Kapitel 16

Wenig später machte ich mich auf den Weg zum Rosenspalier unter Lennys Fenster. In der Tasche meiner Kapuzenjacke hatte ich eine Muschel verstaut, die ich am Strand für ihn eingesammelt hatte. Als Mitbringsel sozusagen. Ich wußte, dass Tammy damit nichts hätte anfangen können. Sie hätte sich höflich bedankt und die Muschel irgendwann diskret der Mülltonne übergeben. Doch ich wußte, dass Lenny sich darüber riesig freuen würde. Er meinte, dass er Erzählungen viel besser verstehen könnte, wenn er ein Objekt von diesem Ort in Händen hielt. Er sagte immer, das gebe ihm irgendwie eine Verbindung dazu. Höchtwahrscheinlich würde sie auch irgendwann in einem seiner Comics erscheinen. Bisher war noch jedes Mitbringsel in der ein oder anderen Form dort aufgetaucht. Es war einfach ein weiterer Tick von ihm.
Ich zog mich also die Sprossen hinauf und wollte meinen Kopf wie gewohnt durch sein Fenster strecken, als ich verblüfft inne hielt. Es war geschlossen...das war mir in der ganzen Zeit seit ich ihn kannte noch nie passiert. Es mußte ihm wirklich sehr langweilig gewesen sein, wenn er selbst den verzogenen Rahmen repariert hatte. Für einen Moment hielt ich unschlüssig inne. Ich traute mich nicht richtig, die sichere Sprosse los zu lassen und das Fenster nach oben zu schieben. Mein Gesicht spiegelte sich in dem Glas und ich konnte nicht ausmachen, ob Lenny dahinter saß und auf mich wartete.
Während ich noch darüber nachdachte, erschien sein Gesicht in meinem Spiegelbild. Ein breites Grinsen auf den Lippen, schob er das Fenster nach oben.
„Ich dachte schon, Du kommst garnicht mehr,“ begrüßte er mich und trat dann einen Schritt zurück, um mich ins Zimmer zu lassen.
„Und ich dachte, Du hättest mich vergessen nachdem Du nicht rüber kamst und jetzt auch noch das Fenster geschlossen ist,“ gab ich zurück während ich meine Beine über das Fensterbrett schwang.
„Wie könnte ich Dich vergessen,“ entgegnete er theadralisch und zog mich entgültig in den Raum um mich fest zu umarmen. Dann schob er mich ein Stückchen von sich und betrachtete mich genauer.
„Ich tippe auf Sonne und Meer...einen ruhigen Arbeitsurlaub und...,“ er legte den Kopf etwas schief „Ordnung in Deinen Gedanken.“
„Dann kann ich ja wieder gehen wenn Du sowieso schon alles weißt,“ entgegnete ich und tat so, als wolle ich wieder aus dem Fenster klettern.
„Hier geblieben,“ rief er lachend und zog mich mit sich auf das Bett. Ich landete auf einem Berg Klamotten und einer Zeitschrift, die unter mir protestierend knisterte.
„Wie schön, das sich Dein Chaos wenigstens nicht verändert hat,“ witzelte ich und begann mir eine kleine Insel frei zu schaufeln in die ich mich dann im Schneidersitz hockte.
„Jetzt erzähl schon,“ drängelte er „sonst sterbe ich noch vor Neugier.“
„Ersteinmal...ich habe Dir etwas mit gebracht,“ und damit zog ich die Muschel hervor.
„Wow...also lag ich mit dem Meer ja gar nicht so falsch,“ sagte er, drehte die Muschel einen Moment in den Händen und bestaunte ihre strahlend weiße, geriffelte Oberfläche.
„Das ist gut...ich glaube das könnte Keya im Moment dringend gebrauchen.“
„Du sprichst von Deiner Story?“
„Hm...ich brauche etwas, das er werfen kann. Ich werde sie vielleicht ein bischen größer machen...aber sie ist wirklich perfekt...vielen Dank,“ und damit küsste er mich schmatzend auf die Wange.
„Da das ja jetzt erledigt ist,“ sagte ich und wischte mir demonstrativ mit der Hand über die Wange „können wir ja zum Eigentlichen kommen.“
„Erzähl mir zu erst wo Du gewesen bist. Du hast ja ein riesen Geheimniss daraus gemacht.“
„Wenn ich es Dir oder Tammy verraten hätte, wärd ihr bestimmt ein paar Tage später vor der Tür gestanden, oder?“
„Höchstwahrscheinlich...wir haben uns schon ein bischen Sorgen gemacht.“
„Dazu hattet ihr überhaupt keinen Grund...es war...wie soll ich sagen...wie eine Reise ins Ich. Ich hatte viel Zeit zum Nachdenken und sehr nette Gesellschaft.“
„Ein Mann?“ Lenny hob interessiert die Augenbrauen.
„Nein, kein Mann. Eine unglaublich liebe und weise alte Dame...sie hat mich vieles gelehrt, z.B. Geduld zu haben und manche Dinge einfach zu akzeptieren anstatt sie unbedingt ändern zu wollen.“
„Das klingt ekelhaft vernünftig...wer ist sie?“
Ich erzählte ihm ausführlich von dem Hotel und Molly, von unserem ersten Gespräch unter der aufgehenden Sonne und den vielen kleinen Lebensweisheiten, die sie mir im Laufe der Zeit mit auf den Weg gegeben hatte, ohne dabei schulmeisterisch zu wirken.
„Sie scheint wirklich eine tolle Frau zu sein. Ich will da auch hin. Vielleicht bekommt sie mein Leben ja auch in den Griff.“
„Ich befürchte, Dein Leben bekommt niemand in den Griff...finde Dich damit ab,“ lachte ich und Lenny boxte mich scherzhaft in die Seite.
„Und das Thema A.J....wie stehst Du inzwischen dazu?“
„Wenn ich das so genau wüßte,“ seufzte ich „zumindest verfalle ich nicht mehr in Panik, wenn sein Name fällt. Es ist seltsam...momentan scheint er so weit weg, nur ein Schatten in meinen Gedanken aber trotzdem immer präsent. Verstehst Du was ich meine?“
„Ein bischen, denke ich. Es ist lange her, das Du ihn gesehen hast.“
Ich überlegte kurz, dann erzählte ich von A.J.s Anruf.
„Er hat Dich echt angerufen um mit Dir zu reden?“
„Genau das und ich habe keine Ahnung wieso, es klang so...geheimnisvoll, ich weiß auch nicht.“
„Was hat er denn gesagt?“
Ich wiederholte Wort für Wort, was er mir auf die Mailbox gesprochen hatte. Ich kannte jedes Wort, jede Pause auswendig.
„Du hast es Dir wohl mehr als einmal angehört,“ grinste Lenny und strich mir dabei eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
„An manchen Tagen habe ich das einfach gebraucht,“ versuchte ich mich zu rechtfertigen und Lenny nickte verständnissvoll.
„Ich hatte auch den Eindruck, das er sehr an Dir interessiert ist.“
Ich horchte auf „wie meinst Du das?“
„Nunja...nachdem Du weg warst, haben wir viel Zeit zusammen verbracht. Tammy hatte noch ein, zwei Termine, über die sie sich natürlich wie üblich tierisch aufgeregt hat und so kam er ab und zu hier vorbei.“
„Mußte er auch über das Spalier klettern?“
„Ihm blieb nichts anderes übrig,“ lachte Lenny „er hat einmal unten geklopft. Meine Mum war dermaßen aus dem Häuschen, das tatsächlich eine berühmte Persönlichkeit in unserem Hausflur steht, das er das nächste Mal freiwillig durch das Fenster geklettert kam. Sie hat sogar unseren alten Fotoapperat hervor gekramt und wollte unbedingt ein Familienbild mit Popstar machen.“ Lenny wurde leicht rot bei dem Gedanken daran. Es war ihm sichtlich peinlich.
„A.J. ist das bestimmt gewöhnt...,“
„Oh...er war toll. Er hat das alles mit einem aufrichtigen Lächeln im Gesicht über sich ergehen lassen und meinte später sogar ich hätte eine tolle Familie. Trotzdem ist es irgendwie komisch. Ich habe nie diese berühmte Persönlichkeit in ihm gesehen. Er wirkt so...normal...garnicht überheblich oder arrogant.“
„Wem sagst Du das.“
Für einen Moment schwiegen wir beide und dachten an diesen Mann. Was Lenny vor sich sah konnte ich nicht sagen, aber ich hatte direkt wieder A.J.s faszinierenden Augen und sein warmes Lächeln im Kopf.
„Jedenfalls hat er mich ein bischen über Dich ausgequetscht.“
„Was wollte er denn wissen?“
„Am Anfang dachte ich, er will nur wissen, warum Du weg gefahren bist. Aber irgendwie...er hat mich über Deinen Hang zum Schreiben ausgequetscht, wir haben viel über Musik gesprochen...meistens fing er mit „Robin hat da diese CD...was hälst Du denn davon“ an. Es war irgendwie komisch. Wenn wir uns unterhalten haben, schienst Du irgendwie immer mit im Raum zu sein.“
„Er wird einfach nur etwas gesucht haben, was ihr beide gemeinsam habt. Es ist doch immer leichter so an zu fangen. Man hat gleich ein Thema.“
„Das mag sein...aber...ach ich weiß auch nicht. Es ist einfach nur so ein Gefühl.“
„Lenny, willst Du mir irgendetwas damit sagen oder einfach nur mein neu gewonnenes Selbstbewußtsein zerstören?“
„Tut mir leid, ich rede wohl zu viel.“
„Ich habe einfach nur das Gefühl Du willst Hoffnungen wecken, die ich eigentlich in den letzten zwei Monaten begraben habe.“
„Nein...ich sage Dir nur wie es auf mich gewirkt hat. Es war schon komisch, das mußt selbst Du zu geben und es passt auch noch so gut zu dem Anruf.“
„Ich glaube wir machen uns zu viel Gedanken darüber. Belassen wir es einfach dabei.“
„Du hast recht. Erzähl mir lieber, was Du noch so gemacht hast weit weg am Meer.“
„Ich habe z.B. mein Buch fertig geschrieben.“
„Wow...Robin das ist klasse! Darf ich es lesen?“
„Wenn es fertig ist gerne. Erstmal muß Olivia drüber schauen und mir sagen was sie davon hält. Ich werde bestimmt noch eine Weile mit Korrekturen beschäftigt sein.“ Ich seufzte „Du hast es echt gut...bei Dir korrigiert niemand außer Du selbst.“
„Dafür habe ich immer Zweifel, ob es gut genug ist...,“
„Die habe ich auch,“ unterbrach ich ihn.
„Das solltest Du aber nicht. Bis es veröffentlicht wird hast Du ca. fünftausend Meinungen dazu, durch so viele Hände ist es bis dahin gelaufen und wenn es nicht gut währe, würde es nie den Weg in die Buchläden finden.“
Wir diskutierten noch eine Weile das für und wieder von Lektoren, bis ich schließlich ausgiebig gähnen mußte.
„Müde?“ fragte Lenny.
„Ziemlich...die Fahrt war anstrengend. Ich werde wohl wieder rüber gehen und mir noch ein, zwei Stunden Schlaf gönnnen. Kommst Du später vorbei?“
„Kommt drauf an...bekomme ich etwas zu essen?“
„Hast Du bei uns schon jemals nichts bekommen?“
„Also ich kann mich da an eine Geschichte erinnern....“
„Du weißt genau, dass unser Herd da noch nicht geliefert war...,“ rief ich in gespielter Entrüstung und wir brachen in Gelächter aus. Es tat einfach gut wieder zu Hause zu sein.

Kapitel 17