Kapitel 15

Als ich mich meinem zu Hause näherte, verspürte ich ein leises Kribbeln in der Magengegend. Ich hatte das Gefühl, Jahre weg gewesen zu sein und nicht nur zwei Monate. Ich hatte den Motor noch nicht ganz abgestellt, da wurde schon die Haustür aufgerissen und Tammy stürzte heraus.
Sie zerrte mich förmlich aus dem Auto und umarmte mich ganz fest.
„Oh Mann, Du bist wieder da...ich kann es gar nicht glauben. Ich hatte schon Angst, Du kommst nie mehr wieder...ich bin so glücklich...endlich bist Du wieder da.“ So ging das noch eine Weile, bis ich mich sanft aber bestimmt aus ihrer Umklammerung löste und selig grinsend mein Gepäck aus dem Auto hievte. Tammy schnappte sich meine Reisetasche, bemerkte beiläufig, wie gut ich aussah und folgte mir dann langsam ins Haus.
Irgendwie hatte ich erwartet, das alles anders aussehen würde. So wie ich mich verändert hatte, sollte es auch hier sichtbar sein. Doch alles stand noch auf seinem alten Platz, selbst die Küche war aufgeräumt und blitz blank geputzt.
„Tammy, Du wirst doch auf Deine alten Tage nicht noch eine gute Hausfrau werden?“ neckte ich sie und erntete dafür auch gleich einen sanften Knuff in die Seite.
„Hey, wenn meine Schwester einfach so von jetzt auf nachher verschwindet, muss ich mich ja irgendwie damit beschäftigen, oder?“
„Ich denke wir sollten das beibehalten...Du schmeißt den Haushalt und ich kümmere mich ausschließlich um die Veröffentlichung meines nächsten Buches.“
„Das könnte Dir so passen,“ und dann begriff sie wohl den tieferen Sinn meiner Worte „Du hast es fertig?“
„Fix und fertig sozusagen.“
„Wahnsinn!“ wieder drückte sie mich an sich. So langsam kam ich mir wie ein Kuscheltier vor und so unterband ich dieses ewige Geschmuse.
„Tammy, komm wieder runter. Noch ist es noch nicht annähernd so weit, das ich es dem Verlag übergeben kann, das weißt Du hoffentlich. Olivia wird garantiert genug zu kritisieren finden und das nächste viertel Jahr werde ich mit Korrekturen beschäftigt sein.“
„Deine Lektorin soll sich gefälligst nicht so haben. Außerdem ist es trotzdem fantastisch, dass Du fertig geworden bist. Ich weiß noch genau, wie viel Du immer gejammert hast, das Du feststeckst und nicht mehr weiter weißt. Ich würde ja zu gerne wissen, was Dich dermaßen entspannt hat.“
„Ich würde sagen, die weisen Worte einer lieben, alten Dame und das Meer,“ erwiderte ich geheimnisvoll und lies sie dann einfach im Flur stehen und stieg hinauf in mein Zimmer.

Die nächsten zwei Stunden verbrachte ich mit Auspacken. Tammy leistete mir dabei Gesellschaft. Sie hockte auf meinem Bett und begutachtete jedes Stück, das ich aus meiner Tasche zog, so als wollte sie daran erkennen, wo ich gewesen war. Schließlich erzählte ich von dem Hotel und Molly, lies natürlich unsere Gespräche über A.J. weg und malte den Rest in leuchtenden Farben aus. Nach einer Stunde hatte ich ihre Neugier soweit befriedigt.
„Was gibt es denn bei Dir Neues,“ fragte ich dann schließlich.
„Och...nicht viel,“ entgegnete sie unschuldig und ich wusste sofort, das jetzt irgendetwas kommen würde. „Ich habe ein paar lukrative Jobs in Aussicht... habe mich zweimal mit A.J. in New York getroffen...,“ bei seinem Namen zuckte ich innerlich zusammen, blieb allerdings äußerlich vollkommen ruhig. Ich hungerte nach Informationen über ihn, lies mir aber nichts anmerken, das musste warten. „...Frank und Carrie haben ihre Einfahrt neu betoniert...Misses Schumaker geht immer noch allen auf die Nerven...und ich werde zu Deinem Geburtstag leider nicht hier sein.“ Sie sah zu mir hinüber und wartete auf meine Reaktion nach dieser Eröffnung.
Die alte Robin hätte sich wahrscheinlich tierisch darüber aufgeregt. Ich war eine der Personen, der es unglaublich wichtig war, ihren Geburtstag ausgiebig und gebührend zu feiern. Man stand eben nur einmal im Jahr vollkommen im Mittelpunkt, ohne wirklich dafür etwas getan zu haben. Doch die neue Robin blieb erst einmal ganz ruhig. So wie ich Tammy kannte, zauberte sie sicherlich gleich das Ersatzprogramm aus dem Hut. Und genau so war es.
„Ich weiß...es ist äußerst blöd, Dir ist Dein Geburtstag so wichtig...aber ich konnte dieses Jobangebot einfach nicht ausschlagen. Ich werde drei Tage weg sein...Eminem in Afrika...unglaublich gut bezahlt. Ich komme höchstwahrscheinlich spät in der Nacht an Deinem Geburtstag zurück, so dass ich wenigstens noch mit Dir anstoßen kann...aber....,“ jetzt kam es, doch ich versuchte immer noch so unbeteiligt wie möglich zu wirken „A.J. wird da sein und er hat mir versprochen, für Dich die Party des Jahres aus zu richten.“
Ich schluckte und mein Herz krampfte sich zusammen, ob aus Freude oder Panik konnte ich nicht sagen, räumte aber weiter ruhig meine Taschen aus. Ich war mir nicht sicher, wie ich jetzt darauf reagieren sollte. Mein Geburtstag war noch fast fünf Wochen entfernt, ich hatte also noch genug Zeit, um mich hier wieder ein zu leben und mich entsprechend auf das Wiedersehen mit ihm vor zu bereiten. Dass das irgendwann kommen würde, war mir klar gewesen und irgendwie war ich froh, das Tammy nicht dabei sein würde. Sie kannte mich zu gut. Womöglich währe ihr irgendetwas aufgefallen, eine Veränderung in meinem Verhalten ihm gegenüber...vielleicht hatte mir aber auch der Aufenthalt weit weg von zu Hause garnichts gebracht und ich würde mich wieder genau so fühlen wie vor zwei Monaten, wenn er vor mir stand.
Das alles ging mir in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf. Ich wußte, das Tammy auf eine Antwort oder wenigstens auf irgendeine Reaktion von mir wartete. Sie wünschte sich sicherlich auch so etwas wie eine Absolution. Immerhin beging sie den Frevel, mich an meinem Geburtstag allein zu lassen. Das hatte sie noch nie getan. Ihr war immer klar, wie wichtig mir dieser Tag ist und nach dem Tod von Mum und Dad war es mir noch wichtiger den letzten Rest meiner Familie an diesem Tag bei mir zu haben.
Also setzte ich mich schließlich zu ihr auf das Bett und sagte das, was sie von mir hören wollte.
„Ist o.k. Tammy, ich verstehe das. Dein Job ist Dir wichtig.“
„Nicht so wichtig, wie Du, das weißt Du hoffentlich?“ Ich mußte lächeln, sie widersprach sich und doch klang es absolut aufrichtig. Was es wohl in diesem Fall auch war.
„Das weiß ich. Mach Dir also keine Gedanken, ich werde den Tag auch ohne Dich überstehen.“
„Und A.J....ist das o.k. für Dich?“
„Warum sollte eine riesige Party nicht o.k. sein?“ fragte ich unschuldig.
„Du weißt genau was ich meine...immerhin...ich weiß nicht, Du schienst ein Problem mit ihm zu haben.“ Oh, oh, jetzt mußte ich vorsichtig sein.
„Es kann sein, das ich mich manchmal etwas unwohl gefühlt habe...ich meine, plötzlich ist da jemand, der Dir sehr wichtig zu sein scheint und ich scheine in diesem Moment nur noch die zweite Geige zu spielen.“ In dem Moment als ich die Worte aussprach, wußte ich, das sie absolut der Wahrheit entsprachen. Lenny hatte das schon früh erkannt, aber ich hatte seine damalige Bemerkung über Eifersucht natürlich direkt auf A.J. gemünzt. Das es vielleicht auch etwas mit Tammy zu tun haben könnte, darauf war ich in meiner Blindheit nicht gekommen.
„Ach Mäuschen,“ sagte sie und drückte mich an sich. Diesmal genoß ich das Gefühl ihr so nahe zu sein „Du weißt genau, das niemals etwas zwischen uns kommen kann, oder? Er ist doch nur ein Kerl!“ Ich mußte lachen. Als ob es so einfach währe...doch im Grunde hatte sie ja recht.
„Ich weiß, bloß ein Kerl...trotzdem...es ist nicht so einfach. Du scheinst ihn wirklich sehr zu lieben.“
„Das tue ich,“ sie lies mich los und ich sah direkt in ihre leuchtenden Augen. Mehr als alle Worte verriet mir ihr Blick, wie sehr sie an ihm hing. Hätte ich noch irgendeinen Beweis dafür gebraucht, das ich A.J. nicht anrühen durfte, dann hatte ich ihn jetzt bekommen.
„Versprich mir nur, das er nicht auf die Idee kommt eine Party mit Topfschlagen und Ringelreien zu veranstalten. Aus dem Alter bin ich nämlich raus,“ versuchte ich das Thema zu wechseln. Tammy lachte „so wie ich ihn kenne, könnte das gut passieren, allerdings weniger, weil er Dich für ein kleines Mädchen hält, sondern weil es ihm selbst unheimlichen Spaß machen würde.“
„Das ist jetzt nicht Dein Ernst?“
„Uhm...sagen wir mal, in ihm steckt ein ganz schöner Kindskopf. Aber das mag ich an ihm. Er ist immer für eine Überraschung gut.“
Das konnte ich mir allerdings gut vorstellen. Mir stand direkt das Bild vor Augen, wie er als Hannibal Lektor über mich hergefallen war.
Ich stand seufzend auf und begann die Taschen in meinem Kleiderschrank zu verstauen. Tammy stand ebenfalls auf.
„Ich frage mich, wo Lenny bleibt. Eigentlich sollte er Dein Auto doch schon längst gesehen haben und wie der Wind hier her geflitzt sein.“
„Eigentlich habe ich das auch schon erwartet. Aber wahrscheinlich traut er sich nicht, weil er meint wir hätten erst einmal einiges zu besprechen.“
„Womit er ja auch nicht so unrecht hat,“ lächelte sie. „Wie sieht es aus, wollen wir heute Abend zusammen Essen gehen? Ich lade Euch beide ein.“
„Danke Tammy, das ist wirklich lieb, aber ich befürchte, ich bin zu müde dafür. Ich werde gleich mal zu Lenny rüber gehen und später könnten wir uns zusammen eine Pizza kommen lassen. Was meinst Du?“
„Klingt auch gut,“ sie wandte sich zum Gehen und blieb dann an der Tür noch einmal stehen. „Es ist so schön, das Du wieder da bist,“ sagte sie erneut und gleich darauf war sie durch die Tür verschwunden.

Kapitel 16