Kapitel 7

Frisch gestärkt entschlossen wir uns zu einem kleinen Spaziergang. In einträchtiger Zweisamkeit räumten wir den Tisch ab und versetzten die Küche wieder in einen einigermaßen akzeptablen Zustand (ich musste das nächste mal daran denken früher auf zu stehen...wenn Tammy in der Küche hantierte, erkannte man sie hinterher nicht wieder).
Danach brachen wir auf. Als wir auf die Straße hinaus traten, war weit und breit niemand zu sehen. Nichts ungewöhnliches für diese Uhrzeit. Die meisten waren arbeiten und die Wenigen, die sich den Luxus gönnen konnten und zu Hause blieben, hatten wohl besseres zu tun.
Wir schlenderten die Häuser entlang und ich klärte A.J. über die hiesige Nachbarschaft auf.
Ich erzählte ihm von Frank und Carrie und ihrer große Leidenschaft füreinander. Lenny streifte ich nur mit ein paar Worten. Von ihm hatte ich den vergangenen Abend schon genug geschwärmt. Dann kamen wir am Haus der Mitchels vorbei.
Sean und Melinda Mitchel waren mitte dreißig und vor ca. zwei Jahren mit ihren beiden Kindern Toby und Anna aus New Orleans hier her gezogen. Wir hatten immer noch nicht ganz durchschaut, warum eigentlich. Immerhin lag New Orleans ca. 500 Meilen von hier entfernt. Tammy und ich hatten uns in die tollsten Geschichten hinein gesteigert. Meine Lieblingsversion war die, das Sean und Melinda eine Bank ausgeraubt hatten und nun in diesem Nest unter getaucht waren. Eine moderne Version von Bonny und Clide wenn man so wollte, nur das die beiden in meinem Fall überlebt hatten. A.J. lachte über meine Geschichte.
„Eine Bank, ja? Hm...ich glaube eher, das er sich am Aktienmarkt verspekuliert hat und mit seinen letzten Barreserven, die er auf den Caymen Islands gut versteckt hatte, hier her abgehauen ist. Wahrscheinlich langweilt ihn sein neues Leben zu tode. In spätestens einem halben Jahren hat er sicherlich wieder genug auf der hohen Kante um sich ohne Frau und die Kinder ab zu setzen.“
„Na, wenn das Deine Einstellung zu der Institution Familie ist, dann sehe ich für Tammy und Dich mehr als schwarz.“
„Läster Du nur, in spätestens einem halben Jahr wirst Du schon sehen, das ich recht habe.“
„Wollen wir wetten?“
„Ich bin dabei.“
„Um was wetten wir?“
Er dachte einen Moment darüber nach.
„Wenn ich gewinne, kommst Du mich in Florida besuchen und Du wirst alle meine Freunde und meine Familie ertragen müssen.“
„Klingt nicht, als währe das wirklich eine Strafe.“
„Du kennst sie nicht.“
Ich musste über seinen überzeugten Gesichtsausdruck lachen „In Ordnung...also wenn ich gewinne, dann musst Du mich ganz groß zum Essen ausführen. In so ein richtig schickes Restaurant mit allem Zipp und Zapp.“
„Krawattenzwang und Langeweile?“
„Genau so stelle ich es mir vor.“
„Ich befürchte, Du kommst dabei dann doch etwas besser weg...“
„Zu spät...es war Deine Idee und überhaupt...Du bist doch so von Deiner Meinung überzeugt. Da kann Dir doch gar nichts passieren.“
Für einen Moment schienen ihm die Worte nach diesem durchschlagenden Argument zu fehlen und innerlich klopfte ich mir befriedigt auf die Schulter.
„Auch wieder wahr,“ sagte er schließlich „na gut, abgemacht...wenn er in einem halben Jahr noch hier ist, gehe ich mit Dir essen ansonsten kommst Du nach Florida,“ er streckte mir die Hand entgegen. Ich ergriff sie und direkt machte mein Herz einen Satz. Seine Hand war trocken, warm und weich. Für einen Moment entstand ein Bild von seiner Hand auf meiner nackten Schulter, das ich aber sofort abschüttelte und meine Hand vorsichtig zurück zog.
„Wer wohnt hier?“ fragt er interessiert, als wir an einem kleinen Häuschen mit akkurat gestutztem Rasen und den schönsten Rosen weit und breit vorbei kamen.
„Ohhhh...das ist die einzige Bewohnerin unserer Straße, die ich nicht besonders leiden kann.“
„So etwas gibt es in der perfekten Welt der Robin Duncan?“ fragte er gespielt entsetzt und ich gab ihm dafür einen sanften Klaps auf die Schulter, was ihm allerdings nur ein leises Lachen entlockte.
„Jaaaa, so etwas gibt es tatsächlich. Hier wohnt Misses Hannah Schumaker. Eine überaus neugierige Person, die ihre Nase grundsätzlich in Dinge steckt, die sie nichts angehen. Als wir hier her zogen, hat sie Lenny gebeten, mal nach ihrem Boiler zu sehen, da der angeblich nicht funktionierte. Lenny erzählte später, das an dem Gerät alles in Ordnung war, sie ihn aber die ganze Zeit nach uns ausgefragt hat.“
„Sie wollte sicherlich nur wissen, ob ihr keine Verbrecher auf der Flucht seid.“
„Ja, ganz sicher,“ entgegnete ich sarkastisch „grundsätzlich ist es ja auch nicht schlimm, wenn man sich für seine Mitmenschen interessiert. Aber sie hätte genau so gut mit einem selbst gebackenen Kuchen bei uns vorbei schauen und uns selbst fragen können. Genau so, wie es die halbe Nachbarschaft gemacht hat.“
„Verstehe. Klingt wirklich nicht sehr nett....“
In diesem Moment ging bei Misses Schumaker die Haustür auf. Eine untersetzte Frau mittleren Alters, mit bereits ergrautem Haar, in einem schlecht sitzenden, quitschgelben Sommerkleid, hastete die Auffahrt hinunter, um uns noch zu erwischen, bevor wir um die nächste Wegbiegung verschwinden konnten. Eigentlich hätte ich es wissen müssen. Ich lief hier unsere Straße entlang mit einem Mann, den sie noch nie gesehen hatte. Ich konnte es mir bildlich vorstellen, wie sie hinter ihrer Gardine die Straße beobachtet und uns voller Entsetzen entdeckt hatte. Wahrscheinlich war sie in Windeseile durch ihre Wohnung gehastet, hatte nur kurz inne gehalten, um einem letzten Blick in den Spiegel zu werfen und war dann an die Haustür gestürzt. Wahrscheinlich stand sie vor lauter Neugier kurz vor dem Platzen.
„Guten Tag Misses Schumaker,“ sagte ich trotzdem höflich und wollte einfach weiter gehen, aber natürlich kam das gar nicht in Frage.
„Hallo Robin, wie geht es Dir?“ bei diesen Worten starrte sie A.J. unverhohlen an und es war klar, das ich nicht darum herum kam, ihn vor zu stellen. Doch bevor ich etwas sagen konnte, hatte sich A.J. schon an sie gewandt.
„Hallo Miss...?“
„Oh, MISSES Schumaker,“ entgegnete sie und streckte ihm die Hand entgegen, die er auch ergriff. Mir vielen bald die Augen aus dem Kopf, als er einen Handkuss andeutete. Irrte ich mich, oder errötete sie leicht?
„Ich bin A.J. McLean, es ist schön, sie kennen zu lernen.“
„Ganz...äh...meinerseits.“ Ich verkniff mir ein Lachen. A.J. hatte sie in null komma nichts um den Finger gewickelt. Das hatte ich bisher noch niemals gesehen. Nicht bei Hanna „die Hexe“ Schumaker. Komischer Weise hatte ich plötzlich fast Mitleid mit der alten Frau. Schließlich wußte ich ganz genau, was er mit seinen faszinierenden Augen anrichten konnte. Doch sofort verschwand dieses Gefühl.
„Wo wollt ihr denn hin?“ Miss Neugier hatte wieder die Oberhand gewonnen.
„Ja, wo wollen wir eigentlich hin?“ fragte A.J. an mich gewandt und ich hätte ihn dafür schlagen können.
„In die Poolhall, eine Kleinigkeit zu Mittag essen.“
„In die Poolhall, eine Kleinigkeit zu Mittag essen,“ wiederholte er, an Misses Schumaker gewandt und sie kicherte tatsächlich wie ein kleines Mädchen. Ich fasste ihn energisch am Arm. Jetzt reichte es.
„Auf wiedersehen Misses Schumaker, bis die Tage.“
„Ja...sicher,“ entgegnete sie lahm und lies A.J. dabei keine Sekunde aus den Augen. Er tippte sich an einen imaginären Hut und dann hatte ich ihn auch schon weiter gezogen.
„Du hättest Dich nicht gleich mit ihr verbrüdern müssen,“ zischte ich ihm zu.
„Wieso? Sie ist doch ganz nett. Eine einsame, alte Dame, die sich freut, wenn mal etwas spannendes in ihrer Straße passiert.“
„Du hast neugierig und nervig vergessen...eine einsame, alte, neugierige und nervige Dame, die, wenn sie nicht so währe wie sie ist, sicherlich auch massenweise Einladungen zum Tee bekommen würde.“
„Bist Du immer so hart in Deinem Urteil?“ fragte er unvermittelt und ich blieb wie angewurzelt stehen.
„Hart? Du willst mir etwas von hart erzählen? Ich ertrage sie schon eine Weile länger als Du und sie bringt immer nur Unruhe in unsere kleine Gemeinschaft. Sie beschimpft die Kinder, wenn sie in der Nähe ihres Hauses spielen und sie lässt kein gutes Haar an Lenny, weil er angeblich so „ziellos“ ist und in seinem Alter langsam an Familie und einen festen Job denken sollte. Dabei ruft sie ihn mindestens einmal die Woche an, damit er kommt und ihren blöden Rasen mäht. Tut mir leid, ob einsam oder nicht, sie ist unmöglich.“
„Ist ja schon gut,“ er hob abwehrend die Hände und sein breites Grinsen ärgerte mich „ich wollte einfach nur nett sein. Manchmal steckt hinter den Gesichtern der Menschen mehr, als man auf den ersten Blick sieht.“
„Woher kommt denn die Weisheit?“
„Langjährige Erfahrung?“
„Pfh,“ war alles was ich dazu sagen konnte.
„Lassen wir doch das Thema und wenden uns angenehmeren Dingen zu...Du hast was von einer Poolhall erwähnt?“ und mit diesen Worten setzte er sich wieder in Bewegung und zog mich sanft an der Hand hinter sich her. Für einen Moment glaubte ich, innerlich zu explodieren. Ich hatte das Gefühl, das er mich nicht für voll nahm. Doch dann rief ich mich innerlich zur Ordnung. Sollte er doch denken was er wollte. Es fiel mir schwer, aber ich beruhigte mich wieder etwas.
„Poolhall klingt auf jeden Fall verruchter, als es tatsächlich ist,“ entgegnete ich und bog nach links auf die Hauptstraße ab.

Kapitel 8