Kapitel 3
Ich lernte Lenny am Tag unseres Einzugs kennen. Tammy und ich waren gerade dabei, eine sperrige Kommode irgendwie durch die Haustür zu buxieren, als er plötzlich neben uns stand. Ich war bereits durch die Tür gewankt und hatte das Gefühl, das meine Arme inzwischen so lang waren, das ich mich im Stehen in den Kniekehlen kratzen konnte, während Tammy noch ächzend auf der Veranda stand und irgendwas von wegen das geht nicht gut, das geht niemals gut, das geht... zwischen den zusammengebissen Zähnen hervor presste.
Ohne einen Ton zu sagen, kam Lenny ihr zu Hilfe. Er nahm ihr die Kommode ab und wie durch ein Wunder bekamen wir sie unbeschadet in den Hausflur, wo sie heute noch steht.
Zu erst vielen mir seine flammend roten Harre auf, die er sich grundsätzlich so kurz wie eben möglich schneidet. Als nächstes folgte sein gewinnendes Lächeln. Er entblößt dabei die ebenmäßigsten Zähne, die ich jemals gesehen habe. Sie wirken nicht etwa künstlich gebleicht oder teuer gerichtet, sondern einfach natürlich gewachsen. Es passt einfach zu ihm. Sein ganzes Wesen ist natürlich. Er ist nicht im entferntesten affektiert, arrogant oder gar hinterhältig. Lenny sagt grundsätzlich was er denkt, auch wenn das manchmal richtig ordentlich treffen kann. Doch durch seine Art, tut es niemals weh. Er ist eben Lenny. Er ist der beste Zuhörer auf dem ganzen, weiten Planeten und schafft es danach auch noch, das man seine Probleme irgendwie alleine löst, ohne es zu bemerken.
Natürlich hat selbst ein Lenny Simson (er heißt tatsächlich so wie die Comic-Familie) Fehler. Sein größter ist wohl, das er einfach zu gut für diese Welt ist. Genau so selbstverständlich, wie er uns damals beim gesamten Umzug geholfen hat, ohne mehr als ein kühles Bier zu verlagen, hilft er der ganzen restlichen Welt. Er kann einfach nicht nein sagen und so hat der gesamte Straßenzug Lennys Telefonnummer als eine der ersten fest eingespeichert. Es vergeht kaum eine Woche, in der er nicht für irgend einen Nachbarn etwas repariert, da dieser einfach zwei linke Hände hat, den Rasen mäht, da man sich gerade das Kreuz verrenkt hat oder die Kinder von der Schule abholt, weil ein dringender Termin dazwischen gekommen ist. All dies tut er mit soviel Hingabe, das er manchmal sein eigenes Leben total vergessen zu scheint. Ein eindeutiger Beweis hierfür ist sein Zimmer, das grundsätzlich aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen und sein Fenster, das man nicht richtig schließen kann, da es verzogen ist, seit ich ihn kenne. Außerdem hat er einen fast unmenschlichen Appetit. Vielleicht hilft ja die ganze Plackerei für Andere dabei, seine ausgesprochen gute Figur mit dem flachen Bauch und dem ausgeprägten Bizeps zu halten. Anders kann ich es mir jedenfalls bei der Menge, die er in sich hinein stopft, nicht erklären.
Ich betrachtete mir also das Rosenspalier und schaute wieder hinunter auf meine Schüsseln. Keine gute Idee mit dem Zeug da hinauf zu klettern. Irgendwie hatte es sich ziemlich von Anfang an ergeben, das ich so gut wie nie die Haustür benutzte. Lenny wohnte noch bei seinen Eltern, die beide unheimlich nett, aber auch sehr gesprächig sind. Als ich Lenny anfangs besuchte, hätte ich es manchmal kaum geschafft, in sein Zimmer vor zu dringen, so wurde ich mit freundlichen Worten und Fragen bombardiert.
Irgendwann hat Lenny den Vorschlag mit dem Rosenspalier gemacht und seit damals ist das mein Eingang zu Lennys Räuberhöhle, wie seine Mutter sein Zimmer manchmal nennt.
Immer noch stand ich unentschlossen unter seinem Fenster, als er plötzlich seinen Kopf heraus streckte.
Wie lange willst du noch da unten stehe bleiben, Duncan?
So lange, bis Du mir diese kleine Zwischenmahlzeit abgenommen hast.
Bin schon unterwegs, und behände wie ein Affe kletterte er zu mir herunter. Er klemmte sich eine Schüssel zwischen die Zähne und kletterte wieder hinauf. Ich tat es ihm gleich, allerdings sah ich wohl weniger elegant dabei aus. Als ich ihm die Schüssel mit der Tomatensoße überreichte, schmerzten meine Zähne und der Kiefer, doch das freudige Leuchten seiner Augen, als er die Deckel von den Schüsseln nahm, entschädigten mich dafür.
Ah, Spaghetti alla Robin Duncan, ich bin überwältigt. Mit untergeschlagenen Beinen saß er auf dem Bett und bevor er wie ein Hund aus dem Napf essen würde, was ich ihm durchaus zutraute, reichte ich ihm das Besteck, das er aus alten Armeebeständen erstanden hatte. Wie gesagt, Essen war eine seiner Leidenschaften und somit hatte er auch hierfür sein Werkzeug immer griffbereit.
Warum bist Du überhaupt hier? Wollte nicht heute Tammys neuer Freund kommen? fragte er, bevor er sich einen ordentlichen Löffel voll Nudeln in den Mund schob.
Ich befürchte, gekommen ist er bereits, aber dabei wollten die beiden wohl alleine sein, entgegnete ich und lies mich auf die Holztruhe unter seinem Fensterbrett fallen. Lenny kicherte und brachte es dabei fertig, den kompletten Inhalt seines Mundes bei sich zu behalten.
Wie ist er denn so?
Hm, angezogen ganz nett, glaube ich. Seine anderen Qualitäten kann ich nicht beurteilen.
Vielleicht sollten wir Tammy mal fragen.
Keine schlechte Idee, und ich musste grinsen bei dem Gedanken an ihr Gesicht, wenn Lenny und ich vor ihr stehen würden und nach A.J.s Qualitäten im Bett fragten.
Also bist Du sozusagen auf der Flucht vor den Turteltauben, stellte Lenny fest, während er den letzten Rest Soße aus der Schüssel kratzte. Habe ich schon erwähnt, das er nicht nur viel sondern auch schnell isst?
So ähnlich, ja.
Irgendetwas ist mit dem Typ nicht in Ordnung, er musterte mich, während er das feststellte. Manchmal glaube ich, das er irgendeine geheime Begabung hat, die Gedanken seiner Mitmenschen zu lesen und in solchen Momenten wird er mir fast unheimlich.
Wieso? bisher scheint alles in Ordnung zu sein.
Ich weiß nicht...Du bist irgendwie komisch.
Ach Quatsch.
Ach doch, das spüre ich.
Hör auf damit, da ist nichts dran. Er hat mir im Prinzip nur kurz Hallo gesagt und ist dann mit Tammy verschwunden. Ich kann über ihn also noch garnichts sagen.
Es ist sein gutes Recht, mit Tammy zu verschwinden.
Habe ich etwas anderes behauptet? und nach einer kurzen Pause fügte ich unüberlegter Weise hinzu aber er hätte wenigstens so höflich sein und erstmal mein Essen probieren können.
Aha..., sagte er, als hätte er eine interessante Entdeckung gemacht.
Was aha?
Komm mal hier her, sagte er und klopfte dabei mit der flachen Hand neben sich auf das Bett.
Folgsam trottete ich zu ihm hinüber und lies die Beine von der Bettkante baumeln.
Also Dr. Freud, welche überragende Entdeckung haben sie denn gerade gemacht?
Das Du eifersüchtig bist.
Ausgemachter Blödsinn, protestierte ich heftig und stellte nebenbei ängstlich fest, wie nahe er der Wahrheit kam.
Getroffene Hunde Bellen, schonmal was davon gehört?
Ja, ja, Mr. Allwissend. Ich lasse mir trotzdem nicht von Dir irgendwelchen Blödsinn einreden.
Er sah mich noch einen Moment mit ernstem Gesicht an und ich starrte unnachgiebig zurück. Schließlich machte er einen Rückzieher.
Na gut, ich bilde mir etwas ein und es ist alles in Ordnung.
Das riecht verdammt nach Du hast Recht und ich meine Ruhe.
Mag sein. Aber wenn Du diese Falte zwischen den Augen hast, kann man sowieso nichts mehr bei Dir ausrichten. Da könnte ich genau so gut, mit der Wand da vorne reden, und damit zeigte er auf die Wand, an der die neuesten Entwürfe für sein neustes Manga-Comic hingen. Er war ein begnadeter Künstler und mir in diesem Punkt recht ähnlich. Freischaffend und immer noch auf der Suche nach dem großen Durchbruch.
Ich seufzte anstatt einer Antwort. Er hatte mal wieder recht.
Wie waren eigentlich die Spaghetti? versuchte ich das Thema zu wechseln. Mit Essen bekam ich ihn immer.
Vorzüglich wie immer, würde ich sagen. Nur schade, das der gute A.J. Deine Kochkünste nicht zu schätzen weiß.
Naja, fast immer.
Kapitel 4