Kapitel 22

Unser Weg führte uns gerade wegs zur Poolhall. Als wir vor der Eingangstür angekommen waren, lauschte ich krampfhaft auf irgendein Geräusch. Sollte man bei einer Party nicht Musik hören? Doch kein Laut kam aus dem Gebäude.
„O.k., kommen wir zu Punkt eins des heutigen Abendprogramms,“ grinste Lenny und zog einen dunkelblauen Seidenschal aus seiner Gesäßtasche.
„Fesselspielchen?“
„Nein Du Dummerchen...blinde Kuh,“ und damit verband er mir vorsichtig die Augen.
„Was denn nun? Dummerchen oder Kuh?“ fragte ich kichernd und zupfte den Schal über meinen Augen zurecht.
„Kein Kommentar,“ erwiderte Lenny und ich spürte einen Luftzug auf meinem Gesicht. Scheinbar hatte er getestet, ob ich auch wirklich nichts sehen konnte.
Dann hörte ich, wie er die Tür auf zog. Er nahm meine Hand und führte mich so in das Gebäude hinein. Den anderen Arm weit ausgestreckt tastete ich mich hinter ihm durch das Dunkel.
„Wehe Du führst mich gegen irgend eine Tischkante, dann bist Du ein toter Mann,“ warnte ich ihn, doch ich bekam nur ein Kichern zur Antwort.
Schließlich blieben wir stehen, Lenny half mir aus meiner Jacke und drehte mich dann ein wenig nach rechts.
„Bereit?“ fragte er.
„Mehr als bereit würde ich sagen,“ erwiderte ich und wischte meine, vor Aufregung feuchten Hände, möglichst unauffällig an meinen Hosen ab. Ich spürte, wie Lenny hinter mich trat und langsam den Knoten des Schals löste.
„Eins...zwei...drei,“ zählte er und zog dann den Schal mit einem Ruck von meinen Augen.
Für einen Moment blinzelte ich, dann stellte sich meine Umgebung scharf und mein Kinn klappte nach unten.
Das erste was ich wahr nahm, war eine Masse von Menschen, die am Fuße der drei Stufen standen, die in das, normalerweise rustikale Innenleben der Poolhall führte. Dann zuckte ich erschrocken zusammen, als alle gemeinsam anfingen zu singen. Happy Birthday to youuuuuuu, happy birthday to youuuuuuuu....
Die Decke und die Wände, die normalerweise aus dunklen Holzpaneelen bestanden, waren mit dunkelblauem Stoff abgehängt und tausende von kleinen Lichtern tanzten darauf. Ich hatte das unwirkliche Gefühl, unter einem unendlichen Sternenhimmel zu stehen.
Die kleinen Tische waren ebenfalls mit dunkelblauen Tischdecken bedeckt, auf die kleine, silberne Sternchen aufgestickt waren. Sie schimmerten sanft im Schein der Kerzen, die auf jedem der Tische flackerten. Den hinteren Teil des Raumes konnte ich nicht einsehen, da mir die Menschen vor mir den Blick versperrten.
Plötzlich teilte sich die Menge und ein kleines Wägelchen mit einer riesigen Torte, auf der unzählige Kerzen brannten, wurde heran geschoben. Als ich über die Kerzen hinweg sah, blickte ich direkt in A.J.s Gesicht, das im warmen Kerzenschein zu leuchten schien. Sofort musste ich an den Kuchen heute Nacht denken und ich spürte wieder seine sanften Finger auf meinen Lippen.
Mit einem ohrenbetäubenden Finale beendeten die Sänger ihr Geburtstagsständchen und tosender Applaus folgte. Ich versuchte in dem schummrigen Licht die Gesichter zu erkennen, aber irgendwie gelang mir das nicht wirklich. Kannte ich überhaupt so viele Menschen?
Sofort erhob sich der laute Ruf, ich solle die Kerzen ausblasen und - natürlich - mir etwas dabei wünschen. Also stakste ich auf wackligen Beinen die drei Stufen hinunter und beugte mich über die Torte. Ich spürte, wie jemand schnell nach meinen Haaren griff und sie nach hinten zusammen hielt. Wahrscheinlich hätte ich in meinem momentanen Zustand noch nicht einmal gemerkt, wenn sie alle in den Flammen verschmort währen.
Ich holte tief Luft, schloss die Augen und pustete was meine Lungen hergaben. Ich versuchte mich auf den gleichen Gedanken wie heute Nacht zu konzentrieren „Er soll mit Tammy glücklich ....er soll...mit mir...glücklich...er soll mit Tammy....er soll mit mir glücklich werden.“
Nun gut, das hatte ich wohl gründlich verbockt. Aber wer glaubte schon an die Erfüllung dieser Wünsche? Das war ja doch nur eine Erfindung der Geburtstagskerzenindustrie. Im gleichen Moment fragte ich mich, ob zu viel Adrenalin die Gehirnwindungen angreifen konnte. Geburtstagkerzenindustrie? Um mich musste es schlimmer stehen als ich bisher angenommen hatte. Wieder wurde applaudiert, hatte ich doch tatsächlich mit einem Versuch alle Kerzen ausgeblasen. Dann begannen die Gratulationen und ich konnte endlich die verschwommenen Gesichter bestimmten Personen zu ordnen.
A.J. und Lenny schienen die komplette Straße eingeladen zu haben....ach was rede ich, das gesamte Dorf schien versammelt zu sein.
Carrie und Frank drückten mich fest, die Mitchels gaben mir freundlich die Hand, während ihre beiden Kinder durch den Saal tobten. Sogar Misses Schumaker brachte ein einigermaßen freundliches Lächeln zu stande. Olivia war da, zusammen mit drei weiteren Kollegen des Verlages. Meine Billardfreunde Sam und Maik drückten mir die Hand und überreichten mir umständlich einen wundervoll gearbeiteten Queue, danach verzogen sie sich in eine ruhige Ecke und beobachteten von dort das Geschehen. Freddy kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu und während er mich an sich drückte flüsterte er etwas von wegen „ich hätte nicht gedacht, das mein altes Mädchen in einem solchen Glanz erstrahlen könnte.“ Für einen Moment überlegte ich, ob er damit vielleicht mich gemeint haben könnte, entschied mich dann aber doch dafür, das er es wohl von seiner heißgeliebten Kneipe hatte.
Zum Schluss wartete die größte Überraschung auf mich. Als ich gerade unserem Metzger einen schönen Abend wünschte, sah ich, wie sich eine ältere Dame zielstrebig einen Weg durch die Menge bahnte.
„Molly?!?!“ rief ich ungläubig und fiel gleich darauf in ihre weit ausgebreiteten Arme. Aus den Augenwinkeln sah ich Lenny glücklich lächeln.
„Was machst Du denn hier?“ fragte ich überflüssigerweise und sie lachte.
„Man hat mir gesagt, das hier eine große Geburtstagsfeier statt finden würde und so bin ich gekommen.“
„Und das Hotel?“
„Wird auch einmal ein paar Tage ohne mich auskommen. Meine Freundin Hilda vertritt mich so lange.“
„Die, die beim Kartenspiel immer schummelt?“
„Genau die,“ lachte Molly und drückte mich noch einmal an sich.
„Gott, es ist so schön, das Du hier bist.“
„Ich freue mich auch sehr. Du kannst Dich bei Deinen beiden Männern bedanken. Sie haben nichts unversucht gelassen, um mich hier her zu bekommen.“
Jetzt schaute ich zu A.J. und Lenny hinüber, die lächelnd unser Wiedersehen verfolgt hatten.
„Ich danke Euch...ich danke Euch so sehr,“ sagte ich gerührt und spürte, wie mir schon wieder die Tränen in die Augen stiegen. So langsam entwickelte ich mich tatsächlich in eine echte Heulsuse.
Ich fiel überschwänglich erst Lenny und dann A.J. um den Hals.
„Das habt ihr wirklich toll gemacht...ich bin vollkommen hin und weg.“
„Und dabei hast Du noch gar nicht alles gesehen,“ bemerkte A.J., fasste mich an der Hand und zog mich hinter sich her, weiter in den Raum hinein.
„Du siehst übrigens umwerfend aus,“ meinte er und lächelte mich dabei an. „Nicht das Du mir im Pyjama nicht gefallen hättest...,“ den Rest lies er unausgesprochen, aber es reichte aus, um mich glücklich zu machen.
Die Tische wichen zurück und machten einer kleinen Tanzfläche platz. Man hatte ein Podest aufgebaut, auf dem, hinter einer Vielzahl von Gerätschaften, ein junger Mann stand. Auf ein Zeichen von A.J. hin betätigte er einige Knöpfe und Nellys Dilemma erscholl aus den Lautsprecherboxen. A.J. nickte dem jungen Mann erneut zu und schon standen wir in glitzerndem Licht. Ich schaute fasziniert nach oben. An der Decke drehte sich eine schillernde Discokugel.
„Das habt ihr nicht wirklich gemacht?“ rief ich A.J. zu und er lachte. Wieder blickte er zu dem DJ hinüber und gleich darauf hörte ich ein lautes Zischen, das links von mir kam. Erschrocken sprang ich zur Seite und A.J. fing mich gerade noch auf, bevor ich ungeschickt über meine eigenen Füße stolpern konnte. Weißer, undurchdringlicher Nebel hüllte uns ein.
„Du bist verrückt,“ flüsterte ich, was er allerdings bei der lauten Musik nicht hören konnte. Er beugte sich deshalb ein Stück zu mir hinunter und seine Lippen waren nur noch Zentimeter von meinen entfernt.
„Was?“ ich konnte dieses Wort nur von seinen Lippen ablesen, da es in meinem Kopf dröhnte und rauschte. Kelly Rowland sang gerade mit ihrer fantastischen, klaren Stimme

No matter what I do
All I think about is you
Even when I’m with my boo
you know I’m crazy over you

während sich unsere Gesichter unaufhaltsam immer näher kamen. Mein Herz raste und ich war mir überdeutlich seiner warmen, weichen Hände auf meinem nackten Rücken bewusst.
Plötzlich stand, wie aus dem Nichts, Lenny zwischen uns.
„Das Beste darf ich Dir zeigen,“ brüllte er mir ins Ohr um die Musik zu übertönen. In seinen Augen stand der unausgesprochene Tadel, den ich mir sicherlich mehr als verdient hatte und er schleifte mich hinter sich her in Richtung Billardzimmer.
Ich warf einen schnellen Blick zurück und sah A.J. alleine auf der Tanzfläche stehen. Er hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und sah uns hinterher. Für einen Moment trafen sich unsere Blicke, dann bog Lenny um die Ecke in das Billardzimmer ein.
„Mädchen, Mädchen,“ sagte er und fuhr sich mit einer aufgebrachten Handbewegung über seine Stoppelfrisur „das war mehr als knapp.“
„Ich weiß,“ jammerte ich und fühlte mich hundeelend.
„So kann das doch nicht weiter gehen. Was denkt ihr Euch nur dabei?“
„Hör auf mit den Sprüchen Lenny. Du weißt genau, wenn wir denken könnten, würde es gar nicht so weit kommen.“
Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht „der war gut.“
„Findest Du?“
„Aber ja doch.“
Zaghaft erwiderte ich sein Lächeln. Was würde ich nur ohne ihn machen?
Jetzt erst sah ich mich in dem Raum um, in denen ich so viele Stunden mit dem Queue in der Hand verbracht hatte. Ich musste kichern, als mir aufging, warum Lenny meinte, das hier sei das Beste an der Party.
Der Raum bestand eigentlich nur aus Speisen aller Arten und Formen. Über die großen Billardtische waren Spanplatten gelegt worden und die dunkelblauen Tischdecken darauf, waren unter den Platten, Töpfen und Tiegelchen kaum noch zu sehen.
„Das habt ihr wirklich fantastisch hin bekommen. Unglaublich, dass ich davon überhaupt gar nichts mit bekommen habe.“
„Wir sind halt die Besten die man für so ein Event bekommen kann,“ grinste Lenny.
„Wo Du recht hast....,“ ich schlenderte an den Tischen vorbei und steckte mir schließlich eine Weintraube in den Mund.
Immer noch fühlte ich mich zittrig und aufgewühlt. Konnten A.J. und ich mittlerweile nicht einmal mehr fünf Minuten in einem Raum sein, ohne das wir uns unwiderstehlich zueinander hin gezogen fühlten? Was mich am meisten dabei erschreckte war wohl, dass es inzwischen nicht mehr nur meine Sache zu sein schien. Währe es nur um meine Gefühle gegangen, währe ich damit wohl irgendwie klar gekommen...doch A.J. schien ähnlich verwirrt zu sein.
Komischer Weise kam ich nie auf den Gedanken, er könne nur mit mir spielen. Vielleicht war auch nur der Wunsch Vater des Gedankens aber ich hatte den Eindruck, dass er auch Gefühle für mich hatte. Ich konnte mir gut vorstellen, das die Situation für ihn noch um einiges schlimmer sein musste. Schließlich hatte er eine Freundin, in die er verliebt war. Was zog ihn also an mir besonders an? Ich konnte doch Tammy unmöglich das Wasser reichen.
Lenny unterbrach meine Gedankengänge „was denkst Du?“
„Ich frage mich, was A.J. sich wohl so denkt.“
„Ich befürchte, er hat ähnliche Probleme mit Eurer Beziehung wie Du.“
„Wie meinst Du das?“
„Ist nur so ein Gefühl...ich meine...es ist doch offensichtlich, dass er ebenfalls nicht die Finger von Dir lassen kann.“
„Hat er was zu Dir gesagt?“ Ich sah Lennys Gesicht an, das ich voll ins Schwarze getroffen hatte, doch sein Ehrenkodex verbot ihm natürlich, darüber zu reden.
„Nein, hat er nicht, aber ich habe immer noch Augen im Kopf.“
Ich nickte gedankenverloren und beschloss, Lenny nicht zu bedrängen. Wenn er A.J. versprochen hatte, mir nichts davon zu sagen, dann musste ich das so akzeptieren. Umgekehrt währe es mir wohl auch nicht recht gewesen, wenn Lenny A.J. meine Geheimnisse verraten hätte.
„Weißt Du was das Schlimme ist?“ sagte ich statt dessen.
„Was?“
„Das er mir Hoffnungen macht. Ich meine...je weiter das hier alles geht, desto mehr entsteht der Gedanke in meinem Kopf, dass er vielleicht Tammy gar nicht mehr will.“
„Darf ich Dich an unser erstes Gespräch erinnern? Wer hat denn gesagt, dass es vollkommen egal ist, wie die Gefühle von Tammy und A.J. aussehen? Das es nur darauf ankommt, dass Du Dich in den Griff bekommst und es keinen Unterschied macht, ob A.J. sich nun für Dich interessiert oder nicht.“
„Ich weiß...ach Lenny, das ist alles so kompliziert und verwirrend.“
„Ich weiß Prinzessin, aber glaub mir, wenn Tammy wieder da ist, regelt sich das von alleine. Du musst tapfer die Zähne zusammen beißen und darüber hinweg kommen. Sonst endet das in einer Katastrophe.“
„Warum hast Du nur immer so ekelhaft recht? Ist ja widerlich.“
Lenny antwortete mit einem Lachen und drückte mich kurz an sich.
„Ich bin dafür, dass Du jetzt Deinen Geburtstag geniest, viel isst, ein wenig tanzt und Dich um Deine Gäste kümmerst. Das wird Dich schon auf andere Gedanken bringen.“
„Ich werde es versuchen.“
„Braves Mädchen,“ und damit nahm er mich an die Hand und führte mich zurück zur Party.
Unbewusst suchte ich in den Menschenmengen nach A.J.s Gesicht, doch er war nirgends zu sehen.
„Ich werde mal kurz auf die Toilette verschwinden und dann kann die Party los gehen,“ sagte ich.
„Alles klar, bis später.“
Unsere Wege trennten sich. Er ging nach links und gesellte sich gleich darauf zu Carrie und Frank, während ich mich nach rechts in den Gang zu den Toiletten wandte.
Ich nahm mir fest vor, meine Bedenken, Ängste und wirren Gedanken mit einem kräftigen Druck in die weiten der Kanalisation hinunter zu spülen und den Abend zu genießen. Alles andere führte ja wohl zu nichts.
Ich hätte sicherlich mein Vorhaben auch in die Tat umgesetzt, wenn ich nicht plötzlich aus der Herrentoilette meinen Namen gehört hätte.
Wie erstarrt blieb ich einen Moment stehen und schlich mich dann näher an die nur angelehnte Tür heran. Für einen Moment war ich nicht sicher, ob dahinter jemand Selbstgespräche führte, doch dann entschied ich mich doch dafür, dass da wohl jemand telefonierte. Und wenn ich mich nicht sehr täuschte, war dieser jemand kein anderer als A.J.. Seine Stimme hallte in der gekachelten Toilette wieder und ich stellte mir vor, wie er auf dem Waschtisch saß, die Beine baumeln lies und, wenn ich meiner Nase trauen konnte, dabei eine Zigarette rauchte.
„Ich weiß Kev, aber was soll ich denn bitteschön machen? Du müsstest sie mal kennen lernen, sie sieht Dich mit ihren großen blauen Augen an und schon wirfst Du sämtliche vernünftigen Gedanken über Bord...das kann ich Dir nicht sagen, sie ist einfach...ja genau so...ich weiß...ich weiß was ich nach der Therapie zu Dir gesagt habe Kev, aber das hier ist anders...was kann ich denn dafür? Bei der Frau versagen einfach sämtliche Hirnwindungen ihren Dienst. Sie ist wirklich unglaublich...ehrlich, witzig, sie kann sogar mit meinem Humor umgehen...ja, ich weiß dass das wirklich nicht alltäglich ist...,“ dann entstand eine längere Pause und ich dachte schon, er hätte aufgelegt, als ich erneut seine Stimme hörte, diesmal fest und entschlossen „nein Kev, das kommt überhaupt nicht in Frage....warum? Weil ich erstens geschworen habe, nie wieder eine Frau so zu behandeln und zweitens...lass mich bitte ausreden...und zweitens liebe ich Tammy, o.k.? Robin ist unglaublich und verwirrt mich extrem, aber ich liebe eben ihre Schwester, basta.“
Ich hatte genug gehört. In meinem Gehirn rauschte es, die Gedanken sprangen von einer Seite auf die andere, trafen sich irgendwo in der Mitte und stoben dann wieder auseinander, ohne dass ich sie hätte wirklich greifen können. Meine Beine waren bleischwer und mein Mund knochentrocken. Dafür merkte ich, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Schon wieder!
Ich machte auf dem Absatz kehrt und hastete den Gang entlang. Am Ende stieß ich auf eine Hintertür, die in einen, mit Mülltonnen und Gerümpel vollgestellten Hinterhof führte.
Da stand ich nun und fror entsetzlich. Aber das registrierte ich nur am Rande. Zu sehr war ich mit meiner Verzweiflung beschäftigt. Er liebt Tammy. Warum traf mich das so? Das war doch von Anfang an klar gewesen. Aber er hat Dir in letzter Zeit das Gefühl gegeben, dass es vielleicht nicht mehr so ist. Ich wischte die Stimme beiseite. Es war doch überhaupt nichts passiert...eigentlich. Der erste Schluchzer schüttelte mich und ich bedeckte meine Augen mit den Händen.
Das hätte mir niemals passieren dürfen. Ich war für so etwas nicht gemacht. Ich konnte noch nie gut mit Ablehnung umgehen und mit A.J. war ich direkt in die Königsklasse der Ablehnung eingestiegen. Er hatte mich genau so weit an sich heran gelassen, dass ich lichterloh brannte und wie zu erwarten, hatte ich mich gründlich dabei verbrannt. Es tat weh...es tat so sehr weh, dass ich glaubte, ich müsse jetzt auf der Stelle tod umfallen. Was hatte denn das Leben noch für einen Sinn?
Plötzlich legte mir jemand eine Jacke um die Schultern und ohne auf zu sehen, zog ich sie eng um mich. Lennys sensible Robin-Antennen hatten wohl mal wieder Alarm geschlagen. Ich drehte mich um und wollte mich direkt in seine Arme werfen, als ich geschockt mitten in der Bewegung inne hielt. Statt in Lennys grüne Augen, blickte ich in A.J.s braune.
„Das mit dem Anschleichen musst Du wohl noch üben,“ sagte er leise und wischte mir sanft die Tränen von den Wangen. Immer noch starrte ich ihn sprachlos an und vergas dabei sogar, weiter zu weinen. Er zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und reichte es mir. Als ich nicht danach griff, wedelte er damit vor meinem Gesicht herum.
„Hey, Erde an Robin...Erde an Robin.“ Endlich löste ich mich aus meiner Erstarrung und griff nach dem Taschentuch. Ich trocknete mein Gesicht und schnäuzte mich dann ausgiebig. In dem Versuch einen Scherz zu machen hielt ich es ihm entgegen.
„Willst Du es wieder haben?“
„Nein danke...ich denke, dass ist bei Dir besser aufgehoben.“
Ich nickte und steckte es in meine Hosentasche. Dann standen wir uns schweigend gegenüber. A.J. fischte schließlich ein ziemlich verknittertes Päckchen Marlboro aus seiner Hosentasche und bot mir auch eine an. Wenig später standen wir beide rauchend und frierend auf dem Hof und trauten uns nicht, uns an zu sehen. A.J. brach schließlich das Schweigen.
„Es tut mir leid.“
„Was tut Dir leid?“
„Gute Frage eigentlich...ich weiß nicht...alles...das wir jetzt hier stehen, Du geweint hast und wir beide nicht wissen, was wir jetzt tun sollen.“
Erneut fühlte ich einen Klos von Tränen in meinem Hals, doch ich schluckte ihn diesmal erfolgreich hinunter. Es reichte, dass er mich einmal hatte weinen sehen.
„Ich frage mich,“ sagte ich und wunderte mich, dass meine Stimme so fest klang „ob wir gerade beide vom Gleichen reden.“ Es bestand ja immer hin die verschwindend geringe Möglichkeit, dass es hier nicht um uns ging, sondern um irgendetwas...anderes eben.
„Ich mag Dich sehr und ich denke, Dir geht es mit mir ähnlich, aber wir haben beide das Problem, das wir Tammy lieben, wenn auch auf eine jeweils andere Art. Kommt das ungefähr hin?“
War der Papst katholisch? Ich nickte.
„Was machen wir denn jetzt?“ Das fragte er ausgerechnet MICH?
„Wenn ich das wüßte, würde ich wohl nicht hier draußen stehen,“ antwortete ich und blickte dabei weiterhin angestrengt auf meine Schuhspitzen. Ich hatte das Gefühl, dass er mir mit jedem seiner Worte das Heft des Dolches noch tiefer in mein Herz bohrte. Am liebsten hätte ich laut geschrien.
„Es tut mir wirklich leid,“ sagte er erneut und ich spürte, wie er sanft begann, meinen Arm zu streicheln. Durch die dicke Jacke konnte ich es nicht wirklich fühlen, aber es reichte, dass sich mir alle Härchen zu Berge stellten.
„Mir tut es auch leid...irgendwie,“ ich hörte A.J. neben mir schmunzeln und sah nun endlich auf.
„Irgendwie?“ fragte er ohne Spot in der Stimme und ich war schon wieder dabei mich in seinen Augen zu verlieren.
„Ja...irgendwie.“ Warum war er mir so nahe? Warum hörte er nicht auf, mich zu berühren? Warum wurden seine Augen plötzlich eine Spur dunkler? Und warum konnte ich plötzlich nicht mehr richtig atmen?
Als seine Lippen die meinen berührten, hatte ich das Gefühl, als würde ich gleich dahin schmelzen...mich einfach auflösen und für immer im Nirvana herum schwirren. Seine Lippen waren so wundervoll weich und zärtlich und sie versprachen so viel, obwohl ich genau wußte, dass er es doch nicht würde halten können.
Er zog mich fest an sich und ich hatte das unlogische Gefühl, dass er mich nie wieder los lassen würde. Die Jacke rutschte unbeachtet von meinen Schultern und seine Hände strichen sanft über meinen Rücken. Ich hätte vor Glück einfach los heulen können und drängte mich statt dessen einfach noch näher an ihn. Meine Hände ruhten auf seiner Brust und ich konnte seinen schnellen Herzschlag darunter fühlen. Seine Zunge schob sich in meinen Mund und ein Feuerwerk begann in meinem Kopf zu explodieren.
Ein lautes Gepolter lies uns erschrocken auseinander fahren. Wir drehten uns beide gleichzeitig nach dem Geräusch um und sahen nur noch den Schwanz von Freddys Kater Luzifer über den Zaun verschwinden.
A.J. griff sich an die Brust und keuchte „mein Gott, jetzt währe ich aber beinahe vor Schreck gestorben.“
„Gleichfalls,“ erwiderte ich und sah ihn dann an. Unser Schweigen schien sich in die Länge zu ziehen und ich fragte mich, ob er sich genau so schuldig fühlte wie ich. Und doch spürte ich immer noch seine Lippen auf meinen und das Verlangen, ihn wieder in meine Arme zu ziehen wurde fast übermächtig. Alleine sein Blick hielt mich davon ab.
Wir brauchten keine Worte um zu verstehen, was wir beide dachten. Das war knapp gewesen....eigentlich schon einen Schritt zu weit...und wir sollten möglichst niemandem davon erzählen.
A.J. räusperte sich „bevor ich jetzt schon wieder sage, dass es mir leid tut und es eventuell wieder...,“ er machte eine unbestimmte Handbewegung zu dem Punkt an dem wir eben noch engumschlungen gestanden hatten „...so endet, sollten wir wohl besser hinein gehen, oder?“
„Ja...das währe wohl das Vernünftigste.“
„Ich hasse es vernünftig zu sein.“
„Geht mir ähnlich.“ Er lächelte...dieses unwiderstehliche A.J. McLean Lächeln...hob dann die Jacke auf und legte sie mir erneut um die Schultern. Für einen Moment ruhten seine Hände auf meinen Schultern und ich hatte den Eindruck, als müsse er sich zwingen mich los zu lassen. Doch dann war der Moment auch schon vorbei und er ging mir voraus zurück zu der Party. Mir währen auf Anhieb zig Orte eingefallen, zu denen ich jetzt lieber gegangen währe.

Kapitel 23