Kapitel 4

Als ich Lenny verlies, setzte gerade die Dämmerung ein. Ich hangelte mich am Rosenspalier hinunter und überquerte den Rasen vor Lennys Haus. Ich liebte diese Tageszeit, wenn sich die drückende Hitze des Tages zurück zog und ein angenehm kühler Wind zu wehen begann. Der Schatten unseres Hauses war schon über die Hälfte der Straße gekrochen und die Blätter des Apfelbaumes in Lennys Garten, raschelten sanft im Wind.
Als ich die Straße überquerte, winkte mir unser Nachbar Frank Russo freundlich zu. Er saß mit seiner Frau Carrie auf der Veranda und genoß eine Kanne Eistee. Wenn man die beiden das erste Mal sah, wunderte man sich, wie sie wohl zusammen gefunden hatten. Frank ist ein korpulentes Energiebündel, der immer ein Scherz auf den Lippen trägt und eine Bereicherung für jede Party ist. Er arbeitet für UPS als Paketlieferant und so sieht man ihn meistens in den typischen braunen Shorts, aus denen seine weißen Beine „hervorstrahlen“.
Carrie hingegen sieht ein wenig aus wie eines dieser verhungerten Supermodels, nur nicht so groß. Ihre langen, kastanienbraunen Haare fallen ihr immer seidig glänzend über die Schultern und ich frage mich des öfteren neidisch, wie sie das wohl hinbekommt. Sie kann schauen wie ein verletztes Reh mit diesen großen, braunen Augen und wenn sie lacht, meint man die Glöckchen der Engel klingen zu hören. Doch irgendwie sind sie das perfekte Paar. Sie strahlen soviel Liebe füreinander aus, das man sie fast darum beneiden könnte.
„Ist das schön, wenn man noch so schlank ist, das man Rosenspaliere hinauf und hinunter klettern kann,“ rief mir Frank zu und ich mußte unwillkürlich Grinsen als ich mir vorstellte, wie er sich die ersten drei Sprossen hochkämpfte, die dann unter seinem Gewicht nachgaben. „Tja Frank, Training ist alles,“ rief ich zurück und er lachte. Normalerweise hätte ich mich jetzt wahrscheinlich noch für ein halbes Stündchen zu ihnen gesetzt, ein Glas von Carries unübertroffenem Eistee getrunken und ein bischen über meine neue Story geplaudert, aber ich wollte ins Haus und nachsehen, ob Tammy und A.J. mittlerweile aufgetaucht waren. Und so winkte ich ihnen einfach kurz zu und verschwand dann im Schatten unserer Veranda.
Als ich das Haus betrat, hörte ich sie Kichern. Es schien aus dem Wintergarten zu kommen. Als ich um die Ecke lugte, saßen sie tatsächlich dort, im Schein von zwei Kerzen, hielten sich an der Hand und sahen sich verliebt in die Augen. Die Türen zum Garten standen weit offen und es war das erste Mal das mir auffiel, wie schäbig die vertrocknete Pflanzenwüste dahinter wirkte. Ich mußte mich wohl doch bald mal daran machen.
„Guten Abend,“ sagte ich knapp und wandte mich dann als erstes dem Esszimmer zu. Wie ich es mir gedacht hatte, standen die Essensreste inklusive der benutzten Teller immer noch auf dem Tisch. Mit einem Seufzer machte ich mich ans Aufräumen. Ein wenig fühlte ich mich wie das Dienstmädchen...ein Eindringling, der die vertraute Zweisamkeit der beiden störte. Stop...ich sollte mich ein wenig zusammen reißen...immerhin wohne ich hier und die Küche ist eben mein Part. „Aber wenn sie schon nicht mit Dir zusammen essen wollten, hätten sie wenigstens abräumen können,“ flüsterte eine biestige Stimme in meinem Kopf, während ich die erste Fuhre Teller in die Küche brachte. Ich versuchte sie einfach zu ignorieren. Als ich wieder aus der Küche hinaus wollte, währe ich um ein Haar mit A.J. zusammen gerannt. Er balancierte zwei Töpfe und die Salatschüssel in seinen Händen und wenn ich nicht geistegegenwärtig zugegriffen hätte, hätten wir jetzt warscheinlich eine Schüssel weniger. „Tut mir leid, das hätten wir schon längst weg räumen können,“ versuchte er sich zu entschuldigen, während Tammy aus dem Wintergarten etwas unverständliches vonwegen „Robin macht das schon,“ rief. Wenn ich sie nicht so sehr lieben würde, könnte ich sie durchaus auch abgrundtief hassen. A.J. drehte sich halb in ihre Richtung und rief zurück „wenn wir schon so unverschämt waren und nicht mit ihr zusammen gegessen haben, können wir ihr doch wenigstens beim Aufräumen helfen.“ In diesem Moment vergab ich ihm jede einzelne Spaghetti, die er nicht in meiner Anwesenheit gegessen hatte, doch es kam garnicht in Frage, das er mir weiter im Weg stand.
„Das ist schon in Ordnung, ich mach’ das. Setz’ Dich, ich komm’ gleich, o.k.?“
„Bist Du sicher?“ fragte er mit einem warmen Lächeln und ich spürte, wie meine Knie weich wurden. „Ganz sicher,“ und ich unterstrich meine Worte mit einer Handbewegung, die ihn schnellstens aus der Küche flüchten lies.
Wenig später gesellte ich mich mit einem Glas Limonade zu ihnen. Wenigstens hatte Tammy dafür gesorgt, das mein Lieblingssessel noch frei war. Als ich es mir gemütlich gemacht hatte, stellte Tammy die übliche Frage.
„Warst Du bei Lenny?“
„Wo sonst?“
„Er ist wirklich ein sehr netter Mann.“ Der Tonfall in dem sie das sagte hätte mich fast wieder zur Weißglut gebracht. Wenn es nach ihr ginge, währen Lenny und ich mittlerweile verheiratet und hätten mindestens fünf Kinder. Doch wir waren eben einfach nur Freunde. Wenn ich ehrlich war, hatten wir es sogar einmal ausprobiert, gerade weil wir uns so gut verstanden. Das Ganze endete mit einer ziemlich peinlichen Knutscherei hinter der hiesigen Turnhalle und danach beschlossen wir, das wir als Freunde einfach besser zusammen passten. Doch das brauchte ich Tammy ja wohl nicht auf die Nase binden.
„Ja das ist er,“ antwortete ich stattdessen und bemerkte sehr wohl den amüsierten Blick, den A.J. zwischen Tammy und mir hin und her warf.
„Und A.J., erzähl mal, wie ist es so berühmt zu sein?“ Kaum waren die Worte aus meinem Mund, hätte ich mich dafür ohrfeigen können. Gab es eine dämlichere Frage zum Einstieg? Auch Tammy fand diese Frage wohl nicht sehr angebracht, denn sie holte bereits Luft um mir eine entsprechende Rüge zu erteilen und dabei setzte sie diesen mußte-das-sein-Blick auf. Doch A.J. war schneller.
„Eigentlich ist es ziemlich cool. Wem gefällt es nicht, wenn er von allen Seiten angehimmelt wird?“
„So einfach kann es ja wohl nicht sein,“ entgegnete ich und bemerkte mit einer gewissen Freude, das er damit wohl nicht gerechnet hatte.
„Nun ja...meißtens ist es wirklich mehr als in Ordnung. Die Nebenwirkungen sind nur manchmal etwas nervig. Keine Zeit für Freunde, Familie und sich selbst...aber trotzdem würde ich es um nichts in der Welt eintauschen. In zwei Jahren sprechen wir uns wieder, wenn Deine Bücher jeder kennt und Du auch nicht mehr ohne Bodyguards einkaufen gehen kannst.“
„Ich denke nicht, das es soweit kommen wird.“
„Wieso nicht?“
„Ich denke, dafür bin ich nicht gut genug.“ Ups...das hätte jetzt nicht sein müssen. Ich zweifelte tatsächlich an mir und meinem Können, spätestens als das letzte Buch nicht der Renner wurde. Doch mein Verleger versicherte mir, das ich einfach Geduld haben müsste. Es sei noch kein Stephen King vom Himmel gefallen.
„Da bin ich aber anderer Ansicht.“
„Wie kannst Du das beurteilen? Sag blos, Du hast schon etwas von mir gelesen.“
„Pflichtlektüre wenn man mit Deiner Schwester zusammen ist,“ entgegnete er grinsend.
„Oh, ich verstehe...die üblichen Androhungen von Schlägen und Sexentzug nehme ich mal an.“
„Sowas in der Art,“ lachte er.
„He, so schlimm bin ich ja nun wohl doch nicht,“ verteidigte sich Tammy.
„Ach was,“ beruhigte sie A.J.
„Aber sicher,“ sagte ich und wir drei begannen zu lachen.
So wurde es dann doch noch ein recht vergnüglicher Abend, obwohl ich damit in keinster Weise gerechnet hatte. Ganz im Gegenteil, ich hatte Lenny profezeit, das ich die Beiden wahrscheinlich frühestens beim Frühstück sehen würde und dann wohl auch nur für fünf Minuten, bis sie sich mit einem voll beladenen Tablett wieder zurück in Tammys Bett verzogen. Doch wie immer hatte Lenny recht behalten, als er mir widersprach und meinte, das A.J. sicherlich genau so neugierig auf mich währe, wie ich auf ihn.
Er fragte mich nach allen Regeln der Kunst aus. Wie ich zum Schreiben gekommen war, wie meine neue Story aussah, über meine Freunde, über Lenny...einfach über mein komplettes Leben. Als ich ins Bett ging stellte ich verblüfft fest, das ich über ihn sogut wie nichts erfahren hatte und das ich den ganzen Abend wie ein Buch geredet hatte. Tammy hatte mir wohl ab und an einen verblüfften Seitenblick zugeworfen. So kannte sie mich nicht. So kannte ICH mich nicht. Doch ich hatte sie und meine immer nervöser werdende innere Stimme einfach ignoriert und ich fühlte mich sogar noch wohl dabei. Zufrieden setzte ich die Kopfhörer meines Discmans auf, gönnte mir zum Einschlafen noch eine Runde India Arie und dachte über diesen wundervollen Mann nach, den meine Schwester mit ins Haus gebracht hatte.

Kapitel 5