. Als ob es nicht schon Qual genug war, einfach hier zu sitzen und mich unwohl zu fühlen.
Schließlich entschuldigte ich mich mit der Bemerkung, dass ich ziemlich müde sei und mich gerne noch ein bisschen ausruhen wolle.
A.J. sprang sofort auf und meinte, er wolle mir dann mal mein Zimmer zeigen. Tammy warf ihm einen verwunderten Blick zu, doch als er sich zu ihr hinunter gebeugt und sie geküsst hatte, war dieser Ausdruck von ihrem Gesicht wieder verschwunden. Ich sollte ihm vielleicht mal ans Herz legen, dass er sich nicht so auffällig benehmen sollte. Wenn Tammy auch nur die Ahnung eines Verdachtes hätte, würde sie Zeder und Mordio schreien. Andererseits...war das mein Problem?
Wir gingen also nach einander die Treppe ins obere Stockwerk hinauf und A.J. öffnete am Ende des Ganges eine Tür.
Das ist also Dein Reich, sagte er und mit einer einladenden Handbewegung bedeutete er mir, ihm zu folgen.
Gleich darauf standen wir in einem riesigen Gästezimmer, mit einem Himmelbett, Fernseher, Stereoanlage und einem Balkon, von dem aus man einen wunderschönen Blick über den Pool hatte. Dahinter konnte man das Blau des Ozeans erkennen und fasziniert stand ich eine Zeit lang an das Geländer gelehnt und genoss die Aussicht.
Du hast es wirklich schön hier, sagte ich, als ich spürte, dass er hinter mir auf den Balkon heraus getreten war.
Hm...ich bin nur leider recht selten hier, erwiderte er und lehnte sich neben mich mit dem Rücken an das Geländer. Er verschränkte die Arme vor der Brust und sah auf mich hinunter.
Ich habe Tammy nicht gesagt, dass sie Dich einladen soll, meinte er schließlich und ich konnte seinen durchdringenden Blick auf meinem Rücken spüren.
Ist ja jetzt auch egal. Ich bin nun einmal hier und wir sollten sehen, dass wir das Beste daraus machen.
Warum hasst Du mich? fragte er unvermittelt und erst jetzt sah ich erstaunt zu ihm auf.
Ich Dich hassen? Wie kommst Du darauf?
Du bist...so abweisend...ich kann wirklich nichts dafür, dass Du hier bist.
Ich weiß, danke, dass habe ich inzwischen begriffen. Er hatte wohl tatsächlich keinen blassen Schimmer, wie weh er mir damit tat, wenn er immer wieder beteuerte, dass er mich nicht hier haben wollte.
Seine warme Hand legte sich auf meine auf dem Geländer.
Ich wünschte, es währe anders...aber...es ist einfach gefährlich für mich...für uns beide....wenn wir hier zusammen sind, verstehst Du?
Ich schüttelte den Kopf, entzog ihm meine Hand und starrte angestrengt hinaus aufs Meer um meine aufsteigenden Tränen vor ihm zu verbergen. Grundsätzlich hatte er ja recht, aber musste er mir auch noch das Gefühl geben, dass er mich ganz weit weg wünschte?
Ein Gedanke formte sich in meinem Kopf und ich hätte mir am liebsten gegen die Stirn geschlagen. Dass ich da nicht schon früher darauf gekommen war! Natürlich! Er bereute, was an dem Abend der Party geschehen war. Höchstwahrscheinlich hatte ihm nur Tammy gefehlt und er hatte jemanden gebraucht, mit dem er sich hatte trösten können. Dazu war ich wohl gut genug gewesen.
Du solltest jetzt besser wieder gehen, bevor sich da unten irgend jemand Gedanken macht, sagte ich also fest und sah ihn immer noch nicht an.
Ich hörte ihn neben mir seufzen, dann stieß er sich vom Geländer ab und ging wieder hinein ins Zimmer.
Ich schüttelte erneut den Kopf, so als würde mir das helfen, meine Gedanken zu ordnen und mich nicht der Wahrheit stellen zu müssen: Dass ich ihm einfach nicht so viel bedeutete, wie ich das vielleicht mal gedacht hatte. Ich fühlte einen stechenden Schmerz in der Brust und mein Blick wurde unscharf, als die ersten Tränen meinen Wangen hinunter liefen. Immerhin war ich nun so klar im Kopf, dass ich wußte was ich zu tun hatte. Ich würde mir irgendetwas Gutes einfallen lassen müssen, um von hier zu verschwinden. Ich könnte ja unvermutet krank werden...oder ich rief Lenny an, dem würde schon irgendetwas einfallen.
Ich wollte mir die Tränen von den Wangen wischen, als mir eine Hand zu vor kam. Ich hatte gar nicht gemerkt, wie er wieder zurück auf den Balkon gekommen war. Sanft fuhr A.J.s Daumen unter meinen Augenlidern entlang. Ich schloss die Augen und hielt seine Hand fest.
Tu das nicht...mach es nicht noch schlimmer, o.k.? sagte ich leise und versuchte ihn sanft aber bestimmt von mir weg zu schieben.
Ich befüchte, hörte ich ihn sagen und seine Stimme war dabei ähnlich leise wie meine und mir verdammt nahe schlimmer kann es kaum werden.
Ich spürte seine Lippen über meine Augen wandern, während seine Hand mein Gesicht streichelte.
Tu das nicht, bettelte ich erneut und wünschte mir gleichzeitig, dass er nie wieder damit aufhören würde.
Ich kann nicht, sagte er mit rauer Stimme und zog mich ganz fest an sich.
Als er mich küsste, wurden meine Knie weich. Ich spürte seine Hände, die meine Oberarme entlang, über meine Hüften zu meinem Po wanderten. Dann krochen sie meinen Rücken wieder hinauf und ich währe am liebsten gestorben. Das hier war verrückt...mehr als das, es war vollkommen wahnsinnig.
Ich weiß nicht wo ich die Kraft her nahm, aber schließlich schaffte ich es, meine Hände gegen seine Brust zu stemmen und ihn ein Stück von mir weg zu schieben. Sein Körper entfernte sich, aber seine Lippen hingen immer noch an meinen und er begann nun sanft, mit den Zähnen an meinen Lippen zu knabbert.
Hör auf, sagte ich schließlich atemlos und trat einen Schritt zurück.
Er sah aus, als hätte ich ihm gerade eine Ohrfeige verpasst. Mit hängenden Schultern und verschleiertem Blick stand er mir gegenüber und sein Brustkorb hob und senkte sich unter seinen schnellen Atemzügen.
Schließlich huschte ein Lächeln über seine Lippen und er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht.
Du hast mich verhext, gib es zu, flüsterte er und sah mich dann wieder an.
Nein, ich kann überhaupt nichts dafür, verteidigte ich mich und musste widerwillig grinsen.
Hexe, sagte er
Lüstling, gab ich zurück und wir begannen zu kichern.
Ich werde jetzt nach unten gehen, sagte er und wir wurden wieder ernst. Für einen Moment schien er zu überlegen, ob er mich noch einmal in den Arm nehmen sollte. Er hatte schon einen Schritt auf mich zu gemacht, als ich ihn mit erhobenen Händen abwehrte.
Vergiss es, geh einfach. Für heute reicht das wohl.
Er nickte Du hast recht...eigentlich reicht das für ein ganzes Leben.
Das währe aber ein sehr trauriges Leben.
Nein...Du hast mich geküßt...mehr sollte man wohl für ein Leben nicht verlangen.
DU hast MICH geküsst und das reicht bei weitem nicht aus, lachte ich leise.
Mit einem liebevollem Lächeln wandte er sich dann schließlich um und verließ den Balkon. Gleich darauf hörte ich die Zimmertür hinter ihm ins Schloss fallen. Ich war wieder allein.
Kapitel 28