Kapitel 12
Ich brauchte fast den gesammten Tag um an die Küste zu kommen. Ab und zu hielt ich an um mir eine kurze Pause zu gönnen, ansonsten lies ich mir den Wind um die Nase wehen und genoß die Musik, die mir aus den Lautsprechern entgegen dröhnte. Mit jedem Meter hatte ich das Gefühl, ein Stück Balast hinter mir zu lassen.
Gegen Abend kam ich dann an dem kleinen Hotel an. Es sah noch genau so aus, wie in meinen Erinnerungen. Es stand auf einem kleinen Hügel und schien den Strand unter sich zu bewachen. Der weiße Putz leuchtete in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Ich konnte bis hier her das Rauschen der Wellen hören. Helle Glitzerlichter tanzten auf dem Wasser und der Horizont dahinter war in die unglaublichsten rot und lila Töne getaucht. Für einen Moment blieb ich gefesselt von diesem Bild im Auto sitzen, atmete ein paar Mal tief die würzige Seeluft ein und begann dann mein Gepäck aus dem Wagen zu räumen.
Wenig später stand ich in der verlassen wirkenden Lobby an der Rezeption. Ein kleines Schild verkündete, das ich nur einmal kurz klingeln sollte und sofort würde jemand erscheinen, der mir weiterhelfen würde. Beherzt griff ich also zu und ein leises Klingeln im hinteren Teil des Hauses rief Molly auf den Plan.
Molly ist eine kleine, alte Frau so um die siebzig. Sie ist so, wie man sich eine Bilderbuchoma vorstellt. Weißes Haar, zu einem ordentlichen Knoten aufgesteckt, eine Lesebrille, die ihr an einem feinen Goldkettchen um den Hals hängt und wässrige blaue Augen, die schon alles im Leben gesehen zu haben scheinen. Ich hatte mich vom ersten Moment an in ihr gütiges Lächeln verliebt.
Auch jetzt strahlte sie von einem Ohr bis zum anderen, als sie an den Tresen der Rezeption heran trat.
Guten Abend. Ist das nicht ein wunderschöner Sonnenuntergang da draußen?
Oh ja, er ist fantastisch.
Wie kann ich ihnen denn weiterhelfen?
Fürs erste hätte ich gerne ein Zimmer, erst einmal für eine Woche...wenn das möglich ist.
Aber sicher, das dürfte garkein Problem sein. Wissen sie, um diese Jahreszeit verirren sich nicht mehr viele Leute hier her.
Um diese Jahreszeit? Aber es ist doch noch Sommer.
Am Meer kommt der Herbst etwas früher, dabei lächelte sie, als hätte sie sich schon das ganze Jahr auf diese ungemütliche Jahreszeit gefreut.
Dann werde ich mir wohl noch einen dicken Pullover zulegen müssen, lächelte ich zurück und begann das Formular auszufüllen, das sie mir über den Tresen schob.
Danach ging sie mir voraus hinüber zu einem altertümlichen Fahrstuhl. Im ersten Stock stiegen wir aus und gleich darauf öffnete sie mir eine Tür zu einem gemütlich eingerichteten Zimmer.
Ich kam mir sofort vor, wie in einer Puppenstube.
Feine, gelbe Gardinen hingen vor den kleinen Fenstern und auf dem Bett lag eine sonnengelbe Tagesdecke. Ein kleiner Nachtisch und eine wunderschöne, alte Kommode bildeten den Rest des Mobiliars. Eine Tür führte in ein winziges, tadellos sauberes Bad.
Ich hoffe, sie fühlen sich wohl bei uns. Falls sie noch einen Wunsch haben, brauchen sie nur den Telefonhörer ab zu nehmen und nach Molly zu fragen...das bin ich, dabei kicherte sie, als hätte sie gerade einen Scherz gemacht.
Ich weiß Molly, wir kennen uns bereits. Ist aber schon ein halbes Jahr her. Ich war damals mit meiner Schwester hier.
Sie kniff die Augen ein wenig zusammen und musterte mich von oben bis unten.
Sie kamen mir gleich so bekannt vor. Lassen sie mich nachdenken...sie kamen mit einem riesigen Umzugswagen, richtig?
Ja...genau...sie haben wirklich ein sehr gutes Gedächtnis.
Wenn es so gut währe, hätte ich sie gleich erkannt, lachte sie aber jetzt lasse ich sie erst einmal in Ruhe auspacken. Frühstück ist von acht bis zehn. Möchten sie geweckt werden?
Oh nein, vielen Dank. Ich bin hier zum ausspannen.
Na dann ist ja alles geklärt. Bis später dann.
Ja, bis später. Vielen Dank Molly.
Gern geschehen...Robin, nicht wahr?
Ja, vollkommen richtig.
Und damit lies sie mich alleine.
Ich wußte nicht, woran es lage...vielleicht an der ungewohnten und doch irgendwie vertrauten Umgebung, oder an Mollys Herzlichkeit, das ich mich hier sofort wie zu Hause fühlte.
Die nächsten Tage verbrachte ich die meiste Zeit am Strand. Wie Molly gesagt hatte, wurde es hier empfindlich kühl sobald die Dämmerung einsetzte, so daß ich mir gleich am ersten Tag in dem nahegelegenen Örtchen zwei Pullover und eine warme Jacke kaufte.
Tagsüber konnte man es aber durchaus im T-Shirt aushalten. Ich saß oft stundenlang einfach nur in den Dünen und blickte aufs Meer hinaus. Ich vergrub meine nackten Zehen im weißen, feinen Sand und lies mir die warme Sonne ins Gesicht scheinen. Die Wellen hatten immer noch die selbe beruhigende Wirkung auf mich und so langsam begann sich mein Gefühlschaos zu legen. Ich dachte viel über Tammy, A.J. und mich nach.
Was faszinierte mich an diesem Mann so sehr, das ich glaubte mich verliebt zu haben? Seine Augen alleine konnten es wohl nicht sein. Er strahlte eine gewisse Stärke aus, aber auch eine Verletzlichkeit, die nur ab und an an die Oberfläche drängte. Es war ihm wichtig, geliebt zu werden und ich konnte mir vorstellen, das genau dieses Gefühl der Auslöser für seine Probleme gewesen war. Es allen recht zu machen und sich trotzdem nicht verbiegen zu lassen, war einfach nicht möglich. Also hatte er sich dieses Image des Raubeins, Partylöwen und Herzensbrechers zu gelegt. Für jede Situation der passende Typ und doch nicht er selbst. Inzwischen schien er genau das Gegenteil beweisen zu wollen, das er nämlich durchaus ein verletzbarer Mensch war und es eben nicht immer allen recht machen konnte. Doch auch genau das machte ihn unsicher und in diesem Punkt war er mir ziemlich ähnlich.
Es war mir wichtig, das andere eine positive Meinung über mich hatten, war aber nicht bereit, immer die entsprechende Zurückhaltung zu üben. Es gab wenige Menschen, bei denen ich keine Angst hatte, so zu sein wie ich nunmal bin. Dazu gehörten Tammy und natürlich Lenny. Bei A.J. hatte ich von Anfang an das Gefühl, er würde mich akzeptieren, so wie ich eben war, ohne Schnörkel, ohne dieses aufgesetzte Getue. Deswegen fühlte ich mich in seiner Nähe wohl...ich brauchte kein Theater zu spielen. Seine offene und direkte Art hatten mich von Anfang an beeindruckt. Noch dazu hatte er eine wundervolle Art von Humor: ironisch, manchmal beißend sarkastisch. Das war genau das, mit dem ich am besten klar kam.
Doch reichte das alles, um mich in ihn zu verlieben? Konnte man dieses Gefühl überhaupt in Worte fassen, an bestimmten Dingen fest machen? Er hatte etwas in mir berührt, den richtigen Knopf gedrückt und jetzt mußte ich sehen, das ich das, was er da in Gang gesetzt hatte, irgendwie wieder stoppte.
Nach dem fünften Tag war ich der Überzeugung, das ich es fast geschafft hatte. Die Gedanken an ihn wurden weniger und ich brauchte jeden Morgen etwas länger um den Blick von meinem, bis jetzt unberührten Laptop los zu reißen. Ein sehr gutes Zeichen dafür, das es mir besser ging!
Am nächsten Tag beschloss ich also, endlich wieder mit der Arbeit an zu fangen. Als ich den Laptop aus der Tasche zog, purzelte mir mein Handy entgegen, das ich in aller Eile zu Hause noch dort hinein gesteckt hatte. Unschlüssig starrte ich es einen Moment an, dann beschloß ich, die Mailbox ab zu hören. Mein Streit mit Tammy lag mir irgendwie immer noch schwer im Magen und ich hoffte, das sie ein paar versöhnliche Worte für mich hinterlassen hatte.
Die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung verkündete mir, das ich drei Nachrichten erhalten hatte und ich war sehr gespannt, was jetzt kommen würde.
Die erste Nachricht war tatsächlich von Tammy, noch am Tag meiner Abreise aufs Band gesprochen: Hallo Kleines...ich...es tut mir leid. Ich wollte Dich nicht so anfahren. Ich mache mir nur einfach Sorgen um Dich, kannst Du das verstehen? Du haust einfach so mir nichts dir nichts ab und ich habe keine Ahnung wieso und warum....nun, Du wirst Deine Gründe haben. Ich hoffe einfach, das es nichts mit A.J. oder mir zu tun hat und das es Dir gut geht. Wo bist Du denn überhaupt? Sag blos, Du machst ohne mich einen drauf...ich glaube, dann bin ich doch etwas sauer doch dabei lachte sie und sofort überflutete mich eine Welle von Heimweh. Ich vermisste sie. Ich muß dann los. Ich wünsche Dir viel Spaß, wo immer Du bist und vielleicht meldest Du Dich ja mal bei mir. Damit ich weiß, das alles in Ordnung ist. Hab Dich lieb Kleines. Bis bald.
Die nächste Nachricht war von Lenny, ein paar Tage später. Hallo Dr. Kimble...kichern...alles in Ordnung bei Dir? Ich wollte nur mal hören wie es Dir so geht und berichten, das Franks Einfahrt wieder hergestellt ist und auch von dem Staub nichts mehr zu sehen ist. Du hättest Carries Gesicht sehen sollen, als sie nach Hause kam. Natürlich waren wir nicht fertig geworden und sie war wirklich richtig wütend. Aber Du kennst ja die beiden. Eine halbe Stunde später waren sie sich in den Armen gelegen und alles war wieder gut. Was machst Du denn so? Gib es zu, ohne mich langweilst Du Dich zu tode...erneutes Kichern...dieser A.J. ist übrigens wirklich sehr nett. Er hat Frank und mir geholfen, die Einfahrt wieder einigermaßen in Schuß zu bringen. Tammy fand es wohl nicht so lustig, aber sie kann ja wohl auch nicht erwarten, das ein gestandenes Mannsbild wie er nur mit ihr auf der Couch rumkuschelt. Er hat versucht mich ein wenig nach Dir aus zu fragen, aber ich habe das Schweigen im Walde gespielt. Ich scheine ihn allerdings davon überzeugt zu haben, das Du nicht wegen ihm die Flucht ergriffen hast. Tammy war auch schon da und hat mich ausgequetscht, mit dem selben Ergebniss. Na, wie mache ich mich, als der Behüter Deiner Geheimnisse? Vermisse Dich...ist irgendwie nix los hier. Hoffe Du kommst bald nach Hause...was jetzt nicht heißen soll, das Du sofort alles zusammen packen sollst...lass Dir ruhig Zeit...oh Mann, ich rede nur Schwachsinn. Ich wollte eigentlich...ach vergiss es. Bis bald also...Klack... er hatte aufgelegt.
Ich hatte nicht wirklich Zeit, mir über seine Worte Gedanken zu machen, da gerade die nächste Nachricht abgespielt wurde. Sie war vom gestrigen Abend. Die Stimme war ganz leise und schien zu flüstern. Hallo Robin...hier ist A.J....ich wollte eigentlich nur mal Hallo sagen...dachte ich könnte vielleicht mit Dir reden...Tammy schläft und irgendwie...naja...egal...also...ähm...Hallo und...also...schlaf gut....und bis bald....hoffe ich...Klack...
Hatte ich eben tatsächlich noch geglaubt, ich käme ohne ihn auch gut zurecht? Das ich mir alles nur einredete und er einfach nur ein netter Mensch war, der zufällig ganz gut zu mir passte? Das konnte ich jetzt wohl alles wieder vergessen. Nur für ein paar Sekunden hatte ich seine Stimme gehört, nur dieses rauchige Gestammel...und schon raste mein Herz wie verrückt und meine Gedanken liefen malwieder nur in seine Richtung. Für einen Moment starrte ich das kleine Gerät in meiner Hand wie hypnotisiert an, dann drückte ich die Wiederholungstaste und hörte mir noch ungefähr fünftausend Mal diese unzusammenhängenden Worte an. Hatten sie irgendetwas zu bedeuten? Tammy schlief und er flüsterte auf meine Mailbox. Vor meinem geistigen Augen entstand das Bild von A.J. nur in Shorts und T-Shirt, wie er im Dunkeln im Wohnzimmer stand und mit mir reden wollte.
Frustiert schaltete ich das Handy schließlich aus und warf mich aufs Bett. An arbeiten war jetzt nicht mehr zu denken. Wußte der Typ eigentlich was er mir damit antat? Hatte er eine Ahnung, wie sehr mich seine Stimme verwirrte? Wohl nicht...oder besser gesagt...hoffentlich nicht.
Kapitel 13