Kapitel 20

So ähnlich verliefen auch die nächsten beiden Tage. Lenny und A.J. gluckten ununterbrochen zusammen und ich hatte wirklich keinen blassen Schimmer, was sie für meinen Geburtstag planten. Die Abende verbrachten wir gemeinsam. Einen Abend spielten wir in der Poolhall eine Runde Billard nach der anderen, am nächsten fuhren wir in einen Club in Boston wo wir uns unglaublich gute Live-Musik anhörten, ein wenig tanzten und einfach unseren Spaß zusammen hatten. Wie es der Zufall so wollte, befanden wir uns um zwölf Uhr nachts mitten auf dem Heimweg und ich war auf der Rückbank von Lennys altem Dodge Kombi eingeschlafen. Die letzten Tage waren für mich mehr als anstrengend gewesen. Viel Arbeit an meinem Manuskript, die Versorgung von Lenny und A.J., die manchmal anstrengender als zwei Dreijährige sein konnten und die frühe Uhrzeit, in der ich heute Morgen tod müde ins Bett gekrabbelt war.
Ich wachte auf, weil mir plötzlich das monotone Reifengeräusch fehlte und ich dachte, dass wir schon zu Hause angekommen seien. Doch als ich mich verschlafen aufrichtete, waren zwar die beiden Sitze vor mir leer, doch als ich aus dem Fenster schaute, war da nicht die vertraute Umgebung meines zu Hauses, sondern hohe Bäume, die ein wenig im Wind schaukelten. Wir befanden uns auf einem kleinen Parkplatz am Rande der Landstraße.
Verwirrt schaute ich mich um. Der Kofferraumdeckel stand offen und ich hörte dahinter Lenny und A.J. leise miteinander reden. Erst jetzt schaute ich auf meine Uhr und stellte fest, dass mein Geburtstag vor genau fünf Minuten begonnen hatte.
Gleich darauf wurde der Kofferraumdeckel zugeklappt und ich erschrak durch das laute Geräusch fürchterlich. Doch das Bild das sich mir dann bot, entschädigte mich für alles. Durch die Heckscheibe sah ich Lenny und A.J., die zwischen sich einen kleinen, runden Kuchen mit brennenden Kerzen darauf balancierten. Die flackernden Flammen spiegelten sich in ihren Augen und erhellten ihre Gesichter in diesem warmen Licht. A.J. nickte Lenny ein Mal, zwei Mal, drei Mal zu und sie begannen gemeinsam zu singen.
„Happy Birthday to you, happy birthday to you...,“ gerührt öffnete ich die Autotür und trat zu ihnen in die dunkle, kalte Nacht hinaus. Sie kamen mir um den Wagen herum ein Stück entgegen und sangen immer noch. Lenny ein wenig falsch, A.J. mit dieser wundervollen, warmen, rauen Stimme. Am liebsten hätte ich Lenny den Mund zu gehalten, aber das wäre wohl im Moment nicht wirklich gut angekommen. Sie hatten sich so viel Mühe gegeben.
Schließlich war auch der letzte Ton verklungen. Lenny war der erste, der mich in seine Arme schloss und mir zum Geburtstag gratulierte. Danach übernahm er von A.J. den Kuchen und dieser zog mich an sich.
„Alles gute zum Geburtstag Sweets,“ flüsterte er.
„Vielen, vielen Dank. Das ist wirklich richtig süß von Euch.“
„Männer sind nicht süß sondern...eben männlich und stark.“
„Fängst Du schon wieder an?“
„Nein, nein...es ist ja Dein Geburtstag, heute darfst Du alles sagen.“
„Wirklich alles?“
„Naja, fast alles.“
Immer noch hielt er mich an sich gedrückt und es schien mir, als hätte er auch nicht vor, mich die nächste Zeit wieder los zu lassen. Ich schloss für einen Moment die Augen. Wenn es nach mir gegangen währe, hätte ich ewig so hier stehen können, meinen Kopf auf seiner Schulter und seine warmen Hände auf meinem Rücken.
Doch Lenny holte uns schneller als mir lieb war wieder auf den Boden zurück. Er räusperte sich laut und deutlich und hielt mir dann den Kuchen unter die Nase.
„Du musst die Kerzen ausblasen und Dir etwas wünschen.“
„Ach ja richtig....,“ A.J. lies mich los und trat einen Schritt zur Seite. Ich überlegte einen Moment, dann schloss ich ganz fest die Augen und begann zu pusten. In meinem Kopf kreiste dabei immer wieder ein Gedanken „Er soll mit Tammy glücklich werden...er soll mit Tammy glücklich werden.“ Als ich die Augen wieder öffnete, schwammen Tränen darin. Es war nicht das, was ich wirklich wollte, aber das Mindeste was ich tun konnte, um diese verfahrene Situation vielleicht doch noch in den Griff zu bekommen. Immerhin währen dann zwei von dreien glücklich...kein schlechter Schnitt wenn man meine momentane Ausgangsposition betrachtete.
„Hey...alles in Ordnung bei Dir?“ fragte Lenny und legte mir fürsorglich einen Arm um die Schulter. Den Kuchen hatte er vorsichtig auf dem Wagendach abgestellt.
„Ja, alles bestens...nur ein bisschen müde und deswegen vielleicht ein wenig rührselig,“ antwortete ich, während ich mir verstohlen die Tränen aus den Augenwinkeln wischte.
„Na, so wie wir uns ins Zeug gelegt haben ist das auch nur all zu verständlich,“ sagte A.J. im Brustton der Überzeugung und ich konnte schon wieder lächeln. Doch als ich ihn ansah, strafte ihn sein nachdenkliches Stirnrunzeln Lügen. Das erste Mal durchzuckte mich das ungute Gefühl, dass er vielleicht etwas ahnte. Sofort verbarg ich meine Gedanken und die aufkommende Panik hinter einem freundlichen Lächeln, drehte mich zu dem Kuchen auf dem Wagendach um und begann genüsslich meinen Zeigefinger hinein zu bohren.
„Habt ihr schon probiert, wie er schmeckt?“ fragte ich und leckte gleich darauf genüsslich die Sahne von meinem Finger.
„Wir wollten Dir den Vortritt lassen...aber jetzt...,“ sagte Lenny und genehmigte sich ebenfalls etwas von der süßen Verzierung.
„Wehe ihr esst das alles alleine auf,“ mischte sich A.J. ein, drängelte sich zwischen uns und gleich darauf hatte er eine Hand voll Kuchen im Mund. Durch diese Aktion mutiger geworden, bedienten Lenny und ich uns nun auch ausgiebiger. Wenig später sahen wir alle drei aus, als währen wir mit Gesicht und Händen direkt in den Kuchen gefallen. A.J. hatte selbst in den Haaren etwas Sahne und dunkle Kuchenkrümel hängen.
„Hmmm...ich glaube ich habe noch nie so etwas leckeres gegessen,“ schwärmte Lenny und kratze den letzten Rest von der Kuchenplatte.
„Ich bin ja nur froh, dass wir bei Deinem Tempo überhaupt noch etwas abbekommen haben,“ witzelte ich und leckte mir nacheinander alle zehn Finger ab.
„Wenn Du jetzt nicht sowieso schon überall von dem Kuchen hättest, würde ich Dir für diese Bemerkung direkt was ins Gesicht schmieren,“ grinste Lenny und ging mit der nun leeren Kuchenplatte um das Auto herum um sie wieder im Kofferraum zu verstauen.
„Du hast da was im Gesicht,“ grinste A.J., streckte die Hand aus und fuhr mir mit dem Zeigefinger über die Wange.
„Du auch,“ erwiderte ich kichernd und wischte ihm etwas Sahne vom Kinn.
„Ich glaube, da ist auch noch etwas,“ sagte A.J. leise und fuhr mir mit dem Finger sanft über die Lippen.
Gott sei Dank schlug Lenny in diesem Moment laut und deutlich den Kofferraumdeckel zu, sonst hätte A.J. sicherlich gehört, wie ich vernehmlich die Luft einsog. Meine Knie waren weich wie Butter und mein Herz versuchte krampfhaft wieder in den richtigen Rhythmus zu kommen.
Ich verschwendete in diesem Moment keinen einzigen Gedanken an Tammy oder den Rest der Welt. Da waren nur er und ich, versunken in die Augen des Anderen. Ich begann erst wieder klar zu denken, als Lenny um das Auto herum kam und sich zu uns gesellte.
Für einen kurzen Moment fragte ich mich, ob ich das hier alles überbewertete. War es nicht einfach nur ein Scherz wie sonst auch? Aber er hatte eben meine Lippen berührt, oder etwa nicht?
„O.k. Leute, lasst uns aufsitzen und nach Hause reiten. Ich brauche dringend noch ein wenig Schlaf. Der Abend heute wird ziemlich anstrengend,“ sagte Lenny, reichte mir ein Handtuch und rieb sich dann die Hände. Erst jetzt registrierte ich, wie kalt mir eigentlich war. Wenn man genau hinsah, konnte man bereits kleine Wölkchen von unserem Atem sehen.
Auch A.J. schien wie aus einer Trance auf zu wachen. Es hätte wohl nicht viel gefehlt und wir hätten uns beide wie zwei nasse Hunde geschüttelt, um wieder ins Hier und Jetzt zu finden. Ich reichte ihm das Handtuch, an dem kaum noch ein sauberes Eckchen übrig war.
„Ich bin ja sehr gespannt, was ihr da auf die Beine gestellt habt,“ sagte ich, einfach um mich auf andere Gedanken zu bringen, während ich wieder auf den Rücksitz kletterte „und wehe es ist nicht wirklich phänomenal, dann könnt ihr aber was erleben.“
Lenny lachte und setzte sich hinter das Steuer. „Du wirst schon sehen, wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, nicht war A.J?....A.J.?...Hallo-ho...“ A.J. hatte gedankenverloren aus dem Fenster gestarrt und zuckte nun zusammen, als Lenny ihn mit dem Ellenbogen anstieß.
„Was?...Oh...ja, ja, es wird ganz bestimmt phänomenal.“
Lenny sah ihn noch für einen Moment nachdenklich an, startete dann aber wortlos den Motor und rollte vom Parkplatz. Den restlichen Heimweg legten wir schweigend zurück.
Eine halbe Stunde später hielt Lenny in der Garageneinfahrt seiner Eltern und stellte den Motor ab. Für einen Moment blieben wir alle ganz ruhig sitzen. Dann öffnete A.J. als erster die Tür „vielen Dank fürs Fahren Kumpel. Wir sehen uns...nachher?“
„Aber sicher.“
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Und schon war A.J. aus dem Wagen aus gestiegen und schlenderte in Richtung unseres Hauses.
„Alles o.k. bei Dir?“ fragte Lenny und betrachtete mich im Rückspiegel.
„Alles Bestens...es ist mein Geburtstag...gibt es etwas Schöneres?“
„Da würden mir in Deinem Fall gleich ein paar Dinge einfallen,“ schmunzelte er.
„Na, wir wollen mal nicht übertreiben,“ lachte ich leise und öffnete die Tür. Lenny stieg ebenfalls aus und warf einen Blick hinüber zu unserem Haus, wo A.J. gerade in der Haustür verschwand.
„Hast Du eine Ahnung, was vorhin mit ihm los war?“ fragte Lenny und schloss sein Auto ab. Er würde es nie lernen, dass das hier nicht nötig war.
„Nein...vielleicht vermisst er einfach Tammy....wer weiß das schon.“
„Versprichst Du mir brav zu sein?“
„Wie meinst Du denn das jetzt schon wieder?“
„Du kannst mir nicht erzählen, dass da vorhin nicht irgendetwas zwischen Euch gewesen ist.“
„Ich erzähle Dir garnichts...ich bin ein wenig verwirrt und er wohl auch. Das ist alles.“
„Das ist alles, aha.“
„Lenny, wenn Du aha sagst, dann ist das schon mächtig schlimm. Also raus mit der Sprach, was denkst Du?“ Ich zog meinen Tabakbeutel hervor und begann mir eine Zigarette zu drehen. Ich brauchte etwas zu tun, während mir Lenny jetzt sicherlich einige unangenehme Dinge erklären würde.
„O.k. Prinzessin, Du willst wissen was ich denke?“ Ich nickte zaghaft.
„Ich denke, dass da irgendetwas zwischen Euch abläuft und das hat erst angefangen, seit Tammy weg ist. Abgesehen davon, dass er sich eben noch nicht einmal von Dir verabschiedet hat.“
Lenny hatte recht. A.J. war auffallend schnell verschwunden, doch ich beschloss erst einmal die Ahnungslose zu spielen. Ich war mir ja noch nicht einmal sicher, ob tatsächlich irgendetwas passiert war.
„Was abläuft?“ fragte ich also unschuldig.
„Ich weiß es nicht...es...knistert irgendwie.“
„Knistert?!? Lenny, wir haben nichts anderes getan als sonst auch. Wir haben uns übereinander lustig gemacht und wie die kleinen Kinder Kuchen gegessen. Das ist auch schon alles.“
„Robin Duncan,“ er seufzte bevor er weiter sprach und da er tatsächlich meinen vollen Namen ausgesprochen hatte, wußte ich, dass es ihm schwer fiel, die nächsten Worte zu sagen.
„Wir haben uns nie angelogen, oder?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Dann sollten wir nicht gerade jetzt damit anfangen.“
Ups...ertappt. Ich wußte genau was er meinte. Er hatte ja recht. Nützte es irgend jemandem, wenn ich jetzt nicht die Wahrheit sagte? Da war etwas und wenn es Lenny merkte, ohne uns gesehen zu haben, dann musste es schlimmer sein, als ich zunächst angenommen hatte.
„Ich kann es schlecht beschreiben,“ fing ich an und stockte dann. Es war vielleicht doch nicht so einfach.
„Versuch es, mir kannst Du es sagen, das weißt Du doch.“
„Es ist ja nicht so, dass irgendetwas Weltbewegendes passiert währe...wir haben uns gegenseitig Sahne aus dem Gesicht gewischt. Das hätte uns beiden auch passieren können. Nichts wirklich Großes...aber...“
„Aber?“ hakte Lenny nach, nachdem ich nicht weiter sprach.
„Es war irgendwie anders als sonst. Normalerweise ist es eben wirklich nur Spaß und diesmal hatte ich das Gefühl, dass es das eben nicht war. Er war so...komisch...hach, ich kann es einfach nicht besser ausdrücken.“
„Was hat er denn genau gemacht?“
„Er hat über meine Lippen gestrichen...ich meine...die Sahne versucht weg zu wischen...wie Du es auch immer nennen magst.“
Lenny nickte, als wüßte er nun genau bescheid. Irgendwie ärgerte mich das.
„Was?“ fragte ich dann auch etwas gereizt, während ich aufgebracht Zigarettenrauch in die Luft blies.
„Er hat versucht Dich an zu machen.“
„Das klingt ja furchtbar so wie Du das sagst.“
„Ist es das nicht? Ist es nicht genau das, was Du auf jeden Fall vermeiden wolltest? Mal ganz abgesehen von Tammy und was sie davon halten würde.“
Er hatte sowas von recht und ich fühlte mich wie der letzte Trottel. Ich bedeckte meine Augen mit der freien Hand und versuchte krampfhaft meine Tränen zurück zu halten. Das hier war gar nicht gut...das hier kam einer Katastrophe ziemlich nahe und ich konnte nicht glauben, dass ich mir das nicht schon früher eingestehen wollte.
„Hey...so schlimm ist das nun auch wieder nicht,“ versuchte Lenny mich zu trösten und nahm mich in den Arm.
„Wir schaffen das schon, versprochen. Nur noch ein paar Stunden, dann ist Tammy wieder da und alles ist wieder ganz normal.“
„Genau das ist es ja....ich meine...was währe denn, wenn es Tammy gar nicht gebe?“
„Dann hättest Du keine Schwester, an der Dir so viel liegt,“ sagte Lenny schlicht und drückte mich noch etwas fester an sich.
„Versprichst Du mir, auf mich auf zu passen. Ich kriege das scheinbar nicht geregelt. Wenn er in meiner Nähe ist schaltet sich mein vernünftiges Denken ab.“
„Nur dann?“ fragte Lenny erstaunt und ich musste gegen meinen Willen lachen.
„Ja, Du gemeiner Mistkerl,“ sagte ich und kitzelte ihn ein wenig, so dass er mich schnell los lies.
Wir standen uns noch einen Moment schweigend gegenüber. Dann gab ich ihm einen sanften Kuss auf die Wange.
„Danke, dass Du so gut auf mich aufpasst. Ich wüßte wirklich nicht, was ich ohne Dich machen würde.“
„Direkt in Dein Verderben rennen, aber das bin ich ja schon von Dir gewohnt,“ lachte er gutmütig und ich beschloss, jetzt endgültig ins Bett zu gehen.
„Gut, das wahren dann wohl genug warme Worte für heute. Ich gehe ins Bett,“ sagte ich und wandte mich zum Gehen.
„Schlaf gut und träum’ was Schönes.“
„Ich werde es versuchen. Wir sehen uns dann später.“
„Worauf Du Dich verlassen kannst.“
Ich überquerte die Straße, stieg die Veranda hinauf und zog vorsichtig die Haustür auf. Drinnen war es stockdunkel und so tastete ich mich den Flur entlang und die Treppe zu meinem Zimmer hinauf.
Als ich schließlich in meinem Bett lag versuchte ich mich zu entscheiden, ob ich nun glücklich oder unglücklich darüber war, dass ich A.J. nicht mehr angetroffen hatte.
„Auf jeden Fall besser für alle Beteiligten,“ redete ich mir ein und schloss die Augen. Gleich darauf war ich eingeschlafen.

Kapitel 21