Kapitel 8

Wir betraten die Poolhall durch eine breite, hölzerne Schwingtür. Eigentlich hieß der Laden „Freddys Paradiese“ wie auch immer dieser Schuppen zu dem Namen gekommen war, der so gar nicht zu seinem Inneren passen wollte. Doch für die Leute, die hier her kamen, war es einfach die Poolhall. Hinter der Bar sorgten kleine Buntglas-Butzenfenster für spärliches Licht. Ansonsten erhellten kleine Lampen, die tief über den kleinen, runden Tische hingen, das Innere. In einem Nebenraum standen drei Billardtische und jeden Abend traf sich hier die frustrierte Jugend, die noch keinen Führerschein oder kein Auto hatten, um die 20 Meilen in die nächst größere Stadt zu fahren.
Um diese Zeit war die Kneipe relativ leer und wir hatten keinerlei Mühe einen freien Tisch zu finden. Aus dem Nebenraum kamen die leisen Geräusche von aufeinander prallenden Billardkugeln. Mike und Sam, die eigentlich schon zum Inventar hier gehörten, machten wohl ein kleines Spielchen.
Freddy kam mit herzlichem Lächeln und der Speisekarte unter dem Arm, auf uns zu. „Robin, schön das Du Dich mal wieder hier blicken lässt. Was macht Dein neues Buch?“
„Danke Freddy, momentan stecke ich ein bisschen fest. Vielleicht komme ich demnächst mal vorbei und hole mir ein paar Tips von Dir.“
Bevor Freddy die Bar übernahm, hat er fantastische Kurzgeschichten geschrieben. Seit ich das erste Mal hier her gekommen war und von seiner heimlichen Leidenschaft erfahren hatte, versuchte ich ihn zu überzeugen, wieder mit dem Schreiben an zu fangen. Doch bisher hatte er immer nur abegewunken. Er hätte keine Zeit mehr dafür und auch die Ideen seien ihm so langsam ausgegangen. Also begnügte er sich fürs erste damit, mir weiter zu helfen, wenn ich mal wieder mittendrin feststeckte.
„Das hier ist übrigens der Freund von Tammy...A.J., das ist Freddy, ein fantastischer Virtuose mit Blatt und Tinte, auch wenn er das nicht gerne hört.“
„Du hast recht, das höre ich tatsächlich nicht gerne,“ sagte er, doch ein stolzes Lächeln erhellte sein runzliges Gesicht. Gleichzeitig reichte er A.J. die Hand, legte die Speisekarten vor uns auf den Tisch und zog sich dann hinter seine Theke zurück.
„Ich habe wohl soeben den Fan der ersten Stunde kennen gelernt, was?“
„Kann man so sagen. Er mag meine Storys und ich bin mir noch nicht sicher, was ihn tatsächlich vom Schreiben abhält. Er ist wirklich begabt. Ich habe mal was von ihm lesen dürfen. Das ist wirklich Kunst! Die schneidenden, bizarr anmutenden Bündel des Lichts lösten sich auf, und nahmen nun die gesamte Nacht in ihre Umhüllung. Ist das nicht wunderschön? Ich wünschte, ich könnte einen einfachen Blitz so poetisch beschreiben.“
„Deine Storys sind eben weniger poetisch geprägt, dafür lassen sie einen vor Spannung kaum noch atmen. Jeder hat seine Talente und Spannung erzeugen ist einfach Deins.“
„Das hast Du schön gesagt...Danke.“
„Keine Ursache, es ist die Wahrheit,“ sagte er leichthin und vertiefte sich in die Speisekarte. Ich beobachtete ihn für einen Moment. Es schien, als sei er sich tatsächlich nicht bewusst, das er mir soeben ein wirklich wundervolles Kompliment gemacht hatte. Mit einem Lächeln wandte ich mich ebenfalls der Speisekarte zu. Eigentlich kannte ich sie bereits auswendig, doch jedes Mal suchte ich unbewusst nach etwas, das ich bisher vielleicht übersehen hatte.

Als wir unsere beiden Riesen-Burger mit Pommes vertilgt und mit Cola hinunter gespült hatten, bestand A.J. auf eine Runde Billard.
„Ich kann es Dir beibringen, das ist überhaupt nicht schwer.“
„Ob Du es glaubst oder nicht, ich kann durchaus Billard spielen. Ich will Dich nur nicht weinen sehen, das ist alles.“
„Du nimmst den Mund ganz schön voll Duncan,“ entgegnete er und schon war er aufgestanden und strebte dem Nebenzimmer zu.
Als ich hinter ihm eintrat, nickte ich Sam und Mike kurz zu und suchte mir dann einen passenden Queue heraus. A.J. hatte in der Zwischenzeit die Kugeln in das kleine Dreieck einsortiert und hob es nun vorsichtig ab. Er verstaute es in einem kleinen Fach unter dem Tisch und trat dann zur Seite.
„Ich überlasse Dir den ersten Stoß. Immerhin bist Du ein Mädchen.“
„Du kannst auch gerne anfangen, dann dauert es vielleicht etwas länger, bist Du heulend als Verlierer auf dem Boden liegst.“
„Treib es nicht zu weit,“ sagte er und drohte mir scherzhaft mit dem Finger.
„Wollen wir noch einmal wetten McLean?“
„Nein danke, einmal reicht für heute. Jetzt fang schon an...wollen doch mal sehen, wie gut Du wirklich bist.“
Ich stellte mich also an die schmale Seite des Tisches, beugte mich über den grünen Filz und setzte die weiße Kugel auf den dafür vorgesehenen Punkt. Dann setzte ich den Queue an und mit einem gekonnten Stoß stoben die Kugeln in alle Richtungen davon.
„Nicht schlecht für den Anfang,“ sagte er anerkennend, als zwei Kugeln in den Taschen verschwanden.
„Pass auf und lerne,“ sagte ich hochnäsig und machte mich daran, die nächsten drei Kugeln nach einander zu versenken.
Ich wußte nicht, wie viele Stunden ich hier schon an eben diesem Tisch verbracht hatte. Tammy war in der Anfangszeit viel unterwegs gewesen und es kam zuweilen vor, das ich mich tödlich langweilte. Selbst die Schreiberei konnte mich dann nicht mehr fesseln und so hatte ich regelmäßig eine Runde Pool nach der Anderen gespielt. Mike und Sam hatten mir einige Tricks beigebracht und nach zwei Monaten war ich soweit, das ich zumindest Mike schlagen konnte.
Sam zu schlagen war so gut wie unmöglich. Er hatte mal als Profi gespielt. Naja, was man so Profi nennt. Er war von Poolbar zu Poolbar gezogen und hatte sich mit Wetten auf sich selbst sein Geld verdient. Irgendwann hatte er allerdings festgestellt, das keiner mehr gegen ihn setzten wollte. Er war mittlerweile für sein Talent berüchtigt und ihm währe nur die Möglichkeit geblieben, in die nächste Stadt weiter zu ziehen. Doch er war mit diesem Nest sozusagen verwachsen. Es kam für ihn nicht in Frage seine Heimat zu verlassen. Deswegen arbeitete er inzwischen nachts an der hiesigen Tankstelle und verbrachte hier mit Mike seine Vormittage. Mir war es schleierhaft, das es ihn nicht langsam langweilte, immer gegen Mike zu gewinnen.
Als ich nun zum nächsten Stoß ansetzte, stellte sich A.J. ganz nah neben mich und beugte sich nach vorne. Sein Atem kitzelte mein Ohr als er hauchte „der geht garantiert daneben.“
Und da war sie wieder, die Panik, die sich wie eine eiserne Faust um mein Herz schloss. Gleichzeitig durchströmte mich ein prickelndes Glücksgefühl, das mich noch zusätzlich verwirrte.
Noch bevor er seinen Satz richtig zu Ende gesprochen hatte, hatte er sich auch schon zurück gezogen und als ich mich jetzt langsam und mit rasendem Herzen zu ihm umsah, blickte er mich mit breitem Grinsen an.
„Deine miesen Tricks helfen Dir hier auch nicht weiter,“ brachte ich irgendwie heraus und wandte mich dann wieder dem Billardtisch zu. Ich gab der weißen Kugel einen kräftigen Stoß und wie an der Schnur gezogen rollte sie über den Tisch und verfehlte die anvisierte Kugel um Lichtjahre.
Wie zu erwarten gewesen, hörte ich A.J. hinter mir losprusten. Ich sparte mir jeden Kommentar und trat hoch erhobenen Hauptes vom Tisch zurück. Aus den Augenwinkeln sah ich Sam nachsichtig den Kopf schütteln. Er hatte ja recht. Die oberste Regel beim Billard lautete Konzentration. Aber in A.J.s Nähe war das eben nicht so einfach.
Um meinen leicht zitternden Hände etwas zu tun zu geben, setzte ich mich in eine Ecke und begann mit geübten Bewegungen eine Zigarette zu drehen. Dabei beobachtete ich A.J., wie er sich geschmeidig über den Tisch beugte und die nächsten zwei Kugeln mühelos versenkte. Im Gegensatz zu mir wirkte er hoch konzentriert. Die Stirn hatte er leicht gerunzelt und seine Augen sprangen in schnellem Rhythmus zwischen Queue und Kugel hin und her. Nach jeder versenkten Kugel, blickte er feixend zu mir herüber und als er das ein drittes Mal tat, streckte ich ihm die Zunge heraus, was ihn erneut zum Lachen brachte.
„Sag bloß, Du hast Deinen Humor verloren,“ grinste er.
„Nicht das ich wüßte. Mach nur so weiter, am Ende kriege ich Dich doch.“
„Wir werden ja sehen,“ schon wieder kicherte er. Ich fragte mich langsam, was ihm daran so viel Spaß machte. Mich zu erniedrigen? Mir zu zeigen, wo es lang ging?
Ich beschloss, ihn mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen. Ich stand also auf, legte die noch unangezündete Zigarette in den Aschenbecher und trat ganz nahe an ihn heran. Er hatte sich gerade wieder über den Tisch gebeugt und setzte zu einem erneuten Stoß an. So wie die Kugeln lagen, konnte er sie eigentlich gar nicht verfehlen. Ich versuchte durch gutes Zureden mein Herz einigermaßen unter Kontrolle zu bringen und lehnte mich dann zu ihm hinunter. Mein Haar streifte seine Schulter und meine Lippen waren nur Millimeter von seinem Ohr entfernt.
„Streng Dich nicht so an, Du schaffst es sowieso nicht,“ flüsterte ich und in diesem Moment machte A.J. seinen Stoß. Die Kugel schoß davon, hopste ein, zweimal über den grünen Filz um dann über die Bande zu verschwinden. Man hörte einen lauten Knall, als die Kugel auf dem Holzfußboden aufschlug und davon rollte. Schließlich kam sie direkt vor Sams Füßen zu liegen. Für einen Moment starrten wir entgeistert auf die Kugel, immer noch gemeinsam über den Tisch gebeugt, dann spürte ich, wie ein riesiger Lachanfall aus der Tiefe meines Bauches nach oben stürmte. Ich schaffte es gerade noch, zwei Schritte von A.J. weg zu treten, bevor ich auf dem Boden lag und mich vor Lachen krümmte.
Als ich nach oben sah, blickte ich direkt in die interessiert drein blickenden Gesichter von Maik, Sam und A.J., die sich um mich versammelt hatten.
„Ist sie immer so?“ fragte A.J.
„So habe ich sie noch nie erlebt,“ schüttelte Sam den Kopf.
„Ehrlich Bruder, so kennen wir sie wirklich nicht,“ gab Mike auch noch seinen Senf hinzu. Die verständnislosen Gesichter von hier unten zu betrachten, erheiterten mich noch mehr, inzwischen liefen mir bereits Tränen über das Gesicht. Für einen Moment schoss mir der beunruhigende Gedanke durch den Kopf, ob ich jetzt wohl vollends den Verstand verloren hatte. Obwohl...es war einfach zu komisch wie die Kugel über den Tisch hüpfte...dachte man diesen Aspekt zu Ende...sagte der Grad des verpatzten Stoßes etwas über seine Gefühle für mich aus?

Kapitel 9