Kapitel 11
In der Nacht tat ich kein Auge zu. Ich hörte Tammy und A.J. früh am Morgen nach Hause kommen und als sie, bei dem Versuch möglichst leise zu sein, vergnügt kichernd an meinem Zimmer vorbei schlichen, stand mein Entschluß entgültig fest. Ich mußte hier raus und das schnell. So konnte das nicht weiter gehen.
Ich wußte auch schon wohin ich fahren wollte. Es gab ein Hotel an der Küste, in dem Tammy und ich vor einem halben Jahr auf dem Weg in unser neues zu Hause mit einem riesigen Umzugswagen halt gemacht hatten. Ich erinnere mich noch an die winzigen Zimmer, die mit viel Liebe eingerichtet worden waren und an die Ruhe. Vor allen Dingen an die Ruhe. Das Hotel lag weit ab von den Touristenhochburgen und aus meinem Zimmer hatte ich einen herrlichen Blick über das Meer. Kaum zu glauben, aber damals hatte ich tatsächlich das erste Mal das Meer live gesehen. Nicht in einer Zeitschrift oder im Fernsehen sondern in der Realität. Ich konnte es anfassen, schmecken, riechen. Damals hatte mich das so fasziniert, das ich Tammy anbettelte, ein paar Tage dort zu bleiben. Widerstrebend hatte sie nachgegeben und ich hatte drei Tage glücklich am Strand verbracht. Am Anfang hatte mich das stetige Rauschen der Wellen fast wahnsinnig gemacht, doch nach einem Tag hatte sich eine angenehme Ausgeglichenheit über mich gelegt. Dieses Gefühl brauchte ich im Moment mehr als alles andere.
Als ich diesen Entschluß einmal gefaßt hatte, vielen mir die Augen wie von selbst zu und ich fiel in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Als ich schließlich erwachte, schien die Sonne schon hell in mein Zimmer. Am liebsten hätte ich mich klammheimlich verdrückt, Tammy einen Zettel da gelassen und währe einfach mit meinem kleinen Cabriolett davon gebraust. Doch ein Blick auf den Wecker sagte mir, das ich mir das jetzt wohl abschminken konnte.
Also stand ich auf, verbrachte eine halbe Stunde im Badezimmer wo ich auch gleich alles Wichtige für meine Reise zusammen packte. Ich verstaute meinen Laptop in einer eigens dafür vorgesehenen Tasche und warf ein paar Kleidungsstücke in meine schwarze Reisetasche. Dann zog ich eine braune Papiertüte aus den Tiefen meines Kleiderschrankes und stopfte wahllos einige CDs hinein. Ich warf einen letzten Blick in die Runde, überlegte, ob ich auch nichts vergessen hatte und machte mich dann auf den Weg nach unten.
Ich hörte jemanden in der Küche hantieren und wollte mir lieber nicht vorstellen, wie es dort schonwieder aussah. Als ich die Reisetasche abstellte und die Tasche mit dem Laptop und die Papiertüte mit den CDs auf der kleinen Kommode im Flur abstellte, streckte Tammy ihren Kopf aus der Küche.
Hey, auch schon wach Schlafmütze...was soll das denn hier werden?
Ich brauche dringend ein wenig Ruhe zum Schreiben. Meine Lektorin sitzt mir schon im Nacken und ich bekomme das hier einfach nicht hin.
Moment...das hat es ja noch nie gegeben.
Inzwischen war sie misstrauisch zu mir in den Flur getreten. Hinter ihr erschien auch noch A.J. und ich wünschte mir inzwischen nichts sehnlicher, als hier endlich zu verschwinden. Ich hasste es Tammy an zu lügen und ich hasste es, hier zu stehen und mir zu wünschen, A.J. würde irgendetwas Nettes zu mir sagen.
Ist es wegen mir? fragte er auch prombt. Nein Du Idiot, die Sache hat ganz und garnichts mit Dir zu tun, woher auch? Laut sagte ich Nein, wirklich nicht. Ich möchte einfach ein bischen für mich alleine sein und ein wenig schreiben.
Robin, das ist nicht Dein Ernst, oder? Ich habe A.J. extra hier her eingeladen, damit Ihr Euch besser kennen lernt und jetzt verschwindest Du einfach?
Jetzt tu doch nicht so als sei das der Weltuntergang. Ihr macht Euch hier ein paar schöne Tage und ich auch...nur wo anders eben.
Tammy, wenn sie meint das sie....,
Läßt Du uns bitte für einen Moment alleine, unterbrach sie ihn und lies mich dabei nicht aus den Augen. Auch das noch. Kam jetzt einer der berüchtigten Duncan Streits? Das konnte ich jetzt wirklich nicht gebrauchen. A.J. zog sich in die Küche zurück und lies mich mit Tammy alleine, die augenscheinlich kurz davor stand die Geduld zu verlieren.
Erklär mir bitte, was hier vor sich geht.
Ich weiß nicht, was Du meinst.
Robin, stell Dich nicht dumm. Du bist noch nie von hier weg gefahren um etwas zu schreiben und Deine Lektorin hat eindeutig mehr Geduld mit Dir als ich. Also, was ist hier los?
Ich spürte, wie ich wütend wurde. Sie war nicht meine Mutter, die mir zu sagen hatte, was ich tun und lassen sollte. Ich war erwachesen.
Es ist garnichts los.
Wieso glaube ich Dir das nicht?
Es ist mir absolut egal ob Du mir glaubst oder nicht. Ich werde jetzt jedenfalls fahren. Um meine Worte zu unterstreichen, nahm ich meine Reisetasche auf.
Und wo will die junge Dame hin, wenn ich fragen darf? Oder ist das neuerdings auch verboten?
Es geht Dich überhaupt nichts an, wo ich hin fahre. Ich nehme mein Handy mit, bei Notfällen kannst Du mich dort erreichen.
Verdammt Robin, mir reißt gleich der Geduldsfaden. Was in Gottes Namen hast Du vor? ihre Stimme war kurz vor dem Überkippen. Hier lief etwas eindeutig gegen ihren Willen ab und wenn sie mich schon nicht aufhalten konnte, wollte sie wenigstens wissen, wo ich hin wollte. Doch ich konnte genau so stur sein, wie sie. Von mir würde sie nichts erfahren.
Ich habe garnichts vor, brüllte ich also zurück, schnappte meine restlichen Sachen und versuchte umständlich die Tür zu öffnen.
Dann noch viel Spaß in Deinem restlichen Leben, schrie sie mir hinterher und gleich darauf viel die Haustür hinter mir ins Schloß.
Wunderbar, konnte es einen besseren Start in einen erholsamen Arbeitsurlaub geben?
Ich verstaute meine Sachen auf dem Rücksitz und als ich aufsah, bot sich mir ein groteskes Bild.
In Franks Auffahrt knieten zwei Gestalten und sie waren über und über mit weißem Staub bedeckt. Ich widerstand dem Drang, sofort ins Auto zu steigen und davon zu brausen, steckte meinen Autoschlüssel in die Hosentasche und ging zu den beiden Gestalten hinüber.
Schon von weitem erkannte ich Franks rundlichen Körperbau und sein unverwechselbares Karohemd. Wenn er nicht gerade in dem braunen Outfit von UPS unterwegs war, trug er diese Hemden in allen möglichen Versionen und Farben. Es überrascht mich nicht, als ich beim näher kommen Lenny als die zweite Gestalt identifizieren konnte. Blieb nur noch die Frage, wo der weiße Staub her kam.
Hallo ihr zwei. Kommt der Winter dieses Jahr etwa früher, soll ich die Skiausrüstung aus dem Keller holen?
Scherzkeks, begrüßte mich Lenny und wischte sich mit einem Ärmel den Schweiß vom Gesicht. Er hinterlies einen schmierigen, weißen Streifen auf seiner Stirn.
Frag mal Frank, wie wir in diese Lage gekommen sind.
Ich sah zu Frank hinunter, der immer noch damit beschäftigt war, irgendetwas auf dem Boden zu untersuchen und augenscheinlich nicht auffallen wollte. Doch das war wohl für einen, mit weißen Staub bedeckten Mann mit seiner Statur unmöglich.
Also Frank, raus mit der Sprache, was ist passiert?
Nunja..., es war ihm sichtlich peinlich. Er starrte krampfhaft auf den Boden und versuchte seine Hände irgendwie zu beschäftigen, was in jedem vernünftigen Menschen sofort den Beschützerinstinkt weckte.
Frank hatte die glorreiche Idee, zwei Rinnen in seinen teuren Terrakottagarageneinfahrtsboden zu fräsen, erklärte also Lenny an Franks Stelle eigentlich hätte der Krach Tote aufwecken müssen, setzte er noch mit einem Seitenblick auf mich hinzu, aber ich hatte tatsächlich keine Pieps davon mitbekommen. Außerdem sah das hier nicht wie Terrakotta aus, sondern wie ziemlich widerstandsfähiger Beton.
Jedenfalls...ich mache also unsere Hautür auf und sehe eine große, weiße Staubwolke über Franks Einfahrt schweben. Das und dieses wiederliche Geräusch veranlassen mich also dazu, mal schnell nach ihm zu sehen. Nachdem ich ihn in diesem dichten Nebel gefunden und auf mich aufmerksam gemacht hatte, er das Gerät abgestellt und es ca. zehn Minuten gedauert hat, bis sich der Staub gesetzt hat, sehen wir so aus und...Frank, das solltest Du vielleicht selbst erzählen.
..er..Boden...t..issen.
Was? Lenny und ich beugten uns gleichzeitig zu ihm hinunter und bissen uns dabei auf die Lippen um nicht laut los zu lachen.
Der Boden ist gerissen, wiederholte er also lauter, ergab sich dann wohl in sein Schicksal und stand auf.
Wer konnte denn das auch wissen. Ich meine, das Wasser lief mir immer bis in die Garage, ich dachte, wenn ich hier zwei Fugen reinfräse hätte ich dieses Problem nicht mehr.
Stahlbeton, fügte Lenny an mich gewannt hinzu, so als wolle er sagen, daß das jedes Kleinkind hätte wissen müssen. Erst jetzt bemerkte ich die feinen Risse, die sich über die gesammte Einfahrt zogen.
Ich befürchte..., mittlerweile kicherte ich ungehemmt vor mich hin Du hast jetzt ein ernstes Problem mit Deiner Frau. Nicht nur, das Eure Einfahrt aussieht wie nach einem Erdbeben, Euer Haus sieht aus als hätte es gerade einen Sandsturm überlebt.
Erst jetzt schien Frank das ganze Ausmaß seiner Arbeit zu begreifen. Mit großen, runden Augen blickte er auf seine Veranda, die ebenfalls mit einem Film aus weißem Staub bedeckt war. Hilfesuchend sah er zu Lenny hinüber.
Du mußt mir dringend helfen. Wenn Carrie das sieht, verarbeitet sie mich zu Hackfleisch.
Wieviel Zeit haben wir?
Frank warf einen Blick auf seine Uhr, konnte aber das Zifferblatt unter der Staubschicht nicht erkennen.
Es ist halb Zwölf, half ich ihm.
Gut, das sind dann also noch fast fünf Stunden. Kann ich auf Euch zählen?
Jetzt sah er mich an. Doch ich mußte ihm leider eine Absage erteilen. Ich konnte nicht noch länger hier bleiben. Ich konnte förmlich Tammys Blicke in meinem Rücken spüren. Sicherlich stand sie in der Küche und beobachtete uns.
Es tut mir leid Frank, ich würde Dir sehr gerne helfen, aber ich muß dringend weg.
Lenny sah mich fragend an. So schnell hatte wohl selbst er nicht damit gerechnet.
Oh...und Du Lenny? mittlerweile war echte Panik auf Franks Gesicht erschienen. Ich war mir allerdings sicher, das er dafür keinen Grund hatte. Carrie würde ihm anständig die Leviten lesen und es dann dabei belassen. Sie kannte ihren Mann und seine Mißgeschicke, die einfach nicht enden wollten.
Natürlich helfe ich Dir Frank. Ich bringe nur schnell Robin zum Wagen und dann legen wir los, einverstanden?
Du bist ein feiner Kerl, tausend Dank.
Kein Problem, und mit diesen Worten ging er langsam Richtung Auto.
Machs gut Frank, bis bald.
Fährst Du für länger weg?
Hm.
Na dann, gute Reise.
Danke.
Ich verlies Frank und ging hinüber zu meinem Wagen und dem wartenden Lenny.
Du hast aber schnell nachgedacht.
Manche Sachen sollte man einfach nicht aufschieben.
Verstehe. Wie lange bleibst Du weg?
Ich weiß es noch nicht genau. Vielleicht zwei Wochen.
Kann ich Dich erreichen?
Ich habe mein Handy mit und werde ab und zu die Mailbox abhören.
Was sagt Tammy dazu?
Wir haben uns fürchterlich gestritten, aber so wie ich sie kenne, hat sie sich in spätestens einer Stunde beruhigt.
Verrätst Du mir, wo Du hin fährst?
Bin ich hier bei einem Verhör? Nein, Du kannst nicht wissen, wo ich hin fahre. Dann kannst Du es auch nicht Tammy verraten.
Dein Vertrauen in mich ist ja wirklich grenzenlos.
Ich habe nicht an Deiner Integrität gezweifelt. Ich traue nur Tammys Überredungskünsten nicht.
Aha...na dann...dann heißt es jetzt wohl Abschied nehmen, was?
Sieht so aus.
Ich werde Dich vermissen.
Ich Dich noch viel mehr. Aber es muß wohl sein.
Ja, das muß es wohl.
Es blieb uns jetzt nichts mehr zu sagen. Lenny machte Anstalten mich in den Arm zu nehmen, aber als er meinen Blick bemerkte, der angewiedert an seinen weißen Klamotten hing, überlegte er es sich dann doch noch anders. Stattdessen öffnete er mir die Autotür.
Fahr vorsichtig, ja?
Versprochen.
Ich lies mich auf den Fahrersitz fallen und Lenny schloß die Tür. In diesem Moment ging die Haustür auf und A.J. trat heraus. Ich verfluchte mich innerlich, das ich nicht sofort los gefahren war, doch nun war es wohl zu spät dafür. Er kam lässig zu meinem Wagen geschlendert, grüßte Lenny kurz und ging dann neben mir in die Hocke. Seine Augen, die ausnahmsweise nicht von seiner Sonnenbrille verdeckt wurden, waren mit meinen auf einer Höhe und ich konnte sein Rasierwasser riechen. Sofort tanzten tausend Schmetterlinge in meinem Bauch und ich presste die Lippen fest aufeinander um die Tränen zurück zu halten.
Du fährst hoffentlich nicht wegen mir.
Nimm Dich nicht so wichtig McLean, entgegnete ich scherzend.
Dann ist es ja gut. Die Vorstellung gefällt mir nämlich nicht, das Du Dich wegen mir mit Deiner Schwester streitest und die Flucht ergreifst.
Von Flucht kann keine Rede sein. Ich brauche einfach etwas Zeit für mich. Außerdem habt ihr so viel mehr Zeit für Euch.
Also doch...,
A.J., es hat wirklich nichts mit Dir oder Tammy zu tun.
Dann werde ich das wohl glauben müssen.
Sonst würdest Du ja behaupten ich lüge...,
...und das geht nun wirklich nicht, vollendeten wir gemeinsam den Satz und lachten leise.
Nagut, dann also...gute Fahrt.
Danke.
Er stand auf und trat einige Schritte vom Wagen zurück. Ich startete und setzte langsam rückwärts aus unserer Auffahrt. Als ich ein letztes Mal zurück blickte, standen Lenny und A.J. einträchtig nebeneinander und winkten mir zum Abschied zu. Beim Wegfahren bemerkte ich aus den Augenwinkeln, wie A.J. sich zu Lenny drehte und ihn wohl fragte, wie er denn zu dem ganzen Staub gekommen war und mit einem Lächeln im Gesicht machte ich mich auf den Weg ans Meer.
Kapitel 12