Kapitel 10
Nachdem ich eine Stunde frustiert auf meinen Bildschirm gestarrt, einige wenige sinnlose Sätze zusammen geschustert und sie dann wieder gelöscht hatte, beschloß ich, das Schreiben für heute auf zu geben und statt dessen Lenny an zu rufen. Die Vorstellung, wenigstens über A.J. reden zu können, beruhigte mich ein wenig. Ich würde sonst wohl verrückt werden in diesem leeren Haus, in dem in jedem Zimmer ein Rest von ihm vorhanden zu sein schien.
Im Wohnzimmer lag ein, von ihm achtlos hingeworfener Pullover auf der Couch und im Wintergarten stand ein Glas, aus dem er wohl vor Kurzem noch etwas getrunken hatte. Ich widerstand dem Drang, meine Lippen dort auf das Glas zu pressen, wo noch ein verwischter Abdruck von seinen zu sehen war und räumte es in die Spülmaschine. Dann griff ich zum Telefon.
Hi Lenny, hier ist die liebeskranke Verrückte. Hast Du heute Abend Zeit?
Habe schon auf Deinen Anruf gewartet. Wann soll ich kommen und was noch viel wichtiger ist, bekomme ich was zu essen?
Habe ich Dich schon jemals verhungern lassen?
Also ich kann mich da an eine Geschichte erinnern...,
LENNY! Da war unser Herd noch nicht geliefert...,
Ja, ich weiß ich weiß, immer die gleiche Ausrede, lachte er und eine Welle der Zuneigung durchflutete mich. Es war immer das gleiche Ritual: Essen - Herd - Ausrede, ich kannte das so gut und es schien, als sei Lenny momentan der Einzige, der sich in dem ganzen Chaos überhaupt nicht verändert hatte.
Also bis später?
Ja, in einer halben Stunde währe gut.
Dann bis dann, und schon hatte er auf gelegt.
Ich begab mich in die Küche und begann eine Gemüsequiche vor zu bereiten. Meine Hände arbeiteten wie von selbst und so kehrten meine Gedanken wieder zu dem heutigen Tag zurück.
A.J. und ich hatten wie die kleinen Kinder um den Billardtisch herum gealbert. Manchmal stand er so nahe bei mir, das ich ein wenig von ihm zurück trat, um eine gewisse Distanz zwischen uns zu wahren. Ich hatte Angst, das ich mich irgendwann nicht mehr beherrschen und einfach über ihn herfallen würde. So nah und doch so fern.
Gleichzeit erschreckte mich die Heftigkeit meiner Gefühle. Das konnte nicht normal sein. Ich kannte ihn doch erst ein paar Stunden. Er hatte irgend etwas an sich...ich konnte nicht genau den Finger darauf legen. Vielleicht seine Art, mich an zu sehen, so als sei ich in diesem Moment das einzig Wichtige auf dieser Welt, oder mir zu zu hören und auch die Worte zu hören, die ich nicht sagte.
Und dann war da noch die Angst, das er so weit in mich hinein sehen konnte, das er meine Gefühle für ihn entdeckte, das er mit bekam, was ich wirklich für ihn empfand und das er mich dann meiden und vielleicht sogar hassen würde.
Über all dem hing dieses Sehnen...nach einer Umarmung, einem lieben Wort, seinen sanften Händen...das mich dazu brachte, nicht mehr vernünftig zu handeln, sondern seine Nähe zu suchen, ihm näher zu kommen, als gut für mich war. Ohne Rücksicht auf Verluste...ohne an Tammy zu denken.
Als ich bei diesem Gedanken angekommen war, klopfte es an der Hintertür und ich ging um Lenny zu öffnen. Gleich darauf stand er in der Küche mit seinem warmen, verständnissvollen Lächeln und seiner besonnen Art und meine Kehle war wie zu geschnürt. Warum konnten wir beide uns nicht ineinander verlieben? Es währe perfekt und würde mein Leben um so vieles einfacher machen. Doch was war schon einfach?
Lenny hatte sich auf den Küchentisch gesetzt und lies die Beine baumeln, während ich die Füllung aus Sahne, Eiern und Creme Fraiche anrührte und über das Gemüse goß. Ich wußte, das er darauf wartete, das ich etwas sagte, doch im Moment fühlte ich mich dazu einfach nicht in der Lage. Höchstwahrscheinlich hätte ich gleich wieder los geheult.
Wir war Dein Tag? fragte er dann auch, wohl um mir den Anfang leichter zu machen.
Nett.
Nett? Aha. Er schwieg und wartete und als ich nicht weiter sprach sondern begann Geschirr zu spülen, versuchte er es noch einmal.
Nicht das der Eindruck entsteht, ich komme nur wegen Deinem wundervollen Essen...soweit ich mich erinnere, gibt es da noch ein kleines Problem über das wir reden wollten.
Ich weiß.
Ich verstehe...wir spielen heute die Einsilbige. Weißt Du, daß das nicht die beste Voraussetzung für ein gutes Gespräch ist?
Ich weiß.
Kannst Du auch noch etwas anderes sagen?
Hm...vielleicht, das in meinem Kopf momentan alles drunter und drüber geht und ich überhaupt nicht mehr weiß, was ich dagegen tun soll?
Hat er Dir so sehr den Kopf verdreht?
Mehr als das. Er ist in mein Herz eingedrungen und hat sich da häuslich nieder gelassen. Keine Ahnung wie er den Eingang so schnell gefunden hat.
Habe ich Dir schon einmal gesagt, wie sehr ich es liebe, wenn Du in Metaphern sprichst? Das gibt Dir so einen...intellektuellen Anstrich...sehe ich da etwa ein Lächeln auf Deinem Gesicht?
Du hast bestimmt nicht richtig hingesehen, erwiderte ich und mußte mir mittlerweile das Lachen verkneifen.
Doch, ich bin mir ziemlich sicher. Ein Lächeln nur für mich...ich wußte, das der Tag noch gut enden wird.
Er kam zu mir herüber, drückte mich kurz an sich, nahm mir dann Teller und Besteck aus den Händen und ging voraus in den Wintergarten.
Als wir wenig später mit zwei Gläsern Cola beieinander saßen holte ich tief Luft und redete mir endlich alles von der Seele. Noch bevor die Quiche dampfend auf unseren Tellern lag, war er über alles im Bilde. Er lies sich Zeit mit seiner Antwort, vertilgte die halbe Quiche und nachdem er mein zerpflügtes Stück auf dem Teller sah, warf er einen fragenden Blick auf den Rest des Kuchens.
Iss nur, ich habe keinen besonderen Appetit.
Kommt das von den Burgern heute mittag oder schlägt Dir Deine Stimmung schon auf den Magen?
Ich denke, von beidem ein bischen.
Das hört sich schlimm an. Typisch Lenny, wenn jemand nichts essen konnte, war das für ihn schon nahe am Weltuntergang.
Also gut, sagte er schließlich, als kein einziges Krümelchen von der Quich mehr übrig war die Frage die sich mir sozusagen seit Stunden aufdrängt ist, wie er das Ganze wohl sieht...ich meine...glaubst Du, er hat sich auch ein bischen in Dich verguckt?
Spinnst Du? Es ist vollkommen egal was er denkt. Er ist Tammys Freund, basta. Mal ganz abgesehen davon, das ich gegen sie in tausend Jahren keine Chance hätte...aber auf den Gedanken zu kommen, das er sich auch nur im Entferntesten für mich interessieren könnte...Gott, schlimmer könnte es garnicht kommen.
Lenny schüttelte lächelnd den Kopf das ihr Frauen immer so kompliziert sein müßt. Es ist doch ganz klar...wenn zwei Menschen in einander verliebt sind, ist es vollkommen egal wer mit wem zusammen ist. Gegen die Liebe kann man eben nichts machen. Wolltest Du, das A.J. nur bei Tammy bleibt, weil er zu erst mit ihr zusammen war?
Dieses Gespräch lief in die vollkommen verkehrte Richtung. Es ging hier nicht um Tammy oder A.J. und was die beiden dachten oder fühlten, sondern es ging um mich, was ich tun sollte, wie ich mich verhalten sollte.
Lenny, das spielt im Moment überhaupt keine Rolle. Sag mir lieber, was ich tun soll.
Du weißt längst was Du tun sollst, Du bist nur noch nicht bereit, es wirklich zu tun.
Hör bitte auf in Rätseln zu sprechen.
Also gut, für die Begriffsstutzigen unter uns langsam zum Mitschreiben...
Das habe ich jetzt mal überhört...
Du weißt genau, das Du ihm aus dem Weg gehen mußt, oder? Wenn Du der Meinung bist, das für A.J. und Dich keinerlei Chance besteht, selbst wenn er etwas von Dir wollte, dann hast Du keine andere Wahl als ihn schnellstmöglich aus Deinem Leben zu streichen und weiter zu machen.
Aus meinem Leben streichen? Wie stellst Du Dir das vor? Er ist die nächsten sechs Tage und Nächte hier. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, das er irgendwann vielleicht sogar mein Schwager wird.
Wie sieht also Dein Plan aus?
Ich habe keinen, das ist es ja eben. Wenn er in meiner Nähe ist, will ich bei ihm sein. Gleichzeitig weiß ich, daß das absoluter Wahnsinn ist.
Das klingt nach Urlaub in den Bergen mit Laptop und ohne Telefon.
Jetzt keine Scherze, o.k.?
Das war mein voller Ernst. Geh ihm aus dem Weg, eine andere Chance hast Du nicht.
Ich kann doch aber auch nicht mein ganzes Leben lang vor ihm davon laufen.
Nein, aber mit etwas Abstand betrachtet, ist es vielleicht nicht mehr ganz so schlimm. Je länger Du mit ihm zusammen bist, desto mehr steigerst Du Dich eventuell in etwas hinein.
Warum klingt das gleichzeitig so falsch und doch so richtig?
Weil es vielleicht die Wahrheit ist, die Du im Moment noch nicht akzeptieren willst?
Ich seufzte. Sollte es so einfach sein? Ich hatte mich in etwas hinein gesteigert und es in meinem Kopf aufgeblasen, bis kein Platz mehr für klare Gedanken war?
Vielleicht hört es sich aber auch nur so richtig an, weil es die einfachste Lösung ist.
Das wirst Du sicherlich nie heraus finden, wenn Du hier bleibst.
Darüber muß ich erst einmal nachdenken.
Was sagt Dein Bauch?
Lauf...lauf so schnell und so weit Du kannst...und wenn ich einen Schritt in die richtige Richtung gemacht habe schreit er ganz laut..bleib hier...bei ihm.
Dein Bauch war auch schonmal entschlußfreudiger.
Das kannst Du laut sagen. Chaos...einfach ein großes mieses Chaos.
Hey, das wird schon...vertrau mir.
Ich würde Dir so gerne glauben...so gerne.
Kapitel 11