Kapitel 17

Eine Woche später traf ich mich mit meiner Lektorin Olivia Marshall in einem gut besuchten Lokal namens „Insomnia“. Nachts mußte hier die Post ab gehen...wie kam es sonst zu so einem Namen? Tagsüber war es voll gestopft mit Anwälten, Bankern, Marketingfachleuten und leitenden Angestellten der verschiedensten Branchen. Wir befanden uns hier im Bankenviertel und es schien, als sei jeder der hier etwas zu sagen hatte mittags in diesem Lokal an zu treffen. Um hier her zu kommen hatte ich eine Strecke von über 50 Meilen zurück legen müssen. Manchmal war es dann doch etwas nervig so weit außerhalb zu wohnen.
Olivia hatte für uns einen Tisch bestellt, der einzige Weg um hier etwas zu essen zu bekommen. Sie liebte dieses Restaurant. Die meisten Treffen hatten wir hier verbracht. Am Anfang hatte ich mich mehr als unwohl gefühlt, wenn ich hier in meinen Jeans und T-Shirt herein kam, aber mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt. Sollten sie mich doch anstarren!
Auch heute war sie vor mir da. Sie saß an einem Tisch in der hintersten Ecke, nippte an einem Glas Weißwein und sah perfekt aus wie immer. So weit ich informiert war, kam ihre Mutter aus Peuerto Rico und von ihr hatte sie auch diesen olivfarbenen Taint geerbt. Ihr Augen waren tiefschwarz und mandelförmig wie die einer Katze. Ihr rabenschwarzes Haar war kurz geschnitten und die unvermeidlichen Creolen schaukelten an ihren Ohren. Ihre schlanke Figur steckte in einem teuren Designerkostüm, das sie jetzt glatt strich als sie mich bemerkte und zur Begrüßung aufstand.
„Robin, schön Dich zu sehen,“ sagte sie und streckte mir ihre Hände entgegen. Sie machte auf den ersten Blick den Eindruck, als sei sie etwas abgehoben und für die feinere Gesellschaft bestimmt, doch wenn man sie näher kennen lernte merkte man, dass das einfach ein Ausdruck ihrer Herzlichkeit war. Sie behandelte jeden mit der gleichen Zuvorkommenheit und Aufmerksamkeit. Sie war von meinem Talent überzeugt und das scheinbar von der ersten Zeile an, die sie von mir gelesen hatte. Sie war die erste und wenn ich ehrlich war auch die einzige, die sich damals auf mein Schreiben und die Leseprobe hin gemeldet hatte, die ich an so ziemlich jeden Verlag der Ostküste geschickt hatte. Mir war durchaus klar, wie viel Glück ich hatte. Es gab so viele Autoren, die immer noch mit irgendwelchen Artikeln für kleine Vorstadtblätter beschäftigt waren und auf ihr große Chance warteten.
Ich ergriff Olivias ausgestreckte Hände und lies die in die Luft gehauchten Küsse, die sie rechts und links meiner Wangen platzierte, über mich ergehen. Dann setzten wir uns und Olivia winkte einen Kellner heran.
„Auch ein Gals Wein?“ fragte sie.
„Nein Danke, ein Wasser währe mir lieber.“
Der Kellner verschwand und Olivia beugte sich auf ihrem Stuhl vor.
„Jetzt erzähl mal, Dein neues Werk ist fertig? Ich bin schon sehr gespannt.“
Ich zog eine CD-Rom und einige Seiten Papier aus meiner Tasche hervor.
„Hier das ganze Werk,“ sagte ich und schob die CD zu hier hinüber „und eine Leseprobe für Deine Neugier,“ und die Blätter wechselten ihren Besitzer.
Ich wartete, bis sie die paar Seiten überflogen hatte. Dabei musterte ich ihr Gesicht. Ich hoffte so sehr, das es ihr gefallen würde. Doch wie immer brachten mich meine Beobachtungen nicht weiter. Sie wirkte konzentriert, das war aber auch schon alles.
Nach einer Weile, die mir schier endlos vorkam, lehnte sie sich entspannt auf ihrem Stuhl zurück, nahm einen erneuten Schluck von ihrem Wein und sah mich über den Rand ihres Glases hinweg an. Ihr durchdringender Blick machte mich dann doch nervös. Ich kramte meinen Tabak aus der Tasche hervor und gab meinen Händen etwas zu tun. Ich wollte nicht fragen was sie dachte, das hätte so anbiedernd gewirkt.
Als ich die Zigarette schließlich fertig gedreht und angezündet hatte, mich etwas verspätet mit einem erschrockenen Blick umgesehen hatte, ob wir auch in der Raucherzone saßen, brach sie schließlich das Schweigen.
„Du mußt mir dringend erzählen, was Du in dem halben Jahr gemacht hast, seit wir Dein letztes Buch heraus gebracht haben.“
„Wie meinst Du das? Du machst mich wirklich nervös, weißt Du das?“
Sie lachte und es klang wie Musik in meinen Ohren. Wenn es soetwas wie das perfekte Lachen gab, dann hatte sie es.
„Ich meine, das diese Story um einiges reifer ist, als das, was Du bisher geschrieben hast und ich meine, das sie unglaublich gut ist und ich es kaum erwarten kann, das Ganze meinem Boss vor zu legen.“
Erleichtert blies ich eine Rauchwolke in die Luft und ignorierte gekonnt das leise Hüsteln hinter mir.
„Etwas schöneres hättest Du nicht sagen können,“ lächelte ich.
„Es ist die Wahrheit. Ich bin sehr gespannt auf den Rest. Du wirst doch wohl nicht erwachsen geworden sein, oder?“
Jetzt mußte ich dann doch lachen.
„Nein...das kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe einfach ziemlich viel Ruhe zum Schreiben gehabt...ich weiß auch nicht...es war diesmal einfach anders. Es hat sich alles von selbst geschrieben und ich bin selbst erstaunt darüber, was dabei heraus gekommen ist. Ich hoffe nur, Du hast nicht wieder so viel daran herum zu nörgeln.“
Mein letzter Kommentar brachte sie dazu entrüstet die Augenbrauen zu heben.
„Ich und herum nörgeln? Das wüßte ich aber,“ und gleichzeitig brachen wir in Gelächter aus.
Wir verbrachten zwei Stunden zusammen, in der ich die meiste Zeit redete. Wir ließen uns Hühnchenbrust mit Reis und einer unglaublichen Soße schmecken und als der Kellner unsere Teller abräumte konnte ich mir eine Frage nach dem Küchenchef und seinem Soßengeheimnis nicht verkneifen. Doch ich bekam nur zur Antwort, das ein Geheimnis eben dazu da war, es zu bewahren, er aber das Kompliment gerne weiter geben würde.
Schließlich waren alle Einzelheiten geklärt, Olivia versprach, mich in den nächsten Tagen an zu rufen und gemeinsam verliesen wir das Lokal.
„Wenn das ganze Buch tatsächlich so gut ist, wie das kleine Stück das ich bisher lesen konnte, dann mach Dich auf einen ordentlichen Rummel gefasst. Ich sehe es schon vor mir...Lesungen im ganzen Land, Signierstunden und einen Platz auf den Bestsellerlisten.“
„Olivia...jetzt machst Du mir wirklich Angst.“
Doch sie lachte nur „auch Du wirst noch dahinter kommen, dass sich ein Buch nicht einfach nur so verkauft. Du wirst einiges dafür tun müssen, aber am Ende wird es sich lohnen, das verspreche ich Dir.“
Mir bleib nichts anderes übrig, als mit einem schiefen Grinsen die Schultern zu zucken. Im Moment schien das noch viel zu weit entfernt. Wir verabschiedeten uns vor der Eingangstür und Olivia fragte mich, was ich noch vor hätte.
„Wenn ich schon mal aus unserem Kaff heraus komme, werde ich noch ein bischen einkaufen gehen. Tammy hatte einen guten Tag und hat mich mit einer unglaublichen Summe los geschickt.“
„Dann grüß Deine Schwester ganz lieb von mir und viel Spaß beim Geld ausgeben. Wenn Du hier um die Ecke gehst ist gleich nach ein paar Metern eine tolle Boutique. Die Leute da sind unglaublich freundlich und Du wirst bestimmt etwas finden.“
Ich sah skeptisch an ihr hinunter. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, das ich mich in einem Kostüm wohl fühlen würde. Sie bemerkte meinen Blick und grinste.
„Ich laufe nicht immer so geschäftsmäßig herum...selbst ich habe ein Privatleben.“
„Tut mir leid...so habe ich das garnicht gemeint...obwohl....vielleicht schon,“ ich lächelte verlegen worauf hin sie erneut in freundliches Gelächter ausbrach.
„Keine Sorge, schau einfach dort vorbei. Ich bin sicher, Du wirst begeistert sein. Und jetzt muß ich los. Es wartet noch ein Haufen Arbeit auf mich.“
„Dann viel Spaß und bis demnächst. Ich werde auf Deinen Anruf warten.“
„Keine Sorge, der wird kommen. Bis bald also.“ Wieder ein Küßchen rechts und links und schon war sie in Richtung Parkplatz verschwunden.
Ich machte mich in die entgegengesetzte Richtung auf den Weg. Natürlich würde ich in der Boutique vorbei schauen. Ich hatte mir fest vorgenommen etwas spektakuläres für meine Geburtstagsparty zu finden. Wenn ich A.J. auch nicht haben konnte, so wollte ich ihn doch wenigstens mit meinem Äußeren beeindrucken. Ich wußte zwar, das ich mich damit selbst belog, aber das war mir im Moment herzlich egal. Nur noch vier Wochen und ich würde ihn wieder sehen. Mein Herz machte einen kleinen Satz bei dem Gedanken und aufs höchste motiviert betrat ich das kleine Geschäft. Würden wir doch mal sehen, was man aus der langweiligen, kleinen Robin Duncan machen konnte.

Kapitel 18