Kapitel 6
Als ich das Rosenspalier hinauf kletterte, liefen mir bereits die ersten Tränen über das Gesicht. Konnte ein einzelner Mensch so dermaßen dämlich sein? Nicht nur, das mich ein kleiner Scherz von ihm vollkommen aus der Bahn geworfen hatte, nein, ich hatte ihn noch dazu einfach so alleine mitten im Zimmer stehen lassen. Spätestens jetzt würde er mich für vollkommen verrückt erklären und ganz bestimmt kein Wort mehr mit mir wechseln. Soviel zu dem Thema einen schönen Tag machen.
Als ich mein Bein über das Fensterbrett schwang, blickte Lenny von seiner Zeichnung auf. Sein Blick wandelte sich in Bruchteilen von Sekunden von freudiger Überraschung zu dunkler Besorgnis. Es war lange her, das ich in einem solch aufgelösten Zustand bei ihm aufgetaucht war. Genauer betrachtet, war ich wohl noch nie so dermaßen aufgelöst bei ihm erschienen. Gott sei Dank blieb er erstmal ganz ruhig an seinem Schreibtisch sitzen und verfolgte lediglich meine aufgebrachte Wanderung durch das Zimmer.
Ich bin der größte Vollidiot auf Gottes weiter Welt, schluchzte ich wie kann ein einzelner Mensch nur so vollkommen verblödet sein? Er macht einen harmlosen Scherz und ich ticke vollkommen aus. Dabei hat es so gut angefangen. Endlich mal ein Mensch, mit dem man vernünftig reden kann. Außer Dir natürlich, fügte ich schnell hinzu, als mir bewußt wurde das hier Lenny saß. Der liebe, gute Lenny, der mir immer zu hörte und erstmal keine dämlichen Fragen stellte. So auch jetzt. Er nickte nur und sein Blick sagte mir, das ich einfach weiter reden sollte.
Er war so lieb und offen. Er hat wirklich sein Innerstes nach außen gekehrt und ich hänge wie eine blöde Schnepfe an jedem seiner Worte. Und dann....und dann...., erneut schüttelte mich ein Schluchzer, der Lenny dann doch veranlaßte auf zu stehen, mich in den Arm zu nehmen und mir für eine Weile einfach wortlos über den Rücken zu streicheln.
Ich bin so blöde, flüsterte ich, als ich mich schließlich ein wenig beruhigt hatte.
Punkt eins, sagte Lenny und zog mich mit sich aufs Bett, wo er sich gemütlich in die Kissen kuschelte und mich an sich zog bist Du nicht in tausend Jahren blöde und Punkt zwei habe ich leider noch nicht so ganz verstanden, was eigentlich passiert ist.
Ich holte tief Luft und schniefend mit verstopfter Nase berichtete ich ihm, was passiert war. ...dann habe ich ihn mit Hannibal Lektor verglichen, er ist auf mich zugestürzt und hat mich in die Schulter gebissen. Ich war total verwirrt, bin aufgesprungen und dann kam er mir nach. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, in seiner Nähe zu sein. Ich bin einfach davon gelaufen und voila...hier bin ich.
Warum wolltest Du ihn nicht mehr in Deiner Nähe haben?
Verflixt...wie sollte ich das nun erklären? Ich konnte doch wohl kaum...
Hast Du Dich...verliebt?
Ich befürchte...ich glaube...ich..., erneut fing ich wie ein kleines Kind an zu heulen und hasste mich im selben Moment dafür. Ich konnte noch ein gequältes j-ja, heraus pressen und dann war Lenny wieder eine Zeit lang damit beschäftig, mich zu beruhigen.
Was willst Du jetzt tun? typisch Lenny. Keine Vorwürfe, keine Bewertung, einfach der Blick nach vorne. Er angelte eine Schachtel Klinex unter seinem Bett hervor und reichte sie mir. Während ich mich ausgiebig schnäuzte, dachte ich über seine Frage nach. Tja, was sollte ich jetzt tun?
Ich nehme mal an, Deine Eltern wollen nicht zufällig noch eine Tochter adoptieren?
Ich befürchte, die haben mit mir genug zu tun. Obwohl...immerhin handelt es sich um Dich...aber andererseits...dann müßte meine Mum ja endgültig ihren Traum begraben, das wir doch noch heiraten und ihr ein paar Enkel schenken...nein, ich glaube, diese Möglichkeit können wir ausschließen.
Schade, seufzte ich.
Du mußt zurück und das schnell, das weißt Du, oder?
Ja...ich weiß. Aber ich will nicht, hoffnungsvoll sah ich zu ihm auf. Doch er schüttelte den Kopf.
Vergiss es, da mußt Du ganz alleine durch. Und überhaupt, wie sähe das denn aus, wenn Du erst davon rennst und dann mit mir im Schlepptau wieder auftauchst...nein, das kommt garnicht in Frage.
Wir könnten sagen, das mir auf einmal eingefallen ist, das ich mit Dir verabredet bin und da habe ich Dich schnell abgeholt und...,
Robin...das meinst Du jetzt nicht ernst, oder?
Einen Versuch währe es wert.
Einen Versuch währe es wert, das Du jetzt wieder hinüber gehst, Dich wie ein vernünftiger, erwachsener Mensch entschuldigst und ihm sagst das...das...das Du einfach mit der Nähe anderer Menschen nicht so gut umgehen kannst und er Dich einfach überrumpelt hat.
Das währe noch nicht einmal wirklich gelogen. Grob gesehen war es so ähnlich.
Aber wirklich nur ganz grob gesehen, machen wir uns nichts vor.
Ja, ich weiß. Erneut seufzte ich. Am liebsten währe ich bis ans Ende meines Lebens hier in Lennys Armen geblieben. Doch ich sah ein, daß das wohl nicht ging. Also richtete ich mich auf und blickte auf ihn hinunter.
Wie sehe ich aus?
Hm... Du sahst schon mal besser aus.
Na vielen Dank. Genau das, was ich jetzt brauche.
Aber auch schon schlechter. Vielleicht ein bischen verschnupft. Du solltest Dir das Gesicht waschen, dann wird es schon gehen.
Gehorsam trottete ich ins Bad und als ich wieder zurück kam, saß Lenny mit untergeschlagenen Beinen auf dem Bett.
Na bitte, verführerisch wie immer.
Uh...bitte keine Scherze jetzt.
Das war nichts als die Wahrheit.
Hm...schon klar.
Er stand auf und drückte mich an sich.
Versprichst Du mir, das Du demnächst wieder durch mein Fenster geklettert kommst und wir ausführlich darüber reden?
Worauf Du Dich verlassen kannst. Ich werde sonst noch wahnsinnig.
Gut, dann auf in den Kampf.
Ich danke Dir.
Nichts zu danken. Viel Glück.
Und schon war ich auf dem Weg nach unten.
Als ich das Haus betrat lauschte ich angestrengt, aber ich vernahm keinen Laut. War das ein gutes oder schlechtes Zeichen? In diesem Moment kam A.J. aus dem Wohnzimmer geschlendert und lehnte sich lässig an die Wand.
Hallo, sagte er.
Hallo, erwiderte ich und vergrub meine geballten Fäuste in den Hosentaschen.
Alles in Ordnung?
Ich denke schon. Es...es tut mir leid. Ist wohl nicht gerade die feine Art einfach so ab zu hauen.
Ich würde es nur gerne verstehen.
Ich hatte befürchtet, das ich um eine Erklärung nicht herum kommen würde. Also holte ich tief Luft und wiederholte, was Lenny mir geraten hatte.
Ich komme einfach nicht so wirklich damit klar, wenn mir Menschen, die ich noch nicht richtig kenne, so nahe kommen. Du hast mich ziemlich verwirrt.
Das tut mir leid, sagte er ehrlich zerknirscht das wusste ich nicht. Ich...habe damit kein Problem, weißt Du? Wenn ich jemanden mag, dann will ich ihm auch nahe sein. Ich habe nicht nachgedacht.
Also wenn sich jemand hier entschuldigen muss, dann wohl ich.
Naja, ich hätte auch ein bisschen Rücksicht nehmen könne.
Du konntest es ja nicht wissen...
Trotzdem...
Wir begannen zu kichern.
Ich bin schuld, sagte ich
Nein ich.
Quatsch.
Doch.
Niemals.
Schluss jetzt. mittlerweile lachten wir vergnügt drauf los. Scheinbar hatte ich es dann doch noch einigermaßen gut hin bekommen. Ich durfte nicht vergessen, mich bei Lenny zu bedanken. Immerhin hatte er mir sozusagen das Leben gerettet.
Als wir uns wieder einigermaßen im Griff hatten fragte er und was machen wir jetzt mit dem angefangenen Tag?
Als erstes brauche ich ein anständiges Frühstück.
Das trifft sich gut, ich nämlich auch.
Tammy und Du...ihr habt noch nicht gefrühstückt?
Nein, leider kam dieses verfluchte Anruf dazwischen und danach war an Essen nicht mehr zu denken.
Das kann ich mir gut vorstellen.
Wieso? Du warst doch live dabei, sagte er und ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus als er meinen entsetzten Gesichtsausdruck sah.
Du hast mich gesehen?
Yep.
Ich wußte nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich fühlte mich, als hätte mich jemand beim Klauen erwischt. Es war mir zutiefst unangenehm. Er sollte nicht den Eindruck bekommen, das ich wie eine neugierige alte Schachtel an Türen lauschte.
He, jetzt mach Dir keinen Kopf, sagte er, während er immer noch leise lachend in Richtung Wintergarten voraus ging.
Immerhin wohnst Du hier. Ich kann damit leben, nur keine Panik.
Als wir uns schließlich an den Tisch setzten, hatte ich überhaupt keinen Appetit mehr. Erst die Sache mit dem Schweigen der Lämmer und dann war ich auch noch auf frischer Tat ertappt worden. Die Croissants sahen aus, als würden sie mir direkt im Halse stecken bleiben. Eigentlich konnte es ja nun nicht mehr schlimmer kommen und der Gedanke beruhigte mich komischer Weise. Ja, ja, die richtige Einstellung ist einfach alles.
Kapitel 7