Kapitel 2
Die CD lief mittlerweile das zweite mal durch, auf dem Herd köchelte es in den Töpfen und ein verführerischer Duft nach Tomatensoße mit viel Knoblauch und frischen Gewürzen zog durch die Küche. Der Salat stand fertig gewaschen auf der Spüle und eigentlich mußten jetzt nur noch die hungrigen Mitesser eintrudeln.
Mein Lieblingslied begann mit leisen Klaviertönen und ich drehte die Lautstärke noch ein Stückchen weiter auf. Nach einigen lautstarken Partys von Tammy und meinem häufig vorkommenden Frust-Hören hatten wir befriedigt festgestellt, das es die Nachbarn wohl nicht störte, etwas von unserer Musik mit zu bekommen. Im Gegenteil. Manchmal lieferte sich die Nachbarschaft heiße Rennen, wer die Stereoanlage am lautesten aufdrehen konnte, ohne das die Boxen Schaden dabei nahmen.
Als ich so durch die Küche blickte, vielen mir einige Krümel und Salatschnipsel auf, die mir wohl herunter gefallen waren. Tammys unaufhörliche Warnungen noch im Ohr, das hier bitte alles ordentlich zu sein hatte, schnappte ich mir einen Besen aus der Abstellkammer und begann die Unordnung mit schwungvollem Strich zusammen zu kehren.
Als der Refrain erklang, hatte ich den Besen im Arm und tanzte mit ihm wild durch die Küche
I tried so hard
and got so far
but in the end
it doesnt even matter
I had to fall
and lose it all
but in the end
it doesnt even matter
So kam dann auch, was kommen mußte. Ich war komplett in meiner eigenen Welt, tanzte und sang was das Zeug hielt. Doch nach einer schwungvollen Drehung blieb ich plötzliche wie angewurzelt mitten in der Küche stehen und traute mich kaum, mich wieder umzudrehen. Wenn ich eben richtig gesehen hatte, stand Tammy mit ihrem neuen Lover im Arm in der Tür und sie amüsierten sich wohl königlich.
Doch mir blieb ja nun nichts anderes übrig. Mit einem, wie ich hoffte, gewinnenden Lächeln drehte ich mich zu den beiden um und griff gleichzeitig mit der freien Hand nach dem Lautstärkeregler der Stereoanlage. Nachdem die Musik auf ein erträgliches Maß herunter gedreht war, standen wir uns immer noch wortlos gegenüber. Ich stützte mich auf den Besenstil und genehmigte mir einen ausgiebigen Blick auf den Neuankömmling.
A.J. war kleiner, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Wenn Tammy hochhackige Schuhe anzog, würde sie ihn sicherlich um ein paar Zentimeter überragen. Er trug eine dunkle Sonnenbrille und eine schwarze Wollmütze, was ich ziemlich affig fand, nachdem es momentan draußen immerhin fast dreißig Grad hatte. Er wirkte sehr muskulös, obwohl ich das wegen seinen weiten Klamotten eher erahnen als sehen konnte. Ein Blick auf sein T-Shirt verriet mir, das er einen ziemlich netten Humor zu haben schien. Auf schwarzem Grund prangten dort in weißer Schrift die Worte Keep staring at me, maybe I do a trick. Wie lange muß ich Dich denn anstarren, bevor Du mir einen Trick zeigst? fragte ich und war mir durchaus bewußt, das man wohl zur Begrüßung eher etwas anderes sagte. Doch ihn schien das keineswegs zu stören. Er lachte und es war der raue Unterton darin, der mir wohlige Schauer über den Rücken rieseln lies. Für gewöhnlich lasse ich mir ein wenig länger Zeit als dreißig Sekunden, entgegnete er, trat dann in die Küche und streckte mir seine Hand entgegen Hallo Robin, ich bin A.J.. Es ist schön, Dich endlich mal persönlich kennen zu lernen. Während ich seine Hand ergriff, nahm er seine Sonnenbrille ab und ich blickte direkt in seine unglaublichen, braunen Augen. Im Nachhinein betrachtet glaube ich, das ich in diesem Moment schon rettungslos verloren war, doch daran verschwendete ich im Moment noch keinen Gedanken geht mir ganz genau so. Hallo A.J.. Oh Mann, das duftet hier ja schon richtig lecker, schaltete sich Tammy ein und irgendwie schien ich aus einer Art Trance auf zu wachen. Ich registrierte wieder die Musik im Hintergrund und siedendheiß viel mir ein, das die Spaghetti jetzt womöglich nur noch eine schleimige Pampe waren. Ich hechtete zum Herd und nahm den Deckel vom Topf. Gott sei Dank, es schien noch nicht zu spät zu sein. Froh, etwas zu tun zu haben, schüttete ich die Nudeln in ein Sieb und als Tammy meinte ich mache mit A.J. noch schnell eine kurze Schloßführung, antwortete ich nur mit einem kurzen Brummen und Kopfnicken. Verstohlen warf ich noch einen Blick hinter mich und da waren sie wieder, diese faszinierenden Augen mit den längsten Wimpern, die ich jemals bei einem Mann gesehen hatte. Er hatte ebenfalls noch schnell einen Blick zurück in die Küche geworfen und sein Lächeln, das mich einhüllte wie in eine warme Decke, sollte für die nächste Zeit das letzte sein, was ich jeden Abend vor dem Einschlafen vor mir sah. Gleich darauf war er hinter Tammy um die Ecke ins Wohnzimmer verschwunden und ich hatte das Gefühl, daß das Licht in der Küche irgendwie dunkler geworden war.
Ich warf einen letzten prüfenden Blick in die Töpfe, vergewisserte mich, das alle Herdplatten ausgeschaltet waren und setzte mich dann an den kleinen Tisch in der Mitte der Küche. Tammy und ich benutzen ihn selten. Ab und zu zum Frühstück, aber meistens saßen wir entweder im Eßzimmer oder im Wintergarten. Wir hatten schon oft überlegt, ob wir ihn nicht einfach raus schmeißen sollten, weil er in der Küche nur unnötig Platz weg nahm, doch heute war ich heil froh, das ich etwas zum festhalten hatte.
Mit etwas zittrigen Händen drehte ich mir eine Zigarette und als ich sie schließlich anzündete, hatte ich mir erfolgreich eingeredet, das dieser kurze Augenblick eben, einfach nur eine Folger meiner überlasteten Nerven war. Himmel, er war der Freund meiner Schwester und somit mehr als tabu!
Als die Zigarette zu Ende geraucht war und das Essen dampfend auf dem Tisch stand, war von den beiden immer noch keine Spur zu sehen. Tammy hatte zwar von einer Schloßführung gesprochen, doch unser Häuschen hätte wohl nicht weiter von dieser Beschreibung entfernt sein können. Selbst wenn man jedes Zimmer genauestens untersuchte, jede Schranktür öffnete und jede Staubfluse einzeln begutachtete, brauchte man nicht länger als ein paar Minuten.
Ich saß also alleine am Esstisch und hatte die Augen Richtung Decke gerichtet. Mit viel Wohlwollen lag Tammys Bett direkt über mir. Ich bin zwar die jüngere von uns beiden, aber selbst ich weiß, was eine Frau und ein Mann so anstellen können, wenn sie sich wochenlang nicht gesehen haben.
Zudem kam noch meine blühende Fantasie, die wohl den meisten Schriftstellen eigen ist und vor meinem geistigen Auge sah ich Tammy und A.J. nackt, wie sie sich gerade ineinander verschlungen auf Tammys Bett wälzten. Ich schloss die Augen , so als könnte ich damit die Bilder aussperren, so wie ich es bei zu blutigen Horrorfilmen immer tat. Doch es nützte natürlich nichts, im Gegenteil. Um Tammys Bett wabberten plötzlich romantische, rosa Dunstschwaden und ich hörte ein Stöhnen. Als ich entsetzt die Augen aufriss wurde mir bewusst, das dieser Laut aus meiner eigenen Kehle gekommen war. Doch dieses Geräusch hatte weniger mit Lust als mit Enttäuschung zu tun. Ich weiß auch nicht, woher dieses Gefühl auf einmal kam. Ich wünschte mir nur, das Tammy und A.J. endlich herunter kamen und sich mit mir zusammen an den Tisch setzten. Ich hatte das Bedürfnis, mehr von A.J. zu erfahren. Ich wollte wissen, ob auch etwas hinter seiner faszinierenden Fassade steckte. Zu diesem Zeitpunkt redete ich mir weiterhin ein, das dieses Gefühl nur aus der Sorge um Tammy geboren wurde. Ich wollte wissen, ob dieser Typ gut für sie war, ob er sie glücklich machen konnte.
Als ich auf die Uhr sah stellte ich fest, das sie mittlerweile faste eine halbe Stunde verschwunden waren. Ich stand auf, kramte in der Küche nach zwei Frischhalteboxen, packte eine ordentliche Portion Spaghetti und Tomatensoße ein und griff im Vorbeigehen nach meinem Hausschlüssel. Bevor ich die Haustür hinter mir zu zog, lauschte ich noch einmal kurz ins Innere des Hauses. Es hätte jetzt genau so gut verlassen sein können, kein Laut drang an mein Ohr. Mit hängenden Schultern überquerte ich die Straße und stand gleich darauf vor dem Rosenspalier unter Lennys Fenster.
Kapitel 3