Kapitel 26

Die nächsten drei Wochen schleppten sich dahin. A.J. war zwei Tage nach meinem Geburtstag zurück nach Florida geflogen und wir hatten es bis dahin erfolgreich vermieden, alleine in einem Raum zusammen zu sein.
Irgendwie war es komisch. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass wir beide auf der gleichen Seite standen. Gemeinsam verfolgten wir das selbe Ziel - uns möglichst nicht mehr so nahe zu kommen, wie am Abend meines Geburtstags und den Anderen eine heile Welt vor zu spielen. Nachdem Tammy nicht misstrauisch wurde, hatten wir es wohl ganz gut hin bekommen.
Ich stürzte mich mit voller Kraft in meine Korrekturen, kam aber nicht wirklich gut voran, da mir einfach zu viel durch den Kopf ging.
Ich konnte das Gefühl seiner warmen Lippen auf den meinen nicht vergessen. Dieses Gefühl hütete ich wie einen Schatz und es tat gleichzeitig gut und doch so weh, wenn ich daran zurück dachte. Immerhin schaffte ich es mit der Zeit, dem Ganzen mit einem gewissen Abstand zu begegnen. Das Ende des Jahres näherte sich und ich hatte mir fest vorgenommen, es nicht so verkorkst zu beginnen, wie ich das davor beendet hatte.
Eines Tages klingelte das Telefon. Tammy war mal wieder für irgendeinen Auftrag unterwegs und so beeilte ich mich, aus meinem Zimmer und die Stufen in den Flur hinunter zu kommen.
„Robin Duncan,“ meldete ich mich atemlos.
„Hi, hier ist A.J..“
Stille. Was sollte ich denn jetzt sagen? Tammy ist nicht hier? Das wußte er ja wohl. Warum rufst Du an? Klang wohl nicht gerade freundlich. Ein Räuspern am anderen Ende der Leitung erinnerte mich daran, dass ich hier immer noch wie fest gewachsen stand und keinen Ton gesagt hatte.
„Ich wollte eigentlich nur mal fragen, wie es Dir so geht,“ sagte er. Na, das hätte mir aber auch einfallen können.
„Mir geht es ganz gut. Ich komme langsam mit den Korrekturen voran.“
„Das freut mich zu hören.“
Ich kam mir vor, als bewegten wir uns auf Treibsand. Ein unbedachter Kommentar und wir würden beide nur noch wirres Zeug reden. Ich hörte, wie A.J. am anderen Ende der Leitung Luft holte und dann sagte er „hast Du Dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, wie das an Weihnachten und Silvester laufen soll?“
Ein Schlag in die Magengrube hätte mich wohl kaum härter treffen können. Ging es ihm tatsächlich nur darum, wie er mich am besten auf Abstand halten konnte?
„Nein, habe ich nicht,“ ich wußte, dass ich wütend klang, doch das war mir in diesem Moment herzlich egal.
„Ich dachte nur...weil Tammy angedeutet hat, ihr beide würdet wohl hier her kommen.“
Ich schluckte. Zu mir hatte sie noch nichts gesagt. Wollte ich ihn wiedersehen? Ein eindeutiges „JA“. Wollte ich das wirklich? Ein zweifelndes „Ich weiß es nicht“.
„Hat sie das? Zu mir hat sie noch gar nichts gesagt.“
„Es sollte wohl eine Überraschung werden.“
„Was hast Du geantwortet?“
„Das es auch schön währe, diese Zeit mit ihr alleine zu verbringen.“
„Aha.“
Ich hätte auf der Stelle losheulen können, beherrschte mich aber. Er sollte nicht merken, wie sehr mich das traf. Wieder einmal machte er mir unmissverständlich klar, wer seine Nummer eins war. So langsam sollte ich das doch wirklich begriffen haben.
„Es tut mir leid Robin. Ich glaube einfach nicht, dass es gut für uns währe, uns zwischen Tannengrün und Plätzchenduft wieder zu sehen.“
Noch einen Nachschlag gefällig? Hatte ich tatsächlich mal gedacht, er währe sensibel? Und trotzdem presste ich den Telefonhörer ganz fest an mein Ohr, so als könnte ich ihm damit näher sein und schloss die Augen. Einfach seine Stimme zu hören war Balsam für meine geschundene Seele.
„Sicher,“ seufzte ich also nur und versuchte mein wie wild schlagendes Herz zu beruhigen.
„Hey...meinst Du nicht, dass mir das ähnlich schwer fällt?“
Wie bitte? Ich hatte mich wohl verhört!
„Was fällt Dir denn schwer? Du hast Deinen Schatz doch bei Dir. Mach Dir also keine Gedanken um mich, ich komme schon ganz gut alleine klar.“
„Robin...bitte. Was sollten wir denn Deiner Meinung nach tun?“
„Nichts...alles bestens. Ihr beide verbringt Weihnachten in Florida und ich werde mit Lenny zu Molly fahren.“ Die Idee war mir in diesem Moment gekommen und ich war der Meinung, dass ich noch niemals eine ähnlich gute Idee gehabt hatte. Warum war ich dann nur so unglücklich?
„Ich vermisse Dich,“ sagte er plötzlich leise.
„Schön für Dich,“ sagte ich grob und knallte den Hörer auf die Gabel. Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein? Da rief er an, nur um mir mein Herz noch einmal heraus zu reißen und schleimte sich hinterher wieder bei mir ein? Nicht mit mir!
Dann saß ich eine geschlagene Stunde mit dem Telefon auf den Knien im Wohnzimmer und betete darum, dass er wieder anrief. Ich streichelte den Hörer, als währe er nicht nur ein einfaches Stück Plastik, sondern ein lebendes Wesen, dem man nur oft genug sagen musste, dass es doch endlich klingeln sollte, bis es das dann tatsächlich auch tat.
Vor lauter Schreck sprang ich in die Höhe, riss den Hörer an mich und rief atemlos
„Ja?“ in den Hörer.
„Hey, was ist denn mit Dir los?“ begrüßte mich Tammy lachend und ich hätte den Hörer am liebsten gegen die Wand geknallt.
„Nichts...ich warte nur auf einen Anruf von Lenny,“ log ich und versuchte gleichzeitig, meine Atmung wieder in den Griff zu bekommen.
„Ach so, na dann mache ich es kurz. Was hältst Du davon, Weihnachten und Neujahr mit mir und A.J. in Florida zu verbringen?“
„Ähm...Florida? Also ich weiß nicht...Weihnachten bei 30 Grad...das kann ich mir schlecht vorstellen.“ Ich hätte Schauspielerin werden sollen.
„Ach komm schon Kleine, ich hätte Euch einfach gerne beide bei mir und da A.J.s Familie auch schon ganz heiß darauf ist Dich kennen zu lernen...,“
„Tut mir leid Tammy,“ unterbrach ich sie „aber ich glaube, das ist nichts für mich. Fahr Du nur hin, das ist vollkommen o.k.. Aber ich werde hier mit Lenny bleiben. Vielleicht fahren wir auch zu Molly ans Meer. Florida ist einfach nicht so mein Fall.“
„Ach bitte...es würde mir wirklich viel bedeuten.“
Wie kam ich nur wieder aus dieser Nummer heraus? Hätte A.J. nicht vorher angerufen, währe ich wahrscheinlich mit gefahren. Ich vermisste ihn...ich vermisste ihn schrecklich und es währe eine Gelegenheit gewesen...aber so? Er hatte mir wohl unmissverständlich klar gemacht, dass ich dort nicht erwünscht war.
„Was sagt denn A.J. dazu?“ fragte ich also. Wenigstens hatte ich in diesem Punkt Unterstützung zu erwarten.
„Erst war er ja nicht so begeistert. Er wollte die Zeit mit mir alleine verbringen. Aber wir haben gerade eben noch einmal darüber gesprochen. Natürlich würde er sich freuen wenn Du kommst.“
Wirklich toll hingekriegt A.J.....einfach fantastisch.
„Trotzdem...,“ versuchte ich es noch einmal.
„Biiiiiiiiiiiiiiiiiitte.“
Oh Mann, dem hatte ich wohl nicht wirklich etwas entgegen zu setzen. Ich fragte mich, woher A.J.s Sinneswandel wohl gekommen war und hörte mich im gleichen Moment sagen
„Also gut, wenn es Dir so wichtig ist...“
„Jaaaaaaaa, ich hab's gewusst. Danke Kleines...das wird bestimmt ganz toll....“
Ich hörte mir noch einige Zeit an, wie sie von dem bevorstehen Fest schwärmte und schließlich konnte ich sie mit dem Hinweis, dass Lenny ja noch anrufen wollte, zum Auflegen bewegen.
Ich drückte die Gabel herunter, nur um gleich darauf den Hörer neben das Telefon zu legen und mich mit Linkin Park in mein Bett zu verkriechen. Ich war traurig, wütend und freudig erregt zu gleich und hatte keine Ahnung, wie ich mich wieder beruhigen sollte, um nicht den Verstand zu verlieren. Eins wußte ich allerdings mit Sicherheit: Ich hatte keine Lust, dass mich A.J. noch einmal anrief, um mit mir die Details zu klären.

Kapitel 27