Kapitel 19
Tammys letzte drei Tage vergingen wie im Flug. Wir unternahmen viel zu viert, besuchten einige der wenigen Sehenswürdigkeiten in der Umgebung, gingen in Boston shoppen, unternahmen tatsächlich auch einen Spaziergang im nahe gelegenen Wald, der mit seinem bunten Herstlaub einfach herrlich aussah und verbrachten einen äußerst lustigen Abend in der Poolhall . Ich war froh darüber, Lenny als meine Unterstützung dabei zu haben, auch wenn er mich meistens am Ende des Tages ermahnte, mich ein wenig zurück zu halten. Ich fragte mich manchmal, ob ich mich wirklich so blöd anstellte, oder er einfach nur übersensiebel für das war, was zwischen A.J. und mir ablief. Eine harmlose Unterhaltung war in Lennys Augen manchmal schon ein Versuch von mir, A.J. näher zu kommen. Manchmal stritten wir uns darüber, ab und zu mußte ich ihm recht geben und selten war ich mir ganz sicher, dass er die Situation tatsächlich überbewertete.
Am Mittwoch Morgen brachten A.J. und ich Tammy zum Flughafen. Lenny hatte keine Zeit, da er Misses Schumaker versprochen hatte ihren Garten hinter dem Haus um zu graben und ihn winterfest zu machen.
Während sich A.J. und Tammy ausgiebig verabschiedeten, beschäftigte ich mich konzentriert mit meinen Schuhspitzen. Es verursachte mir immer noch leichte Übelkeit wenn ich sie zusammen sah. Wenn sie z.B. so wie jetzt eng aneinandergeschmiegt zusammen standen, sich irgendwelche lieben Worte ins Ohr flüsterten oder sich küßten.
Doch auch dieser Moment ging vorrüber und wir winkten ihr ein letztes Mal zu, während sie durch die Paßkontrolle aus unserem Blickfeld verschwand.
Und was machen wir beide nun mit dem angebrochenen Tag? fragte ich A.J. und wandte mich langsam Richtung Ausgang.
Also...ehrlich gesagt, hätte ich noch ein paar Dinge zu erledigen, bei denen ich Dich nicht wirklich gebrauchen kann.
Dinge?!?
Er lachte über mein misstrauisches Gesicht und legte mir einen Arm um die Schulter.
Ja genau...Dinge. Falls Du es noch nicht mitbekommen hast, eine sehr gute Freundin von mir hat demnächst Geburtstag und da sind eben noch ein paar Dinge zu erledigen.
Ooooooh...solche Dinge meinst Du, grinste ich na, da kann ich Dich ja unmöglich von Deiner Arbeit abhalten.
Genau so ist es...das ist mir nämlich sehr wichtig.
Tatsächlich? meine Stimme nahm einen warmen Klang an. Ich merkte, wie schon wieder kleine rote Herzchen in meinem Kopf zu tanzen begannen.
Tatsächlich...weißt Du, ihre Schwester hat sie nämlich versetzt, was ich ausgesprochen gemein finde und da habe ich mich als der strahlende Retter angeboten.
Die Rolle steht Dir auf jeden Fall gut, antwortete ich und schob mich als erste durch die gläserne Ausgangstür, damit er mein glückliches Lächeln nicht sah.
Vielen Dank...ich wußte, dass Du meinen wahren Charakter erkennen würdest.
Gerne geschehen, entgegnete ich kichernd wie ein Schulmädchen und schob die Parkmarke in den Kassenautomaten. Er hatte es auf jeden Fall geschafft, mich unglaublich neugierig auf den bevorstehenden Abend zu machen und mir mal wieder das Gefühl gegeben, etwas besonderes zu sein.
Als wir zu Hause ankamen, verabschiedete sich A.J. ziemlich schnell und machte sich auf den Weg die Straße hinunter. Ich hätte jede Summe darauf verwettet, dass er als erstes bei Misses Schumaker vorbei schauen würde um sich mit Lenny ausgiebig zu beraten.
Ich war in bester Stimmung, räumte zu erst die Reste unseres hastigen Frühstücks auf und setzte mich dann mit meinem Laptop in den Wintergarten um noch etwas zu arbeiten. Selbst die Korrekturen machten mir heute nichts aus und so kam ich recht flott voran.
Schließlich brannten mir die Augen, draußen wurde es langsam dunkel und von A.J. war immer noch weit und breit nichts zu sehen. Ich überlegte gerade, ob er sich womöglich in unserem winzigen Kaff verlaufen hatte, als er durch die Tür spaziert kam. Auf seinem Gesicht prangte ein äußerst zufriedenes Lächeln und überschwenglich nahm er mich in die Arme.
Also...wenn Dich das nicht umhaut, dann weiß ich auch nicht, sagte er und brachte mich damit beinahe zum Platzen vor Neugier, was sicherlich auch seine Absicht gewesen war.
Dann erzähl doch mal, was erwartet mich denn so?
Ha...keine Chance. Ausnahmsweise werde ich schweigen wie ein Grab.
Ja, man merkt es ganz deutlich. Kein Wort kommt über Deine Lippen, ich weiß noch nicht einmal, dass überhaupt etwas geplant wird, lachte ich ironisch.
Frauen...dass ihr immer so neugierig sein müßt.
Männer...dass ihr nie begreifen werdet, dass das einzig und alleine ein Ausdruck unseres Interesse an Euch ist, konterte ich.
A.J. lachte gutmütig, zerwuselte mir die Haare und ging dann an mir vorbei ins Wohnzimmer. Ich brauchte keinen Spiegel um meine Wangen glühen zu sehen. Langsam brachte ich meine Frisur wieder in ihren ursprünglichen Zustand und folgte ihm. Er hatte sich die Schuhe von den Füßen gestreift, sich gemütlich auf der Couch ausgestreckt und sah zu mir auf.
Ich hätte heute Abend Lust auf einen guten Film, Popcorn und gemütliches Vor-dem-Fernseher-kuscheln.
Das ist ja schön, dass Du darauf Lust hast...die ersten beiden Punkte sind auch recht einfach zu erfüllen... Ich wollte eigentlich noch irgendetwas Schlaues hinzu fügen, doch mir viel auf die Schnelle nichts ein. A.J. runzelte auch gleich die Stirn.
Und Punkt drei nicht?
Tja, Tammy ist nicht da...also wirst Du Dich in Verzicht üben müssen.
Aber ich habe doch Dich.
Jetzt hätte ich gerne Lenny hier gehabt. Er sollte mir bestätigen, dass ich mir nicht nur einbildete, dass A.J. offen mit mir flirtete.
Tut mir leid, heute ist leider nicht mein Kuscheltag.
Sondern?
Sondern...mein...Rühr-mich-nicht-an-während-wir-uns-den-Horro-Film-anschauen-Tag
Ich dachte heute währe der Beschütze-mich-während-wir-uns-den-Horror-Film-anschauen-Tag?
Tut mir leid, der war gestern.
So ein Mist, habe ich ihn doch tatsächlich verpasst.
Ich mußte lachen, als ich sein ehrlich enttäuschtes Gesicht sah. Doch ich war fest entschlossen, so viel Abstand wie möglich zwischen ihm und mir zu halten. Man wußte nie, auf welche Gedanken mich das sonst bringen würde. Lenny und Molly währen stolz auf mich gewesen.
Du wirst es überleben, sagte ich also und ging in die Küche um in den Tiefen der Schränke nach noch halbwegs essbarem Popcorn zu suchen.
Du kannst ja schon mal im Regal über dem Fernseher nachsehen, ob Dir irgendein Film gefällt. Notfalls müssen wir noch schnell zur Videothek fahren, rief ich ins Wohnzimmer hinüber.
Ich hörte, wie er aufstand und gleich darauf ein Poltern, gefolgt von einem recht lauten Shit seinerseits.
Oha, waren wir malwieder ungeschickt? Irgendwelche Verletzungen?
Nein...alles o.k., kam es gedämpft zurück.
Als ich um die Ecke schaute, kniete er auf dem Boden und fischte unter dem Regal nach einer DVD, die darunter gerutscht war.
Also Mr. McLean, so demütig gefallen sie mir richtig gut.
Tatsäch...aua, beim Auftauchen unter dem Regal hatte er sich den Kopf gestoßen.
Ich kicherte hinter vor gehaltener Hand, während er sich mit verzerrtem Gesicht den Hinterkopf rieb.
Das findest Du wohl sehr komisch, was?
Und wie!
Na warte.
Schneller als ich es ihm zugetraut hätte, war er aufgesprungen und auf dem Weg zu mir. Auf dem glatten Holzboden rutschten wir auf unseren Socken durch die Gegend, A.J. immer ein knappes Stück hinter mir.
Bleib stehen und empfange Deine gerechte Strafe, rief er und hielt sich am Türrahmen fest, während er um die Kurve schlitterte.
Niemals, quitschte ich zurück. Als ich schließlich aus der Küche heraus schoß, erschrack ich beinahe zu tode, als mir plötzlich jemand gegenüber stand. Ungebremst rannte ich in Lenny hinein und gemeinsam purzelten wir zu Boden.
Massenschmuserei, brüllte A.J. und warf sich auf uns.
Ich hörte ein gedämpftes Urgh von Lenny als sich mein Ellbogen zwischen seine Rippen bohrte und gleich darauf einen lauten Schmatzer, als A.J. ihm einen dicken Kuß auf die Wange gab.
Schön das Du da bist Kumpel. Endlich Unterstützung im Kampf gegen das hinterlistige Geschlecht.
Hinterlistig? Ich? Wer ist denn hier auf mich los gegangen, nur weil er zu doof ist einen Film auszusuchen?
Siehst Du was ich meine? sagte er dann an Lenny gewandt. Dieser war scheinbar noch nicht wirklich in der Lage, irgendetwas zu sagen. Er begann nur energisch, mich ein Stück von sich herunter zu schieben um wieder einigermaßen Luft zu bekommen. Als es ihm schließlich gelungen war, atmete er erleichtert auf und lies den Kopf zurück fallen. Es gab ein dumpfes Klong, gefolgt von einem mitleiderregenden Aua und ich prustete los.
Noch einer, der auf seinen Hinterkopf nicht aufpassen kann.
Jetzt reicht es aber, sagte A.J., stand auf, fasste mich um die Taille und schleppte mich so unter lautem Protest meinerseits hinüber ins Wohnzimmer, wo er mich einfach auf die Couch fallen lies und mir dann scherzhaft mit dem Finger drohte.
Eine Bewegung und Du bist tod, dann drehte er sich herum und half Lenny auf zu stehen, der immer noch im Flur hockte und versuchte zu begreifen, was da gerade eben über ihn herein gebrochen war.
Schließlich saßen wir alle drei schwer atmend auf der Couch und starrten auf den dunklen Bildschirm des Fernsehers.
Wenn jetzt noch jemand einschalten könnte, währe ich glücklich, sagte A.J..
Also ich stehe hier nicht mehr auf, wer weiß wer dann wieder über mich herfällt, entgegnete Lenny.
Ja, ja, ich habe schon verstanden. Der Privatsklave darf sich wieder nützlich machen, sagte ich und erhob mich. Ich griff wahllos einen Film aus dem Stapel, der immer noch verstreut auf dem Boden herum lag und betrachtete prüfend das Cover.
Hat jemand etwas gegen Pulp Fiction ein zu wenden?
Ich stehe auf Uma Thurman, riefen Lenny und A.J. begeistert im Chor, sahen sich triumphierend an und Lenny hob die Hand.
Give me Five Bruder. A.J. schlug ein und beide lehnten sich befriedigt zurück.
Dann bin ich ja wohl hier überflüssig, entgegnete ich und schob beleidigt die Unterlippe vor.
Neiiiiin, protestierte Lenny und A.J. fügte hinzu das Popcorn fehlt noch.
Männer!
Kapitel 20