Kapitel 5

Als ich am nächsten Morgen noch etwas verschlafen nach unten kam, herrschte unübersehbare Hektik. Tammy rannte aufgeregt hin und her und fluchte ohne Unterlass. „Wie können sie mir das verflucht noch mal nur an tun...die wissen doch genau, das ich Besuch habe. Wenn ich Harvey in die Finger kriege, kann er was erleben.“ Harvey war ihr Boss und mir wurde sofort klar, das wohl ein geschäftlicher Katastrophenfall zwischen unser gemeinsames Frühstück gekommen war.
A.J. und Tammy hatten mich bisher noch nicht bemerkt und so blieb ich muksmäuschen still auf dem Treppenabsatz stehen. Sich jetzt auch noch in das Chaos einzumischen währe garantiert nicht gut für meine Gesundheit. Ich kannte Tammy. Wenn etwas nicht nach ihrer Nase lief, konnte sie ganz schön biestig werden.
„Jetzt reg Dich doch nicht auf Baby,“ versuchte A.J. sie zu beruhigen „das kann doch mal passieren.“ Das hätte er jetzt besser nicht gesagt.
„Mal Passieren?“ fauchte Tammy auch prompt zurück „die Firma hat hunderte von Fotografen, die sie schicken könnten und nochmal eben so viele freie Mitarbeiter. Die sollen sich nicht so anstellen.“
„Hey, es handelt sich immerhin um Bruce Springsteen, the boss himselfe. Und er will eben nur Dich...,“
„Ach...,“ Tammy winkte aufgebracht ab „nur weil der Opa nach Jahren aus der Versenkung aufgetaucht ist und jetzt bei den VMAs auftritt, meint er, er kann sich alles erlauben. Und mein Chef tut ihm auch noch den Gefallen.“
„Na komm, ist doch nicht so schlimm. Ich mache mir mit Robin einen schönen Tag und heute Abend gehen wir zusammen aus. Was hälst Du davon?“ dabei schlang er die Arme um sie und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Hatte ich bei dem Teil „mit Robin einen schönen Tag machen“ noch verzückt aufgehorcht, krampfte sich mein Herz in diesem Moment schmerzhaft zusammen. Ich sah, wie er nur mit seinem Hundeblick ein liebevolles Lächeln auf Tammys Gesicht zauberte und sie dann zärtlich küsste.
Lautlos schlich ich die Treppe wieder hinauf und verkroch mich in mein Zimmer. Meine Stimmung schrie gerade zu nach Alanis Morissette. Es war noch nicht schlimm genug für Linkin Park oder Metallica aber immerhin so schlimm, das ich die Lautstärke so hoch regelte, das mir nicht sofort das Trommelfell platzte und suhlte mich zu so unsexy in Selbstmitleid und Selbstvorwürfen.
Wie konnte mir das nur passieren? Mein Gott, das war A.J., der Freund meiner Schwester. Er würde in mir niemals mehr sehen als eben dies...die kleine Schwester seiner Freundin. Und selbst wenn, würde ich Tammy nie wieder unter die Augen treten können. Sie liebte ihn, vielleicht sogar mehr als jemals einen Mann zuvor. Und ich liebte sie, ich durfte diese Gefühle nicht zulassen. Ich würde dafür in der Hölle schmoren...in meiner ganz eigenen, privaten Hölle wohl gemerkt. Ich konnte es jetzt schon kaum ertragen, mit ihnen beiden zusammen in einem Raum zu sein. Wie sollte das erst werden, wenn wir einen „schönen Tag“ zusammen verbracht hatten? Ich währe sicherlich rettungslos verloren, obwohl...war ich das nicht jetzt auch schon? Wie konnte man nach so kurzer Zeit für einen Menschen soviel empfinden? Und das mir! Ich, die grundsätzlich vor Beziehungen und Gefühlen davon lief. Jemand der zu mir durchdringen wollte, brauchte eine gehörige Portion Ausdauer und einen langen Atem. Und dann kam dieser Typ, klimperte einmal mit diesen umwerfenden Wimpern und schon lag ich ihm sabbernd zu Füßen? So konnte das auf keinen Fall weiter gehen. Ich beschloß gerade, mich zu Lenny ab zu seilen und zu warten, bis sich mein Gefühlschaos wieder auf ein normales Level eingependelt hatte, als es an der Tür klopfte.
Naja, hämmern währe wohl der passendere Ausdruck. Ich hörte es auch nur, weil gerade eine Pause zwischen zwei Liedern herrschte. Da die Musik in diesem Moment mit Vehemenz wieder einsetzte, wartete A.J. auch keine Antwort ab, sondern schob vorsichtig die Tür auf. Als er sah, das ich vollständig bekleidet auf meinem Bett lag, trat er ein und setzte sich zu mir an das Fußende des Bettes. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, schob seine nackten Füße unter meine Bettdecke und faltete die Hände im Schoß. Mein Herz klopfte schnell und heftig und ich konnte ihn für einen Weile nur anstarren. Er starrte mit unergründlichem Blick zurück und irgendwie entstand soetwas wie eine lautlose Konversation zwischen uns. Ich kann es schlecht beschreiben. Wir brauchten keine Worte.
Es war klar, das wir den Tag zusammen verbringen würden, das es uns im Moment genug war, eine Weile hier nebeneinander zu sitzen und der Musik zu lauschen. Das wir uns später vielleicht etwas zu essen machen würden und das wir uns wohlfühlten in der Nähe des Anderen. Ich verstand, das er nicht glücklich darüber war, von Tammy getrennt zu sein, das er es aber positiv nahm und die Gelegenheit nutzte, um mich besser kennen zu lernen.
Wir lauschten beide den Worten von hands clean und nachdem die letzten Töne verklungen waren, drehte ich die Lautstärke herunter.
„Was sie wohl damit meint, wenn sie sagt „er wäscht seine Hände in Unschuld“,“ sinnierte A.J.
„Ich könnte mir vorstellen, das er vielleicht verheiratet und sie sein Verhältnis war.“
„Oder umgekehrt.“
„Aber warum sollte er dann seine Hände in Unschuld waschen?“
„Weil immer zwei Menschen zu so etwas gehören. Der eine der betrügt und der Andere, der das zuläßt.“
„Hast Du schon mal jemanden betrogen bzw. es zugelassen?“
Er dachte einen Moment über meine Frage nach. Ich konnte nicht feststellen, ob er nachdenken mußte, ob er es schon getan hatte, oder ob er sich nicht sicher war, ob er mir davon erzählen sollte.
„Sagen wir mal so...,“ er räusperte sich, scheinbar war ihm dieses Gespräch unangenehm, aber er schien fest entschlossen zu sein, ehrlich und direkt zu bleiben, was ich ihm hoch anrechnete.
„Tammy hat Dir sicherlich von meinem Alkoholentzug erzählt.“ Ich nickte. Ihr war es damals sichtlich peinlich gewesen, so, als läge ein Makel auf diesem perfekten Mann, doch mir machte ihn das nur noch sympatischer. Ein Mensch, der seine Fehler erkennt und dann auch noch alles dafür tut, um sich selbst wieder in den Griff zu bekommen, nötigte mir einen heiden Respekt ab. Wer sonst stellt sich sonst schon in die Öffentlichkeit und gibt zu, das er ein Alkohol- und Drogenproblem hat und in eine Entzugsklinik muß?
„Die Zeit vor dem Entzug war ziemlich heftig. Ich war ein völlig anderer Mensch, um nicht zu sagen ein komplettes Arschloch.“
„Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung,“ warf ich ein und erntete dafür ein freudloses Lachen.
„Wohl wahr. Ich war jede Nacht auf irgendwelchen Partys und in Clubs unterwegs und habe dabei eine Menge Frauen abgeschleppt. Ich kann mich bei den Meisten noch nichteinmal mehr an ihre Namen erinnern, genau genommen konnte ich das teilweise schon nicht mehr am Morgen danach. Ich habe ein Jahr lang gelogen und betrogen, meinen Freunden und meiner Familie das Leben zur Hölle gemacht und es noch nichteinmal gemerkt.“
„Und jetzt?“
„Jetzt? Ich habe mich bei meiner Familie und meinen Freunden entschuldigt und sie waren so großzügig, diese Entschuldigung, die bei weitem nicht ausreicht um das wieder gut zu machen, was ich angerichtet habe, zu akzeptieren. Ich habe mir vorgenommen, nie wieder diesen Weg ein zu schlagen, zu akzeptieren, das ich Alexander James McLean bin und nicht irgendein Produkt, das auf einer Bühne steht und den Hampelmann macht. Ich habe beschlossen mich selbst zu lieben und nie wieder den Fehler zu machen, jemandem durch mein Verhalten zu verletzen.“
„Man kann es aber auch nicht immer jedem Recht machen.“
„So meine ich das auch nicht. Ich habe schon meine eigene Meinung und die kann ich auch bis aufs Äußerste verteidigen. Manche nennen das Sturheit, ich nenne es Streitkultur,“ bei diesen Worten erhellte ein herzliches Lächeln sein Gesicht und ich konnte nicht anders als es zu erwiedern. Er war stärker, als er dachte.
„Doch ich werde nie wieder auf den Gefühlen anderer herum trampeln. Ich will hier nicht auf Einzelheiten eingehen, aber ich kann gut verstehen, wenn mich einige Frauen und die teilweise dazugehörenden Freunde oder sogar Ehemänner hassen. Ich habe ihnen alle Gründe dafür geliefert.“
„Du kannst stolz auf Dich sein, das Du das alles geschafft hast. Das Du Dir Deine Fehler eingestanden und etwas dagegen getan hast, das schaffen bestimmt nicht viele.“
„Vielen Dank, aber trotzdem ist diese Geschichte nichts, mit dem ich am Stammtisch prahlen kann. Es war auf jeden Fall ein großes Stück Arbeit mich aus meiner persönlichen Hölle heraus zu kämpfen, das kannst Du mir glauben.“
„Ist bestimmt ziemlich schmerzhaft sich selbst ein zu gestehen, das man ein Idiot ist.“
„Na vielen Dank,“ schmunzelte er und knuffte mich sanft in die Seite. Dann wurde er wieder ernst.
„Nun gut, jetzt habe ich Dir aus meiner dunkelsten Zeit erzählt, jetzt versuche das mal zu toppen.“
„Ich glaube nicht, das ich das toppen kann,“ entgegnete ich unsicher grinsend. Was wollte er von mir hören?
„Versuche es wenigstens. Wie heißt es so schön im Schweigen der Lämmer „quit pro quo, Clarisse Starling“.“
„Langsam bekomme ich wirklich den Eindruck, das ich hier neben Hannibal Lektor sitze.“
„Jaaaa und wenn Du nicht sofort mit der Sprache rausrückst muß ich Dich anknabbern,“ rief er und stürzte sich auf mich. Ich konnte garnicht so schnell reagieren, wie er sich neben mich kuschelte und mir spielerisch in die Schulter biss. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich aus dem Bett und suchte mit zittrigen Händen nach einer neuen CD. Hatte er mich eben tatsächlich mit diesem verführerischen Mund berührt? War er mir eben wirklich so nahe gewesen, das ich sein After Shave hatte riechen können? Ich merkte, das ich gleich druchdrehen würde, wenn ich mich und mein wie verrückt schlagendes Herz nicht auf der Stelle irgendwie beruhigte. „Ich brauche dringend neue Musik,“ versuchte ich mich heraus zu reden, doch die unüberhörbaren Kiekser in meiner Stimme straften mich sofort Lügen. Noch dazu stellte ich mich so ungeschickt an, das sämtliche CDs die neben meiner Anlage in zwei säuberlichen Stapel aufgeschichtet standen, mit lautem Gepolter zu Boden fielen.
„Shit,“ fluchte ich unüberhöbar und bückte mich, um die CDs wieder ein zu sammeln.
„He, mal ganz langsam,“ sagte A.J., der plötzlich wie aus dem Nichts neben mir auftauchte und meine unkontolliert zitternden Hände in seine nahm. „Tut mir leid, ich wollte Dich nicht erschrecken. Du brauchst mir natürlich garnichts erzählen, wenn Du nicht willst.“ Hatte er mich absichtlich falsch verstanden? Merkte er nicht, das er es nur noch schlimmer machte, wenn er hier so nahe bei mir war? Für einen kurzen Moment sah ich auf in seine unglaublichen Augen. Am liebsten hätte ich ihn jetzt angeschrien. Das er mich gefälligst in Ruhe lassen und mir verdammt noch mal nicht so nahe kommen solle. Doch kein Wort kam über meine Lippen. Ich stand einfach auf und verlies fluchtartig das Zimmer und lies den mehr als verdutzt drein schauenden A.J. hinter mir zurück.

Kapitel 6