Kapitel 24

„Deine Schwester ist wirklich sehr nett,“ sagte Molly, als wir langsam neben einander die Straße entlang gingen.
„Ja, das ist sie...komisch...ich habe vorhin gerade daran gedacht, warum sie eigentlich so nett sein muss. Wenn sie eklig währe, könnte ich vielleicht besser mit dem Ganzen um gehen.“
„Oder Du würdest Dich erst recht fragen, warum er bei ihr bleibt.“
„Auch wieder wahr.“
„Wahrscheinlich währe er dann gar nicht mit ihr zusammen und Du hättest ihn nie kennen gelernt.“
„Hm...jetzt müsste ich mich nur noch entscheiden, welche Variante besser ist,“ und dann drehte ich mich um, lief rückwärts vor Molly her und setzte meinen besten Showmasterslang auf „meine Damen und Herren, wie wird sich Robin Duncan entscheiden? Nimmt sie Tor Nummer eins, hinter der der unerreichbare A.J. McLean auf sie wartet oder entscheidet sie sich für Tor Nummer zwei mit dem Trostpreis, einem Leben ohne die wahre Liebe, aber auch ohne Herzschmerz und Verzweiflung.“
Molly kicherte und schüttelte dann den Kopf „ich bin immer noch der Meinung, dass ein Leben ohne Liebe nichts wert ist.“
„Auch wenn diese Liebe einfach nur weh tut und überhaupt gar nichts bringt?“ fragte ich interessiert und gesellte mich wieder zu ihr.
„Würdest Du das Schmetterlinge-im-Bauch-Gefühl eintauschen wollen gegen...sagen wir...halbherzige Liebeschwüre und Langeweile?“
„Ich weiß es nicht,“ antwortete ich ehrlich.
„Ich kann immer nur wieder betonen, dass Du es mit den Jahren bestimmt anders sehen wirst. Irgendwann kommt auch für Dich der Märchenprinz und Du wirst glücklich und mit verklärtem Blick auf die Vergangenheit zurück blicken.“
„Ich hoffe, Du hast einen guten Draht zu dem alten Herrn da oben. Dann leg mal ein gutes Wort für mich ein und sag ihm, er soll sich gefälligst mit meinem Märchenprinzen etwas beeilen.“
„Ich werde es ausrichten, wenn ich ihn sehe,“ antworte Molly trocken und ich sah zu ihr hinüber.
„Tut mir leid, so habe ich das nicht gemeint.“
„Keine Sorge Robin...ich bin bereit wann immer es soweit ist und ich werde ganz bestimmt nicht vergessen, eine gutes Wort für Dich ein zu legen.“
„Können wir bitte das Thema wechseln? Das macht mich sonst nur noch trauriger.“
„Gut...dann lass uns über Dein neues Buch reden.“
„Hast Du es gelesen?“
„Aber sicher. Noch an dem selben Abend als Du abgereist bist. Ich konnte es nicht aus der Hand legen, bis ich wußte, wer der Mörder war. Du hast wirklich Talent Robin, ich bin wirklich beeindruckt.“
„Na, jetzt übertreib mal nicht,“ sagte ich und winkte verlegen ab.
„Ich übertreibe nie. Es ist einfach gut, da kannst Du sagen was Du willst...und diese...wie hieß sie doch gleich...ach ja...Melissa Hart...ich finde, Du hast mich ganz gut getroffen.“
„War es so offensichtlich?“ ich musste albern kichern. Irgendwie war es das größte Kompliment, dass Molly tatsächlich ihre Charakterzüge aus dieser Person heraus gelesen hatte.
„Das war wohl nicht zu übersehen,“ lachte sie und drückte meine Hand.
„Wie geht es denn jetzt weiter,“ fragte sie interessiert.
„Mit dem Buch?“
„Ja Kleines, mit dem Buch,“ lachte sie. Warum musste ich bei allem an A.J. denken? Hörte das denn nie auf?
„Nun...im Moment bin ich mit Korrekturen beschäftigt. Wenn alles gut geht, bin ich wohl so in einem Monat fertig. Dann muss es noch ein paar Stationen durchlaufen und im Frühjahr, denke ich, wird es dann in den Buchläden stehen. Olivia, meine Lektorin...hast Du sie eigentlich kennen gelernt?“
„Ja, Lenny hat sie mir vorgestellt, eine beeindruckende Frau. Blitzgescheit und sehr stark. Sie wird ihren Weg machen, komme was da wolle.“
„Ich mag es, wie Du die Menschen so schnell einschätzen kannst. Du wärest sicherlich eine gute Schriftstellerin.“
„Oh...das ist garantiert nichts für mich. Dafür müsste ich zu lange still sitzen.“
„Ach, einen Versuch währe es wert...jedenfalls...Olivia meint, ich könne mich schon einmal auf jede Menge Publicity einstellen. Lesungen im ganzen Land und so. Ich bin schon ziemlich aufgeregt.“
„Das klingt fantastisch Kleines...ich bin sehr stolz auf Dich, weißt Du das?“
„N-Nein...ich...danke.“ Aus einem Impuls heraus nahm ich sie in den Arm und drückte sie ganz fest.
„Weißt Du, manchmal erinnerst Du mich ein wenig an meine Mum. Ich wünschte, sie könnte das alles noch mit erleben.“
„Ich bin mir sicher, dass sie das tut. Sie wird da oben sitzen, auf Dich hinab sehen und platzen vor Stolz, dass sich ihr kleines Mädchen ihren Traum erfüllt hat.“
„Ich hoffe es...sie fehlt mir...,“ und schon wieder Tränen. Doch in diesem Moment vermisste ich meine Mutter so sehr, dass es nach langer Zeit wieder einmal unglaublich weh tat. Ich hätte mich gerne mit ihr unterhalten, sie gefragt wie es ihr ging und ihr von der Sache mit A.J. und dem Buch erzählt, ihr währenddessen beim Kochen zu gesehen und ihren Ratschlägen gelauscht.
Molly fasste einfach nach meiner Hand und so liefen wir einige Blocks weit, bis ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte.
Schließlich kamen wir an die Kreuzung, die in unsere Straße führte.
„Möchtest Du Dir unser Haus an sehen? Es ist nicht mehr weit und wir könnten im Warmen auf Dein Taxi warten.“
„Gerne. Ich bin sehr gespannt, wie Du lebst.“
Also bogen wir ab und schlenderten langsam weiter.
„Hier wohnt übrigens Misses Schumaker. Ich habe gesehen, dass ihr Euch richtig gut unterhalten habt.“
„Oh ja, sie ist wirklich eine sehr nette Frau.“
„Nett?“
„Ja, nett...sie weiß sehr viel über Pflanzen und wir lieben beide Vivaldi.“
„Vivaldi?“ Ich musste wohl ziemlich ungläubig aus der Wäsche gucken, denn Molly lachte
„Stell Dir vor, dass ist ein richtig guter Komponist.“
„Ich weiß wer Vivaldi ist...aber Misses Schumaker...?!?“
„Wieso? Was ist mit ihr?“
„Nun jaaaaa...ich mag sie nicht besonders. Sie ist sehr neugierig und...ich weiß auch nicht...sie ist mir einach unsympathisch.“
„Sie ist sehr einsam...ich denke, mit irgendetwas muss man sich beschäftigen, auch wenn es nur der Klatsch und Tratsch der Nachbarschaft ist.“
„Ich glaube, dass ihre Einsamkeit ein hausgemachtes Problem ist.“
„Nicht jedem fällt es so leicht, mit Fremden klar zu kommen, wie Dir.“
„Mir und leicht? Da muss ich Dich enttäuschen, ich bin wohl eher der verschlossene Typ.“
„Sicher, deswegen kamen auch so viele Leute zu Deiner Party. Du hast in einem halben Jahr das geschafft, was manche Menschen nicht in ihrem ganzen Leben hin bekommen. Du hast hier Freunde gefunden und sie mögen Dich.“
Ich starrte Molly verblüfft an. So hatte ich das noch nie betrachtet. Sollte ich mit der Einschätzung meiner Selbst so falsch liegen?
„Jetzt schau nicht so betroffen aus der Wäsche. Die meisten Menschen denken über sich selbst etwas anderes, als es Andere tun. Das ist ganz normal. Aber Du wirst Dich wohl damit abfinden müssen, dass Du nicht der zurückhaltende, geheimnissvolle Mensch bist, der Du glaubst zu sein.“
„Na wunderbar...wirf doch einfach mein Weltbild in nicht einmal zehn Sekunden über den Haufen,“ und in gespielter Verzweiflung warf ich meine Arme in die Luft.
„War mir ein Vergnügen,“ entgegnete sie lächelnd.
Mittlerweile hatten wir unser Haus erreicht.
„Willkommen auf dem Anwesen der Geschwister Duncan,“ sagte ich und führte sie die Einfahrt hinauf und über unsere Veranda ins Haus hinein.
Ich führte sie herum, wobei wir uns das obere Stockwerk sparten, da Molly meinte, dass sie mit ihren müden Knochen sicherlich Probleme hätte, die Treppen hinauf zu steigen.
Schließlich saßen wir im Wintergarten im Schein einiger Kerzen und tranken eine Tasse Tee.
„Da fällt mir ein,“ sagte Molly und kramte in ihrer Handtasche „dass ich fast vergessen hätte, Dir Dein Geschenk zu geben. Hach...man wird im Alter aber auch vergesslich.“
„Das Du hier bist ist schon Geschenk genug,“ sagte ich, während sie mir ein kleines Päckchen über den Tisch schob.
„Das hast Du lieb gesagt, aber ich bin trotzdem der Meinung, dass eine alte Frau, die ihre besten Jahre schon lange hinter sich gelassen hat, nicht wirklich ein passendes Geschenk für ein junge Dame ist,“ kicherte sie.
„Na wenn das so ist...,“ lachte ich und begann, das Geschenk aus zu wickeln. Zum Vorschein kam ein Seidenschal. Sämtliche Blautöne vereinten sich zu einer einzigen, riesigen Welle, über der in verwischten Rot- und Lilatönen die Sonne unter zu gehen schien.
„Wow...Molly...der ist wirklich wunderschön,“ hauchte ich.
„Ich fand, er passt so gut zu Deinen Augen. Den hat mir Georg vor langer Zeit geschenkt. Er sagte, ich solle immer an ihn denken, wenn ich ihn trage. Tatsächlich habe ich mich nie getraut ihn um zu legen. Ich weiß nicht genau wieso, aber ich habe ihn immer in den Tiefen meines Schrankes vergraben.“
„Aber das kann ich doch nicht annehmen, ich meine....er hat doch eine große Bedeutung für Dich.“
„Eben deshalb möchte ich ihn Dir schenken.“ Für einen Moment war ich sprachlos, dann umarmte ich sie überschwänglich.
„Ich danke Dir...und ich verspreche Dir, dass ich ihn nicht in meinem Schrank vergraben werde.“
Für eine Weile saßen wir noch bei einander und unterhielten uns über Gott und die Welt, wie wir es in den zwei Monaten am Meer so oft getan hatten. Schließlich gähnte Molly ausgiebig und meinte, dass es wohl besser sei, wenn ich ihr langsam das Taxi bestellte.
Es viel mir schwer, mich von ihr zu verabschieden. Erst jetzt hatte ich gemerkt, wie sehr ich sie eigentlich vermisst hatte und es widerstrebte mir, sie schon wieder gehen zu lassen.
„Kommst Du morgen zum Frühstück vorbei?“
„Ich denke nicht. Ich fahre morgen ganz früh mit dem Zug zurück. So sehr ich Hilda auch achte, aber ein Hotel führen ist, glaube ich, nicht unbedingt eine ihrer Stärken.“
Meine Enttäuschung war mir wohl an zu sehen, denn sie lächelte und strich mir übers Haar.
„Wir telefonieren, ja? Und im Sommer kommst Du mich besuchen. Du kannst dann sicherlich etwas Ruhe vertragen nach dem ganzen Veröffentlichkeitsstress. Außerdem wirst Du dann auch endlich einmal im Meer baden können.“
„Ich komme ganz bestimmt.“
Es klingelte und ich begleitete Molly zur Tür.
„Machs gut Kleines. Bis bald.“
„Ja, bis bald. Ich werde Dich vermissen.“
„Ich Dich auch.“
Ich drückte sie noch einmal an mich, dann verschwand sie in der Nacht. Noch lange blickte ich den Rücklichtern des Taxis nach, bis es schließlich am Ende der Straße um eine Kurve verschwand.

Kapitel 25