Kapitel 13

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich also wieder am Strand. So langsam belastete der Mann nicht nur meinen Seelenfrieden, sondern auch meine Arbeitsmoral und das machte mir Sorgen. Zu Schreiben war alles was ich konnte, das war mein Weg Geld zu verdienen. Bisher war es eigentlich auch mein Weg gewesen, gewisse Dinge in meinem Leben zu verarbeiten. Nach dem Tod meiner Eltern hatte ich tagelang wie besessen vor mich hin getippt. Es waren ziemlich traurige, manchmal auch wütende Zeilen dabei heraus gekommen. Nichts wirklich Zusammenhängendes, da ich einfach meine Gedanken und Gefühle ungeordnet zu Papier brachte, aber es hatte mir ohne Frage geholfen. Doch jetzt passierte garnichts, wenn ich meine Hände auf die Tastatur legte. Ich hatte sein Gesicht vor Augen, sein Lachen und bestimmte Sätze die er gesagt hatte, wiederholten sich wie eine Endlosschleife in meinem Kopf. Doch das alles schaffte es nicht von meinem Kopf aufs Papier und das frustrierte mich noch zusätzlich.
Ich machte endlose Spaziergänge an der inzwischen so gut wie menschenleeren Küste entlang, manchmal blind für die wunderschöne Natur um mich herum. Mich beschäftigte dabei meist nur ein Gedanke: warum hatte er angerufen? Mittlerweile mußte er wieder zu Hause sein, hätte er sich also nur einfach von mir verabschiedet und mir einen schönen Urlaub gewünscht, währe alles in Ordnung gewesen. Sicher währe ich auch verwirrt, aber momentan konnte ich nicht mal einen klaren Gedanken fassen.
Irgendwann wurde ich wütend - auf mich - auf ihn. So konnte das doch nicht weiter gehen. Eine ganze Nacht lang bemühte ich mich, alles was mit ihm zu tun hatte weit von mir zu schieben. Ich saß auf der Terasse des Hotels, hatte mich in meinen dicken Pullover und die Jacke eingepackt und mich zusätzlich in eine Wolldecke gwickelt. Ich betrachtete den Sternenhimmel, während ich kleine Rauchwolken in die Nachtluft blies. Ich versuchte meine Gedanken auf andere Dinge zu richten. Auf Lenny z.B., was für ein guter Freund er doch war und was wir alles in der kurzen Zeit die wir uns kannten zusammen erlebt hatten. Ich versuchte mir darüber klar zu werden, das die Welt sich auch ohne A.J. weiter drehte. Ich hatte Freunde, einen Beruf der mich (normalerweise) ausfüllte und Tammy, die mir in dieser Zeit unglaublich fehlte.
Irgendwann früh am Morgen, als die Sonne langsam begann am Horizont auf zu gehen, trat Molly zu mir auf die Terasse. Sie trug ein bodenlanges Nachthemd und darüber einen warmen Mantel. Ihr Haar viel ihr offen über die Schultern und reichte fast bis zur Hüfte. Wortlos stellte sie eine dampfende Kanne Tee und zwei Tassen vor mich hin. Dann ging sie zurück ins Haus und kam mit einer Wolldecke in den Händen zurück. Ächzend setzte sie sich neben mich in einen der Korbstühle, wickelte die Decke so gut es ging um ihren mageren Körper, schenkte uns beiden eine Tasse Tee ein und schloß dann die Hände um die wärmende Tasse.
Während der ganzen Prozedur hatte sie keinen Ton gesagt oder mich auch nur länger als zwei Sekunden angesehen. Jetzt lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und musterte mich besorgt.
„Weißt Du, es gibt nichts Schlimmeres, als die Liebe...aber auch nichts Schöneres,“ sagte sie und nippte an ihrem Tee. Ich fragte mich, wie sie auf den Gedanken kam, das ich Probleme mit der Liebe hatte...war das so offensichtlich?
„Und was tut man, wenn das Schlimme überwiegt?“
Sie wiegte bedächtig den Kopf hin und her. „Sich an das Gute erinnern, das Schlechte beiseite schieben und mit dem Leben weiter machen. Es hat keinen Sinn sich ewig damit zu beschäftigen was hätte sein können. Das Leben ist zu kurz dafür.“
„Das klingt alles einleuchtend aber ist unmöglich durch zu führen.“
Sie lachte leise. „Ich bin jetzt 72 Jahre alt, mein Mann ist vor vier Jahren gestorben und ich dachte, das Leben würde von diesem Zeitpunkt an still stehen. Alles hatte seinen Sinn verloren. Und doch machte ich weiter...mit diesem Hotel, das mir noch die letzten Haare vom Kopf fressen wird und mit meinem Leben, in dem lange Zeit die Sonne nicht mehr schien.“
„Und heute?“
„Heute bin ich glücklich darüber, mit Dir hier sitzen zu können, diesen wunderschönen Sonnenaufgang zu geniesen und eine Tasse guten Tees zu trinken.“
Ich zog meine Tasse an mich heran und nahm vorsichtig einen Schluck. Er war wunderbar süß und gab mir ein wenig von der Wärme zurück, die ich die letzten Stunden verloren hatte. Eine Weile schwiegen wir. Dann sprach sie weiter.
„Ich weiß, das es einem jungen Mensch nicht genug ist, die kleinen Dinge des Lebens zu genießen. Man will immer alles und das sofort. Doch wenn ich eines in meinem langen Leben gelernt habe, dann ist es, daß das einfach nicht funktioniert. Man bekommt leider nicht immer das, was man sich wünscht und wenn es noch so wichtig erscheint. Und was machst Du? Du läufst dem hinterher, von dem Du genau weißt, das Du es nicht bekommen wirst und vergeudest so die wertvolle Zeit die Du hast.“
„Sie scheinen sehr viel von mir zu wissen...ich habe Ihnen nie erzählt worüber ich mir Gedanken mache.“ Ich mußte es wissen, denn so langsam begann ich mich unbehaglich zu fühlen. Sie schien Dinge zu sehen, von denen ich selbst noch nicht einmal etwas wußte. Doch sie lachte erneut leise „es ist nicht schwierig in Dich hinein zu sehen Robin Duncan. Dein Blick ist oft so weit in die Ferne gerichtet, das Du den Boden unter den Füßen zu verlieren scheinst.“
„Er ist der Freund meiner Schwester...er liebt sie und sie liebt ihn...da habe ich keinen Platz. Es...tut weh.“
„Das verstehe ich sehr gut,“ erwiederte sie und tätschelt mir die Hand „er muß ein ausergewöhnlicher Mann sein.“
„Das ist er...ich weiß nicht woran es liegt, was es genau ist, doch er ist ohne Zweifel außergewöhnlich. Noch nie hat mich ein Mann so schnell beeindruckt und für sich eingenommen. Es ging alles so schnell und jetzt sitze ich hier und betrauere das, was ich nie haben kann. Ich habe das Gefühl wahnsinnig zu werden. Ich strecke die Hand nach ihm aus und er sieht sie nicht. Er dreht sich um und geht und ich scheine ihm hinter her zu rufen, aber er hört mich nicht.“
„Vielleicht ist es an der Zeit, das Du Dich ebenfalls umdrehst und gehst...er hat Dich zwar nicht bemerkt, aber wenn Du gehst stellt er vielleicht fest, das ihm plötzlich etwas fehlt. Wenn es nicht so ist, dann bringt es auch nichts noch lauter zu rufen. Er wird Dich nicht hören, egal was Du tust.“
„Das ist es ja eben...momentan will ich ja garnicht das er mich hört...und doch ist er alles was ich mir wünsche. Gott, versteht das ein normaler Mensch?“ Verzweifelt fuhr ich mir mit meinen Händen durch das Haar. Doch Molly lächelte.
„Ich verstehe sicherlich besser als Du denkst. Also, was hast Du nun vor?“
„Um das heraus zu finden bin ich hier her gekommen. Ich muß ihn aus meinem Leben streichen...,“
„Nein, nicht streichen,“ widersprach mir Molly „Du mußt ihn nur so in Deinem Leben akzeptieren, wie er nunmal ist....immer da aber unerreichbar. Geniese die Zeit, die Du mit ihm hast...hole Dir das, was Du ohne Probleme haben kannst. Nämlich seine Freundschaft und Deine Träume. Aber lass ihm sein Leben und lebe Deins.“
„Das kann ich nicht...ich kann das nicht trennen. Meine Gefühle kann ich nicht an- und abstellen wie es mir passt. Wenn er da ist, dann...dann....bin ich in seinem Bann gefangen, ich kann mich dem unmöglich entziehen.“
„Du wirst es lernen mit der Zeit...alles ist möglich. Ich mache das jetzt seit dreißig Jahren...glaub mir, man beginnt Freundschaft auf eine ganz andere Art und Weise zu schätzen. Im Prinzip ist es doch das, was nach der ersten Leidenschaft in einer Beziehung übrig bleibt. Freundschaft ist das Fundament, auf das alles aufbaut.“
„Seit dreißig Jahren?“ fragte ich ungläubig. Sprach sie von dem selben Problem? Hatte sie auch eine unerfüllte Liebe? Ich wußte nicht, ob mir das alles jetzt Mut machen sollte, oder es mich noch tiefer in die Verzweiflung drängte. 30 Jahre waren eine unvorstellbare lange Zeit. Bis dahin währe ich längst an meinen Gefühlen erstickt.
„Schau nicht so entsetzt. Er kommt jedes Jahr im Sommer mit seiner Frau hier her. Ich geniese diese drei Wochen, wir stehen uns nahe. Wir reden viel, wenn sie ihrem Golfspiel nachgeht. Er kann damit nichts anfangen und am Anfang glaubte ich, das sie doch unmöglich zusammen passen können, wenn sie so verschiedene Interessen haben. Doch er liebt sie...seit...ich glaube fast fünfzig Jahren und das abgöttisch. Inzwischen bin ich glücklich, wenn es ihm gut geht. Mehr kann ich nicht erwarten und damit habe ich mich abgefunden...mehr als das, ich bin damit zufrieden.“
„Und ihr Mann? Hat er nie etwas gemerkt? Kann man sich überhaupt auf einen anderen einlassen, wenn man so stark für jemanden empfindet?“
„Es gibt sehr viele Arten von Liebe. Für meinen Mann empfand ich diese warme, liebevolle Verbundenheit. Es war Liebe...oh ja, aber die Gefühle für George waren anders. Leidenschaftlich und fast zerstörerisch. Manchmal denke ich, es währe sowieso nicht gut gewesen, wenn wir zueinander gefunden hätten, wir hätten uns gegenseitig ausgelaugt und zerstört.“
„Ich wünschte, ich währe schon soweit...,“ mir blieb nichts mehr, als laut zu seufzen und wieder hinaus auf die Wellen zu starren. Die Sonne war mittlerweile aus dem Wasser empor geklettert und eine warme Brise begann über das Meer zu wehen.
Eine Weile saßen wir noch in friedvollem Schweigen beieinander, dann erhob sich Molly um sich an zu ziehen und das Frühstück vor zu bereiten. Ich folgte ihr mit dem Teegeschirr ins Haus und wenig später hatte ich mich in mein Bett gekuschelt. A.J.s Gesicht begleitete mich auf dem Weg in einen tiefen, erholsamen Schlafe.

Kapitel 14