Kapitel 18
Vier Wochen später begann ich mit den Korrekturen, die mir Olivia in ihrer direkten Art auf den Tisch gelegt hatte. Es waren nicht gerade wenige, aber durchaus üblich in unserer Branche. Es ging darum, dass man bestimmte Ausdrücke nicht benutzte, manche Kapitel für die Dramaturgie unwichtig und deshalb vielleicht etwas gekürzt werden mußten und sie hatte sogar einen logischen Fehler in der ganzen Story gefunden, der Korrekturen von minnimum fünf Kapiteln nach sich zog. Ich hatte mich heute morgen endlich aufgerafft, etwas daran zu tun. Ich hasste diese Arbeit...nicht weil ich es nicht leiden konnte kritisiert zu werden, sondern weil es Arbeit an einem, für mich fertigen Manuskript bedeutete und das war nun nicht wirklich meine Lieblingsbetätigung. Aber irgendwann mußte ich ja anfangen und da mir heute das Wiedersehen mit A.J. bevor stand, fand ich, dass diese stupide Arbeit ganz gut zu meinem Gemütszustand passte.
Meine Vorstellung, ich könnte ihn wieder sehen, ohne das Tammy dabei war, hatte ich recht schnell begraben. Heute war Montag, Tammy würde am Mittwoch nach Afrika fliegen und am Samstag, an meinem Geburtstag, spät nachts zurück kehren. Ich hatte also fast vier Tage mit ihm alleine.
Ich hatte mich noch nicht ganz entschieden, ob ich mich nun freuen sollte, dass er wieder in mein Leben trat, oder ob ich vor lauter Panik einfach wieder meine Sachen packen und verschwinden sollte. Doch die Vernunft und Lennys beruhigende Worte hatten mich dazu veranlasst, meinem Schicksal ins Auge zu sehen. Weg laufen war wohl nicht immer die richtige Methode.
Robin? hörte ich Tammy vom Fuße der Treppe rufen.
Ja-ha, brüllte ich zurück.
Ich fahre dann jetzt zum Flughafen.
In Ordnung...bis später.
Und schon hörte ich unten die Tür zu schlagen und Tammy aus der Garageneinfahrt setzen. Sofort verwandelte sich mein Magen in einen Klumpen aus hartem Stein. Jetzt würde es wohl nicht mehr lange dauern.
Ich klappte meinen Laptop zu, da mein Ablenkungsmanöver jetzt nicht mehr funktionierte und stand auf. Ein Blick aus dem Fenster verriet mir, das Lenny bereits auf dem Weg zu mir war. Ich beobachtete die ausgreifenden Schritte, mit denen er die Straße überquerte und sah, dass er im Vorbeigehen Melinda Mitchel zu winkte, die in ihrem Vorgarten das Herbstlaub zusammen rechte. Ich konnte es förmlich vor mir sehen, wie Lenny mit sich kämpfte, ob er ihr schnell dabei helfen sollte, oder doch lieber gleich bei mir herein schaute. Immerhin hatten wir noch ein wenig Zeit bis Tammy mit A.J. zurück kommen würde. Doch schließlich schien sein Beschützerinstinkt mir gegenüber zu siegen, denn nachdem er in der Mitte der Straße merklich langsamer geworden war, ging er nun wieder mit schnellen Schritten zu unserer Veranda hinüber.
Wir hatten lange hin und her überlegt und waren zu dem Schluß gekommen, dass ich ein wenig Unterstützung bei meinem ersten Wiedersehen gut gebrauchen konnte. Es war beruhigend zu wissen, das ich noch jemanden anderen anschauen konnte, wenn mir A.J. endlich wieder gegenüber stand.
Ich machte mich also auf den Weg die Treppe hinunter. Lenny kam gerade durch die Haustür und lächelte mich aufmunternd an.
Na Prinzessin, wie sieht es aus? Aufgeregt?
Ich befürchte, aufgeregt ist gar kein Ausdruck. Wie währe es mit panisch?
Lenny lachte, kam zu mir herüber und drückte mich an sich.
Wir schaffen das schon, wirst sehen. Denk an Molly, vielleicht hilft es.
Ich kann seit gestern an garnichts anderes mehr denken als an ihn, gestand ich und ging Lenny voraus in die Küche.
Sieh es als mentale Vorbereitung. Sportler machen das auch. Sie bereiten sich mental auf ihre Herausforderung vor...damit nichts schief gehen kann. Wie sagen die Rennfahrer immer? Ein Rennen wird auch im Kopf entschieden.
Das Problem ist nur, dass mein Rennen schon entschieden ist.
Kommt darauf an, welches Rennen Du meinst...ich glaube Freundschaft war hier das Schlüsselwort.
Wir sahen uns an und prusteten los.
Wenn uns jemand hören könnte..., brachte ich heraus.
...der würde uns für völlig bekloppt halten, vollendete Lenny den Satz.
Ich bin froh, dass Du da bist, sagte ich nach einer kurzen Pause und wandte mich dem Kühlschrank zu. Ich war sehr gespannt darauf, ob A.J. und Tammy diesmal mit mir essen würden. Ich hatte mir vorgenommen, es noch einmal zu probieren. Wenn sie sich diesmal wieder verzogen, würde es das letzte Mal sein, dass ich für sie kochte.
Wenn ich mir das so ansehe..., dabei deutete Lenny auf den Lauch und die Medaillons, die ich aus dem Kühlschrank hervor holte dann bin ich aber auch froh, dass ich hier bin.
Du änderst Dich nie, oder?
Wieso, sollte ich?
Nein...nein, das solltest Du nie. Ich merkte, dass ich rührselig wurde. Das war nicht gut...das war gar nicht gut.
Erzähl mir einen Witz, bat ich Lenny sonst fange ich auf der Stelle an zu heulen und das währe im Moment absolut unangebracht.
O.k....hm...Ein Frosch will mit dem Zug fahren und bekommt keinen Platz mehr in einem der Abteile. Der Schaffner bietet ihm an, auf dem Dach mit zu fahren. Bevor der Zug los fährt gibt er ihm noch einen Tipp. Die Tunnel währen ziemlich eng und wenn sie durch einen hindurch fahren, dann soll der Frosch sich ganz schlank machen und Konfitüüüüüüüre sagen, Lenny spitze seine Lippen und kniff die Augen zusammen. Ich begann zu kichern also fährt der Zug los, der Frosch oben drauf. Sie nähern sich dem ersten Tunnel und der Frosch überlegt fieberhaft, was er genau machen sollte. Kurz bevor sie in den Tunnel einfahren fällt es ihm wieder ein und er sagt Marmelaaaaaaaade. Lenny riss seinen Mund und die Augen weit auf und ich begann zu lachen. Es sah aber auch zu komisch aus. Ich hatte in meinem Kopf das Bild von Lenny, wie er im Schneidersitz auf dem Zugdach saß und laut Marmelaaaaaade brüllte, mit genau diesem Gesicht.
Hey, so lustig war der aber auch nicht, sagte er, als ich mich garnicht mehr beruhigen wollte.
Doch....der....war...richtig gut, brachte ich heraus und hielt mir mittlerweile den Bauch.
Lenny schüttelte den Kopf. Ich glaube, Du bist wirklich ganz schön durch den Wind.
Diese Bemerkung brachte mich nur noch mehr zum Lachen. Wind - Zug - Tunnel - Marmelaaaaaade.
Amüsiert lehnte sich Lenny an unseren Küchentisch und verschränkte die Arme. Ich brauchte eine Weile bis ich mich wieder beruhigt hatte. Doch danach ging es mir wesentlich besser. Ein wenig meiner Anspannung war gewichen und ich konnte mich wieder dem Kochen zu wenden.
Ob Du es glaubst oder nicht, ich freue mich darauf ihn wieder zu sehen, sagte Lenny.
Warum sollte ich das nicht glauben? Er ist sehr nett.
Naja, nett würde ich jetzt nicht sagen...vielleicht eher etwas durchgeknallt.
Durchgeknallt aber nett, beharrte ich.
Lenny seufzte o.k. Eure Majestät...durchgeknallt aber nett.
Na bitte, geht doch.
Ich glaube, ich gehe jetzt den Tisch decken...Du bist wirklich in einer komischen Stimmung heute. Er lächelte und öffnete den Küchenschrank. Ich beobachtete ihn, wie er Teller und Besteck zusammen suchte und alles hinüber ins Esszimmer trug, dann wandte ich mich wieder meinem Lauch zu. Es war schön zu wissen, dass er da war...das Haus schien nicht so leer und er beruhigte mich alleine durch seine Anwesenheit. Eigentlich konnte garnichts schief gehen...eigentlich.
Zwei Stunden später saßen wir zusammen im Wintergarten und drehten schweigend unsere Gläser in den Händen.
Lenny hatte es schließlich aufgegeben mit mir ein vernünftiges Gespräch führen zu wollen. Ich war mit der Zeit immer einsilbiger geworden und je weiter die Zeiger der Uhr vorrückten, desto komischer fühlte sich mein Magen an und schließlich konnte ich nicht mehr tun als vor mich hin starren und mich innerlich auf die Begegnung mit A.J. vor zu bereiten.
Wie es wohl sein würde, wenn ich ihm wieder gegenüber stand? Würde ich noch ein vernünftiges Wort herausbringen oder einfach schweigsam zur Salzsäule erstarren?
Schließlich hörten wir draußen ein Auto vorfahren und gleich darauf zwei Autotüren, die geöffnet und wieder zugeschlagen wurden.
Ich sah zu Lenny hinüber und er lächelte mir aufmunternd zu.
Auf in den Kampf, sagte er und erhob sich.
Ich folgte ihm durch das Wohnzimmer in den Flur und murmelte dabei immer wieder er ist ein ganz normaler Mensch...sehr nett aber auch nicht mehr...bleib ganz ruhig...Du schaffst das schon...
Lenny kicherte amüsiert. Das klingt gut...hilft es wenigstens was?
Ich bilde es mir zumindest ein.
Mehr kann man wohl nicht erwarten.
Ich boxte ihn freundschaftlich in die Seite und in diesem Moment ging auch schon die Haustür auf und Tammy trat herein.
Hey...unser Empfangskomitee ist auch schon da...wie schön.
Melde Empfangskomitee vollzählig angetreten...Sir. Lenny salutierte und schlug zackig die Hacken zusammen.
Sir? Na, da habe ich wohl etwas verpasst, lachte sie und machte ein wenig Platz, damit A.J. hinter ihr herein kommen konnte.
Tja, was soll ich sagen? Die Erde bebte nicht und es tat sich auch kein Abgrund unter mir auf...aber viel fehlte wohl nicht dazu. Mein Herz raste und mein Mund war knochentrocken. Ich schrieb es dem Umstand zu, dass seine Haare strohblond vom Kopf abstanden, nicht dunkel wie ich es gewohnt war und wie es sich in mein Gedächtniss eingebrannt hatte. Außerdem hatte er seinen durchdringenden Blick nicht wie üblich hinter einer Sonnenbrille versteckt. Ich war schon wieder dabei, in seinen Augen zu versinken, als ich mich innerlich zur Ordnung rief. Hatte ich nicht zwei Monate am Meer verbracht, um genau das zu vermeiden?
Wo ist der rote Teppich? scherzte A.J. und trat auf mich zu. Er breitete die Arme aus und sah mich unsicher an. Richtig...ich hatte ihm ja erzählt, ich hätte Probleme mit körperlicher Nähe. Doch momentan wollte ich genau da hin...an seine Brust und mich an ihn kuscheln.
Also ging ich ihm mit einem zaghaften Lächeln ein Stückchen entgegen und dann schien ich zu schweben. Erst jetzt wurde mir so richtig bewußt, wie wenig Körperkontakt wir eigentlich bisher gehabt hatten. Ich hatte gar nicht gewußt, wie stark und männlich er sich anfühlte. Sein Kinn ruhte an meiner Stirn und sein Bart kitzelte mich ein wenig als er mich begrüßte.
Hallo Robin...ist schön Dich zu sehen.
Gleichfalls. Ich war überrascht wie fest und sicher meine Stimme klang. Nach außen hin mußte ich tatsächlich ruhig und ausgeglichen wirken. In mir tobte es, doch momentan registrierte ich das nur am Rande. Zu sehr war ich mit A.J. und seinen Armen um mich herum beschäftigt.
Viel zu schnell, wie mir schien, lies er mich los und wandte sich Lenny zu. Sie gaben sich die Hand und schlugen sich kurz auf die Schultern. Männergetue eben.
Tammy schob sich an uns vorbei und ging schnurstracks in die Küche.
Wow...das sieht wirklich gut aus Robin.
Ja nicht war? sagte Lenny, der ihr gefolgt war ich komme seit etwa einer Stunde um vor Hunger. Können wir jetzt anfangen?
Ich sah den beiden von der Tür aus zu, wie sie sich gutmütig kabbelten, als A.J. neben mich trat und, ohne mich an zu sehen fragte ich habe gehört, Du hast ganze zwei Monate außer Haus verbracht?
Ja...ich und meine Inspiration hatten das wohl dringend nötig. Auch ich wagte es nicht, ihn an zu sehen. Nur zu wissen, wie nahe er bei mir stand, reichte schon aus. Wir flüsterten nicht direkt, doch irgendwie schienen wir in unserer eigenen Welt zu sein.
Habe schon gehört...Dein Buch ist fertig?...Ich gratuliere.
Danke, ich bin auch sehr glücklich darüber. Meine Lektorin hatte natürlich noch einiges daran aus zu setzen, also werde ich die nächste Zeit mit Korrekturen beschäftigt sein...aber es ist wirklich ein gutes Gefühl.
Er lachte leise und die Häärchen auf meinen Armen stellten sich auf. Ob er überhaupt wußte, wie sexy er war?
Deine Schwester hat sich ganz schöne Sorgen gemacht...ich übrigens auch.
Wieso denn das? jetzt sah ich zu ihm hinüber und meine Nase hätte beinahe die seine berührt.
Doch bevor er antworten konnte, gesellte sich Tammy zu uns und die vertrauliche Stimmung verflog. Sie schlang ihre Arme um A.J. s Taille und für mich wurde es Zeit, meinen Posten zu verlassen und mich um das Essen zu kümmern.
Was flüstert ihr denn hinter meinem Rücken? hörte ich sie fragen und überließ es A.J. darauf zu antworten.
Ich flüstere nie, entgegnete er im Brustton der Überzeugung und Tammy lachte.
Geschäftig rührte ich in Töpfen und Pfannen und warf Lenny einen kurzen Blick zu. Er wirkte amüsiert und gleichzeitig beunruhigt. Wie immer war ihm das kurze Geplänkel zwischen A.J. und mir nicht entgangen. Ich bewegte mich auf dünnem Eis, das war selbst mir klar...aber was sollte ich denn machen? Ich hatte einfach noch nicht die Kraft, mich gegen A.J.s Charme zur Wehr zu setzen. Lenny komplementierte schließlich alle hinüber ins Eßzimmer und wenig später saßen wir vor unseren gefüllten Tellern.
Ich saß A.J. gegenüber und versuchte so unbeteiligt wie möglich zu wirken. Mein Magen reagierte auf die übliche Weise auf meine Anspannung...er verweigerte die Nahrungsaufnahme. Doch durch gutes Zureden brachte ich ihn schließlich dazu, wenigstens so zu tun als ob er Appetit hatte.
Lenny unterhielt sich mit Tammy angeregt über ihren neuen Auftrag in Afrika, hatte er doch Eminems Album The Marshall Mathers LP zu einem seiner Lieblingsstücke in seiner Sammlung erchoren.
Wieder und wieder trafen sich A.J.s und meine Blicke wie zufällig über den Tisch hinweg und schließlich traute ich mich kaum noch, von meinem Teller auf zu sehen. Ich wußte nicht, was mich mehr verraten würde...mein andauerndes Gestarre, oder mein stoischer Blick auf den Teller.
Lenny erlöste mich schließlich, in dem er A.J. in eine Diskussion über das Fliegen im Allgemeinen und Luftlöcher im Besonderen verwickelte. Wenn ich es richtig verstand, brauchte er das für eines seiner Comics und ich war froh, dass A.J.s Aufmerksamkeit zumindest für eine Weile von mir abgelenkt wurde.
Schließlich scheuchte ich alle hinüber in den Wintergarten, um mich dem Abräumen und Aufräumen zu widmen. Alle drei boten mir an zu helfen, doch ich wollte lieber ein wenig alleine sein und so machte ich ihnen unmissverständlich klar, dass sie sich jetzt gefälligst in Bewegung setzen sollten.
Ihre gemurmelte Unterhaltung begleiteten mich bei meiner Arbeit, auch wenn ich die Worte nicht genau verstehen konnte. Immer wenn ich A.J.s raue Stimme hörte, machte mein Herz einen kleinen Satz, doch ich merkte, wie die erste Panik sich legte. Vielleicht hatte mein Aufenthalt bei Molly doch etwas bewirkt und ich konnte die nächsten Tage normal mit ihm umgehen und vielleicht würde mein Blut irgendwann nicht mehr in Wallungen geraten, nur weil er etwas sagte oder mich an sah...Manche glauben ja auch noch an den Weihnachtsmann.
Kapitel 19