Kapitel 23
Ich setzte endlich mein Vorhaben in die Tat um und ging als erstes auf die Toilette. Aus dem Spiegel blickte mich ein sehr blasses Gesicht mit roten Flecken auf den Wange an. Ich beeilte mich, um die Wimperntuschespuren von meinen Gesicht zu wischen und stand dann eine Weile einfach nur so da und starrte mir in die Augen. Ich hatte A.J.s Stimme im Kopf, wie er zu diesem Kev sagte, dass meine Augen ihn verwirrten. Eigentlich lustig, dass es uns beiden so ging...naja, was man halt so lustig daran finden konnte. Ich stand immer noch vor dem Spiegel, als plötzlich die Tür auf ging und Molly herein kam.
Hallo Robin, sagte sie ich habe Dich schon vermisst.
Ich bin gleich da. Ich hatte nur...noch etwas...zu erledigen.
Molly legte den Kopf etwas schief und sah damit Lenny erschreckend ähnlich. Genau das gleiche nachdenkliche Stirnrunzeln und der wissende Blick.
Es hat nicht zufällig etwas mit diesem A.J. zu tun?
Erschrocken drehte ich mich in der engen Toilette einmal um mich selbst und spähte dann auch noch unter die Kabinentüren um sicher zu gehen, dass uns nicht irgend jemand heimlich belauschte. Als ich niemanden sah, musste ich über meine Paranoia den Kopf schütteln. Währe hier jemand drin, hätte ich es wohl schon früher gemerkt.
Molly stand auch einfach nur schmunzelnd vor mir und wartete auf mein Antwort.
Ja...es hat etwas mit ihm zu tun. Er verdreht mir einfach immer noch den Kopf.
Molly nickte das habe ich mir schon gedacht. Er ist ja immerhin auch ein sehr außergewöhnlicher Mensch.
Ja, das ist er. Ich dachte an unseren Kuss und seine sanften Hände auf meinem Rücken und schaute schnell zu Boden. Ich hatte das Gefühl, dass Molly, ähnlich wie Lenny, Gedanken lesen konnte und das wollte ich ihr dann doch nicht zeigen.
Ich habe mich sehr nett mit ihm unterhalten. Ein echter Gentleman. Er erinnert mich ein wenig an George, als er noch jünger war. So voller Energie und Tatendrang und dabei doch sanft und aufmerksam.
Hat George jemals zu erkennen gegeben, dass er auch etwas für Dich empfindet?
Nicht mit Worten, nein, aber durch Gesten, Blicke...ich denke, eine Frau spürt, wenn da was ist.
Seid ihr Euch jemals...näher gekommen?
Nein...aber beinahe...und das hat mir soviel Angst gemacht, dass ich danach selbst in der Lage war, die Notbremse zu ziehen.
Ich wünschte, ich hätte mehr von Dir.
Molly lachte leise und ich wünschte, ich hätte damals mehr von Dir gehabt. Wer weiß, wie das alles geendet hätte.
Ganz sicher in einer Katastrophe Molly...ganz sicher...sei froh.
Sie wiegte den Kopf, so als sei sie nicht ganz sicher, ob sie mir das glauben sollte und wandte sich dann einer der Kabinen zu.
Also ich muss jetzt dringend mal wohin. Bei alten Leuten funktioniert die Blase einfach nicht mehr so gut, und mit einem leisen Kichern schloss sie die Tür hinter sich.
Ich geh schon mal vor, ja? Wir sehen uns später.
Aber sicher Kind...geh nur.
Ich verlies die Toilette und ging den kurzen Gang zurück zur Party. Kurz überlegte ich, wem wohl die Jacke gehörte, die ich immer noch um die Schultern trug und entschied mich dann, dass derjenige sie sicherlich wieder finden würde, wenn ich sie einfach über den nächst besten freien Stuhl hängte.
Als hätte Lenny nur auf mich gewartet, steuerte er in diesem Moment zielstrebig auf mich zu.
Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass Du in der Toilette ertrunken bist, ist alles o.k.?
Alles bestens. Frauen brauchen manchmal einfach ein bisschen länger, weißt Du?
Aha, verstehe...jedenfalls..., er warf mir noch einmal einen prüfenden Blick zu, entschied dann aber wohl, dass er sich nähere Fragen für später aufsparen sollte und sagte dann ...jedenfalls solltest Du so langsam das Buffet eröffnet. Es gibt hier einige, denen vor Hunger schon ganz schlecht ist.
Dabei handelt es sich nicht zufällig um meinen besten Freund und meinen Nachbarn, das Handwerkergenie?
Lenny grinste Du begreifst wirklich schnell.
Ja, manchmal bin ich richtig gut. Also, was soll ich jetzt machen?
Stell Dich einfach in die Mitte der Tanzfläche und sage die wichtigsten Worte im Leben eines Menschen Das Buffet ist eröffnet danach wird Dir sowieso keiner mehr zuhören, lachte er.
Zu Befehl, sagte ich und salutierte.
Gleich darauf hatte er mich in die Mitte der Tanzfläche dirigiert und dem DJ einen Wink gegeben, die Musik leise zu stellen.
Ähm...ja...hallo zusammen..., begann ich etwas nervös und blickte hilfesuchend zu Lenny hinüber, der mir aufmunternd zu nickte.
Erst einmal möchte ich mich für Euer Kommen bedanken. Es ist wirklich schön, diesen Abend mit so lieben Menschen zu teilen. Und dann möchte ich natürlich A.J. und Lenny danken, die diesen Abend so perfekt gestaltet haben...natürlich auch allen Leuten, die da im Hintergrund noch mit gewirkt haben...äh...ja...was wollte ich noch...? Ich sah Lenny aus den Augenwinkeln winken und ich musste mir das Lachen verbeißen. Sollte ich ihn weiter quälen oder ihm den Gefallen tun? Ich entschied mich dafür, heute Abend großzügig zu sein.
Ach ja, das Buffet ist hiermit eröffnet. Viel Spaß noch. Es wurde geklatscht und ich sah Lenny, mit Frank im Schlepptau, wie einen Blitz an mir vorbei huschen. Der DJ drehte die Musik wieder lauter und Love is a battlefield dröhnte mir in den Ohren. Ob die gute alte Pat eigentlich gewusst hatte, wie treffend diese Worte sein konnten?
Ich hatte keinen großen Appetit, also entschied ich mich dafür, genau hier zu bleiben und einfach in der Musik mein Vergessen zu suchen. Ich schloss die Augen und tanzte. Bald hatte ich das Meiste um mich herum ausgeblendet.
Der Abend verlief erstaunlicher Weise ohne weitere Katastrophen. Ich tanzte viel, unterhielt mich mit meinen Gästen, schaffte es Lenny zu Liebe auch etwas zu essen und versuchte einfach die Sache mit A.J. weit von mir zu schieben, was nicht ganz so einfach war. Immer wieder trafen sich unsere Blicke, wenn es sein musste über den ganzen Raum hinweg.
Irgendwie schafften wir es, niemals zusammen am selben Ort zu sein. Wenn er tanzte, unterhielt ich mich an einem der Tische und wenn mich wieder jemand auf die Tanzfläche zog, verschwand A.J. unauffällig. Ich war mir sicher, dass, außer Lenny vielleicht, keiner etwas merkte.
Ich beobachtete amüsiert, wie sich Molly und Misses Schumaker angeregt den ganzen Abend unterhielten und Frank mit Carrie eine Sohle aufs Parket legte, dass einem Hören und Sehen verging.
Ich tanzte mit Lenny einen Stehblues und wünschte mir dabei, er möge jemand anderes sein. Und schließlich war es nachts um eins und die ersten begannen sich zu verabschieden. Als ich Sean und Melinda Mitchel zur Tür begleitete, schwang diese auf, so dass ich sie beinahe an den Kopf bekommen hätte und Tammy fiel mir direkt um den Hals.
Alles Gute zum Geburtstag Kleine, rief sie und drückte mich so lange, dass ich mir schon Sorgen machte ob sie mich überhaupt noch einmal los lassen würde.
Hallo Tammy...es ist schön, dass Du hier bist.
Ich hoffte, dass es sich ehrlicher anhörte, als ich es wirklich empfand. Wegen mir, hätte sie heute nicht mehr hier auftauchen müssen. Auch wenn ich mit A.J. seit der Sache auf dem Hinterhof kein Wort mehr gewechselt hatte, hatte ich doch irgendwie das Gefühl, das wir uns immer noch nahe waren, dass dieses Knistern Raum und Zeit überstand.
Doch jetzt war Tammy wieder da. Sie würde sich gleich A.J. schnappen und das war es dann gewesen mit der Nähe und dem Gefühl der Verbundenheit.
Wieder würde ich dazu verdammt sein, zu zu schauen, wie sie sich liebevoll in die Arme nahmen und sich küssten. Ich würde zu einer unwichtigen Kleinigkeit verblassen und mich selbst bedauern. Ich ekelte mich vor mir selbst, dass ich so dachte und doch hatte ich keine andere Wahl.
Das haben die beiden aber fantastisch hinbekommen, oder? Dieser Sternenhimmel ist gigantisch, sagte Tammy in meine Gedanken hinein und ich folgte ihrem Blick. Ja, das hatten sie wirklich wundervoll gemacht.
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als ich A.J. mit ausgreifenden Schritten auf uns zukommen sah. Lenny folgte direkt hinter ihm.
Gott sei Dank ging Tammy A.J. ein paar Schritte entgegen, so dass ich nicht direkt neben den beiden stehen musste, als es zum großen Wiedersehen kam. Doch weg schauen konnte ich irgendwie auch nicht.
Ich beobachtete, wie A.J. Tammy strahlend in seine Arme zog und an sich drückte. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar und sein Hände wanderten zu ihrem Hintern. Mir drehte es den Magen um, aber ich war immer noch nicht in der Lage meinen Blick von ihnen zu lösen.
Lenny legte mir einen Arm um die Schulter und versuchte mich zu sich um zu drehen. Doch er hatte keine Chance. Ich stand wie festgewachsen an meinem Platz und lies mir jetzt von den beiden auch noch den Todesstoß versetzen, als A.J. Tammys Gesicht in beide Hände nahm und sie liebevoll küsste.
Zittrig atmete ich aus und mit einiger Kraftanstrengung schaffte es Lenny schließlich, mich einige Schritte zur Seite zu ziehen.
Tu Dir das doch nicht freiwillig an, flüsterte er liebevoll und versuchte meinen Blick auf sich zu lenken.
Ich kann nicht anders. Vielleicht begreife ich es so irgendwann.
Aber nicht heute Abend...das muss nicht sein.
Aber wann denn dann Lenny...wann denn dann? Ich habe es satt, dass mein Herz sich nach ihm sehnt und mein Verstand mir sagt, dass ich das gefälligst bleiben lassen soll.
Ich weiß Prinzessin, ich weiß.
Nein, Du weißt gar nichts, raunzte ich ihn an und lies ihn einfach stehen.
Ich hatte keine Ahnung, wo meine Wut auf einmal herkam. Ich hatte das dringende Bedürfnis, irgend etwas kaputt zu schlagen oder jemanden an zu schreien oder einfach mit meinem Kopf so lange gegen eine Wand zu rennen, bis er aufhörte, mir so dumme Sachen ein zu geben.
Wie hatte ich auch nur eine Sekunde daran glauben können, dass A.J. Tammy wegen mir aufgeben könnte? So etwas gab es doch nur im Film. Da bekamen sich die beiden Helden immer. In der Wirklichkeit sah das alles ganz anders aus und machte mich fast wahnsinnig.
Als ich schließlich aufhörte wie eine Schlafwandlerin im Raum hin und her zu laufen, fand ich mich schließlich an Mollys Tisch wieder. Misses Schumaker schien verschwunden zu sein und Mollys warmes Lächeln beruhigte etwas den Aufruhe in mir.
Er ist glücklich...mehr kannst Du nicht erwarten, sagte sie leise und tätschelte meine Hand.
Ich weiß, ich sollte dankbar dafür sein. Ihm geht es gut und ich muss mir keine Sorgen machen. Aber das genügt mir einfach nicht.
Vielleicht ist es besser, wenn wir jetzt gehen, was meinst Du? Lass uns einen schönen Spaziergang machen und dann lasse ich mich von einem Taxi in mein Hotel bringen.
Ich weiß nicht Molly, ich kann hier doch nicht so einfach ab hauen, mein Blick wanderte ungewollt wieder zu A.J. und Tammy hinüber. Sie unterhielten sich mittlerweile angeregt. Tammy hatte mir den Rücken zu gedreht und gestikulierte wild mit den Händen in der Luft herum. A.J. schien aufmerksam jedes ihrer Worte zu verschlingen, doch dann wanderte sein Blick im Raum umher, bis er mich schließlich gefunden hatte. Für einen moment trafen sich unsere Blicke und ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Dann wandte er sich wieder Tammy zu.
Ich habs mir überlegt, sagte ich zu Molly und stand auf ein bisschen frische Luft kann nicht schaden.
Ich half ihr auf zu stehen und gemeinsam wandten wir uns dem Ausgang zu. Unterwegs kamen wir an Lenny vorbei, der sich gerade mit Freddy über irgendwelche Renovierungspläne für die Bar unterhielt.
Gehst Du schon mal vor Molly? Ich komme gleich.
Sicher Kind, lass Dir Zeit, ich bin sowieso nicht so schnell.
Dann fasste ich Lenny an der Hand, entschuldigte mich kurz bei Freddy und zog Lenny ein Stück zur Seite. In einer ruhigen Ecke nahm ich ihn in den Arm.
Tut mir leid, dass ich Dich so angefahren habe.
Ist o.k. Prinzessin, ich weiß, wie ich es zu nehmen habe.
Bist Du sicher?
Gaaaaaanz sicher. Er lächelte, als ich zu ihm aufsah und mir wurde warm ums Herz. Manchmal glaube ich, dass ich ihn absolut nicht verdient habe.
Und jetzt geh schon, Molly wartet sicherlich schon auf Dich.
Ich danke Dir...für alles...für diese tolle Party und...und....,
Lass es gut sein Robin. Am Ende fangen wir noch beide an zu heulen, das macht sich nicht so gut weißt Du? Ich habe einen Ruf zu verlieren.
Ich kicherte und knuffte ihn sanft in die Seite. Dann drehte ich mich um und folgte Molly, die bereits an der Tür auf mich wartete.
Als ich sie fast erreicht hatte, holte mich Tammy ein.
Hey Lieblingsschwester, Du hast mein Geschenk noch gar nicht bekommen, lachte sie, legte mir einen Arm um die Schulter und überreichte mir ein kleines, längliches Päckchen.
Die Kette ist übrigens wunderhübsch. Als A.J. sie mir gezeigt hat, war ich fast ein bisschen neidisch. Aber sie hat eine wirklich würdige Besitzerin gefunden.
Warum war sie nur so verdammt nett? Könnte sie nicht eklig und biestig sein? Dann würde es mir leichter fallen, sie zu hassen und ihr die Schuld an dieser ganzen Misere in die Schuhe zu schieben. Aber so...sie war eben meine Schwester...meine Familie...und sie hatte dieses Glück mehr als verdient. Vielleicht war das der Weg das Ganze zu akzeptieren und mich für die Beiden zu freuen.
Ich riss das Geschenkpapier auf und hielt schließlich ein kleines Holzkästchen in den Händen. Neugierig hob ich den Deckel ab und starrte auf das winzige Gerät darin.
Was ist das? fragte ich irritiert und hob es heraus.
Das ist ein Diktiergerät. Ich dachte, so oft wie Du Ideen hast und immer irgendwelche Schnipsel Papier vollkritzelst...also...dann könntest Du sie auch gleich auf dieses kleine Gerät sprechen.
Das ist...wirklich...toll...ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Ich wußte es wirklich nicht, ich wußte noch nicht einmal, ob ich mich darüber freuen sollte. Irgendwie gefielen mir die vielen Papierschnipsel die sich in meinen sämtlichen Taschen wiederfanden.
Ich würde erst im Laufe der Zeit feststellen, welch fantastisches Geschenk sie mir damit gemacht hatte. Sprechen ging einfach immer noch schneller als schreiben.
Vielen Dank Große, sagte ich also ganz die brave, kleine Schwester.
Gern geschehen.
Gott...wo bleiben eigentlich meine Manieren...Molly, das ist meine Schwester Tammy...Tammy, das ist Molly, die mich so großzügig für zwei Monate in ihrem Hotel aufgenommen hat.
Es freut mich, Sie endlich persönlich kenne zu lernen, sagte Tammy hoch erfreut und schüttelte Molly ausgiebig die Hand.
Ganz meinerseits, ich habe schon viel von Ihnen gehört, antwortete Molly ganz diplomatisch, wie ich fand.
Wir sollten uns wohl bei Gelegenheit mal darüber austauschen, was mein Schwesterchen so alles über mich ausgeplaudert hat. Das würde mich dann doch mal interessieren, lachte Tammy und ich schob Molly schnell in Richtung Ausgang.
Molly und ich machen jetzt ersteinmal einen gemütlichen Spaziergang. Vielleicht komme ich nachher noch einmal vorbei, o.k.?
In Ordnung. Bis später Spatz, und sie drehte sich um und strebte Richtung Tanzfläche, wo sie A.J. mit offenen Armen in Empfang nahm.
Kapitel 24